Pharmazie und Kultur erleben
Foto: Leonie Ripke
17. March 2016 Drucken Empfehlen
Internationales
Praktikum in Prag

Pharmazie und Kultur erleben

Im Sommer habe ich ein zweiwöchiges Praktikum in einer Apotheke in Prag absolviert – und viele tolle Erfahrungen und neue Eindrücke sammeln können.

Über die Fachschaft erfuhr ich von der Möglichkeit, während des Hauptstudiums ein zwei- bis fünfwöchiges Praktikum im Ausland zu machen. Ich hatte schon seit Längerem mit dem Gedanken gespielt – dass ich über das Student Exchange Programme (SEP) einen Auslandsaufenthalt absolvieren konnte, ohne wirklich viel selbst organisieren zu müssen, begeisterte mich sofort.

Reibungslose Organisation

Für die Bewerbung musste ich lediglich ein kurzes Online-Formular auf Englisch ausfüllen und meine drei Wunschgastländer angeben. Ich wählte Tschechien, Portugal und Schweden. Zudem lud ich einen englischsprachigen Lebenslauf und ein kurzes Motivationsschreiben hoch. Mitte Januar bekam ich eine E-Mail, dass ich einen Platz im Programm erhalten hatte und man in Tschechien nun auf der Suche nach einem Praktikumsplatz für mich war. Mitte März erhielt ich die Zusage aus der Apotheke; der Praktikumsvertrag, Sicherheitsbelehrungen und alle weiteren wichtigen Informationen über meine Unterkunft wurden mir im Mai zugeschickt. Nachdem ich ein Formular zu meiner Ankunft ausgefüllt hatte, bekam ich Anfang Juli die letzten Infos über die Apotheke und Prag selbst sowie Hinweise, was ich mitbringen sollte. Ich kann nur sagen, die Organisation war top!

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Blick über Prag. Foto: Leonie Ripke

Auf nach Prag

Samstag 15. August 2015, 7:29 h – es geht los. Gespannt sitze ich im Zug auf dem Weg nach Prag. Voller Vorfreude blicke ich den nächsten zwei Wochen entgegen, in denen tolle Erfahrungen, viele neue Menschen, eine wunderschöne Stadt und der Austausch mit vielen Pharmazeuten aus aller Welt auf mich warten. Von Kiel über Hamburg und Dresden erreichte ich am Nachmittag Prag. Am Bahnhof wartete auch schon Tina, Organisatorin und Pharmaziestudentin, und begrüßte mich herzlich mit „Ahoj. Těši mě!“, was so viel bedeutet wie: „Hallo, schön dich kennenzulernen!“ Zusammen fuhren wir in den Stadtteil Volha. Hier lebt ein Großteil der Studierenden, und auch ausländische Studierende sind immer herzlich willkommen. Mein Zimmer im Studentenwohnheim hatte einen eigenen Balkon; die kleine Küche und ein Bad teilte ich mir mit Janna, einer tschechischen Studentin. Ein Einkaufszentrum war auch nicht weit entfernt. Also alles perfekt für die nächsten zwei Wochen!

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Im Fokus des Student Exchange Programme steht auch der Austausch zwischen Pharmaziestudierenden aus aller Welt. Foto: Leonie Ripke

Interkultureller Austausch

Am Abend lernte ich alle anderen Pharmaziestudierenden, die momentan in Prag ein Praktikum über das SEP machen, kennen. Zwei Mädchen aus Taiwan, zwei Französinnen, eine Spanierin, ein Ägypter und ein Rumäne sowie drei Mädchen aus der Slowakei begrüßten mich herzlich. Bei einem Bier (pivo), wofür die Tschechen berühmt sind, genossen wir die gigantische Aussicht über die Stadt bei Nacht. Aber auch der pharmazeutische und interkulturelle Austausch kam nicht zu kurz. Betzy aus Taiwan erzählte beispielsweise, dass sie es liebte, Kapseln herzustellen, da sie dies in ihrem Land nie zuvor gemacht hatte, und Michael aus Ägypten berichtete von seinem Leben in Kairo. Wir unterhielten uns privat wie auch in der Apotheke auf Englisch. Das war nicht immer ganz einfach, aber mit Händen und Füßen oder einem Wörterbuch konnte alles geklärt werden.

Der erste Tag

An meinem ersten Tag begleitete mich Aná, eine tschechische Studentin, zur Apotheke. Es regnete in Strömen, aber dies schreckte mich als Kieler Studentin nicht ab. Wir fuhren mit der Bahn zum Einkaufszentrum, in dem die Apotheke lag. Pünktlich um neun Uhr waren wir dort, und Jana, eine Apothekerin, begrüßte mich herzlich. Sie zeigte mir die Apotheke, die nicht viel anders eingerichtet war als eine deutsche Apotheke. Vorne der OTC-Bereich mit Sicht- sowie die Freiwahl, hinten die Schubladen mit allen weiteren Medikamenten. Daneben gab es einen Pausenraum, einen Raum für den Chef, ein Labor und eine Rezeptur. In einem weiteren Raum, der von außen zugänglich war, wurden nachts die Medikamente angeliefert. In Tschechien bekommen die Apotheken einmal nachmittags wichtige Medikamente geliefert und erhalten in der Nacht die Großbestellung vom Vortag. Und damit ging es auch gleich los. Ich half, die in der Nacht eingetroffenen Arzneimittel in die Schubfächer und Regale einzuräumen, und lernte dadurch das Lagersystem kennen. In den Schränken befanden sich alle festen Arzneiformen wie Tabletten und Kapseln. Antibiotika, Inhalativa und flüssige Arzneiformen hatten jeweils ihr eigenes Regal.

Pharmazie in Tschechien

Nach getaner Arbeit setzten wir uns zusammen, und Jana erzählte mir vom Studium in Tschechien und der Möglichkeit, wie man eine eigene Apotheke eröffnen kann. In Tschechien beginnen nur etwa 300 Studenten jährlich das Studium, und es gibt gerade mal zwei Standorte – Hradec Králové und Brno. Das Studium dauert fünf Jahre, wobei es hier nur ein halbes Jahr in der öffentlichen Apotheke als Praktisches Jahr zu absolvieren gilt. Danach ist man Pharmazeut und kann sich durch eine vierjährige Ausbildung mit Seminaren in der klinischen Pharmazie, der öffentlichen Apotheke oder der Industrie fortbilden, um in diesen Bereichen die Leitung zu übernehmen oder eine eigene Apotheke zu eröffnen.

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Zwischen dem tschechischen und dem deutschen Apothekenwesen gibt es einige Unterschiede. Foto: Leonie Ripke

Meine Aufgaben

Am zweiten Tag durfte ich zuerst in der Rezeptur helfen und Salben und Cremes herstellen. Dabei kam ich ganz schön ins Schwitzen, denn das Arzneiformenlehre-Praktikum, so stellte ich fest, war doch schon eine Weile her. Aber mit ein wenig Unterstützung und dem nötigen Ehrgeiz schaffte ich auch diese Aufgabe. Anschließend half ich Jana bei der Rezeptkontrolle. Wir überprüften, ob Menge und Dosis des Arzneimittels korrekt eingetragen, die Versicherungsnummer des Patienten und die dazugehörige Krankenversicherung erfasst wurden und dass die Nummer des zuständigen Arztes keinen Zahlendreher enthielt. Am Ende bekam jedes Rezept noch eine eigene Nummer, um am Monatsende zusammen mit allen anderen Rezepten zur Abrechnung eingereicht werden zu können. Im weiteren Praktikumsverlauf räumte ich auch die Ware im OTC-Bereich ein. Die zweite Woche verbrachte ich ähnlich der Ersten: Vormittags bereitete ich Bestellungen vor, sortierte die Ware oder kontrollierte Rezepte, und nachmittags half ich in der Rezeptur. Viel zu schnell vergingen die zwei Wochen. An meinem letzten Tag wurde ich von allen herzlich verabschiedet.

Besonderheiten im Apothekenwesen

Im tschechischen Apothekenwesen ist einiges anders als in Deutschland. So gibt es beispielsweise keine Rabattverträge. Die Ärzte schreiben ein Medikament auf, und wenn die Apotheke dies nicht vorrätig hat, gibt der Apotheker einfach ein anderes vergleichbares Präparat ab. Auch die Auswahl an Mitteln mit gleichem Wirkstoff ist geringer. Dadurch ist vieles übersichtlicher und einfacher.
Für den OTC-Bereich sind die Pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA) zuständig. In Tschechien dürfen die PTA nämlich keine Medikamente auf Rezept abgeben, sondern nur OTC-Arzneimittel verkaufen. Daher sind die Arbeitsplätze am HV-Tisch auch gekennzeichnet: Der Patient mit Rezept stellt sich beim Apotheker an und ein Kunde, der beispielsweise ein Nasenspray kaufen möchte, bei der PTA. Meine Praktikumsapotheke gehörte zu den „Dr. MAX“-Apotheken, die überall in Tschechien zu finden sind, wie mir meine Chefin erzählte. In Deutschland sind Apothekenketten dieser Art verboten.
Was mir sonst noch so aufgefallen ist: Kundenzeitschriften sind in der Apotheke kein Thema und auch die Menge an Traubenzucker und Bonbons, die in deutschen Apotheken verkauft oder verschenkt werden, gibt es hier nicht. Man kann in den Apotheken neben ein paar wenigen Cremes und Babynahrung wirklich nur Medikamente und Medizinprodukte kaufen.

Foto: Leonie Ripke

Nicht nur bei Tag bietet sich ein spektakulärer Blick auf die Prager Burg. Foto: Leonie Ripke

Zwei unvergessliche Wochen

Während meines Aufenthaltes blieb mir genügend Zeit, um zusammen mit einigen anderen Studierenden des SEP die Stadt zu erkunden oder einen Ausflug, beispielsweise in die Stadt Cesky Krumlov, zu machen. In Prag schauten wir uns die Prager Burg an, fuhren mit dem Boot auf der Moldau und gingen am Abend in einen Pub. An meinem letzten Abend saßen wir alle noch einmal zusammen. Mittlerweile waren einige neue Studierende dazugekommen und andere hatten uns schon wieder verlassen. In den zwei Wochen habe ich viele neue Freundschaften geschlossen und viel über ausländische Apotheken und die Pharmazie – nicht nur über die tschechische – gelernt. Dazu waren einfach viel zu viele Studierende aus anderen Ländern da, die sich gerne über die Pharmazie unterhielten und am regen Austausch interessiert waren.
Der Auslandsaufenthalt lässt sich gut in das Studium einbauen und kann auch mit einem Urlaub verbunden werden – denn was könnte es Besseres geben, als von Studierenden vor Ort die Stadt und die Umgebung gezeigt zu bekommen? Mein Fazit: Ich kann jedem reisefreudigen Pharmaziestudierenden einen Austausch über das SEP nur empfehlen!

Das Student Exchange Programme (SEP) 

Das Student Exchange Programme (SEP) ist ein vom IPSF (International Pharmaceutical Students’ Federation) organisiertes Austauschprogramm. Man kann sich im Hauptstudium für ein mehrwöchiges Praktikum in einem anderen Land bewerben, beispielsweise in Spanien, Estland, den USA, Finnland oder Taiwan. Pharmaziestudierende des jeweiligen Landes organisieren den Aufenthalt und die Unterkunft und suchen eine Apotheke vor Ort. Die Pharmazie, die Kultur des Landes und andere (Pharmazie-)studierende kennenzulernen steht bei diesem Austausch im Vordergrund. Je nach Land ist es möglich, in der Apotheke, im Krankenhaus, in der Forschung oder in der Industrie zu arbeiten. Die Kosten, beispielsweise für den Flug und die Unterkunft, trägt man selbst. Die englischsprachige Bewerbung erfolgt über ein Online-Formular auf der Internetseite des IPSF (www.ipsf.org). Zu der Bewerbung gehören auch ein Motivationsschreiben, der Lebenslauf und die Angabe von drei Wunschländern. Bei Interesse einfach eine E-Mail an seo@bphd.de schreiben oder auf der Internetseite des BPhD (www.bphd.de, Rubrik Ausland) vorbeischauen. Dort findet man viele hilfreiche Informationen.

Von Leonie Ripke,
Pharmaziestudentin in Kiel