28. September 2015 Drucken Empfehlen
Studium
Neue Vorlesung an der Universität Bonn

Patientenorientierte Pharmazie für Erstis

Damit die Pharmaziestudierenden des ersten Semesters an der Universität Bonn wissen, worauf es später im Apothekenalltag ankommt, gibt es eine neue, freiwillige Vorlesung: Einführung in die patientenorientierte Pharmazie.

Um erste Einblicke in die patientenorientierten Aspekte der Pharmazie zu geben, stellte Prof. Dr. Ulrich Jaehde, Leiter des Bereichs Klinische Pharmazie, sein Fach in der Eröffnungsveranstaltung vor und lud uns zu einer freiwilligen Vorlesung für Erstsemester ein. Schon in der zweiten Semesterwoche ging es los …

Aufpassen mit Arzneimitteln!

Gespannt saßen wir pünktlich in der ersten Vorlesung „Der Apotheker als Therapiebegleiter“. Im Mittelpunkt standen folgende Fragen: Wie sicher ist die Arzneimitteltherapie? Welche arzneimittelbezogenen Probleme gibt es und wie entstehen sie? Wie können wir als Apotheker später zur Problemlösung beitragen? Prof Jaehde stellte den Fall einer Brustkrebspatientin vor, die wegen einer vierfachen Überdosierung des Chemotherapeutikums Cyclophosphamid verstarb – so wurde uns sehr schnell klar, wie wichtig die korrekte Dosierung ist. Dass jemand an den Folgen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) stirbt, ist kein Einzelfall: Nach Schätzungen sterben in Deutschland pro Jahr rund 16.000 bis 58.000 Menschen aufgrund von UAW. Zudem werden ungefähr fünf Prozent der stationären Aufenthalte den UAW zugeschrieben. Ein weiteres Fallbeispiel handelte von einer 85-jährigen Heimbewohnerin aus Nordrhein-Westfalen. Sie wurde wegen starker Nebenwirkungen mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert – bis endlich die Dosierung an ihr Alter angepasst wurde. Die Fallbeispiele zeigten uns noch unerfahrenen Erstis, dass kleine Fehler und Unaufmerksamkeiten im Medikationsprozess schwerwiegende Konsequenzen haben können.

Medikationsplan und Co.

Natürlich gibt es Möglichkeiten, um arzneimittelbezogene Probleme zu lösen oder sie bestenfalls zu verhindern. So kann ein Medikationsplan als Grundlage für die Arzneimitteltherapie und Medikationsanalyse dienen. Weiterhin ist die multiprofessionelle Betreuung des Patienten von großer Bedeutung, bei der jede Berufsgruppe (Ärzte, Apotheker, Pfleger …) ihre eigenen Kernkompetenzen einbringt. Um einen ersten Eindruck zu bekommen, wie arzneimittelbezogene Probleme auch tatsächlich entdeckt werden können, stellte Prof. Jaehde uns 14 Kriterien vor, die bei einer komplexen Medikation regelmäßig überprüft werden sollten, wie z.B. die Dosierung, die korrekte Einnahme und mögliche Wechselwirkungen.

Foto: I. Ortland/Uni Bonn

Dr. Ronja Woltersdorf und Prof. Dr. Ulrich Jaehde brachten mit großem schauspielerischem Engagement den Apothekenalltag in die Universität. Foto: I. Ortland/Uni Bonn

Szenen aus dem Apothekenalltag

In den nächsten Vorlesungen brachte uns Dr. Ronja Woltersdorf in jeder Stunde ein anderes arzneimittelbezogenes Problem näher, und wir lernten, dass es nicht nur durch den Patienten zu Abweichungen vom idealen Medikationsprozess kommen kann, sondern auch durch Arzt und Apotheker. Dass im Medikationsprozess so viele Dinge, von der Verordnung über Abgabe und Applikation bis zum Monitoring, schiefgehen können, haben wohl die meisten von uns bis dahin nicht geahnt. Zum Ende der Vorlesungsreihe wurde es dann noch einmal richtig kreativ. Prof. Jaehde und Dr. Woltersdorf spielten uns mit einer bemerkenswerten schauspielerischen Leistung Szenen aus dem Apothekenalltag vor, die alles andere als perfekt abliefen. Auf diese Weise konnten wir die zuvor besprochenen Probleme „miterleben“ und Vorschläge machen, wie die pharmazeutische Beratung und die Kommunikation zwischen Patient und Apotheker verbessert werden könnten. Bei den Fallbeispielen spielten anorganische Arzneistoffe – magnesium- und aluminiumhaltige Antacida und Calcium zur Osteoporoseprophylaxe – eine wichtige Rolle, sodass wir auch unser Wissen aus der Anorganischen Chemie einbringen konnten.

Interesse gestärkt

Unserer Meinung nach hat die Vorlesung eine wichtige Lücke geschlossen. Wir haben nicht nur einen Einblick bekommen, was uns später einmal im Beruf erwarten wird, sondern es wurde auch unser Interesse an der Pharmazie und die freudige Erwartungshaltung auf die höheren Semester gestärkt. Durch die im Verhältnis zu den anderen Vorlesungen kurze Vorlesungsreihe ist zudem kein anderes Fach zu kurz gekommen, sodass wir uns trotz dieser „Extra-Stunden“ gut auf die weiteren Seminare und Vorlesungen konzentrieren und uns ohne Probleme dem Chemiepraktikum widmen konnten. Die Vorlesung hat uns alle sensibilisiert: Wenn wir nun wegen Husten, Schnupfen und Co. die Apotheke aufsuchen, sehen wir das Beratungsgespräch mit ganz anderen Augen.

Von Anna Dohm, Anna Nickel und Ian Wittenberg,
Pharmaziestudierende des ehemaligen ersten Semesters in Bonn