Ein Auslandsaufenthalt in Deutschland
Foto: UKE
17. March 2016 Drucken Empfehlen
Studium
Perspektivwechsel

Ein Auslandsaufenthalt in Deutschland

Einige Pharmaziestudierende entscheiden sich dafür, während des Studiums einen Auslandsaufenthalt zu absolvieren. So auch Michal Abendrot, der als polnischer Erasmus-Student nach Deutschland ging.

Auch wenn ich schon einmal in Deutschland gewesen bin und bereits an Austauschprogrammen teilgenommen habe: Der Entschluss, noch einmal ins Ausland zu gehen und die Klinik-Apotheke des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) kennenzulernen, war etwas Besonderes für mich. Bisher war ich jeweils nur für einen Monat in Portugal und in der Türkei, diesmal aber sollte es für sechs Monate ins Ausland gehen! Meine Familie war über diesen Entschluss überrascht, kannte mich aber gut genug, um zu wissen, wie gerne ich mir diesen Wunsch erfüllen wollte – und hat mich sofort unterstützt. Meine Freunde und Kommilitonen waren teilweise fast genauso aufgeregt wie ich und freuten sich darauf, mich in Deutschland besuchen zu können.
Bevor die Zeit dazu gekommen war, musste ich in Polen (wie auch ihr in Deutschland) zunächst zwei große Examensprüfungen bestehen, denn auch bei uns beginnt erst im Anschluss an die viele Theorie das praktische Semester. Zusätzlich gibt es in Polen allerdings auch noch eine Masterprüfung. Als „Belohnung“ für den ganzen Stress und die Anstrengungen wollte ich die Zeit zwischen Universität und Praxis unbedingt nutzen, um noch einmal etwas außerhalb der Reihe zu erleben, und habe meine Abschlussprüfung einfach um ein halbes Jahr verschoben. Ich war sehr gespannt auf die Menschen in Deutschland und darauf, wie man im Ausland als Apotheker arbeitet.

Studium in Polen und Deutschland

Die Unterschiede zwischen dem Studium in Polen und Deutschland scheinen nicht allzu groß zu sein. So sind in Polen wie auch in Deutschland die Universitätsplätze für ein Pharmaziestudium sehr begehrt. Die Konkurrenz ist so groß, dass sich mehr als 20 Kandidaten auf einen Platz bewerben. Bei der Vergabe der Studienplätze gibt es daher ähnlich wie in Deutschland eine Art Ranking. Die Vergabe der Studienplätze erfolgt aber nicht zentral, sondern man muss sich direkt an den jeweiligen Universitäten bewerben. Dennoch kann man sich den Standort nicht unbedingt aussuchen, denn dazu braucht man schon ein sehr gutes Abitur. In Polen kommt es besonders auf die Abschlussnoten in den Fächern Biologie, Chemie, Mathematik und Englisch an. Wer also in den naturwissenschaftlichen Fächern besonders gut war, kommt etwas leichter an einen Platz. Der wohl beliebteste Standort ist wahrscheinlich Warschau. Die Hauptstadt Polens hat eben viel zu bieten – sofern man neben dem Studium die Zeit für Freizeitaktivitäten findet. Aber das Problem kennt ihr sicher auch in Deutschland, oder? Inhaltlich scheint das Studium ebenfalls relativ identisch zu sein, wobei ich den genauen Vergleich natürlich nicht ziehen kann, da ich nur in Polen studiert habe. Übrigens gibt es noch eine Gemeinsamkeit: Wie auch in Deutschland, sind in Polen die meisten Pharmaziestudierenden weiblich.

Erste Missverständnisse

Schon der erste Briefwechsel zwischen Polen und Deutschland war sehr herzlich, in meinen Augen zunächst sogar mehr als liebevoll. Allerdings lag hier ein kleines Missverständnis bei der Übersetzung vor: Was ich trotz Deutschunterricht in der Schule nicht gelernt hatte, war, dass es neben der offiziellen Anrede „Sehr geehrter Herr …“ die doch wohl sehr gebräuchlichere Variante „Lieber Herr …“ gibt. Ein Schreiben der Universität Hamburg begann demnach mit der Formulierung „Lieber Herr Abendrot“ – darin erkannte ich sofort das Wort „Liebe“, das ich mit dem polnischen Wort „miłość“ bzw. „love“ übersetzen wollte – was für mich wie eine Liebeserklärung klang! Zum Glück konnte ich das Missverständnis schnell für mich klären und fand heraus, dass „Dear Mr. Abendrot“ gemeint war. Bei den nachfolgenden Briefen aus Deutschland war ich dann auf die Anrede vorbereitet.

Foto: Michal Abendrot

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: Michal Abendrot

Auf nach Deutschland

Gerade pünktlich zum Frühlingsanfang bin ich Ende März nach Deutschland geflogen. Dank der Unterstützung des Erasmus-Programms hatte ich bereits eine Unterkunft im Studentenwohnheim, und ich konnte mich sofort in das Abenteuer stürzen. Auch das Semesterticket, mit dem ich in den folgenden Monaten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht nur zur Apotheke hin- und zurückfahren konnte, war schon organisiert. Natürlich muss man die Teilnahme am Erasmus-Programm größtenteils selbst finanzieren, und je nach Lebensstandard fallen zusätzlich mehr oder weniger hohe Kosten an.
Auch in der Apotheke war schon vieles für mich vorbereitet: Ein Schlüssel für den Spind, hilfreiche Unterlagen und eine Checkliste mit den noch zu erledigenden organisatorischen Dingen. Am ersten Tag lernte ich zunächst einmal das Klinikgelände kennen und wusste dann, wo die Personalabteilung zu finden ist, wo sich die Kittelausgabe versteckt und wie man (auf Umwegen) immer wieder zurück zur Apotheke findet. Obwohl für mich alles fremd war, so habe ich mich doch sehr willkommen gefühlt und hatte sofort das Gefühl, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich konnte den zweiten Tag kaum abwarten.

Kleine Sprachbarrieren

Deutsch ist neben Englisch meine zweite Fremdsprache. Auch wenn ich während der Schulzeit auf dem Gymnasium bereits drei Jahre lang Deutschunterricht hatte, so habe ich drei Monate vor der Reise mehrmals pro Woche zusätzlich Sprachunterricht genommen, um mich einigermaßen sicher zu fühlen. In Deutschland angekommen, habe ich weiterhin einmal pro Woche Unterricht genommen und versucht, auch zu Hause zu lernen – was aber neben der Arbeit nicht immer möglich war. Die fachspezifischen Begriffe waren nicht ganz so schwierig, da sich diese häufig ableiten ließen. In alltäglichen Gesprächen konnte ich mich mündlich gut verständigen und dabei gleichzeitig meine Kenntnisse trainieren. Schriftlich ist (und bleibt) es allerdings schwierig. Ich kann bestätigen, dass die deutsche Sprache eine schwere Sprache ist! Wie gut ich mich verständigen konnte, hing außerdem davon ab, mit wem ich mich unterhalten habe. Eher schwierig war dabei der Kontakt mit den jüngeren Erwachsenen, weil diese manchmal zu schnell gesprochen haben. Hinzu kam noch die Problematik der Jugendsprache, die ich auch aus meinen Büchern nicht lernen konnte. Nachdem aber die anderen Pharmazeuten im Praktikum das Problem erkannt hatten, ging es mit der Verständigung gleich schon viel besser. Mir wurde alles etwas langsamer und ausführlicher erklärt. Unter den anderen Studierenden fühlte ich mich besonders wohl, da wir als „Neulinge“ oft ähnliche Probleme hatten. Wir haben teilweise in derselben Abteilung gearbeitet, konnten gemeinsam Projekte bearbeiten oder haben uns zumindest in den Pausen getroffen und ausgetauscht. Dank des Internets haben wir auch jetzt noch Kontakt zueinander.

Foto: Michal Abendrot

Während meines Praktikums lernte ich die unterschiedlichsten Bereiche kennen – hier die Analytik der Klinik-Apotheke. Foto: Michal Abendrot

In der Krankenhausapotheke

Die Größe der Apotheke hat mich anfangs völlig überwältigt. In der Klinik-Apotheke des UKE arbeiten insgesamt über 100 Personen, um nahezu das gesamte Klinikum mit Arzneimitteln zu versorgen. Dafür braucht man die unterschiedlichsten Berufsgruppen, und alle müssen an einem Strang ziehen. Als Praktikant darf man überall mal reinschauen und alle Abteilungen kennenlernen. Auch wenn sich damit ein Klischee erfüllt und ich nicht weiß, ob die Deutschen dies positiv oder negativ sehen: Ich kann bestätigen, dass die Organisation in Deutschland besonders gut ist. Ich hatte einen genauen Plan, wann ich welche Abteilung besuche und wie lange ich dort eingeteilt bin. Damit war die kurze Zeit bestens ausgenutzt.
Eine der interessantesten Abteilungen war für mich die Rezeptur, weil ich mich schon im Studium für Dermatika und deren Einfluss auf die Haut interessiert habe. Hier konnte ich Salben und Cremes in ganz großem Maßstab herstellen. Wirklich beeindruckend, welche Mengen an Ausgangsstoffen dabei verarbeitet werden! Mindestens ebenso spannend empfand ich es in der Arzneimittelinformation: Dort werden täglich Fragen zur medikamentösen Therapie eines Patienten entgegengenommen und beantwortet sowie Tabellen für die Pfleger auf Station erstellt, um deren Arbeit zu erleichtern. Und auch für die Apotheke selbst wurden viele nützliche Themen und Aspekte zusammengetragen und ausgearbeitet. Trotz der Sprachbarriere habe ich die Anfragen der Ärzte gerne angenommen und bearbeitet. Für die Recherche kann man seine eigenen Kenntnisse einbringen und lernt gleichzeitig noch etwas dazu!
Egal wo ich war, ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich auch als Praktikant viele eigene Ideen und Vorschläge einbringen konnte. Die Apotheker und weitere Mitarbeiter waren immer offen und interessiert. Besonders spannend fanden sie es, wenn ich ihnen von meinem Alltag und dem Studium erzählte. Einmal habe ich für alle Interessierten einen Vortrag über das Pharmaziestudium in Polen gehalten. Dabei ist zum Glück anscheinend keinem aufgefallen, wie nervös ich war und wie sehr ich manchmal nach den richtigen deutschen Wörtern gesucht habe!

Foto: Michal Abendrot

Gut rumgekommen: Blick von der Marienbrücke auf das Schloss Neuschwanstein in Bayern. Foto: Michal Abendrot

Viel zu entdecken!

In meiner Zeit in Deutschland sollte sich aber längst nicht alles nur um die Pharmazie drehen. Nach der Arbeit habe ich mir so oft wie möglich die Zeit dafür genommen, das Land und die Stadt Hamburg näher kennenzulernen. Besonders gut gefallen haben mir der Hafen, die vielen Schiffe, die Fleete und das viele Grün in der Stadt. Glücklicherweise wurde es schnell Sommer, und ich konnte bei gutem Wetter viel Zeit draußen verbringen. Geregnet hat es erstaunlicherweise eher selten. Neben Hamburg habe ich München, Köln, Düsseldorf und Berlin besucht. Es gibt wirklich viele aufregende Städte in Deutschland, leider war die Zeit am Ende viel zu kurz, um noch mehr zu sehen.
Gerne komme ich noch einmal zurück nach Deutschland, wahrscheinlich als Tourist, denn so habe ich mehr Zeit, um mir alles anzusehen. Wenn auch ihr mit dem Gedanken spielt, noch während des Studiums ins Ausland zu gehen, dann kann ich nur sagen: Es lohnt sich! Und vielleicht hast du sogar Lust, nach Polen zu kommen? Ich sage Dziękuję Deutschland! Danke für alles! Es war eine tolle Zeit! Do widzenia!

Von Annika van der Linde, Apothekerin im UKE in Hamburg und
Michal Abendrot, Pharmaziestudent in Warschau