28. September 2015 Drucken Empfehlen
Internationales
Diplomarbeit in Äthiopien

Moringa, Injera und Heiratsanträge

Vor mir das zweite Staatsexamen, in meinem Kopf die Frage, wie es nach dem Lernmarathon weitergehen soll. Da springt mir ein Artikel in einer pharmazeutischen Fachzeitschrift entgegen, und ich weiß auf einmal, was ich machen werde. 

Foto: Ruth Ilchmann

Siedlung in Südwest­-Äthiopien Foto: Ruth Ilchmann

Dass es eine Verbindung zwischen meinem nicht gerade auslandssemesterfreundlichen Studium und Äthiopien, meinem Lieblingsland, gibt, wusste ich bisher gar nicht. Aber nach ein paar Mails und Telefonaten mit Prof. Dr. Reinhard Neubert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist es beschlossene Sache: Ich werde eine Diplomarbeit über Inhaltsstoffe äthiopischer Pflanzen schreiben und diese in Ostafrika sammeln.
Eine Diplomarbeit ist im Pharmaziestudium nicht verpflichtend, kann aber an einigen Universitäten angefertigt werden und bietet eine gute Gelegenheit, die Forschung besser kennenzulernen. Wer überlegt, nach dem Studium zu promovieren, kann hier in einem überschaubaren Zeitrahmen abwägen, ob ihm diese Art von Tätigkeit Freude macht. Den Hauptteil meiner Arbeit fertigte ich an der Universität in Halle an. Um die Materialien zu besorgen, gehörte dann noch ein circa einmonatiger Forschungsaufenthalt in Äthiopien dazu. Für mich war das Diplom an der Uni Halle eine geniale Möglichkeit, einen akademischen Abschluss mit einem Auslandsaufenthalt zu verbinden – und das alles im Rahmen meines Praktischen Jahres!

Koffer packen

Bevor es nach Äthiopien ging, musste aber noch einiges erledigt werden, wie beispielsweise der rechtzeitige Arztbesuch für einige Impfungen, eine gut ausgestattete Reiseapotheke zusammenstellen und den Reisepass und ein Visum beantragen. Letzteres erhielt ich innerhalb kürzester Zeit mit einigen Briefen vom äthiopischen Generalkonsulat in Frankfurt. Es ist auch möglich, ohne Visum einzureisen: In diesem Fall bekommt man dann ein Touristenvisum für einen Monat direkt am Flughafen ausgestellt. Eine Malariaprophylaxe ist nicht in allen Teilen des Landes nötig, da in den Hochlagen Äthiopiens die Anophelesmücke nicht vorkommt. Die Hauptstadt Addis Abeba beispielsweise gilt als malariafrei. Eine Stand-by-Medikation mitzunehmen, ist jedoch in jedem Fall sinnvoll, um ein sicheres Präparat zur Hand zu haben. Das Projekt „Welcome to Africa“ der Uni Halle wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert. Das ersparte mir lange Stipendienanträge. Bezahlt bekam ich eine Pauschale für Reise und Unterkunft, die durch ein paar Tipps von äthiopischen Kollegen an der Partneruniversität tatsächlich meine kompletten Ausgaben deckte.

Foto: Ruth Ilchmann

Auf der Suche nach Moringas in Konso Foto: Ruth Ilchmann

Auf der Suche nach Moringa

Nach den Vorversuchen in Deutschland bestand meine Aufgabe in Äthiopien darin, die Blätter vom Baum Moringa stenopetala zu sammeln, um sie in meiner Diplomarbeit zu analysieren. Äthiopische Freunde aus dem Gästehaus, in dem ich wohnte, verhalfen mir zu meinen ersten Blättern. Sie luden mich einfach für ein Wochenende zu sich nach Hause ein. In ihrer Stadt wachsen im Gegensatz zu Addis Abeba Moringa-Bäume. Später konnte ich dann noch im Süden des Landes an weiteren Standorten etwas ernten. Je weiter man sich von den Städten entfernt, desto exotischer erscheint man den Menschen dort. In Konso verbreitete sich die Nachricht, dass eine Weiße den Moringa-Baum sucht, wie ein Lauffeuer, und im Nu waren mein äthiopischer Begleiter und ich von einer Horde neugieriger Kinder begleitet, die genau beobachteten, was ich machte.

Offen und hilfsbereit

Die Äthiopier sind sehr offene und hilfsbereite Menschen. In den großen Städten können viele Englisch, aber alle freuen sich über den Versuch, ihre Landessprache Amharisch zu lernen. Dabei wird man tatkräftig unterstützt und bekommt viel Lob für wenige Brocken: Ein krasser Gegensatz zu uns kritischen Deutschen. Wer sich hier wohlfühlen möchte, darf sich von den „Ferensch“-Rufen (Amharisch für „Weißer“) auf der Straße nicht abschrecken lassen. Denn lernt man die Leute erst einmal kennen, kann man einiges in Sachen Gastfreundschaft lernen. Auf der Hut vor heiratswütigen Junggesellen, setzte ich mich einmal in der Mensa zu einem Pärchen an den Tisch. Was in Deutschland vermutlich eher ungewöhnlich ist, führte dort zu einem herzlichen Hallo. Mit der Frage „Willst du bei uns mitessen?“ schob mir der Mann ihren Teller hin (in Äthiopien essen die Leute häufig gemeinsam von einem Teller). Ein anderes Mal war ich mit dem Bus im Land unterwegs. Das ist eine interessante und günstige Art zu reisen. Dabei kann man das Leben der Menschen besser kennenlernen, als wenn man mit dem Flugzeug in kurzer Zeit an sein Ziel gelangt. Bei der Rückkehr in die Hauptstadt wusste ich allerdings nicht, wie ich vom Busbahnhof zu meiner Unterkunft kommen sollte. Kurzerhand fand ich mich bei meiner Sitznachbarin aus dem Bus zu Hause wieder, die mich zu ihrer Familie eingeladen hatte. Nach dem Mittagessen blieb ich natürlich noch zum Kaffee. Stunden später zeigte sie mir einen Minibus, mit dem ich dann nach Hause kam.

Alltag einmal anders

Foto: Ruth Ilchmann

Wichtigstes Personenbeförderungsmittel: Der Minibus Foto: Ruth Ilchmann

Minibusse sind das häufigste Transportmittel in den meisten Teilen des Landes. Es gibt keine offiziellen Abfahrtszeiten, man wartet einfach an der Straße und muss auf die Rufe der Jungs hören, die aus dem Fenster des Minibusses hängen und lautstark verkünden, wohin dieser fährt. Auf dem Weg zur Arbeit ist Ellenbogeneinsatz gefragt, wenn man nicht stundenlang am Straßenrand stehen möchte.
Die Cafeteria an der Uni bietet das landestypische Gericht Injera in verschiedenen Variationen an. Aus Teff, dem wichtigsten Getreide in Äthiopien, wird ein Fladen gebacken, der mit Wot (einer Zwiebelsoße, die das scharfe Gewürz Berebere enthält) gegessen wird. Zum Frühstück gibt es ebenfalls Injera, der schon mit Soße getränkt ist. Das Ganze nennt sich dann Firfir, was so viel wie vermengt bedeutet. Wer das typisch deutsche Frühstück vorzieht, findet in den Bäckereien aber auch Brot und in den Läden Marmelade und Honig.
Ein wichtiger Bestandteil der äthiopischen Kultur ist Kaffee. Aber in Äthiopien wird Kaffee nicht einfach nur getrunken: Die Zubereitung ist eine ganze Zeremonie und nimmt einen unverzichtbaren Platz im Tagesablauf ein. Von der Dame des Hauses werden die getrockneten, noch grünen Bohnen auf dem Kohlefeuer geröstet, kleingestampft und in der Tschebena, einer speziellen Kanne, zubereitet. Meist wird frisches Gras als Dekoration auf dem Boden ausgelegt und Popcorn oder geröstetes Getreide dazu gereicht.

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Besuch bei einem Volksstamm in Tulgit Foto: Ruth Ilchmann

Kleine Hürden

Während in Deutschland zumeist alles gut organisiert ist, werden einige Dinge in Äthiopien öfter mal spontan geregelt. So sind Strom und fließendes Wasser je nach Stadtteil und Unterkunft selbst in der Hauptstadt nicht immer garantiert, und die Internetverbindung ist häufig sehr langsam. Beim Einkaufen sollte man sich nicht mit dem erstbesten Preis zufriedengeben. Dieser wird meist auch einfach willkürlich in die Höhe geschraubt, wenn ein Weißer am Stand auftaucht. Dasselbe gilt für Taxifahrten. Wer allerdings Geduld zum Feilschen hat, wird belohnt. Netterweise geben die Einheimischen einem auch immer mal wieder einen Tipp, was die Dinge normalerweise kosten. Als Frau begegnet einem wohl am häufigsten die Frage nach einem Ehemann. Wird diese verneint, findet man sich auf einmal in einem nicht enden wollenden Schwall gesteigerten Interesses und Beteuerungen, wie wunderschön man doch sei, wieder. Ab und zu wird einem auch auf der Stelle ein Heiratsantrag mitten auf der Straße gemacht. Angst haben braucht man aber trotzdem nicht, wenn man sich dort als Frau alleine bewegt.

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Wasserfälle des Blauen Nils bei Bahir Dar Foto: Ruth Ilchmann

Kontrastreiches Äthiopien

Während meines Aufenthaltes bekam ich einiges vom Land zu sehen. Äthiopien ist ein Land mit langer christlicher Kultur. Die Felskirchen von Lalibela, ein UNESCO-Weltkulturerbe, sowie die touristischen Anziehungspunkte Axum und Gondar befinden sich im Norden des Landes. Von Addis Abeba, der Hauptstadt, kann man bequem mit dem Flugzeug dorthin gelangen. Etwas südwestlicher liegt der Tanasee, von dem aus sich in der Nähe von Bahir Dar der Blaue Nil in die Tiefe stürzt, bevor er viele Kilometer später im Sudan in den Weißen Nil mündet.
Das Hochland von Äthiopien unterscheidet sich stark von anderen afrikanischen Ländern. Hier wird hauptsächlich Kaffee angebaut, und das Klima ist gemäßigt. Im Süden des Landes schlängelt sich der Omofluss durch die Landschaft, an dessen Ufer verschiedene Stämme leben.
In Äthiopien gibt es viele Nationalparks, in denen unter anderem Nilpferde, Krokodile, Antilopen und Zebras beobachtet werden können. Wer allerdings eine typische Safaritour erleben möchte, findet solche Angebote wohl eher in Kenia oder Südafrika.
Auffallend ist der große Unterschied zwischen Arm und Reich. In den Städten vergisst man in manchen Gebäuden fast, dass man sich in einem der ärmsten Länder der Welt befindet, auf dem Land wird das dagegen an jeder Ecke offensichtlich. Hier leben die Menschen unter einfachsten Bedingungen. Ein Handy besitzt trotzdem fast jeder – sogar im tiefsten Busch, wo das Laden des Akkus einige Umstände macht.

Studieren und Forschen

Foto: Ruth Ilchmann

Laborbucheintrag im Hinterland von Äthiopien Foto: Ruth Ilchmann

Anders als in Deutschland wird das Pharmaziestudium in Äthiopien nicht in der Landessprache, sondern auf Englisch absolviert. So konnte ich ohne Kommunikationsschwierigkeiten auch mal an einem Seminar teilnehmen. Durch die schlechtere Infrastruktur und Stromversorgung gestaltet sich Forschungsarbeit in Äthiopien allerdings nicht so einfach wie in Deutschland. Häufig fehlt es an Substanzen oder Lösungsmitteln, und wenn der Strom einmal unerwartet ausfällt, muss mit so manchem Versuch noch einmal von vorne begonnen werden. Trotz allem gibt es im Chemical Department ein funktionierendes NMR-Gerät. Flüssigen Stickstoff unter diesen Umständen zu beschaffen, ist eine wahre Meisterleistung – beeindruckend, was die Kollegen in Äthiopien leisten!

Wertvolle Erfahrung

Die Wochen in Äthiopien waren die interessantesten während meiner ganzen Diplomzeit. Es war eine großartige Bereicherung, in einer anderen Kultur zu leben und alles einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich habe tolle Menschen kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen. Sich alleine durchschlagen zu müssen, hat mich selbstständiger gemacht. Müsste ich mich noch einmal entscheiden, so würde ich es definitiv wieder machen.

Von Ruth Ilchmann,
Doktorandin an der MLU Halle-Wittenberg