Üben für den Ernstfall
Foto: Martin Augsburger
5. March 2015 Drucken Empfehlen
Allgemein
Outdoor-Seminar in Oberbayern

Üben für den Ernstfall

Wir stehen direkt vor einer großen Kuhweide. Links von uns grasen eine Handvoll Kühe. Der Kompass in meiner Hand sagt mir, dass wir die Weide überqueren müssen, um auf unserer vorgeschriebenen Route zu bleiben. „Sollen wir da jetzt echt durch?“, fragt eine. „Ich habe gehört, dass Kühe echt aggressiv sein können!“, sagt ein anderer. „Ich geh da nicht lang. Wir können uns ja aufteilen: Zwei gehen querfeldein, der Rest geht außenherum“, schlägt die nächste vor. Ich frage mich, ob ich die Gruppe vielleicht falsch navigiert habe und gucke hilfesuchend in die Runde.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Wochenendseminar in Oberbayern. Das Seminar „Grundlagen der humanitären Arbeit Teil eins“ der Hilfsorganisationen LandsAid e.V. und Apotheker helfen e.V. ist eine Einführung für angehende Einsatzkräfte, in dem man lernt, was zu einem Hilfseinsatz alles so dazugehört. Gerade wir als Pharmazeuten sind mit unserem fachlichen Know- How geradezu prädestiniert, um im Team mit Ärzten, Logistikern und Co. basismedizinische Notfallhilfe zu leisten. Sicher hat der eine oder andere bereits darüber nachgedacht, wenn Szenen über den heimischen Bildschirm flimmern, in denen Helfer nach einer Katastrophe in unermüdlichem Einsatz ihr Bestes geben. Aber was es alles zu beachten gilt, um adäquat zu helfen und ob man das auch könnte, weiß man in diesen Momenten nicht. Das lässt sich mit dem Seminar, das aus theoretischen Lehreinheiten, Workshops und praktischen Übungen besteht, ändern.

Foto: Martin Augsburger

Erstes Hindernis bei der praktischen Orientierungseinheit: Eine Kuhweide … Foto: Martin Augsburger

Orientierung im Gelände

Wir sind dann übrigens geschlossen über die Kuhweide gegangen. Und haben einen Bach überquert, sind durch dichtes Gestrüpp, Unterholz und quer durch einen Nadelwald gegangen, immer in die Richtung, in die die Kompassnadel zeigte. Schließlich haben wir unseren angepeilten Checkpoint erreicht – und waren stolz! Mit dem zuvor in der Theorie erlernten Wissen – wie arbeitet man mit Karte und Kompass, wie funktioniert das Funken – und mittels Schritte zählen, um zu wissen, wie viele Meter wir bereits gelaufen sind, haben wir einen uns unbekannten Weg gemeistert! Das hat nicht nur das Selbstvertrauen der Orientierungslosen und Navi-liebenden Teilnehmer gestärkt, sondern war auch eine tolle Team-Erfahrung. Jeder hat auf den anderen geachtet, Entscheidungen wurden in der Gruppe gefällt und klar kommuniziert.

Was wäre wenn?

Was für uns eine spaßige Erfahrung und auch ein Abenteuer war, kann in der Realität in einem fremden Land zum Ernstfall werden. Zwar wird vor einem Einsatz alles organisiert, dazu gehört auch, dass ein einheimischer Fahrer die Helfer von A nach B bringt. Aber mal angenommen, das Einsatz gebiet ist fernab einer größeren Stadt und es müssen weite Wege auf Schotterpisten gefahren werden, um von der Unterkunft zum Hilfscamp zu gelangen. Ein Hindernis oder eine Panne behindert die Weiterfahrt. Kein Handyempfang, kein Mensch weit und breit, nur eine Karte, ein Kompass und ein Funkgerät im Handschuhfach. Dann sollte man sich nicht nur eventueller Gefahren – beispielsweise ausgehend von Minen – bewusst sein, sondern auch mit Karte, Kompass und Co. umgehen können, um sicher zur Basisstation zu gelangen. Im Regelfall wird das Szenario zwar nicht vorkommen – nichtsdestotrotz sollte man gerüstet sein. Das gab Jochen Schuppener, unser Seminarleiter, zu bedenken, bevor wir zu unserer praktischen Orientierungseinheit aufbrachen. Klar waren wir nur in Oberbayern unterwegs und hatten auch einen Mitarbeiter von LandsAid dabei, der eingegriffen hätte, wenn wir komplett in die falsche Richtung gelaufen wären. Dennoch blitzte sicher nicht nur bei mir von Zeit zu Zeit der Gedanke auf: „Was wäre, wenn wir jetzt in einem Katastrophengebiet wären? Wenn unser Leben davon abhinge, den richtigen Weg zu finden?“ In diesem Sinne auch eine eindrückliche und lehrreiche Erfahrung.

Foto: Martin Augsburger

… aber dann hatten wir den Dreh raus! Foto: Martin Augsburger

Errichten des Camps

Das Seminar fand – nach einer kurzen Einführungsrunde im LandsAid-Büro in Kaufering – komplett im Freien statt. Auf der Hinfahrt zum Zeltplatz lernten wir gleich unsere erste Lektion für einen Hilfseinsatz: Nicht alles funktioniert so, wie es ursprünglich geplant war. Denn wir sind geschlossen in die falsche Bahn gestiegen. Mit kleiner Verspätung und einem Augenzwinkern kamen wir aber wohlbehalten an. Erste Lektion gelernt, erste Aufgabe – gute Kommunikation im Team, keiner fehlte – gemeistert. Auch das Errichten des Camps (Schlafzelte, Küchenzelt und Seminarzelt aufbauen und einrichten, Beleuchtung anschließen, …), die gemeinsamen Stunden während des Seminars, die Gespräche beim Essen, am Lagerfeuer und zwischendurch stärkten das Gemeinschaftsgefühl – schnell waren wir ein Team. Zudem lernten wir, was es alles zu beachten gilt, um ein Camp strukturiert und durchdacht aufzubauen.

Wichtig: Kommunikation und Respekt

Im Hilfseinsatz fragt sich der eine: „Warum schreibt und kontrolliert der immer Listen, anstatt bei der Versorgung der Patienten mitzuhelfen?“ „Warum macht die den einen Arbeitsschritt immer so umständlich und kompliziert? Viel besser wäre es doch, wenn … “, denkt der andere. „Warum arbeitet er nicht einfach mit, sondern denkt sich immer neue `Lösungen´ aus, die eh nie funktionieren?“, ärgert sich die nächste. Die Arbeit in einem in der Regel unbekannten Team birgt so manchen Zündstoff. Auch wenn sich jemand von Zeit zu Zeit über den anderen ärgert: Man sollte sich stets bewusst machen, dass jedes Teammitglied seine Stärken (und Schwächen) hat und diese wertvoll für die Gruppe sind, schärft Schuppener uns ein. Wenn ein Prozess optimiert werden muss, dann braucht es den Kreativen: Er bringt Ideen und Lösungsvorschläge ein, wie das Problem behoben werden kann. Doch was bringen alle Ideen, wenn sie nicht jemand auf Praxistauglichkeit prüft, und das Organisationstalent im Team alles Nötige in die Wege leitet? Daneben gibt es Menschen, die gerne umsetzen oder überwachen und dafür sorgen, dass alles reibungslos funktioniert. Auch die Empathischen, die auf andere besonders achtgeben, bereichern die Gruppe ungemein. Nur ein gut funktionierendes Team, in dem sich die Helfer wohl fühlen, kann die Arbeit bestmöglich meistern und den Menschen vor Ort wirklich helfen. Daher ist gegenseitiger Respekt und Verständnis unabdingbar – und das nicht nur bei der Arbeit, sondern auch nach Feierabend. Denn während der eine vielleicht am Ende eines langen Tages lieber alleine sein möchte, zieht es den anderen zur Entspannung in die große, laute Runde. Das sollte akzeptiert werden.

Kulturelle Aspekte beachten

Aber nicht nur der Respekt innerhalb der Gruppe ist wichtig, sondern auch vor den Menschen und Regeln des jeweiligen Projektlandes. Daher sollte man sich vorab mit den dortigen Gegebenheiten vertraut machen und diese beachten. Das gehört nicht nur zum guten Ton, sondern kann auch die Arbeit und Kommunikation im Einsatzgebiet vereinfachen: Helfer und Notleidender fühlen sich wohler, da der Helfer nicht in kulturelle Fettnäpfchen tritt und der Betroffene besser Vertrauen fassen kann. Neben der fachlichen Kompetenz gibt es also eine Vielzahl an praktischen und sozialen Aspekten, die bedacht werden sollten, damit der Hilfseinsatz gelingt.

LandsAid e.V. 

Der Verein LandsAid e.V. ist eine gemeinnützige humanitäre Nichtregierungsorganisation (NGO) mit Sitz im bayerischen Kaufering. Ziel ist es, Menschen, die durch Katastrophen jedweder Art in Not geraten sind, schnell und professionell zu helfen. Die humanitäre Nothilfe ist punktuell und zeitlich begrenzt – trotzdem wird im Rahmen der Möglichkeiten versucht, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und den Betroffenen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. LandsAid engagiert sich in drei Bereichen:
• Schnelle notfallmedizinische Hilfe im Katastrophenfall
• Projektarbeiten, hauptsächlich in den Bereichen Basismedizin und Ernährung
• Ausbildung von Einsatzkräften, zur Orientierung bzw. zum Einstieg in die humanitäre Arbeit. Die Ausbildung ist offen für alle Interessierten und nicht zwingend mit einem Einsatz für LandsAid verbunden. Nicht nur Helfer mit medizinischem Hintergrund sind willkommen. Das nächste Seminar findet vom 24. bis 26. April 2015 statt.

Mehr zu der Hilfsorganisation LandsAid findet ihr auf www.landsaid.org.

Die mobile Klinik

Über die Rolle des Apothekers in einer mobilen Klinik sprach Apothekerin Nina Ehrle und brachte uns die praktische Umsetzung der pharmazeutischen Tätigkeiten in der humanitären Hilfe näher. Man müsse sich im Klaren sein, dass im Projektland einfachere Arbeitsbedingungen herrschen, so Ehrle. Das betrifft zum einen die räumliche Ausstattung – Tische und Stühle in einem Zelt oder im Freien – zum anderen die Lagerung der Arzneimittel: Diese werden lose in großen Gefäßen als sogenannte Bulkware gelagert. Helfer füllen daraus die Tabletten für die Patienten in kleine Tütchen ab. Das alles geschieht auf engem Raum, mitunter in großer Hitze, umgeben von vielen Patienten. Je nach Größe des Hilfseinsatzes teilen sich Ärzte und Apotheker ein Zelt. Die Medikamente verbleiben am Ende des Arbeitstages nicht in der mobilen Klinik, sondern werden sicher verschlossen bei den restlichen Arzneimittelvorräten in der Unterkunft aufbewahrt.

Foto: Martin Augsburger

Wie ein humanitärer Einsatz abläuft und worauf es ankommt, wurde uns in theoretischen Lehreinheiten und Workshops eindrücklich vermittelt. Foto: Martin Augsburger

Auswahl an Essential Drugs

Auch die Auswahl der Arzneimittel ist stark eingeschränkt. Nur die unentbehrlichen Basismedikamente (sogenannte Essential Drugs) sind verfügbar. Listen gibt es von der Weltgesundheitsorganisation WHO und von Ärzte ohne Grenzen – aber auch die Länder stellen nationale Arzneimittellisten zur Verfügung. Mit den Essential Drugs ist der Großteil der Krankheiten behandelbar, sie befinden sich jahrelang auf dem Markt, sind also erprobt und sicher. Zudem sind sie weltweit verfügbar und im Projektland zugelassen. Das ist zum einen wichtig, weil auch während einem Katastrophenfall die gesetzlichen Vorschriften des jeweiligen Landes beachtet werden müssen. Zum anderen, weil die Patienten dann auch nach Ende eines längerfristigen Hilfseinsatzes ihre Medikation beibehalten können. Es wird jedoch nicht die volle Bandbreite der Essential Drugs mitgenommen. Die Auswahl orientiert sich stets an dem ermittelten Bedarf im jeweiligen Projektland, ist also abhängig von lokalen Besonderheiten bezüglich der Erkrankungen sowie von Art und Ausmaß der Katastrophe. Zur basismedizinischen Versorgung werden sogenannte Emergency Health Kits per Luftfracht in das Einsatzgebiet gebracht. Ein Kit enthält Arznei- und Hilfsmittel, mit denen 10.000 Menschen für drei Monate versorgt werden können. Darin enthalten sind unter anderem Schmerzmittel, Antibiotika, Verbandsmaterialien, Infusionslösungen und Wasserentkeimungstabletten. Manchmal ist das erste ausreisende Einsatzteam allerdings noch vor dem Kit im Projektland. Für diesen Fall haben Apotheker helfen und LandsAid ein Mini-Kit – bestehend aus vier großen Alukisten – mit den wichtigsten Medikamenten zur Erstversorgung zusammengestellt. Dieses kann als Gepäck im Flugzeug aufgegeben werden. Im Anschluss kann das reguläre Emergency Health Kit zum Einsatz kommen oder die notwendigen Medikamente werden vor Ort nachgekauft.

Fachlich gut vorbereiten!

Ratsam ist es, sich vor dem Einsatz über die gängigsten Krankheiten und die jeweiligen Therapien zu informieren. Letzteres sollte mit Blick auf die verfügbaren Arzneimittel im Einsatz geschehen. Aber nicht nur mit den Therapieoptionen bei Fieber, Durchfall, bakteriellen Infektionen und Co. sollte man sich beschäftigen, sondern auch mit der jeweiligen Dosierung. Während einige Ärzte alles ganz genau aufschreiben, notieren andere laut Ehrle lediglich die Diagnose und den Wirkstoff und legen die Dosierung vertrauensvoll in die Hände des Apothekers, der diese gemäß Fachinformation ergänzt und die entsprechende Anzahl der Tabletten ausgibt. Natürlich kann man nicht bei jedem Präparat die Dosierung – zumeist abhängig von Indikation und/oder Körpergewicht – wissen. Um aber keinen Stau vor dem Apothekenzelt zu verursachen, ist es schon hilfreich, die gängigsten Erkrankungen und Therapieregimes zu kennen. Zumal der Apotheker wie auch hierzulande in der Apotheke eine Kontrollfunktion wahrnimmt und im Sinne der Arzneimitteltherapiesicherheit mögliche Fehler, sei es ein für die Indikation unwirksames Arzneimittel oder eine falsche Dosierung, entdecken und dies entsprechend nach Rücksprache mit dem Arzt korrigieren soll. Eine gute Vorbereitung ist also von Vorteil!

Regeln beachten 

Bei einer großen Katastrophe sind in der Regel viele Hilfsorganisationen vor Ort, mit denen sich der Projektleiter im Idealfall absprechen sollte. Auch muss er die Gesetze von übergeordneten Instanzen, beispielsweise von der nationalen Regierung des Einsatzlandes, oder die Regeln der WHO beachten. Somit ist man als Helfer nicht nur an die Weisungen des Projektleiters gebunden, sondern auch an die übergeordneten Instanzen.

Health Card: Akte und Rezept in einem

Hierzulande wird beim ersten Arztbesuch eine Patientenakte angelegt, in der Angaben zur Person, zur medizinischen Vorgeschichte und zur aktuellen Medikation erfasst werden. Nach Untersuchung und Anamnese notiert der Arzt Diagnosen, verordnete Arzneimittel und stellt ein Rezept aus, das in der Apotheke eingelöst wird. In einem Katastropheneinsatz läuft es im Prinzip ähnlich: Jeder Patient erhält eine sogenannte Health Card, auf der alle nötigen Informationen, sofern sie ermittelbar sind, vermerkt werden: Name, Alter, Geschlecht, Gewicht, medizinische Vorgeschichte und Allergien. Bei Kindern wird zusätzlich der Impfstatus erfasst, bei Frauen unter anderem, ob sie schwanger sind oder stillen. Wie umfangreich die Datenerfassung ist, hängt unter anderem davon ab, welchen Wissensstand der Betroffene hat, wie gut die Kommunikation klappt und nicht zuletzt auch davon, inwieweit der Patient den Einsatzkräften vertraut. Von Vorteil kann es sein, wenn lokale Helfer oder vertrauenswürdige Bewohner aus dem Dorf dabei sind, um zu übersetzen, sofern der Patient nicht Englisch und der Helfer nicht die Landessprache spricht. Der Arzt schreibt die Diagnose und die Medikation auf die Health Card, die der Patient mitbekommt (und bei erneuter Vorstellung parat haben sollte). Diagnosen und Patientenzahlen dokumentiert der Arzt zudem separat, beispielsweise mittels Strichliste, um diese der WHO zu melden. Die Health Card dient dem Patienten zugleich als Rezept. In der Apotheke werden die benötigten Mittel in kleine Plastiktütchen gefüllt, auf denen folgende Angaben notiert werden sollen:

• Name des Patienten
• Abgabedatum
• Wirkstoffname und -stärke
• Anzahl der abgegebenen Tabletten
• Chargennummer
• Verfalldatum
• Dosierung
• Gesundheitseinrichtung

Wenn ein Pulver verordnet wird, das vor Anwendung in Lösung bzw. Suspension gebracht werden muss (z.B. Elektrolytlösung bei Durchfall, Antibiotikasaft bei Kleinkindern), dann wird es von den Einsatzkräften gebrauchsfertig zubereitet. Die abgegebenen Arzneimittel werden auf der Health Card dokumentiert.

Kreativ mit Piktogrammen

Foto: Martin Augsburger

Der richtige Umgang mit Karte, Kompass und Funkgerät will gelernt sein. Foto: Martin Augsburger

Wenn hierzulande auf einem Rezept neben den üblichen Informationen zum Präparat die Angabe 1–0–1 gemacht wird, dann ist den Patienten in der Regel bekannt, dass eine Tablette morgens und eine abends eingenommen werden soll. Doch in anderen Ländern gibt es andere Terminologien und die Menschen können unter Umständen nichts mit der Anweisung anfangen. Hier gilt es, sich nach den lokalen Gegebenheiten zu erkundigen! Die Einnahmehinweise in landestypischer Angabe nützen allerdings nichts, wenn der Patient nicht lesen kann. Deswegen kann die Dosierung als Piktogramm angegeben werden. Besonders wenn ein Patient mehrere Arzneimittel verschrieben bekommt oder eine Mutter für ihre Kinder unterschiedliche Mittel erhält, kann es zu Verunsicherung oder Verwechslung kommen. Um dem vorzubeugen und die Compliance zu fördern, ist auf dem Tütchen ein Mensch abgebildet: Mit diesem können Indikationen (z.B. Kopfschmerz, Husten) durch Ankreuzen des jeweiligen Körperteils lokalisiert werden. Zudem kann das Männchen individualisiert werden und typische Merkmale, z.B. lange bzw. kurze Haare (Mädchen/Junge) eingezeichnet werden. Mit der Beschriftung des Tütchens ist die Abgabe natürlich noch lange nicht beendet: Man muss dem Patienten die Einnahme auch bestmöglich erklären und weitere Hinweise geben. Sprechen die Patienten kein Englisch und der Helfer nicht die Landessprache, können lokale Übersetzer eine wertvolle Hilfe sein. Generell gilt: Die Einnahme lieber einmal mehr erklären und sich die Angaben wiederholen lassen, um sicherzugehen, dass alles richtig verstanden wurde.

Die Zeit läuft

Bei der schnellen notfallmedizinischen Hilfe im Katastrophenfall dauern die Einsätze maximal nur so lange, bis die lokale medizinische Versorgung wieder funktioniert. Generell werden nur akute Erkrankungen behandelt, beispielsweise Wunden, Durchfall oder Infektionen. Denn wenn auch chronische Erkrankungen, beispielsweise Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz, die nicht unmittelbar lebensbedrohlich sind und zu einem späteren Zeitpunkt von lokalen Ärzten behandelt werden können, im Einsatz mitbehandelt werden würden, so würde das Zeit kosten. Zeit, die den Helfern für Patienten mit akuten Erkrankungen fehlt und denen rasch mit einfachen Mitteln geholfen werden kann. Und man sollte nicht vergessen, dass der Ansturm – und die Not – nach einer Katastrophe groß sind.

Das Beste geben

Natürlich gibt es auch Erkrankungen, die schwerwiegend und/oder lebensbedrohlich sind und nicht behandelt werden können, weil die nötigen Mittel oder die Ausstattung fehlen. Manchmal können Patienten an spezialisierte Hilfsorganisationen oder an lokale Krankenhäuser verwiesen werden. Manchmal muss man die Patienten aber auch unbehandelt wegschicken, in dem Bewusstsein, dass sie sterben könnten, macht Schuppener deutlich. „Aber da muss es doch eine Lösung geben!“, kommt es aus den Reihen der Seminarteilnehmer, denn jedes Menschenleben zählt doch! Schuppener bekräftigte, dass man selbstverständlich sein Bestes geben und Probleme im Team besprechen und versuchen sollte, diese zu lösen (z.B. Kontakte zu lokalen Anlaufstellen knüpfen). Man müsse sich jedoch bewusst machen, dass man nicht jedem helfen kann. Und wenn man nun doch mit allen Mitteln versuchen würde, diesem einen Menschen zu helfen, dann würde das zulasten anderer Patienten gehen. Am Ende des Seminars schaute ich in manch nachdenkliches Gesicht. Trotz aller Logik und Nachvollziehbarkeit, dass in schwierigen Zeiten möglichst vielen Menschen in kurzer Zeit zu helfen das oberste Gebot ist, so muss sich doch jeder die Frage beantworten, ob er damit umgehen könnte.

Apotheker helfen e.V.

Apotheker helfen e.V. ist eine von Apothekern getragene, gemeinnützige Nichtregierungsorganisation (NGO) mit Sitz in München. Die Arbeit von Apotheker helfen verfolgt das Ziel, die Gesundheitsversorgung von hilfsbedürftigen Menschen zu verbessern. Dafür fördert der Verein weltweit Gesundheitsprojekte und stellt Arzneimittel und medizinische Hilfsgüter bedarfsgerecht und unter Berücksichtigung von international gültigen Qualitätsstandards zur Verfügung. Um die Gesundheitsversorgung der Betroffenen nachhaltig zu verbessern, wird pharmazeutisches Fachwissen und Wissen zum Aufbau medizinischer Infrastruktur vermittelt.

Mehr zu der Hilfsorganisation Apotheker helfen e.V. findet ihr auf www.apotheker-helfen.de.

Tolle Erfahrung

Im Seminar wurde eindrücklich vermittelt, dass Helfen aus mehr als nur fachlicher Kompetenz besteht. Auch soziale Aspekte, wie das kulturelle Verständnis und die Kommunikation innerhalb und außerhalb des Teams, spielen eine große Rolle. Wer sich grundsätzlich vorstellen kann, einen humanitären Hilfseinsatz zu begleiten, der sollte seine Motivation ergründen. Wer nur aus seinem Alltagstrott raus und andere Länder kennenlernen möchte, dem ist mit einer Urlaubsreise sicher mehr gedient. Denn ein Hilfseinsatz ist zweifellos persönlich sehr bereichernd, kann aber auch physisch wie psychisch sehr belastend sein: Man sieht Menschen, die alles verloren haben – Familie, Freunde, Hab und Gut. Im Team können Konflikte auftreten. Das alles passiert in einem fremden Land mit anderer Kultur, anderem Klima und hoher Arbeitsbelastung.

Dank der theoretischen und praktischen Seminarinhalte kann ich mir nun vorstellen, wie ein Hilfseinsatz abläuft, worauf es ankommt und was es zu beachten gibt. Dadurch, dass das Seminar im Freien stattfand, lernten wir ein Camp aufzubauen, uns im fremden Gelände zu orientieren und auch wie es ist, mit den unterschiedlichsten Charakteren zusammenzuarbeiten. Das „erlebte Wissen“ ergänzte die theoretischen Einheiten optimal. Es gibt noch ein zweites Seminar, das auf den Inhalten des ersten Outdoor-Seminares aufbaut. Ich habe das Gefühl, dass sich der Großteil der Seminarteilnehmer dort wiedersehen wird.

Von Annette Lüdecke,
Apothekerin und Volontärin in Stuttgart