Ringen um das Institut für Pharmazie
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28. September 2015 Drucken Empfehlen
Studium
Studieren in Leipzig

Ringen um das Institut für Pharmazie

Der Pharmaziestudiengang an der Universität Leipzig ist schon seit Längerem von der Schließung bedroht. Das Institut hält mit aller Kraft dagegen. Doch was steckt eigentlich hinter dieser Misere? Zwei Pharmaziestudentinnen aus Leipzig klären auf.

Das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst teilte im November 2011 der Universität Leipzig mit, dass im Rahmen des Hochschulentwicklungsplans bis zum Jahr 2020 insgesamt 172 Stellen einzusparen sind. Davon sollten noch im selben Jahr 48 Stellen von der Uni benannt werden. Aufgrund der Autonomie der Hochschulen Deutschlands oblag dem Leipziger Rektorat die Entscheidung, an welchen Stellen gespart werden soll. Ohne vorherige Absprache mit der Fakultät oder dem Institut gab das Rektorat im Dezember 2011 bekannt, dass das Institut für Pharmazie 21 Stellen abbauen soll. Der Haken daran: Das Leipziger Institut gehört zu den kleinsten in ganz Deutschland – und hat nur 21 Mitarbeiter.

Foto: Lisa Bellstedt

Den Großteil des Hauptstudiums verbringt man im Leipziger Osten. Hier befinden sich die Pharmazeutische Technologie und die Klinische Pharmazie unter einem Dach. Foto: Lisa Bellstedt

Status quo

Obwohl mit dem Wegfall von 21 Mitarbeitern eigentlich die Schließung des Leipziger Institutes besiegelt wurde, werden seitdem weiterhin zum Wintersemester Pharmaziestudierende neu immatrikuliert. Nachdem das Rektorat die zu streichenden Stellen Ende 2011 benannte, stimmte die amtierende Wissenschaftsministerin, Prof. Dr. Sabine von Schorlemer (parteilos) dem Plan der Universität zu. Die damalige Sächsische Sozialministerin Christine Clauß (CDU) legte jedoch ihr Veto gegen die Schließung ein. Das ist möglich, da die Apotheker einen Teil der gesundheitlichen Versorgung der sächsischen Bürger gewährleisten und das Sozialministerium diese Versorgung sicherstellen muss. Auch nachdem sich 2014 eine neue Regierung in Sachsen formierte, hielt die neue Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) den Einspruch aufrecht. Das Damoklesschwert der Schließung schwebt aber weiter über der Leipziger Pharmazie. Von fünf Professuren sind derzeit nur zwei besetzt. Zwei Professoren verabschiedeten sich in ihren wohlverdienten Ruhestand, einer folgte seinem Ruf nach Berlin. Die entsprechenden Berufungsverfahren für die offenen Professuren sind seit 2011 vom Rektorat auf Eis gelegt. Personelle Lücken werden durch Mehrbelastung der Mitarbeiter beziehungsweise mit Gastprofessuren oder im Rahmen von inner- und außeruniversitären Kooperationen, beispielsweise mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, aufgefangen.

Gute Lehre trotz Rotstift

Foto: Lisa Bellstedt

Ein Blick in eine Vorlesung des 6. Semesters zeigt, dass es in Leipzig nicht an Platz mangelt. Anonymität ist ein einer so kleinen Runde nicht möglich – hier kennt jeder jeden. Foto: Lisa Bellstedt

Als Studierender an einem anderen Institut fragt man sich sicher, ob ein geregelter Ablauf des Studiums unter diesen Bedingungen überhaupt möglich ist. Diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten. Seit Beginn der Kürzungsdebatte haben die Studierenden keinerlei negative Auswirkungen bezüglich der Qualität der Lehre festgestellt. Unsere Lehrveranstaltungen finden wie in der Approbationsordnung vorgeschrieben statt. Sogar Zusatzangebote, wie Forschungspratika in den verschiedenen Fachbereichen oder das Beratungstraining in einer Übungsapotheke werden angeboten. Dieser Umstand ist dem Einsatz aller Mitarbeiter am Institut zu verdanken. Nur durch deren Engagement können die Folgen der Schließungsdebatte abgewehrt werden. Trotz der angespannten personellen Situation haben die Dozenten jederzeit ein offenes Ohr für Probleme jeglicher Art und unterstützen aktiv die Entwicklung der Studierenden. In Leipzig ist man definitiv nicht nur eine Matrikelnummer.
Der Großteil der Studierenden beendet das Studium in der Regelstudienzeit. Es gibt ausreichend Laborplätze und der Umgang miteinander ist harmonisch. Zudem unterstützen sich die Semester untereinander: Patenschaften zwischen dem ersten und dritten Semester sind beispielsweise eine langjährige Tradition. All das beeinflusst die Lernbereitschaft des Einzelnen sehr positiv.

Meine Meinung
Obwohl die Schließungsdebatte Ende 2011 begann, entschied ich mich nach meinem Abitur im Jahr 2012 bewusst dafür, in Leipzig Pharmazie zu studieren. Mich überzeugten die familiäre Atmosphäre und die persönliche Betreuung. Ich bin ziemlich enttäuscht über die negative und ablehnende Haltung des Rektorats bezüglich der Pharmazie und über dessen Arbeit hinter verschlossenen Türen. Das Rektorat hat sich in den letzten drei Jahren konsequent geweigert, sich für den Erhalt der Pharmazie durch eine gemeinsame Kompromisssuche mit allen Beteiligten einzusetzen.
Lisa Bellstedt

Kooperation mit Uni Halle?

Sowohl Rektorat als auch Politik haben eine Kooperation mit dem Institut für Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als Lösung ins Gespräch gebracht. Leider verlaufen derartige Gespräche prinzipiell hinter verschlossenen Türen, konkrete Pläne wurden bis jetzt noch nicht vorgestellt. Obwohl die Fachschaft als Interessenvertretung der Studierenden mehrmals ihren Willen an einer gemeinsamen Konfliktlösung geäußert hat, wird sie vom Rektorat ignoriert. Anzumerken ist, dass sowohl das Hallenser als auch das Leipziger Institut nichts von dieser Idee halten. Denn die Kapazitätsgrenzen der Labore in Halle sind erreicht, Platz für die Aufnahme weiterer Studierender steht somit nicht zur Verfügung. Zudem sind sich sowohl Studierende als auch Dozenten einig, dass das Pendeln zwischen den Städten zeitlich nicht umzusetzen ist. Das im Pharmaziestudium ohnehin schon ausgereizte Tagespensum würde dadurch eindeutig überschritten werden. Paradox ist, dass in den Leipziger Laboren über 20 Plätze frei stehen. Plätze, die seit über zwei Jahren nicht genutzt werden und die mit Blick auf den drohenden Apothekermangel, insbesondere in Sachsen, dringend besetzt werden sollten.

Foto: Lisa Bellstedt

Ein gemeinsamer Ausflug des Pharmazeutischen Instituts zum Sächsischen Apothekertag ist mittlerweile zur Tradition geworden. Foto: Lisa Bellstedt

Apothekermangel in Sachsen

Als Studierender hat man oft das Gefühl, dass im Rahmen der Schließungsdebatte die Folgen nicht ausreichend durchdacht werden, die ein Ende der sächsischen Apothekerausbildung nach sich ziehen würden. Derzeit sind über 80 offene Stellenangebote für Apotheker auf der Internetseite der Sächsischen Landesapothekenkammer zu finden. Tendenziell wird diese Zahl immer größer. Einerseits werden nicht mehr so viele Apotheker in Leipzig ausgebildet wie früher. Andererseits werden in Zukunft immer mehr Pharmazie-Ingenieure, die vor allem in den neuen Bundesländern zu finden sind, in Rente gehen. Doch nicht nur Sachsen sucht händeringend nach Apothekern, in allen Bundesländern wird nach pharmazeutischem Nachwuchs gesucht. Demzufolge ist es auch nicht möglich, dass andere pharmazeutische Institute Apotheker für Sachsen mit ausbilden, um die personellen Lücken zu füllen. Schon jetzt müssen Patienten auf dem Land lange Fahrtstrecken in Kauf nehmen, um zur nächsten Apotheke zu gelangen. Durch die zunehmende Multimorbidität und Immobilität der immer älter werdenden Bevölkerung ergibt sich ein verhängnisvolles Versorgungsszenario. Schlussendlich wäre die Schließung der einzigen Ausbildungsstätte für Apotheker in Sachsen eine gesundheitspolitisch unverantwortliche Entscheidung.

Meine Meinung
Ich bin Studentin im achten Semester am Institut für Pharmazie in Leipzig. Immatrikuliert wurde ich im Oktober 2011. Zwei Monate später wurde uns verkündet, dass der Studiengang für den ich mich entschieden hatte, aufgelöst werden sollte. Seitdem haben wir viel Unterstützung aus der Gesundheitspolitik bekommen und mit zahlreichen Aktionen darauf hingewiesen, dass die Schließung unseres Instituts keine Lösung ist. Nach nunmehr fast vier Jahren gibt es aus Hochschulpolitik und Rektorat immer noch kein klares Bekenntnis. Deshalb bin ich enttäuscht von Hochschulpolitik und Universitätsleitung. Trotzdem kämpfen wir jeden Tag erneut um den Erhalt und fordern ein Bekenntnis für das Pharmazie-Institut am Standort Leipzig!
Friederike Zühl 

Dauerhafte Lösung gesucht

Im Dezember 2015 jährt sich die Verkündung der Schließungspläne des Rektorats zum vierten Mal. Seitdem ist von studentischer und berufspolitischer Seite sowie vonseiten der Institutsleitung viel unternommen worden, um der Debatte ein Ende zu bereiten. Wir als Studierende haben zahlreiche Pressemitteilungen geschrieben, Interviews für Zeitungen und Fernsehen gegeben, im sächsischen Landtag und auf offener Straße demonstriert, das Gespräch mit Politikern gesucht und sie auch zu uns ins Institut eingeladen. Wir hofften, dass ein Rechtsgutachten dem Kampf endlich ein Ende bereiten wird. Ein Gutachten, in dem schwarz auf weiß steht, dass das Verhalten der Universität nicht rechtskonform ist. Denn das Rektorat der Uni Leipzig hätte ohne Kenntnis des Fakultätsrats und ohne Zustimmung des Sozialministeriums niemals das Ende der Pharmazie beschließen dürfen.
Wir erhalten nach wie vor die volle Unterstützung durch die Sächsische Apothekerkammer und durch den Sächsischen Apothekenverband, die sich vor allem auf politischer Ebene für uns einsetzen und schon viele Gespräche geführt haben. Wir fordern, dass das jährliche Zittern um die Immatrikulation eines neuen Jahrganges endlich ein Ende hat und eine Dauerlösung für unser Institut gefunden wird. Besonders die personellen Unsicherheiten schweben wie eine dunkle Wolke permanent über der Leipziger Pharmazie. Mit dem Ende des schier endlosen Kampfes könnten sich alle Beteiligten wieder voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren – auf die Lehre und die Forschung.

Von Lisa Bellstedt und Friederike Zühl,
Pharmaziestudierende und FSR BioPharm-Mitglieder in Leipzig