17. March 2016 Drucken Empfehlen
Studium
Mit diesen Typen muss man rechnen

Willkommen in der WG!

Pharmazie studieren in einer anderen Stadt: Endlich auf eigenen Beinen stehen, viele spannende Leute kennenlernen und die neugewonnene Freiheit in vollen Zügen genießen! Und was könnte es Besseres geben, als in eine WG zu ziehen? Dann kann man mit seinen Mitbewohnern die Stadt erkunden, sich bei einem Bier bis spät in die Nacht über Gott und die Welt unterhalten und ausgelassene WG-Partys feiern. Aber oftmals hat die Sache einen kleinen Haken: Denn nicht nur ihr habt die eine oder andere (natürlich liebenswerte) Macke – Gleiches gilt auch für eure zukünftigen Mitbewohner. Damit ihr schon beim WG-Casting wisst, mit wem ihr es möglicherweise zu tun bekommt, findet ihr im Folgenden eine kleine – vielleicht etwas überspitzt dargestellte – Typologie an Menschen, die in einer WG anzutreffen sind.

Zeichnung: BarbaraDas WG-Oberhaupt

Wie das WG-Oberhaupt zu seinem Posten gekommen ist, weiß niemand so genau – aber es wird stillschweigend akzeptiert. Die Anführerin beruft WG-Sitzungen ein, bestimmt, in welcher Farbe das Wohnzimmer gestrichen wird, und legt fest, ob es der billige oder teure Toaster werden soll. Schwänzt man WG-Sitzungen ohne triftigen Grund bzw. ohne wortreiche Entschuldigungen, oder hat man vergessen, abends die Heizung in der Küche herunterzudrehen, dann ist mit dem Oberhaupt nicht gut Kirschen essen. Entweder straft sie den Schuldigen mit Missachtung oder sie geht mit den Worten „Du, was ich dir noch sagen wollte …“ auf direkten Konfrontationskurs. Versteht man sich mit der Bestimmerin gut, kann man aber eine Menge Spaß mit ihr haben. Und irgendwie ist es ja auch schön, wenn jemand bei Mängeln in der Wohnung den Vermieter und die Handwerker im Griff hat und Belange rund um die Wohnung aktiv angeht.

Daran erkennt man sie: Das WG-Oberhaupt dominiert das WG-Casting und stellt den Großteil der Fragen. Die restlichen Mitbewohner halten häufig Blickkontakt und nicken eifrig bei ihren Ausführungen, die mit „Also, uns ist es wichtig, dass …“ oder „Bei uns in der WG ist es so …“ beginnen.

Zeichnung: BarbaraDer Partylöwe

Laut wummern die Bässe aus dem Zimmer des Partylöwen durch die gesamte Wohnung. Ans Lernen ist nicht mehr zu denken. Die Ankündigung „Du, es kommen nachher noch kurz ein paar Leute vorbei!“ hätte hellhörig machen sollen, ebenso die Tatsache, dass sich alle WG-Mitbewohner bereits am frühen Abend verkrümelt haben. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Partymeute so bald wie möglich in einen Club geht. Andererseits ist dann die Gefahr groß, dass man am nächsten Vormittag ein fremdes Mädchen in der Küche vorfindet, das sich den letzten Rest vom teuren und heißgeliebten Bio-Mandelmus mit den Worten „Ist doch okay, oder?“ einverleibt. Mit dem Partylöwen sollte man nur zusammenziehen, wenn man ähnlich tickt. Wurden verbindliche Regeln geschaffen, die auch eingehalten werden, dann kann man natürlich auch als moderater Partygänger einen Versuch wagen und wird sicher mit dem einen oder anderen lustigen Abend belohnt.

Daran erkennt man ihn: Mit einem Glas Wasser und einer Kopfschmerztablette vor sich fragt der Partylöwe im Vorstellungsgespräch: „Und, feierst du gerne?“ Bejaht man, fangen seine Augen an zu leuchten und es folgt ein Gespräch über die besten Bars und Discos in der Stadt. Outest du dich hingegen als Partymuffel, kommen in der Regel keine weiteren Fragen 

Zeichnung: BarbaraDer Chaot

Der Chaot hinterlässt nicht selten eine Spur der Verwüstung: Sie beginnt an der Haustür – dort werden Schuhe, Jacke und Tasche achtlos in die Ecke geworfen –, setzt sich in der Küche mit Bergen an schmutzigem Geschirr fort und mündet im Wohnzimmer, wo die leere Pizzaschachtel vom Vorabend zu finden ist. Er beteiligt sich eher selten an gemeinsamen WG-Aktivitäten – meist, weil er den vereinbarten Termin schlichtweg vergessen hat. Wenn der Chaot das Klopapier aufgebraucht hat, holt er keine neue Rolle, und auch den Seifenspender lässt er leer zurück. Diese Planlosigkeit ist in der Regel aber keineswegs böse gemeint. Und wenn der Chaot sich zerknirscht lächelnd mit den Worten „Sorry, war nicht so gemeint, habe ich echt vergessen …“ entschuldigt, ist der Ärger meist schnell wieder vergessen. Durch seine Verpeiltheit gerät der Chaot auch unfreiwillig in so manch komische Situationen, die grandiose und unvergessliche Heiterkeitsausbrüche garantieren.

Daran erkennt man ihn: Im Vorstellungsgespräch glänzt der Chaot zunächst mit Abwesenheit. Kommt er irgendwann vom Trubel angezogen in die Küche geschlurft, dann fragt er „Oh hallo, wer bist du denn?“ Klärt ihn jemand auf, folgen unweigerlich Worte wie „Ach ja, das WG-Casting! Sorry Leute, habe ich irgendwie total vergessen …“.

Zeichnung: BarbaraDie Alternative

Die Alternative mit Hang zur Esoterik ist an konkreten Problemen aus dem WG-Alltag eher mäßig interessiert. Fragen wie „Wer geht noch schnell los und kauft Klopapier?“ ignoriert sie ebenso wie die Bitte, doch keine Postkarten mehr mit einem verendeten Schwein im Schlachtbetrieb und der Frage „Noch Pommes dazu?“ an den Kühlschrank zu pinnen. Sie taut erst auf, wenn es um Themen wie den Sinn des Lebens, Sternzeichen, das bedingungslose Grundeinkommen oder die Vor- und Nachteile einer Biokiste geht. Dabei muss man nicht unbedingt selbst mit dem Gespräch angefangen haben – es reicht schon, wenn man morgens mit müden Augen still vor dem ersten Kaffee sitzt. Auch wenn man die Ansichten der alternativen Mitbewohnerin nicht zwangsläufig teilt, so  können die Gespräche den eigenen Horizont doch ungemein erweitern. Und das Leben dreht sich in diesen Momenten endlich mal nicht um die eigene Geldknappheit, das anstrengende Uni-Leben oder der Frage nach dem Klopapier-Kauf.

Daran erkennt man sie: Im Laufe des WG-Castings lässt sie folgende Sätze fallen: „Sag mal, welches Sternzeichen bist du eigentlich? Und kennst du zufällig deinen Aszendenten?“ oder „Wie stehst du eigentlich zur Massentierhaltung?“. Ansonsten malt sie in aller Seelenruhe ihr Mandala weiter aus, während du dich mit den anderen unterhältst.

Zeichnung: BarbaraDer Penible

Schon bei der Begrüßung an der Haustür wird man vom Peniblen ganz genau unter die Lupe genommen: Hat man seine Schuhe abgeputzt, ausgezogen und anständig nebeneinandergestellt? Dadurch zieht der WG-Polizist erste Schlüsse, ob der Bewerber seinen hohen Ansprüchen an Ordnung und Sauberkeit gerecht wird. Im Zusammenleben mit dem Peniblen dreht sich vieles um den von ihm erstellten Putzplan, deren Einhaltung und korrekte Ausführung er selbstverständlich kontrolliert und den Betroffenen bei Verstößen zur Rechenschaft zieht. So etwas wie zurückgelassene Krümel auf der Arbeitsfläche oder Wasserflecken auf dem Couchtisch gehen in seinen Augen natürlich gar nicht. Sicherlich muss man den Peniblen in seiner pingeligen Art manchmal bremsen – schließlich besteht das Leben nicht nur aus Putzen und Aufräumen – aber ohne ihn und seinen Putzplan wäre es nicht halb so ordentlich und wohnlich in der WG. Und wenn man nett fragt, bekommt man sicher den einen oder anderen wirklich nützlichen Haushaltstipp mit auf den Weg.

Daran erkennt man ihn: Den Peniblen kann man beim Vorstellungsgespräch daran erkennen, dass er imaginäre Krümel vom Esstisch fegt und relativ schnell auf das Wesentliche zu sprechen kommt: Nämlich den Putzplan und die Frage, wie ordentlich man denn sei.

Zeichnung: BarbaraDer Einzelgänger

Ob sich der Einzelgänger gerade in der WG aufhält oder nicht, ist schwer zu sagen. Denn die Zimmertür ist eigentlich immer zu, und man hört keinen Laut – auch wenn er gerade da ist. Auf ein fröhliches „Guten Morgen“ oder „Hallo, ich bin zuhause“ reagiert er nicht. Die notwendigen Wege ins Badezimmer oder in die Küche verrichtet er schnell und auf leisen Sohlen. Gemeinsamen Kochabenden oder einem kurzen Plausch bei einer Tasse Tee geht er konsequent aus dem Weg. Warum der Geist kein Interesse am WG-Leben hat, weiß niemand so genau. Vielleicht hat er ein straffes Lernprogramm, ist nicht richtig in der neuen Stadt angekommen und fährt deswegen häufig nach Hause, oder er betrachtet die WG einfach als günstige Wohnmöglichkeit. Zugutehalten kann man dem Einzelgänger, dass er nicht ewig das Bad blockiert, keine stundenlangen Gespräche bei Tee und Keksen während der Prüfungsphase einfordert und in der Regel pünktlich die Miete zahlt.

Daran erkennt man ihn: Im Vorstellungsgespräch, dem er natürlich nicht beiwohnt, heißt es über ihn: „Ja, und dann wohnt hier noch XY. Der ist ziemlich ruhig und meistens auch nicht da. Aber eigentlich ist er ein ganz Netter.“

Zeichnung: BarbaraDie WG-Mutti 

Die WG-Mutti gibt alles, damit der Zusammenhalt in der WG stimmt und sich jeder gut versteht. Beim Fernsehabend kocht sie für alle eine große Portion Spaghetti, organisiert gemeinsame Ausflüge ins Theater oder an den Baggersee und hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen, Nöte und Freuden ihrer Ersatz-Familie. Und genau da liegt auch das Problem: Manchmal ist es so, als wäre man nie ausgezogen. Aber vor den Kopf stoßen möchte man die WG-Mutti auch nicht, zumal es doch ganz praktisch und irgendwie lieb ist, wie sie sich um alle und alles kümmert. Ohne klare Grenzen geht es allerdings oftmals nicht. Denn sonst kann man nie in Ruhe auf der Couch abhängen, ohne dass die WG-Mutti besorgt fragt, was denn los sei und ob sie was für einen tun könne.

Daran erkennt man sie: Du wirst beim WG-Casting mit einem freundlichen Wortschwall begrüßt: „Hereinspaziert, schön dass du da bist! Hast du gut hergefunden? Ich habe einen Kuchen gebacken, ich hoffe du magst Kirschen! Ist dir Tee oder Kaffee lieber? Warte, ich nehme dir deine Jacke ab!“ Je nachdem, was du erzählst, nickt sie verständnisvoll oder stimmt engagiert zu – und achtet darauf, dass du auch ja ein zweites Stück Kuchen nimmst.

Zeichnung: BarbaraDer WG-Neuling

Der WG-Neuling hat mit mehr oder weniger berechtigten Vorurteilen zu kämpfen. Wenn er direkt vom Hotel Mama kommt, sind seine Putzkenntnisse wie auch die Bereitschaft dazu oftmals ausbaufähig. Beim Neuen stößt die Putzkritik häufig auf Unverständnis: Dass das Wischen des Bodens genauso zum Badputz gehört wie den Mülleimer zu leeren, findet er entweder übertrieben oder es war ihm so nicht bewusst. Auf die anderen Rücksicht zu nehmen und sich in den WG-Alltag einzufügen, fällt dem WG-Neuling manchmal nicht so leicht, weshalb ihm von Zeit zu Zeit der Kopf zurechtgerückt wird. Je nach Typ hängt sich der Neue mitunter an den Partylöwen, um ordentlich zu feiern, oder sucht bei der WG-Mutti nach Zuspruch, wenn ihn mal wieder das Heimweh übermannt. Nach kurzer Zeit ist der Neue aber in der Regel voll im WG-Leben angekommen – und zeigt als Penibler/Chaot/Alternativer/… seine liebenswerten Macken.

Daran erkennt man ihn: Der WG-Neuling trägt meist nicht allzu viel zum Gespräch bei – schließlich ist er ja selbst erst frisch eingezogen. Bei unerfahrenen Bewerbern signalisiert er mit Sätzen wie „Ich wohne ja auch noch nicht so lange hier, …“ oder „Bist du das erste Mal auf WG-Suche? Ich kenne das, ich bin auch gerade erst von Zuhause ausgezogen …“  Verständnis und Verbundenheit.

Viel Spaß!

Ob man als WG-unerfahrener Ersti überhaupt Gefallen am Leben in einer Wohngemeinschaft findet und sich mit seinen neuen Mitbewohnern wohlfühlt, zeigt sich in der Regel erst im Laufe der Zeit. Auch als erfahrener WG-ler kann es natürlich vorkommen, dass die neue WG doch nicht das Gelbe vom Ei ist. Verzagen sollte man dann aber nicht, denn in der nächsten WG kann es schon ganz anders aussehen und man hat mit den Mitbewohnern eine unvergessliche, lustige und harmonische Zeit. Also, viel Spaß in der WG!

Von Annette Lüdecke,
Apothekerin und freie Journalistin in Wedel