Wie böse ist Big Pharma?
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5. March 2015 Drucken Empfehlen
Allgemein
Licht und Schatten in der Pharmabranche

Wie böse ist Big Pharma?

Als Pharmaziestudentin, die ihre berufliche Zukunft in der pharmazeutischen Industrie sieht, begegnet einem häufig Argwohn: Für diese Verbrecher wolle man arbeiten und sich dabei deren Profitgier unterordnen? Im Internet wird man Zeuge eines härteren Tonfalls, es wimmelt von Verschwörungstheorien, die „Big Pharma“ betreffen. So sei die Pharmaindustrie verantwortlich für Pandemien und Massensterben. Zudem wirft man ihr Korruption und sogar den Einsatz von Biowaffen vor. In diesem Zuge fällt auf, dass die Vertreiber von „alternativen Heilmitteln“ sowie Impfgegner immer mehr Gehör finden. Warum ist diese Entwicklung so problematisch? Welche Vorwürfe muss sich die Pharmaindustrie tatsächlich gefallen lassen? Und wie kann man sich engagieren – als Arzt, Apotheker, Forscher, Studierender oder Patient? Ein Essay.

Würden sie die Zahlen über die Wirksamkeit anderer Medikamente fälschen? Kinder für tödliche Impfstudien missbrauchen? Fiktive Krankheiten erfinden, um mehr Medikamente zu verkaufen? Biowaffen einsetzen, um eine profitable Pandemie auszulösen? Gemeinsam mit der CDC [Centers for Disease Control and Prevention, US-amerikanische Seuchenschutzbehörde, Anm. d. Red.] Angst schüren, um für Impfungen zu werben? Whistleblower, die versuchen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, mundtot machen? Durch verborgene Viren in Impfstoffen Krebs verbreiten? Medizinischen Wissenschaftlern, die Big Pharma infrage stellen, Steine in den Weg legen? Der gesamten US-Bevölkerung auf dem Weg einer sozialistischen Gesundheitsgesetzgebung ein Medizinmonopol aufzwingen? Natürlich würden sie das. Und sie tun es ja längst.“

Die Pharma-Industrie hat schon seit längerem Medikamente zur Bekämpfung von AIDS und Krebs entwickelt. Diese Medikamente werden allerdings bewusst zurückgehalten, um den Absatz vorhandener Medikamente, die bei diesen Krankheiten keine Wirkung zeigen, zu steigern. Die Pharma- Konzerne machen so immer mehr Umsatz, ebenso wie die Ärzte. […]“

Von unwirksamen und überflüssigen Medikamenten über gefährliche und verheimlichte Nebenwirkungen bis hin zur puren Erfindung von Krankheiten wie AIDS oder Schweinegrippe – die Pharmas stecken knietief im blutgetränkten Dreck. Wann immer es um Unmengen an Geld und Profit geht oder um die großen Verbrechen, stets führen die Wege zu Chemie und Pharma. […]“

Das sind nur einige der Impressionen, die einem entgegenschlagen, wenn man sich durch bestimmte Foren und Artikel klickt. Solche Ansichten sind längst nicht mehr nur belächelnswerte Spinnereien einiger weniger Sonderlinge. „Pharmaskepsis“ ist mittlerweile weit verbreitet und salonfähig geworden. Beinahe jeder hat „da mal was gehört“ und eine Meinung dazu: Bei den großen Pharmaunternehmen arbeiten ausschließlich geldgierige Verbrecher, Daten sind grundsätzlich gefälscht und Medikamente sind „giftige Chemie“. In den wenigsten Fällen ist die Kritik jedoch evidenzbasiert. Es werden keine Studien zum Thema gelesen und ausgewertet, sondern YouTube-Videos oder Forenbeiträge angesehen – und für wahr befunden.

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Über das Internet lassen sich pharmakritische Ansichten im gleichen Atemzug mit vermeintlichen Wundermitteln rasch verbreiten. Foto: goodluz - Fotolia

Gefundenes Fressen für Scharlatane

Neben der bedenklichen Geisteshaltung einiger Skeptiker – die rationale Beurteilung von Sachverhalten betreffend – besteht eine weitere Gefahr: Diese Ansichten sind der Nährboden für das Erblühen „alternativer Behandlungsmethoden“, die sich meist als Pseudomedizin oder Scharlatanerie herausstellen. Denn häufig gehen mit entsprechenden Meinungen zum Thema „Pharmalobby“ auch Ratschläge einher, wie man sich stattdessen gesund halten könne: Homöopathie ist ganz vorn mit dabei, Akupunktur ebenso, Bachblüten und Konsorten natürlich auch. Darüber hinaus werden noch bedenklichere Konzepte immer bekannter. So erfand R. G. Hamer im Jahre 1981 die sogenannte „Germanische Neue Medizin“. Diese pseudowissenschaftliche Lehre vertritt die Ansicht, dass jede Krankheit eine Folge negativen Denkens oder psychischer Konflikte sei. Einzig mögliche Therapie sei die psychotherapeutische „Konfliktolyse“, bei der positives Denken gelehrt werde. Da eine Krankheit ein „Sinnvolles Biologisches Sonderprogramm“ darstellt, erhalten Erkrankte – darunter auch Schwerkranke wie beispielsweise Leukämiepatienten – keine Medikamente. Die Methode, die sich in Zeiten der Pharmaskepsis immer größerer Beliebtheit erfreut, hat schon mehrere hundert Todesopfer gefordert. Sie wird zudem vom Erfinder mit antisemitischen Verschwörungstheorien verbrämt, die beispielsweise besagen, dass Menschen durch Impfungen oder Chemotherapien mit Mikrochips versehen und so jederzeit von jüdischen Ärzten getötet werden könnten.

„Wundermittel“ mit Chlorbleiche

Ein weiteres Mittel, das immer mehr Anhänger findet, ist das sogenannte Miracle Mineral Supplement (MMS). Der ehemalige Ingenieur Jim Humble, der nie eine medizinische Ausbildung absolvierte, vermarktet derzeit im großen Stil die Idee, man könne Krankheiten mit Natriumchlorit-Lösung heilen. Es handelt sich hierbei um Industriebleiche, die mit einer Säure vom Anwender aktiviert werden muss. Dadurch wird das giftige und sehr reaktive Chlordioxid freigesetzt. In den Sicherheitshinweisen zu Chlordioxid wird ausdrücklich empfohlen, Schutzkleidung und bei unzureichender Belüftung sogar eine Atemmaske zu tragen. Doch wenn man Jim Humble Glauben schenkt, vermag MMS nicht nur zu desinfizieren und zu bleichen, sondern auch Krebs, AIDS, Sepsis (Blutvergiftung), Demenz und Autismus zu heilen. Die Applikation erfolgt oral, kutan oder auch rektal als Einlauf. Die sich beim Einlauf ablösenden Fetzen der Darmschleimhaut werden von MMS-Anhängern als „wurmartige Parasiten“ interpretiert. Die Pharmaindustrie wehre sich, da MMS „alle Krankheiten innerhalb eines Tages“ zu heilen vermöge und somit die pharmazeutische Branche überflüssig mache. Ende April soll die von Jim Humble initiierte „Spirit of Health“-Messe in Kassel stattfinden, auf der es auch um MMS geht. Die vom Erfinder proklamierte Zahl der Geheilten von 75.000 lässt darauf schließen, dass sich solch gefährliche Quacksalbereien über das Internet und durch Mundpropaganda gefährlich schnell verbreiten.

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Einige Impfgegner lassen ihren Nachwuchs aus Angst vor der „Pharmamafia“ nicht mehr impfen. Foto: Romolo Tavani - Fotolia

Impfgegner schüren Angst

Ebenfalls problematisch ist, wenn Eltern ihren Nachwuchs aus Angst vor der „Pharmamafia“ nicht mehr impfen lassen. Die Stimmen der Impfgegner im Fernsehen oder in sozialen Netzwerken werden immer lauter und die Angst vor einem großen, unbekannten und global agierenden Pharma- Phantom wird geschürt. Durch ideologische Impfgegner und ihre ungeimpften Kinder kam es in jüngster Vergangenheit immer häufiger zu Masern-Ausbrüchen – und damit zur Gefährdung der Herdenimmunität. Ab einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent könnte es gelingen, Masern und Röteln, wie von der Weltgesundheitsorganisation WHO geplant, bis Ende 2015 auszurotten und somit auch Schutz für diejenigen zu gewährleisten, die nicht geimpft werden können (z.B. immungeschwächte Personen). Doch das Ziel wird durch Impfgegner massiv gefährdet, die bestenfalls über YouTube oder private Internetseiten ihre Ansichten kundtun. Die Folgen irrationaler Pharmaskepsis können also verheerend sein. Kurzum: Es zeigt sich das Problempotenzial besagter Haltung gegenüber der Pharmaindustrie. Andererseits kann an der pharmazeutischen Industrie und ihrem Lobbyismus durchaus berechtigte Kritik geübt werden und so ist eine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Verfehlungen der „Pharmalobby“ hier angebracht und notwendig. Welche Vorwürfe müssen sich (forschende) pharmazeutische Unternehmen gefallen lassen?

Was läuft schief bei „Big Pharma“?

Pharmazeutische Unternehmen arbeiten, wie auch Firmen aus anderen Branchen, gewinnorientiert und zielen auf Umsatzmaximierung ab. Bei Betrieben aus anderen Bereichen ist das kein Problem, wieso also dann bei Pfizer, GlaxoSmithKline und Co.? Die Antwort ist simpel: Sobald Krankheit als profitabel und Gesundheit als renditeschädlich gelten, ergeben sich erhebliche ethische Komplikationen. Auf Umsatzsteigerung durch Leiden von Menschen hinzuarbeiten erscheint vielen zynisch. Es gilt hier, den Mittelweg zu finden zwischen den Unternehmenszielen und einem gewissen moralischen Anspruch. Kleinste Abweichungen aus dieser Balance können schwere Folgen haben und das öffentliche Ansehen beschädigen und im schlimmsten Fall Menschenleben kosten. Einige dieser – bereits durchaus vorgekommenen – Verfehlungen sollen im Folgenden beschrieben werden.

Missstände beim Marketing

Tatsächlich geben forschende pharmazeutische Unternehmen im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Geld für Werbung und Marketing aus als für Forschung und Entwicklung. Die Gründe liegen auf der Hand: Wer sein Produkt verkaufen will, muss es bekannt machen. Hierbei wird jedoch oft unberücksichtigt gelassen, dass

• nicht jeder Zustand eines Menschen einer medikamentösen Behandlung bedarf,
• nicht jedes Medikament für jeden Patienten geeignet ist,
• die Abwägung von Risiko und Nutzen in klinischen Studien ergeben könnte, dass andere Arzneimittel objektiv gleichwertig oder gar besser sind.

Da sich diese Art von Transparenz und Aufrichtigkeit im Marketing geschäftsschädigend auswirken könnte, wurden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte einige problematische Marketingkonzepte entwickelt. Die passende Medikation für einen Patienten wird im Idealfall im Gespräch mit dem Arzt und/oder bei der Beratung durch einen Pharmazeuten ermittelt – nachdem alle Einflussfaktoren abgewogen und die Risiken kalkuliert wurden. In der Praxis fehlt es nicht selten an Zeit und zuweilen auch an pharmakologischem Interesse bzw. Verständnis. Zudem weiß Dr. Google viel zu oft vermeintlich besser Bescheid als jeder Mediziner. Was hingegen Eindruck beim Patienten hinterlässt, sind die vielen bunten Arzneimittelwerbungen, die ihm auf verschiedenen Kanälen begegnen. In Deutschland ist die Publikumswerbung für Arzneimittel zwar reguliert und rezeptpflichtige Mittel dürfen nicht beworben werden (anders als in den USA). Aber zumindest im OTC-Bereich möchte der Patient nicht unbedingt das objektiv am besten wirksame Medikament haben, sondern jenes, das am eindrucksvollsten beworben wird. Auch das Internet ist ein wichtiges Marketinginstrument: Auf Informationsseiten können beispielsweise Selbsttests zu bestimmten Krankheitsbildern durchgeführt werden. Die Tests ergeben mitunter in jeder Ergebniskategorie, dass Behandlungsbedarf besteht und weisen im Folgenden subtil darauf hin, dass man ärztlichen Rat einholen soll und es die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung, z.B. durch Produkt X der Firma Y, gibt.

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Persönliche Kontakte zu Pharmavertretern können das Verschreibungs- oder Empfehlungsverhalten von Heilberuflern durchaus beeinflussen. Foto: Cello Armstrong - Fotolia

Beeinflussung der Fachleute

Doch Werbung wird nicht nur auf die Patienten zugeschnitten. So enthalten Fachmagazine für Ärzte und Apotheker dutzende Werbeanzeigen für apotheken- und verschreibungspflichtige Arzneimittel. Natürlich lassen sich auch wissenschaftlich ausgebildete Heilberufler von Werbung beeinflussen und treffen ihre Entscheidungen nicht allein auf Basis der Datenlage. Bekannt sein dürften auch die Pharmareferenten, die regelmäßig Apotheken und Arztpraxen besuchen, um völlig unkritisch ihre neuesten Produkte vorzustellen. Da solche Besuche oft mit kleinen Proben und Geschenken, manchmal sogar mit ganzen Lehrveranstaltungen und Fortbildungen garniert sind, bleiben kritische Nachfragen häufig aus und den präsentierten Daten wird vorbehaltlos Glauben geschenkt. Dass ein Arzt oder Pharmazeut, der ein gutes Verhältnis zu den teilweise psychologisch geschulten Pharmavertretern hat, dazu tendiert, deren Produkt zu verschreiben oder zu empfehlen, wurde in mehreren dazu durchgeführten Untersuchungen bestätigt.

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Negative Studiendaten müssen den Zulassungsbehörden nicht vorgelegt werden. Foto: 3desc - Fotolia

Das Schubladenproblem

Nehmen wir einmal an, mehrere Studien zeigen, dass ein Medikament ebenso wirksam ist wie die beste verfügbare Behandlung. Gemäß den Gesetzen der Statistik wird es einige Studien geben, die die Überlegenheit des neuen Arzneimittels gegenüber dem „Klassiker“ demonstrieren und einige, die das neue Produkt als unterlegen erscheinen lassen. Die kumulierten Versuchsdaten würden aufzeigen, dass die neue Substanz im Mittel ebenso gut wirkt wie das bereits zugelassene Mittel. Dass es bei negativen Ergebnissen keine Publikationspflicht gibt, machen sich pharmazeutische Unternehmen oft zunutze: Daten, die auf oder unter dem Mittelwert der besten verfügbaren Behandlung liegen, werden schlichtweg nicht veröffentlicht, sie müssen den Zulassungsbehörden nicht vorgelegt werden. Das Problem in der Veröffentlichungspraxis nennt man auch „Missing Data“ oder „Schubladenproblem“. Die verbliebenen Daten zeichnen in der Folge ein falsches Bild des Arzneistoffes ab, in dem er besser dargestellt wird, als er eigentlich ist. Dies kann auch unter Sicherheitsaspekten betrachtet ein großes Problem sein, dessen Auswirkungen an Fahrlässigkeit grenzen können.

Studienteilnehmer: jung und gesund

In der pharmazeutischen wie in der ärztlichen Ausbildung spielen Studiendesign und Statistik in klinischen Studien leider nur eine untergeordnete Rolle – obwohl es die wichtigsten Werkzeuge in der evidenzbasierten Medizin sind. Randomisierte, doppelblinde Studien mit ausreichend vielen Studienteilnehmern haben eine hohe Aussagekraft bezüglich der Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln, sofern sie akkurat durchgeführt und ausgewertet werden. Im gewählten Studiendesign liegt allerdings ein weiteres Problem: Um bessere Ergebnisse zu erhalten, werden beispielsweise nur bestimmte Personengruppen als Probanden oder Patienten gewählt. Diese sind zumeist ungefähr im gleichen Alter (z.B. möglichst jung) und sind häufig weitestgehend gesund (bis auf die zu untersuchende Erkrankung). Das hat mit der Realität aber wenig zu tun. Denn oft haben Ärzte multimorbide Patienten, die bereits andere Medikamente einnehmen, mit denen es zu unerwarteten Wechselwirkungen kommen könnte. Patienten in der Praxis können auch Alkoholiker, Raucher oder anderweitig Substanzabhängige sein oder sie können an Insuffizienzen verschiedener Organe leiden. Würde man die Medikamente an solchen Personen testen, wären sie in Studien vermutlich weniger effektiv oder die Behandlung kostenintensiver.

Enthusiastische Ergebnisdarstellung

Auch die Ergebnisdarstellung spielt eine große Rolle. Wenn die Daten selbst nicht zu beeindrucken vermögen, kann es der Text eines Papers oder eines Antrags umso mehr. Durch die Anwendung ungeeigneter statistischer Verfahren werden die Ergebnisse möglicherweise beschönigt und so dem Publikum präsentiert. Durch enthusiastische Beschreibungen oder die Vernachlässigung negativer Ergebnisse erscheint das Arzneimittel in einem anderen Licht. Damit wird dann auch über die eine oder andere Unzulänglichkeit im Studiendesign hinweggetröstet: Sei es,

• dass die untersuchten Gruppen zu klein waren, um seltene Nebenwirkungen zu erfassen,
• eine zu kurze Studiendauer,
• ein rechnerisches Ignorieren von Non- Compliance, also fehlender Therapietreue oder von „Ausscheidern“, also von Menschen, die aus bestimmten Gründen (Unverträglichkeiten, Bedenken, etc.) an der Studie nicht mehr teilnahmen,
• die Untersuchung der neuen Substanz gegen ein Placebo oder gegen ein veraltetes Medikament anstelle des Vergleichs mit der besten verfügbaren Behandlung.

Tatsächlich ist also Vorsicht geboten beim Umgang mit den von großen Pharmaunternehmen vorgelegten Studienergebnissen und ihrer begeisterten Darstellung. Doch angebracht ist an dieser Stelle eine gesunde und rationale Skepsis anstatt blinder, von Verschwörungstheorien befeuerter Angst.

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Pharmaunternehmen entwickeln Präparate, die Krankheiten heilen oder lindern – das sollte man nicht vergessen. Foto: .shock - Fotolia

Warum wir Big Pharma brauchen

Der Grund, warum wir Big Pharma dennoch brauchen, liegt auf der Hand: Weil die meisten Präparate, die von pharmazeutischen Unternehmen hervorgebracht werden, wirken – sie lindern Leiden oder retten Leben. Es gibt vermutlich nicht viele Altruisten auf dieser Welt, die allein das Wohl anderer Menschen im Sinn haben. So wie Ärzte mit der Behandlung kranker Menschen Geld verdienen, so möchten auch Mitarbeiter eines pharmazeutischen Unternehmens ihr Auskommen haben. Deshalb kann man weder von kleinen Firmen, noch von Pharmariesen mit mehreren zehntausend Mitarbeitern erwarten, dass sie pro bono arbeiten. Sie haben finanzielle Interessen, wie andere Unternehmen auch – doch müsste und könnte durchaus mehr Rücksicht auf die bereits erwähnten ethischen Implikationen genommen werden. Die Ansicht, dass Pharmaunternehmen an der Spitze einer Weltverschwörung stehen, deren Ziel die Bevölkerungskontrolle bei gleichzeitiger Profitmaximierung ist, ist jedoch nicht nur hanebüchen, sondern auch gefährlich. In den Labors von Firmen wie Bayer oder Novartis arbeiten Pharmazeuten und Chemiker, um Moleküle zu entdecken, die Menschen das Leben retten oder deren Krankheiten lindern können. Die Grundhaltung hinter einer solchen Arbeit ist eine humanistische, die sich schon dann lohnt, wenn nur ein Mensch dadurch eine signifikante Verbesserung seiner Lebensqualität erfährt. Der Grund dafür, dass die Lebenserwartung in den vergangenen Jahrhunderten beinahe sprunghaft angestiegen ist, liegt zwar vielfach in der Verbesserung hygienischer Verhältnisse – aber auch in besserer medizinischer Versorgung und Medikation. Vor einem solchen Hintergrund erscheint es überaus absurd, wenn sich Menschen von der evidenzbasierten medikamentösen Therapie abwenden und sich quacksalberischen und bestenfalls nutzlosen, im schlimmsten Falle gefährlichen, esoterischen Heilsversprechen verschreiben.

Pest und Cholera – früher Todesurteile

Eine der bedeutendsten Entwicklungen in der Geschichte der Medizin bzw. der Pharmazie war die Entdeckung der antibiotischen Wirksamkeit bestimmter Schimmelpilze, die von Bartolomeo Gosio, Ernest Duchesne und Alexander Fleming beschrieben wurde. Die Isolation der Wirkstoffe und die Erforschung weiterer antibiotischer Wirkmechanismen führten im 20. Jahrhundert dazu, dass zuvor fast immer tödlich verlaufende bakterielle Erkrankungen heute ihren Schrecken verloren haben. Das vielleicht beste Beispiel hierzu ist die Pest: Die hoch ansteckende Krankheit, die vom Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird und unbehandelt als Pestsepsis praktisch immer tödlich verläuft, war der Schrecken des Mittelalters. Mitte des 14. Jahrhunderts forderte eine Pestendemie ca. 25 Millionen Todesopfer innerhalb von fünf Jahren und löschte somit gut ein Drittel der europäischen Bevölkerung aus. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 starben weltweit noch 41 Menschen an der Pest. Wird eine Infektion mit Yersinia pestis rechtzeitig erkannt, ist sie gut behandelbar. Dasselbe gilt für andere bakterielle Infektionen, die vor der Entwicklung der Antibiotika als „Geißeln der Menschheit“ galten, wie Cholera, Diphtherie oder Syphilis. All das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht Pharmaunternehmen an der Entdeckung, Erforschung und Verbesserung der antibiotischen Wirkstoffe als Medikamente gearbeitet und darin investiert hätten, diese weltweit verfügbar zu machen. Auch Impfungen gehören zu den großen medizinisch- pharmazeutischen Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte. Krankheiten, die früher fast jede Familie um ihren Nachwuchs bangen ließen, treten heutzutage kaum mehr auf oder sind – wie die Kinderlähmung in Deutschland – ausgerottet.Es ist daher wichtig, den Quacksalbern und Scharlatanen dieser Welt, die verunsicherten Eltern oder Schwerkranken nichts außer Zuckerkügelchen oder Chlorbleiche bieten können, etwas entgegenzusetzen.

Linderung unheilbarer Krankheiten 

Ein Beispiel einer unheilbaren Krankheit ist Mukoviszidose. Bei der Erbkrankheit kommt es aufgrund eines Ionenkanaldefekts zu einem niedrigen Wassergehalt in Sekreten der Lunge, der Leber, der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) und des Dünndarms. In der Folge sind diese Sekrete sehr zähflüssig, was das Atmen erschwert, die Verdauung behindert (Darmobstruktionen) und bakterielle Infektionen oder Pilzbesiedelungen fördert. Erkrankte leiden daher häufig an Lungenentzündungen, chronischem Husten, Atemnot, Diabetes mellitus, Untergewicht, Leberzirrhose und Wachstumsstörungen. In den 1960er-Jahren lag die Lebenserwartung eines an Mukoviszidose erkrankten Menschen bei zehn Jahren – heute liegt sie bei ungefähr 40 Jahren. Auch hier haben die Mittel von „Big Pharma“ einen entscheidenden Beitrag geleistet: Antibiotika und Antimykotika dienen der Behandlung der wiederkehrenden Infekte. Wachstumshormone können Gedeihstörungen beheben. Schleimlösende Medikamente sind hilfreich bei Atemnotsymptomen. Die Gabe von Verdauungsenzymen trägt zur Gewichtsnormalisierung bei. DNasen befreien die Lunge von DNA-Fragmenten der neutrophilen Granulozyten und verbessern so die Selbstreinigung der Bronchien. Auch kommen in letzter Zeit vermehrt Arzneimittel auf den Markt, die auf die Ionenleitfähigkeit oder die Beschaffenheit des defekten Ionenkanals auf Protein- oder DNA-Ebene abzielen. Selbst wenn die Forschung allein von Universitäten gestemmt würde, so fehlten doch die Mittel, um solche Medikamente im großen Stil zu produzieren und zu vertreiben.

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Fortbildungen, die von Pharmafirmen veranstaltet werden, sollten von den Teilnehmern eingeordnet werden können. Foto: kasto - Fotolia

Was tun?

Big Pharma muss seine Weste wieder reinwaschen. Die Pharmaunternehmen müssen vertrauenswürdiger werden, damit Jim Humble und seine Mitstreiter sich bei der breiten Bevölkerung nicht als wirkliche Alternative etablieren können. Doch dafür müssen erst die Missstände behoben werden. Fast jede Bevölkerungsgruppe kann hierbei etwas tun: Studierende können auf Seminare verzichten, die von Pharmafirmen angeboten werden (oder sich mit diesen kritisch auseinandersetzen) und sich stattdessen selbstständig mit Evidenz und Statistik, mit Fachaufsätzen und -zeitschriften beschäftigen. Ärzte und Pharmazeuten können auf Besuche, Geschenke und Veranstaltungen von Pharmareferenten verzichten, wenn sie sich nicht darüber im Klaren sind, welchen Einfluss ein solch persönlicher Bezug auf ihre Entscheidungen ausübt. Patienten können ihre Ärzte und Apotheker nach deren Kontakten zu Pharmareferenten befragen. Weltweit sollte über eine einheitliche Restriktion der Publikumswerbung diskutiert werden. Und auch dem „Missing- Data“-Problem muss beigekommen werden: Bei klinischen Studien sollte es eine von Behörden und Ethikkomitees geforderte Verpflichtung geben, alle Ergebnisse zu publizieren und nichts zurückzuhalten. Um sicherzustellen, dass sich jeder eigenverantwortlich über Behandlungsrisiken und -chancen informieren kann (sofern das nötige Fachwissen vorhanden ist), muss der öffentliche Zugang gewährleistet werden. Das würde zudem einen ständigen Verbesserungsprozess in klinischen Studien durch Beurteilung von Fachkollegen ermöglichen. Vielleicht ist die Transparenzrichtlinie auf europäischer Ebene ein erster Schritt.

Kein Schwarz-Weiß-Denken!

Pharmafirmen versuchen, ihren fragwürdigen Ruf loszuwerden. So spenden viele Unternehmen und investieren in humanitäre und soziale Projekte. Auch Medikamentenspenden an Katastrophengebiete sind keine Seltenheit. Weiterhin steigern sich die Bemühungen, Arzneimittel auch in Entwicklungsländern zugänglich zu machen. Daneben haben sich Pharmaunternehmen, die nach eigenen Angaben rund 70 Prozent des deutschen Pharmamarktes repräsentieren, zum Verein „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e.V.“ (FSA) zusammengeschlossen und einen Transparenzkodex erarbeitet. Es ist also nicht alles nur schwarz-weiß und wir, als Verbraucher, als Studierende, als Apotheker und vielleicht sogar als spätere Angestellte in der pharmazeutischen Industrie, sollten davon Abstand nehmen, die Welt ohne Grautöne zu sehen. Big Pharma hat einige Probleme – aber wir brauchen sie.

Von Claudia Courts,
Pharmaziestudentin in Bonn