Willkommen im Hauptstudium!
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17. March 2016 Drucken Empfehlen
Studium
Alles neu – oder?

Willkommen im Hauptstudium!

Im Grundstudium stellt sich schnell die Frage, worin der tatsächliche Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Ausbildungsabschnitt besteht. So hört man von Studierenden „erster“ und „zweiter“ Klasse und bekommt laufend zu hören: „Ja, und wenn ihr dann erst im Hauptstudium seid …“ Aber wohin geht die Reise wirklich nach dem ersten Staatsexamen?

Nach der verdienten Pause, die sich an das erste Staatsexamen anschließt, beginnt der erste Tag ohne weitere Vorurteile, Tabula rasa, sozusagen. Mit einem Cocktail aus Neugier, Unsicherheit und vielleicht auch Vorfreude werden die Greifswalder Studierenden in das Fach Arzneistoffanalytik I eingeführt. Unter den Verbündeten finden sich alte und neue Gesichter. Von manchen hat man sich bereits weit vor dem Examen getrennt, andere wurden erst kurz zuvor vom Prüfungshammer erschlagen. Aber alle, die hier sitzen, haben schon ganz sicher mit dem Grundstudium abgeschlossen (sofern es nicht noch ein offenes Prüfungsfach im ersten Staatsexamen gibt …).

Neuer Abschnitt, neues Glück

Mit einem Blick in den Stundenplan wird schnell klar, dass die Hälfte der Fächer unbekannt ist. Zwar hat man das meiste manches Mal schon von älteren Semestern zu hören bekommen, aber die Fülle neuer Abkürzungen ist zunächst etwas erschlagend. Aber vielleicht bedeutet das ja, dass man sich von all dem „Ballast“ des Grundstudiums nun trennen kann und sich den „wirklich wichtigen“, weniger theoretischen und trockenen Inhalten widmen kann, die einem versprochen wurden? Eines ist nach zwei Wochen im Hauptstudium auf jeden Fall sicher: Es gibt deutlich weniger Klausuren, die am Ende des Semesters oder im Verlauf über die Studierenden herfallen.

Sie zogen aus, um die Praxis zu suchen …

Der Einzug ins Hauptstudium verspricht zunächst, endlich „echte“ Pharmazie zu erleben – aber es bedeutet auch, einen neuen Wortschatz mit vielen unbekannten Begriffen und eine Vielzahl medizinischer Termini, die zuvor kaum bis nie vorgekommen sind, zu lernen. Zudem prasselt die Wirkstoffvielfalt auf die Studierenden nieder. Für die PTAs unter uns zahlt sich nun das praktische Vorwissen zwar aus, allerdings müssen alle gleichsam gestehen, dass die naturwissenschaftlichen Grundlagen nicht auf wundersame Weise in der Versenkung verschwunden sind. Denn mit großen Schritten eilt der Inhalt von genau dieser Seite auf die Gehirne der Lernwilligen zu. Die Strukturformeln werden größer, die Namensreaktionen kämpfen sich langsam aber beständig aus den Tiefen der Erinnerung heraus, und auch die Physik und Physikalische Chemie sind nicht weit, wenn es darum geht, sich durch die Anwendung der instrumentellen Analytik durchzuarbeiten.
Doch viel Zeit wird für die Suche des vergangenen Wissens nicht benötigt, denn nun weiß man meist nur allzu gut, wo man Vergessenes nachschauen kann und wie man kleine Lücken schnell wieder schließt. Und zwischen den langen Praktikumstagen und -abenden, mitten in den Protokollen und Testatvorbereitungen, erweitert sich der Horizont für Neues.

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Spätestens im Hauptstudium weiß man, wozu das Grundlagenlernen in den ersten Semestern gut war. Foto: Coloures-pic (fotolia)

… und fanden sie schließlich

Die ehemals rein naturwissenschaftlich vermittelten Inhalte scheinen nun durch medizinisch-pharmazeutischen Rückenwind ersetzt zu sein, sodass die Therapie des Patienten als neuer Aspekt auf der Bildfläche erscheint. Bald weiß man, was die gängigsten Krankheiten und Arzneistoffe miteinander zu tun haben und wieso man sie verwendet. „Pharmako-“ legt sich als Wortbestandteil die tollsten Kleider an und bietet allerhand Spielraum für Wortverwechslungen, den es bald zu überbrücken gilt. Die Wissensfülle wächst und gedeiht, bildet Verbindungen zu alten Erkenntnissen und lässt einen Hoffnungsschimmer aufglimmen, dass die etlichen Tage und Stunden, die man mit dem Grundlagenlernen verbracht hat, doch zu mehr gut waren als „nur“ für das Bestehen des ersten Examens. Zudem versteht man die Fragen aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis zu Themen rund um die eigene Gesundheit immer besser, die man schon seit dem ersten Semester gestellt bekommt. Erfreulicherweise wächst auch das Interesse an Geschichten wie der von Onkel Herberts schwer einstellbarem Bluthochdruck, da die praktische Relevanz in Sichtweite liegt.
Auch die Texte, die einem im Grundstudium allerhand Kopfschmerzen bereitet haben, da sie nahezu in Chinesisch geschrieben zu sein schienen, sind mittlerweile gut verständlich, sodass es immer mehr Spaß macht, die pharmazeutischen Fachzeitschriften zur Hand zu nehmen.

Wofür das Pharmazeutenherz schlägt …

Nicht nur die Motivation, ab und an eine Fachzeitschrift zur Hand zu nehmen, sondern auch der Erwartungsdruck steigen, denn „natürlich lesen Sie jetzt jede Woche sowohl die DAZ als auch die PZ“, heißt es vonseiten der Lehrenden. Obwohl es manchmal einen zeitlichen Engpass zu überwinden gilt, geben die neugewonnenen Einblicke um das Wohl des Patienten und das Wissen um Aspekte der Medikation einen Energieschub. Zunehmend ist man in der Lage, das vermittelte Detailwissen aufzusaugen und in den aktuellen Beiträgen wiederzuerkennen. Langsam aber sicher schließen sich die Lücken zunächst mit konkreten Fragen und später sogar mit Antworten oder zumindest mit einer Perspektive auf diese.
Doch damit nicht genug, denn es gilt, noch weitere Früchte vergangener Arbeit zu ernten: Die Scheu, Fragen zu stellen, schwindet mit steigendem Semester, man kennt ab und an eine Antwort auf die aufgeworfenen Fragen und ist stressresistenter geworden. Jeder Blick zurück sorgt für ein kleines Erstaunen, da man zuvor kaum daran geglaubt hatte, all die Hürden und Hindernisse mit Erfolg zu überwinden. Man ist sozusagen final im Studentenleben angekommen, hat für sich endgültig herausgefunden, wieso die Pharmazie ein guter Weg ist und wie man diesen am besten beschreitet.

… bleibt der größte Schatz

Doch leider wird einem mit steigendem Wissen auch bewusst, was man alles (noch) nicht weiß. So erstreckt sich ein weites Feld pharmazeutischen Wissens vor den eigenen Füßen, das erkundet werden möchte. Zunehmend kann man seine Interessen eingrenzen, einige pharmazeutische Felder deutlich für sich ausschließen und so die Kompassnadel neu ausrichten. Über das Wahlpflichtpraktikum hinaus rotieren Fragen um das Praktische Jahr im Kopf – vor allem um die Hälfte, in der man selbst bestimmen kann, in welchen Bereich man reinschnuppern möchte. Aber auch der berufliche Werdegang nach dem Studium rückt plötzlich in nähere Zukunft, als man erwartet hätte: Wohin geht die Reise? Es bleibt also spannend, und der längste Atemzug sollte noch etwas aufgehoben werden – aber zum Glück wird der Atem ja immer länger, je mehr man trainiert.
Rückblickend lohnt sich die Grundlagenlernerei, um den Aspekten näherzukommen, die einen zu diesem Studium motiviert haben. Lasst euch im Grundstudium also nicht entmutigen und haltet durch, denn das Studium ist und bleibt spannend und hält noch die ein oder andere positive Überraschung bereit.

Von Alice Stephan,
Pharmaziestudentin in Greifswald