Von Pharmariesen und Scheinriesen
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17. March 2016 Drucken Empfehlen
Berufsstart
PJ in der Pharmaindustrie

Von Pharmariesen und Scheinriesen

„Hallo, hallo!“ schallt es in Richtung Jim Knopf und seinem Freund Lukas – am Horizont steht der Scheinriese Tur Tur. Jim ist sofort alarmiert: „Lass uns schnell umkehren.“ Lukas versucht ihn zu beruhigen: „Immer mit der Ruhe, außer seiner Größe sieht der Riese ja ganz manierlich aus. Ich glaube, der ist völlig harmlos.“ Jim kann das nicht glauben: „So ein großer Kerl!? Harmlos??“ Dann mischt sich der Riese ein: „Ach bitte, bitte liebe Leute, lauft nicht fort! Ich will euch gewiss nichts tun.“ „Der ist richtig nett!“ meint Lukas, aber Jim hat immer noch Bedenken. Lukas macht einen Vorschlag: „Wir können ihn zumindest nach dem Weg fragen, er hat den größeren Überblick.“ Und so beginnt Herr Tur Tur sich zu nähern. „Schau mal“, ruft Jim, „der Riese wird ja immer kleiner, je näher er zu uns kommt!“
Zu Beginn diese kleine Geschichte aus der Augsburger Puppenkiste. Sie erinnert manch einen vielleicht an seine Kindheit – als die Welt noch groß und mysteriös erschien. Doch je größer man selbst wurde, desto kleiner wurden die Welt und ihre Geheimnisse.

Überblick gewinnen im PJ

Nach einer langen anstrengenden Zeit steht man – im Rückblick plötzlich – mit einem abgeschlossenen Pharmaziestudium am Anfang seiner praktischen Ausbildung und damit beruflichen Orientierung. Selbst wenn man sich schon sicher ist, in der Apotheke seinen Traumjob gefunden zu haben, lohnt es sich dennoch, sich den kleinen und großen Pharmariesen am Horizont ganz unverbindlich zu nähern, solange man die Möglichkeit dazu hat. Denn wie der Scheinriese Herr Tur Tur in der Geschichte, kann das, was in der Ferne noch ganz groß aussieht, beim Näherkommen überschaubarer und greifbarer werden – sodass man später vielleicht manchen Pharmavertreter in der Apotheke besser verstehen oder einordnen kann.

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Vorstellungsgespräche sind aufregend und lehrreich zugleich! Foto: sepy (fotolia)

Stellensuche und Bewerbung

Die Stellensuche verlief bei mir kreuz und quer. Klar war nur, dass es die Industrie werden sollte, da ich eine Hälfte meiner Famulatur in einer Krankenhausapotheke verbracht hatte und das Praktische Jahr (PJ) dazu nutzen wollte, möglichst viele verschiedene Berufsfelder kennenzulernen. Ungefähr ein Jahr vor Praktikumsbeginn habe ich angefangen, mich zu bewerben. Ich bekam drei Einladungen, von denen die erste von Pfizer war. Ich fuhr nach Berlin. Im Vorstellungsgespräch sollte ich meinen Sitzplatz selbst wählen und wurde mit Fragen wie „Was machen Sie, wenn Sie fünf Aufgaben gleichzeitig erledigen sollen?“ oder „Sind Sie im Leben schon einmal gescheitert?“ konfrontiert. Die Atmosphäre war sehr ungezwungen und freundlich. Noch vor meinem nächsten Vorstellungsgespräch habe ich eine Zusage von Pfizer bekommen und die Stelle vielleicht ein wenig übereifrig angenommen – so froh war ich, dass alles so schnell und einfach ging! Sicherlich wäre es lehrreich gewesen, die anderen Vorstellungsgespräche auch noch wahrzunehmen.

Die Möglichkeiten

Pfizer bietet in Berlin insgesamt neun Pharmaziepraktikantenstellen an. Zur Wahl stehen folgende Abteilungen:

-        Arzneimittelsicherheit (AMS),
-        Arzneimittelzulassung,
-        Global Innovative Pharma Business – Inflammation Care (GIP),
-        Global Vaccines, Oncology and Consumer Healthcare Business (VOC) und
-        Global Established Pharma Business (GEP).

Die letzten drei Abteilungen bieten Einblicke in die Arbeit eines Medical Advisors und in den Bereich Marketing. Es ist möglich, sechs Monate des PJ in einer Abteilung zu absolvieren oder zwei unterschiedliche Abteilungen kennenzulernen.
Alle Pharmazeuten im Praktikum (PhiPs) erhalten wöchentlich Schulungen, die vor allem von der AMS und der Arzneimittelzulassung organisiert werden. Es stellen sich aber auch andere Bereiche vor, sodass man Arbeitsbereiche über seine eigene PJ-Stelle hinaus kennenlernen kann und ein regelmäßiger Austausch unter den PhiPs möglich ist. Ich habe mein Praktisches Jahr in den Bereichen AMS und Inflammation Care (GIP) absolviert.

Erfahrungen im Praktikum 

„Es geht um das Geschäft und um sehr spezielle pharmazeutische Inhalte, das sollte einem vorher bewusst sein. Meine Erwartungen wurden voll erfüllt und ich wurde in meiner beruflichen Orientierung weiter gestärkt. Am besten gefallen hat mir die Vorbereitung und die Teilnahme an wissenschaftlichen Kongressen in einem sehr engagierten Team.“

PhiP im Bereich Inflammation Care

Auf geht’s!

Genau ein Monat blieb mir nach der letzten Staatsexamensprüfung, um für mein altes WG-Zimmer einen neuen Mieter zu finden. Parallel schrieb ich Unmengen an WGs in Berlin an, um einen Besichtigungstermin auszumachen. Oft wurde mir die Frage gestellt, warum ich für ein halbes Jahr extra nach Berlin gezogen bin. Ob sich das gelohnt habe. Im Rückblick kann ich sagen: Ja. Zunächst, weil es in meiner näheren Umgebung keinen Praktikumsplatz dieser Art gegeben hätte. Für mich persönlich aber noch wichtiger: Weil ich dadurch das Gefühl hatte, noch mal etwas Neues, Eigenes und auf diese Weise vom stark reglementierten Studium Befreiendes zu erleben.

Der erste Arbeitstag

Ich war nervös! Was später so normal und alltäglich wurde, flößte am ersten Arbeitstag großen Respekt ein: Die Security am Eingang, Geschäftsleute, die mit Chipkarten eines der drei Tore öffnen, um dann im Aufzug zu verschwinden. Ich war froh, als ich zusammen mit meiner zukünftigen Kollegin von unserem Praktikumsbetreuer am Empfang abgeholt wurde. Es ging für die ersten drei Monate in die AMS.

Erfahrungen im Praktikum 

„Ich hatte es mir auf jeden Fall anders vorgestellt, als es letztlich war. Die AMS ist sehr administrativ und die Onkologie sehr Marketing-lastig. Auch wenn man in der AMS einen eigenen Prozess bewältigen musste, meine interessantesten Aufgaben hatte ich definitiv in der Onkologie, nämlich eigenständig Präsentationen erstellen und gestalten. Das war immer spannend und abwechslungsreich.“

PhiP im Bereich Oncology

Über Stolpersteine …

In der Arzneimittelsicherheit (AMS) durften drei PhiPs einen Prozess, das SUSAR (Suspected Unexpected Serious Adverse Reaction)-Reporting, betreuen. Wir verschickten Nebenwirkungsmeldungen aus klinischen Studien an die betreffenden Ethikkommissionen und Prüfärzte – ein hoher administrativer Aufwand mit streng reglementiertem Ablauf. Es kann für die Firma finanzielle Folgen haben, wenn sie ihrer Informationspflicht nicht fristgerecht nachkommt.
Deshalb lagen große Verantwortung und viel Arbeit in unseren Händen, was schnell dazu führte, dass wir manche Abläufe gerne optimiert hätten. Aber es gehört auch zu den Lehren eines Praktikums, dass man in der Arbeitswelt an Grenzen stößt, innerhalb derer man konstruktiv etwas ändern kann.
So bekam ich durch das PJ auch erstmals eine konkrete Vorstellung von bisher abstrakten Begriffen wie Globalisierung und Outsourcing: Denn wir konnten z.B. nicht einfach kurz eine Adressliste aktualisieren, sondern mussten bei der zuständigen Stelle darum bitten.

… hinein in den Alltag

In der Arzneimittelsicherheit prüft, sammelt und bewertet man Meldungen über Verdachtsfälle von unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Therapieversagen, Medikationsfehlern und anderen Arzneimittelrisiken und erfasst diese systematisch in einer globalen Datenbank. In Berlin erfolgt also eine Fallbewertung und Einstufung, gefolgt von der Eingabe in die Datenbank. Damit die Fälle endgültig ausgewertet und verarbeitet werden können, haben wir Arzt- und Krankenhausberichte zuvor ins Englische übersetzt.

War die PJ-Stelle förderlich für das weitere Berufsleben? 

„Generell hat mir das Praktikum eher weniger für die Ausbildung zur Apothekerin gebracht. Ich habe gelernt, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich als Apothekerin in der Industrie zu verwirklichen. Und dass ich noch nicht bereit bin, in diese Welt einzusteigen bzw. nur mit einer Promotion wirklich alle Positionen erreichen kann.“

PhiP bei Pfizer

Medical Affairs

Die Abteilung Global Innovative Pharma Business – Inflammation Care (GIP) setzt sich aus dem Marketing und dem Bereich Medical Affairs zusammen. Ich war im zweiten Teil meines PJ dem Bereich Medical Affairs zugeteilt. Dort zählen die Beantwortung medizinischer Anfragen von Ärzten und Patienten sowie die wissenschaftliche Kommunikation auf Kongressen und eigenen Presseveranstaltungen zu den Aufgaben. Die medizinisch-wissenschaftliche Unterstützung interner Abteilungen durch Training und Beratung sind genauso Teil des Tätigkeitsbereiches eines Medical Advisors, wie die Konzeption und Koordination von Forschungsprojekten oder Studien und die Erstellung wissenschaftlicher Analysen und Veröffentlichungen. Die Medical Advisors wissen in ihrem Zuständigkeitsbereich sehr gut Bescheid und müssen immer auf dem aktuellsten Stand sein. Schließlich müssen sie mit Fachärzten auf Augenhöhe diskutieren können und alle Materialien, die veröffentlicht werden, auf ihre wissenschaftliche Richtigkeit und Belegbarkeit prüfen. Dabei können sie sich keineswegs nur auf ihr eigenes Produkt versteifen. Ihr Wissen muss auch alle Konkurrenzprodukte umfassen und alles, was da sonst noch bald aus den Pipelines kommen könnte.

War die PJ-Stelle förderlich für das weitere Berufsleben? 

„Zur Ausbildung als Apotheker nicht, persönlich in jedem Fall. Es waren in erster Linie Social-Skills. Wie bewege ich mich in einem bestimmten Umfeld und wie gehe ich mit schwierigen Situationen um, wie läuft Politik in einem Weltkonzern und allgemeine Dinge über die Pharmabranche: Abteilungen, Zuständigkeiten, regulatorische Anforderungen, Internationalität und Vernetzung.“

PhiP bei Pfizer

Persönliche Erfahrungen

In einem Zeitrahmen von drei Monaten entscheiden oft Ort und Zeit darüber, was man im Praktikum wirklich mitbekommt. Während in den Abschnitt meines Vorgängers viele Schulungen, Meetings und Kongresse fielen, bin ich freiwillig zwei Tage länger in Berlin geblieben, um mehr als einen Kongress miterleben zu können. Zwar kam ich in einer „spannenden“ Zeit in die Abteilung, als gerade eine neue Studie anlief, doch das brachte viel Administration, wie die Ausstellung von Verträgen und Datenpflege, mit sich. Ein bisschen kreativ durfte ich aber bei der Erstellung eines Newsletters für den Außendienst werden und meine pharmazeutischen Kenntnisse konnte ich bei der Prüfung von geplanten Veröffentlichungen und Schulungen anwenden.
Dass man im Großraumbüro saß, konnte beim konzentrierten Arbeiten störend sein. Gleichzeitig war es aber auch ein Vorteil, weil man viele Informationen bereits aus anderen Gesprächen und Telefonaten mitbekam und einfach nachfragen konnte. So war es ein angenehmes und selbstständiges Arbeiten, das durch die flexiblen Arbeitszeiten noch unterstrichen wurde.

Mein Fazit

Es ist immer hilfreich, von manchen Dingen nicht nur gehört, sondern sie auch selbst einmal erlebt zu haben. Deshalb ist mein Resümee zum Praktikum das, was Lukas Jim zu Beginn dieses Artikels ans Herz legt: Lasst euch führen und fragt nach den verschiedenen Wegen – denn um einen Überblick zu bekommen eignet sich so ein Praktikum bzw. Pharmariese wirklich gut.

Interview: PhiP bei Pfizer, Bereich Arzneimittelzulassung 

Warum hast du dich auf ein Praktikum in der Zulassung beworben?

Eine genaue Vorstellung von dem, was mich erwarten würde, hatte ich nicht. Ich bewarb mich auf Empfehlung einer Kommilitonin in der Zulassungsabteilung. Jetzt weiß ich: Jede Firma und jede ausgeschriebene Stelle ist anders, auch wenn sie den gleichen Namen trägt. 

War es leicht eine Stelle in der Industrie zu bekommen und wie verlief dein Bewerbungsprozess?

Ja, selbst mit einer kurzfristigen Bewerbung habe ich schnell eine Stelle gefunden und noch einige offene Stellen im Internet entdeckt. Nach der schriftlichen Bewerbung wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. In dieser einen Stunde lernte ich meinen zukünftigen Chef kennen, wurde zu meiner Motivation und meinen Erwartungen befragt und bekam erklärt, wie die nächsten sechs Monate dann aussehen würden. Insgesamt also halb so schlimm. Kopf und Gefühl waren sich einig – da will ich hin.

Welche Erwartungen hattest du an die Industrie?

Ich hatte erwartet, dass man ein Rädchen im großen Getriebe sein würde und schnell als Praktikant im Kopierraum „vergessen“ werden könnte und nicht ernst genommen wird. Das Team in der Abteilung war allerdings supernett und hilfsbereit. Vorschläge und Fragen wurden ernst genommen.

Was waren deine interessantesten Aufgaben?

Die eigenverantwortliche Aktualisierung der Rote-Liste-Texte, verschiedene Rechercheaufgaben, die Mitarbeit bei Änderungsanzeigen in Fachinformationen und die Ausarbeitung eines Vortrags. Insbesondere die Einordnung der Aufgaben in einen größeren Zusammenhang hat diese mit Leben gefüllt.

Waren die Aufgaben förderlich für deine Ausbildung zur Apothekerin?

Mir haben die Aufgaben Spaß gemacht, weil mir die Art der Arbeit lag und ich sowohl meinen Kopf einschalten musste als auch mein Hintergrundwissen aus dem Studium gebrauchen konnte. Die Bereiche Pharmakologie und klinische Pharmazie kamen für mich dabei allerdings trotzdem zu kurz. Über Prüfungsthemen wie Zulassung und klinische Studien habe ich eine Menge gelernt und auch von anderen Abteilungen Bereiche kennengelernt. Auch wenn mir nicht alles im dritten Staatsexamen helfen wird, bin ich froh, über den Tellerrand des Studiums ins Getriebe der Industrie geschaut zu haben.

Was hast du im Praktikum gelernt?

Ein hilfsbereites und freundliches Team schafft es, dass man jeden Tag gern zur Arbeit kommt. Verantwortungsvolle Aufgaben bewirken, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Und auch wenn die Aufgaben nicht mehr so hochwissenschaftlich wie in der Uni angegangen werden – wobei das von der Abteilung abhängt – kann man sich durch Eigeninitiative auf einen Bereich spezialisieren.

Würdest du dein Praktikum weiterempfehlen?

Auf jeden Fall! Man lernt etwas Neues kennen und sieht die vielen Möglichkeiten für einen Apotheker in der Industrie.

Von Diana Moll,
Apothekerin in Stuttgart