5. March 2015 Drucken Empfehlen
Internationales
Viel erlebt

Unser Wahlpflichtpraktikum in China

Das Pharmaziestudium vergeht wie im Flug – und so näherte sich auch das Wahlpflichtpraktikum. Zuweilen gibt es auch die Möglichkeit, dieses im Ausland zu absolvieren. Wie wäre es also mit einem Wahlpflichtpraktikum in China? Ja, wieso eigentlich nicht? Das dachten sich neben uns beiden noch sieben weitere Pharmaziestudierende aus Marburg – und so begannen wir mit der Planung.

Foto: Hong

Sehenswürdigkeit in Wuhan: Der Kranich-Turm. Foto: Hong

Da unser Fachbereich eine Kooperation mit dem Tongji Medical College in Wuhan (China) hat, lag es für uns nahe, unser Wahlpflichtpraktikum dort abzuleisten. Die Planungen begannen ungefähr ein Jahr vor Praktikumsbeginn. Nachdem wir einige grundsätzliche Voraussetzungen mit dem Dekanat abgesprochen hatten, klärten wir alles Weitere – den Zeitraum des Praktikums, die Zahl der Praktikumsteilnehmer, unsere Unterbringung – per E-Mail mit dem zuständigen Professor des Tongji Medical Colleges. Im weiteren Verlauf haben wir Flüge gebucht, Visa beantragt und Sponsoren zur Unterstützung gesucht. Die zwei Semester vergingen schnell und wir überlegten oft, was uns in China an der Universität erwarten wird und auf welches Abenteuer wir uns da überhaupt eingelassen haben. Einige Kommilitonen begannen damit, Chinesisch zu lernen, sich mit der Landeskunde zu beschäftigen oder das Fachenglisch aufzufrischen. Andere wiederum haben einfach alles auf sich zukommen lassen. Und bei allen war die Vorfreude groß!

 

Los geht`s!

Nach der Klausurenphase des sechsten Semesters blieb uns auch nicht mehr viel Zeit, um die Koffer zu packen. Denn es war August und der Flieger ging nach Beijing. Dort angekommen, waren anfangs Jetlag und neue Essensgewohnheiten ein Problem. Plötzlich war es üblich, nicht nur einmal warm zu essen, sondern drei Mal am Tag. Besonders das warme Frühstück, wie zum Beispiel die hot-dried noodles (übrigens eine Spezialität aus Wuhan), war zunächst gewöhnungsbedürftig. Messer und Gabel wurden dagegen schnell und problemlos durch Stäbchen ersetzt. Wir verbrachten einige Tage in Beijing und besichtigten wundervolle alte Tempel und Paläste. Durch die ganzen neuen Eindrücke verging die Zeit sehr schnell. Schon saßen wir im Schnellzug nach Wuhan in der Provinz Hubei, wo wir die nächsten drei Wochen das wissenschaftliche Arbeiten in verschiedenen chinesischen Laboren kennenlernen sollten. Nachdem uns eine Studentin am Bahnhof von Wuhan herzlich empfangen hat und wir gemeinsam mit dem zuständigen Professor zu Abend gegessen hatten, durften wir uns die Arbeitsgruppen aussuchen. Während sich die meisten Studierenden für eine Arbeitsgruppe aus dem Bereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) entschieden, wollten andere ihre praktischen Erfahrungen in den Fachbereichen Pharmaceutical, Cristallography und Biochemistry sammeln.

Während des Pharmaziestudiums sammelt man zwar viel Laborerfahrung – aber die Vorgehensweise der Arbeitskreise beim wissenschaftlichen Arbeiten ist einem als Student wenig bekannt. Durch das Wahlpflichtpraktikum, das meistens für die Semesterferien nach dem 7. Semester vorgesehen ist, lernt man wissenschaftliche Arbeitsweisen kennen und unterstützt den jeweiligen Arbeitskreis.

Im Labor

Foto: Hong

Das Pharmaziegebäude des Tongji Medical College in Wuhan. Foto: Hong

Die Arbeitsgruppen bestanden größtenteils aus Masterstudenten des Tongji Medical Colleges, die ihre eigenen Forschungsprojekte hatten und für die – im Gegensatz zu uns Pharmaziestudierenden aus Deutschland – in der Zeit kaum Vorlesungen vorgesehen waren. Während des Praktikums hatte jeder einen eigenen Supervisor, den wir bei seinen Versuchen unterstützen durften. Anfangs konnten sie noch nicht richtig einschätzen wie viel Vorwissen wir mitbringen. Die meisten Arbeitsabläufe und Geräte waren uns aber bereits aus dem Studium bekannt, wie beispielsweise die Durchführung von DCs (Dünnschichtchromatografien), HPLC (high performance liquid chromatography), SDS Page, Western Blot und PCR (polymerase chain reaction). Somit konnten wir im Labor auch gut mitarbeiten und haben teilweise sogar eigene Projekte durchgeführt.
In meiner Arbeitsgruppe, die im Bereich Pharmaceutical arbeitet, durfte ich viel im Zellkultur-Labor über die Schulter schauen. Das kannte ich aus dem Studium bisher noch nicht. Außerdem wurde viel pipettiert und Verdünnungsreihen hergestellt, um zu testen, ob die Aktivität des Enzyms CYP2C9, das zu den Cytochrom-P-450-Enzymen gehört, durch die Zugabe bestimmter neuer Inhibitoren gehemmt werden kann. Um herauszufinden, wie stark die Inhibitoren CYP2C9 hemmen, wurde Tolbutamid als Substrat eingesetzt – das über CYP2C9 metabolisiert wird. Die Endkonzentration des metabolisierten Substrats wurde mittels HPLC-Massenspektrometrie gemessen. So konnte auf die inhibitorische Wirkung der Testmoleküle geschlossen werden. Nicht nur die praktischen Tätigkeiten waren spannend, sondern auch das unterschiedliche Verhalten im Labor: Während des Studiums hierzulande lernen wir den richtigen Umgang mit Laborhandschuhen, Schutzbrillen und Co. Absetzen der Schutzbrille oder Berühren von Türklinken mit Laborhandschuhe kann schnell zum Laborausschluss führen. Aber in Wuhan haben lange nicht alle einen Kittel während der Versuche getragen, die meisten trugen sogar Kleider oder offene Schuhe. Chemikalienhandschuhe wurden kaum verwendet.

K(l)eine Sprachbarriere

Die meisten chinesischen Studierenden hatten noch nie Kontakt zu Europäern, sodass wir viel Gesprächsstoff hatten und Erfahrungen austauschen konnten. Durch die angenehme Atmosphäre im Labor war es schnell möglich, neue Freundschaften zu knüpfen. Große Sprachbarrieren bestanden meistens nicht, da aus den Arbeitsgruppen mindestens ein bis zwei Leute gut Englisch sprachen. Mit der Zeit merkten wir, dass immer mehr Studierende aus Wuhan Lust hatten, sich auf Englisch zu unterhalten. So kam es dazu, dass die wöchentlichen Meetings komplett auf Englisch abgehalten wurden und nun zwei Mal pro Woche ein freiwilliger Englischkurs für die Masterstudenten stattfindet.

Abwechslungsreicher Alltag

Schnell gewöhnten wir uns an das Praktikum in Wuhan. Morgens gab es z.B. Nudeln, Reis oder Teigtaschen und auch mal süßes Brot aus einer Bäckerei zum Frühstück. Laborzeit war meist von 9 bis 18 Uhr. In der Mittagspause haben die meisten Assistenten im Aufenthaltsraum oder im Wohnheim einen Mittagsschlaf gemacht. Wir waren oft in der Mensa, in der wir für umgerechnet ungefähr einen Euro sehr gut gegessen haben. Nach einem anstrengenden Labortag haben wir dennoch jeden Abend etwas mit verschiedenen Arbeitsgruppen unternommen: Wir waren oft zusammen essen, einkaufen, Karaoke singen, Tischtennis bzw. Badminton spielen und haben Sightseeing in Wuhan gemacht. Die chinesischen Studierenden hatten stets großes Interesse daran, etwas mit uns zu unternehmen, uns durch die Stadt zu führen und mehr über das Leben in Deutschland zu erfahren.

Foto: Hong

Auf der Arzneipflanzenexkursion im Lu Shan Gebirge. Foto: Hong

TCM live

In der Zeit haben wir zudem die Chance bekommen, an einer einwöchigen Arzneipflanzenexkursion im Lu Shan Gebirge teilzunehmen. Die Pharmaziestudierenden aus Wuhan absolvieren diese in ihrem dritten Studienjahr. Jeden Tag fanden lange Wanderungen statt und wir konnten viele Arzneipflanzen auf den Wegen und im botanischen Garten anschauen. Einige kannten wir bereits aus dem Systematik-Praktikum, doch es war auch eine große Anzahl neuer Pflanzen dabei. Die Aussicht auf den Wanderungen im Gebirge war sehr beeindruckend. Insgesamt war es eine anstrengende Exkursion – die sich aber auf jeden Fall gelohnt hat. Nach dem Praktikum waren wir noch zehn Tage in Shanghai und Hongkong unterwegs, bevor es wieder nach Deutschland ging. Denn das Wintersemester stand vor der Tür!

Top Gelegenheit!

Wer bisher noch keine Auslandserfahrung sammeln konnte oder wem ein Auslandssemester zu lang erscheint, der kann die Gelegenheit des Wahlpflichtpraktikums nutzen, um drei Wochen an einer Universität im Ausland zu verbringen. Dies lässt sich in den Semesterferien gut mit weiteren Reisen und dem Sommerurlaub verbinden. Trotz der relativ kurzen Zeit war es möglich, einen guten Einblick in das Leben und Arbeiten in einem anderen Land zu gewinnen sowie Land und Leute kennenzulernen. Es war eine tolle Erfahrung während des Studiums, welche wir nicht missen wollen und jedem wärmstens empfehlen können.

Von Jennifer Hong und Julia Schüer,
Pharmaziestudentinnen in Marburg

Danksagung

Hiermit möchten wir uns noch herzlich beim Noweda Förderverein „Verein zur Förderung der Pharmaziestudierenden und des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland e.V.“ für das Sponsoring bedanken, der mit seiner Hilfe dazu beigetragen hat, dieses Projekt zu verwirklichen.