Wissen und Handeln von Heuschnupfen-Patienten
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5. March 2015 Drucken Empfehlen
Studium
Wahlpflichtpraktikum in Würzburg

Wissen und Handeln von Heuschnupfen-Patienten

Ein Spaziergang im Frühling: die ersten warmen Sonnenstrahlen, die ersten Blumen in den Gärten, die ersten Knospen an den Ästen – und die ersten Pollen in der Luft. Für Heuschnupfengeplagte hat sich die Freude über den Frühling schon nach kurzer Zeit erledigt, denn plötzlich fängt es in der Nase an zu kribbeln, die Augen beginnen zu tränen und das Niesen hört nicht mehr auf. Wer ist besonders häufig davon betroffen? Was unternehmen Patienten gegen die Erkrankung und wie gut sind sie über Behandlungsmöglichkeiten informiert? Das wollten wir – acht Pharmaziestudentinnen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg – im Rahmen unseres Wahlpflichtpraktikums herausfinden.

In Deutschland leidet etwa jeder Fünfte unter allergischer Rhinitis (Heuschnupfen), Tendenz steigend. Ursache ist eine Überempfindlichkeitsreaktion gegenüber einzelnen oder mehreren Pollen. Wenn der Körper mit den entsprechenden Pollen in Erstkontakt kommt, bildet das Immunsystem IgE-Antikörper. Der Körper stuft damit die eigentlich harmlosen Pollen als schädliches Allergen ein. Erfolgt nun ein Zweitkontakt, erkennt das Immunsystem die Allergene wieder, woraufhin die Ausschüttung von Entzündungsmediatoren (u.a. Histamin) erfolgt – die die typischen Allergiesymptome hervorrufen. Dazu zählen angeschwollene und gerötete Schleimhäute, meist verbunden mit heftigem Juckreiz, tränenden Augen, laufender Nase und Niesattacken. Die Lebensqualität kann zusätzlich durch Kopfschmerzen und Müdigkeit vermindert werden. Da Heuschnupfen eine relativ häufig auftretende Erkrankung ist, durch deren Symptome der Alltag von Betroffenen oftmals stark beeinträchtigt wird, ist es durchaus interessant, sich das Krankheitsbild und die betroffenen Patienten genauer anzusehen.

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Projekt Heuschnupfen

Um herauszufinden, in welchen Bevölkerungsgruppen Heuschnupfen besonders häufig auftritt, ob eine familiäre genetische Prädisposition vorhanden ist und wie gut Heuschnupfen-Patienten behandelt und informiert sind, erstellten wir Fragebögen, um Betroffene zu interviewen. Dafür sprachen wir Kunden in mehreren Apotheken im Raum Würzburg an. Sie gaben uns Auskunft über ihre Symptome und eventuelle Minderung der Lebensqualität sowie über ärztliche Diagnosen, persönliche Erfahrungen und aktuelle Medikation. Mit einem Heuschnupfen-Quiz haben wir zudem den Wissensstand der Patienten unter die Lupe genommen. Insgesamt haben wir 68 Fragebögen ausgewertet: Von den Befragten waren elf Personen männlich und 57 weiblich, die wir in drei Altersklassen eingeteilt haben: In die 15- bis 30-Jährigen (36 Patienten), die 31- bis 60- Jährigen (23 Patienten) und in die über 60-Jährigen (neun Patienten).

Alter und genetische Prädisposition

Obwohl wir deutlich häufiger ältere Kunden in der Apotheke angesprochen haben, überwog schlussendlich die Anzahl der jüngeren Heuschnupfen-Patienten. Das legt nahe, dass jüngere Menschen häufiger von Heuschnupfen betroffen sind oder dass die Symptomatik stärker ausgeprägt ist als bei über 60-Jährigen. Diese Erkenntnisse werden auch in der Literatur bestätigt. Des Weiteren wurden atopische Begleiterkrankungen – Allergien, Neurodermitis und Asthma – und die Familienanamnese der Patienten erfasst. Es fällt auf, dass vor allem die 15- bis 30- bzw. 31- bis 60-Jährigen stark von den atopischen Komorbiditäten betroffen sind. Durch Auswertung der Familienanamnese konnte die genetische Prädisposition bestätigt werden: Bei etwa 75 Prozent der Befragten gab es bereits in früheren Generationen Atopiker. Die häufigsten Diagnosen der Familienmitglieder lauteten neben Heuschnupfen weitere Allergien und Asthma. Um ermitteln zu können, ob vor allem Raucher von Asthma betroffen sind, wollten wir diese Gruppe genauer betrachten. Da von insgesamt 14 befragten Asthma-Patienten aber nur zwei regelmäßig rauchten, konnte keine Aussage über die Korrelation getroffen werden. In der Literatur wird allerdings beschrieben, dass bei Rauchern mit allergischer Rhinitis vermehrt Asthma auftritt.

Maßnahmen gegen Heuschnupfen

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Neben systemischen Antihistaminika können auch antiallergische Augentropfen und Nasensprays die Symptome des Heuschnupfens lindern. Foto: drubig-photo - Fotolia.com

In der Befragung zeigte sich, dass bei der Mehrheit der Teilnehmer (57,4%) eine ärztliche Heuschnupfen-Diagnose vorlag (z.B. durch einen Antikörper-Nachweis im Blut oder durch den Pricktest). Rund ein Viertel (26,5%) suchten regelmäßig den Arzt auf oder behandelten die Erkrankung im Rahmen eines ärztlichen Therapieplans. Der weitaus größere Teil der Betroffenen behandelte sich selbst. Über nicht-medikamentöse Maßnahmen bzw. Allergenkarenz – also Verhaltensweisen oder Maßnahmen, um nicht oder nur wenig mit den Allergenen in Kontakt zu kommen – waren die befragten Patienten mehrheitlich sehr gut aufgeklärt. Es zeigte sich, dass diese Maßnahmen bei den über 60-jährigen zumeist ausreichend waren und nur wenige Befragte Arzneimittel gegen Heuschnupfen anwendeten. Möglicherweise weil sie nicht so sehr durch die Erkrankung beeinträchtigt waren oder weil es ihnen leichter möglich war, an Pollenflugtagen zu Hause zu bleiben. Alle anderen Teilnehmer nahmen Arzneimittel. Am häufigsten setzten die Befragten (knapp 78% der unter 60-Jährigen) orale Antihistaminika wie Cetirizin und Loratadin zur Linderung der Symptome ein. Aber auch topische Antihistaminika wie Azelastin oder Levocabastin wurden von jedem Zweiten unter 60 Jahren – entweder alleine oder zusätzlich zu antiallergisch wirkenden Tabletten – angewandt. Topische Glucocorticoide, wie Beclometasondipropionat als nicht-verschreibungspflichtiges Nasenspray, wendete hauptsächlich die Gruppe der 30- bis 60-Jährigen an – allerdings nur, wenn systemische Antihistaminika nicht ausreichend wirksam waren. Rund 35 Prozent aller Befragten gaben zudem an, neben der Therapie mit Antihistaminika oder topischen Glucocorticoiden gelegentlich Nasenduschen anzuwenden. Dabei werden Pollen mithilfe von isotonischer Salzlösung aus der Nase gespült und die Schleimhäute befeuchtet. Eine Hyposensibilisierung erfolgte vor allem bei den Patienten unter 30 Jahren: Von ihnen gaben 31 Prozent an, dass sie sich bereits einer oder mehrerer Hyposensibilisierungen unterzogen haben. Dabei erhalten Patienten standardisierte Allergene in steigender Dosierung (subkutan oder sublingual), damit sich das Immunsystem an die allergieauslösenden Stoffe gewöhnt. Die Hyposensibilisierung wurde tendenziell öfter angewandt, wenn ein Allergologe im Umkreis von etwa zwei Kilometern der Apotheke tätig war.

Allergenkarenz und nicht-medikamentöse Maßnahmen

• Vor dem Zubettgehen Haare waschen
• Alltagskleider nicht mit ins Schlafzimmer nehmen
• Bei geschlossenem Fenster schlafen, lüften außerhalb der Pollenflugzeit
• Beim Autofahren Fenster geschlossen lassen
• Wäsche nicht im Freien trocknen
• Wohnung mit wischbaren Böden und Staubsauger mit Feinstaubfilter
• Anwendung einer Nasendusche
• Rauchen einstellen

Alles unter Kontrolle?

Um die ausreichende Wirksamkeit der Selbstmedikation zu bewerten, nahmen wir den RCAT-Fragebogen (Rhinitis Control Assessment Test) zu Hilfe. Es handelt sich um einen Fragebogen mit fünf Ankreuzmöglichkeiten, mit dem die Häufigkeit der Krankheitsbeschwerden (tränende Augen, Niesattacken, verstopfte Nase), das Ausmaß der Beeinträchtigung (Schlafprobleme, Vermeiden von Aktivitäten wie z.B. Gartenarbeit) sowie die Kontrolle der Symptome erfasst werden kann. Für jede Antwortmöglichkeit werden Punkte von eins bis fünf zugeteilt und am Ende summiert. Bei einer Gesamtpunktzahl von weniger als 22 Punkten gilt die Krankheitskontrolle als problematisch. Die Auswertung des RCAT-Fragebogens zeigte, dass gut zwei Drittel der 57 Befragten (68,4%) maximal 21 Punkte erreichte und die Therapiekontrolle demnach unzureichend war. Zu bedenken ist, dass die Einschätzung der Symptome sehr subjektiv ist. Schlussendlich zeigen die Ergebnisse, wie wichtig eine adäquate Beratung in der Apotheke ist. Dazu gehört auch, den heuschnupfengeplagten Patienten deutlich zu machen, dass in bestimmten Fällen ein ärztlicher Rat eingeholt werden sollte – auch wenn es sich vermeintlich nur um einen „einfachen Heuschnupfen“ handelt.

Patientenwissen ausbaufähig

An unserem Heuschnupfen-Quiz nahmen 43 Patienten teil. Inhalte waren unter anderem mögliche Risikofaktoren für Heuschnupfen, verschiedene Allergietests, nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten sowie die Frage nach der richtigen Anwendung von Nasensprays. Dabei zeigte sich, dass knapp zwei Drittel der Befragten (64%) wussten, dass Rauchen ein potenzieller Risikofaktor für eine allergische Rhinitis ist. Nur ein knappes Drittel (31,25%) wusste hingegen, wie man ein Nasenspray richtig anwendet: Der Kopf sollte bei der Applikation des Nasensprays nicht in den Nacken gelegt, sondern leicht nach vorne geneigt werden. Das Ergebnis veranschaulicht, dass bezüglich der Anwendung von Arzneimitteln mitunter ein großer Aufklärungsbedarf besteht.

Heuschnupfen ernst nehmen

DAZ/Schelbert

Wenn apothekenpflichtige Antiallergika nicht ausreichend wirksam sind, sollte der Patient an einen Arzt verwiesen werden. Foto: DAZ/Schelbert

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass besonders häufig das jüngste Patientenkollektiv (15- bis 30-Jährige) von einer allergischen Rhinitis betroffen ist. Die Umfrage hat außerdem gezeigt, dass atopische Krankheiten vermehrt innerhalb einer Familie auftreten, wodurch die genetische Prädisposition bestätigt wird. Die Auswertung des RCAT verdeutlicht, dass auffallend viele Patienten mit ihrer Selbstmedikation nicht optimal eingestellt sind. Dies birgt die Gefahr eines sogenannten Etagenwechsels hin zur Lunge, d.h. zusätzlich zum Heuschnupfen kann sich ein allergisches Asthma entwickeln. Außerdem beeinträchtigt die unzureichend therapierte Erkrankung die Lebensqualität. Das könnte durch eine optimierte medikamentöse Therapie korrigiert werden. Weil Heuschnupfen ein typisches Krankheitsbild der Selbstmedikation ist, liegt es besonders am Apotheker, die Erkrankung ernst zu nehmen, den Patienten ausführlich zu beraten und ihn dafür zu sensibilisieren, bei unzureichender Therapiekontrolle ärztlichen Rat einzuholen.

Nicht jeder hat Pharmazie studiert!

Durch das Wahlpflichtpraktikum im Fach Klinische Pharmazie konnten wir Erfahrungen im Umgang mit Patienten sammeln. Weil wir die Befragung zu Beginn der Heuschnupfensaison durchgeführt haben, waren viele an unseren Empfehlungen interessiert. Uns hat erstaunt, wie unterschiedlich Allergiker über Heuschnupfen und ihre Therapie Bescheid wussten: Von „ich nehme da irgendetwas, wenn es anfängt“ bis zu einer ausgeklügelten Medikamentenaufstellung im Geldbeutel, die stets griffbereit ist, haben wir alles erlebt. Durch das Projekt wurde uns eindrücklich ins Gedächtnis gerufen, dass nicht jeder Pharmazie studiert hat. Dinge, die wir in der Uni gelernt haben und die für uns total selbstverständlich sind, sind es nicht unbedingt für den Rest der Welt. Man sollte versuchen, sich in die Patienten und in deren Situation hineinzuversetzen, um einzuschätzen, ob sie beispielsweise ein Nasenspray richtig anwenden können oder nicht. Gerade ältere Menschen haben oft Schwierigkeiten mit einer neuen Anwendungsmethode und da sind wir als Apotheker dann gefragt, genau das nachvollziehbar zu erklären – ohne fachlichen Schnickschnack, sondern alltagstauglich in einfacher Sprache, notfalls auch vormachen wie das funktioniert. Das lernen wir im Studium eher weniger, denn an der Uni kommt es auf Detailwissen und komplizierte Wirkmechanismen an – was die Kunden in der Apotheke aber eher weniger interessiert. Deshalb war es für uns eine lohnenswerte Herausforderung, unser erlerntes Wissen auf Patientenebene, also ganz anders als es sonst von uns erwartet wird, anzuwenden. Kurzum: Das Wahlpflichtpraktikum war eine spannende und lehrreiche Erfahrung!

Von Lena Bergmann, Michaela Graf, Johanna Hagspiel, Julia Haider,
Stephanie Hartmann, Anna Mütterlein, Carina Reichert, Anne Vogel
,
(Ehemalige) Pharmaziestudentinnen in Würzburg

Danksagung

Unser herzlicher Dank geht an Herrn Bertsch von der Adalbero-Apotheke in Würzburg, an Herrn Dr. Schiedermair von der Glocken-Apotheke in Würzburg, an Herrn Dr. Mütterlein von der Sonnen- Apotheke in Elsenfeld sowie an alle Mitarbeiter für die freundliche Aufnahme und hervorragende Betreuung während unseres Wahlpflichtpraktikums.