Hirndoping für bessere Noten?
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5. March 2015 Drucken Empfehlen
Wissenschaft
Neuroenhancement

Hirndoping für bessere Noten?

Du befindest dich mitten im Semester und das Ende scheint noch lange nicht in Sicht. Die Klausurtermine rücken immer näher und dabei hast du längst nicht alles aufgearbeitet. Der praktische Teil im Labor hat gerade erst angefangen, du bist den ganzen Tag bis abends in der Uni, dann müssen neue Protokolle geschrieben und die alten noch einmal verbessert werden. Ein Tag ist viel zu kurz und der Stress nimmt immer mehr zu: Wenig Schlaf, kaum noch Zeit für den Lebensmitteleinkauf, der WG-Putz bleibt unerledigt und Freizeitaktivitäten hast du längst abgeschrieben. Jetzt hilft nur noch Hirndoping, ein Neuroenhancer muss her! Oder?

Natürlich ist die beschriebene Situation ziemlich überspitzt dargestellt. Aber ganz an den Haaren herbeigezogen ist die Schilderung auch nicht. Angehende Pharmazeuten sollten sich aus fachbezogenem Interesse über das Neuroenhancement informieren – und vor allem über die Risiken und Nebenwirkungen Bescheid wissen! Im Folgenden ein Überblick darüber, was Neuroenhancement eigentlich ist und welche Substanzklassen eingesetzt werden.

Neuroenhancement und Hirndoping

Als Neuroenhancer bezeichnet man Stoffe, im Sinne von psychoaktiven Substanzen aller Art, die der geistigen Leistungssteigerung dienen. Spricht man von „Hirndoping“, meint man den Missbrauch einer Subgruppe solcher Substanzen, die verschreibungspflichtig oder auch illegal sind – mit gleichem Ziel. Die mit der Einnahme von Neuroenhancern verbundenen Erwartungen der in der Regel gesunden Konsumenten sind, dass dadurch Konzentration, Merkfähigkeit und Vigilanz (Wachheit, Daueraufmerksamkeit) gesteigert werden. Zudem werden eine leichtere Bewältigung von bevorstehenden Aufgaben und eine höhere Belastbarkeit in beruflichen sowie privaten Stresssituationen erwartet.

Psychostimulanzien

Psychostimulanzien oder psychotrope Substanzen sind Stoffe mit psychoaktivierender (euphorisierender) Wirkung. Chemisch gesehen versteht man unter dem Begriff Psychostimulanzien Amphetamine und Amphetamin- ähnliche Stoffe sowie Xanthine (z.B. Coffein), Piperazin-Derivate und diverse weitere Substanzen.

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Es gibt mehrere Stoffe, die missbräuchlich verwendet werden können – diese sind zumeist rezeptpflichtig oder illegal. Foto: sommai - Fotolia

Methylphenidat: Das wohl bekannteste Psychostimulanz im verschreibungspflichtigen Bereich aus der Gruppe der Amphetamin- Derivate ist der Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin®). Das Präparat wird zur Behandlung von ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie bei Narkolepsie (umgangssprachlich auch Schlafkrankheit genannt) eingesetzt und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Nehmen Gesunde das Mittel ein, erhöht es die Vigilanz und Aufmerksamkeit, was sich vor allem bei müden Menschen bemerkbar macht. Das indirekt wirkende Sympathomimetikum führt durch eine erhöhte Freisetzung von Noradrenalin aus den synaptischen Vesikeln zu einer erhöhten Aktivität des Sympathikus. Auch wird angenommen, dass es zu einer Hemmung der Rückaufnahme von Noradrenalinin die Präsynapse kommt und die Wirkung so verstärkt wird. Die bei körperlicher Überlastung normalerweise auftretenden Warnsignale wie Schmerz und Erschöpfungsgefühl werden dadurch reduziert. Methylphenidat stimuliert außerdem die vesikuläre Dopamin- Freisetzung, sodass auch die Konzentration des als „Glückshormon“ bezeichneten Botenstoffs im synaptischen Spalt erhöht wird. Zu den Nebenwirkungen gehören Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf- Beschwerden, Ernährungsstörungen im Sinne von Appetitminderung, Schlaflosigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen, … die Liste ist lang. Experten warnen bei Missbrauch außerdem vor einer psychischen Abhängigkeit.

Modafinil: Modafinil ist als stark potenter „Wachmacher“ bekannt und wird zur Behandlung von exzessiver Schläfrigkeit, die mit Narkolepsie einhergeht, verwendet. Es erhöht die Wachheit, Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit. Durch die Einnahme von Modafinil kann es allerdings zu schwere Hautreaktionen (Steven-Johnson- Syndrom, Hypersensitivitätssyndrom DRESS=Drug Rash with Eosinophilia and Systemic Symptoms). Bei ersten Anzeichen einer Hautreaktion muss das Mittel daher sofort abgesetzt werden. Wie Modafinil wirkt, ist nicht vollständig geklärt. Man geht von einer Wiederaufnahmehemmung von Dopamin und Noradrenalin in die Präsynapse aus sowie von einer Modulation von GABAergen und glutamatergen Neurotransmitter-Systemen. Modafinil wirkt – anders als klassische psychomotorische Stimulanzien – überwiegend auf Hirnregionen, die für die Steuerung von Schlaf und Wachheit verantwortlich sind. Untersuchungen zur Wirkung von Modafinil bei Gesunden bringen keine eindeutigen Ergebnisse: So konnte nachgewiesen werden, dass Modafinil die Aufmerksamkeitsspanne zwar geringfügig verbessern kann. Wenn das Neurotransmittersystem aber zu stark stimuliert wird, kann die Anwendung zu einer Verschlechterung der Lernleistung führen. Bei Müdigkeit hingegen sind die gewünschten Wirkungen wie Wachheit, Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit eindeutig belegt. Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Nervosität, Depressionen und Schlafstörungen. Dosierungen, die üblicherweise zum Hirndoping verwendet werden, können darüber hinaus zu Tachykardie, Hypertonie, Tremor und Schwindel führen.

Neuroenhancement – unklare Datenlage

Eine Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2009 im Rahmen des DAK-Reports mit dem Schwerpunktthema „Doping am Arbeitsplatz“ ergab, dass mehr als ein Viertel der 3000 Befragten zwischen 20 und 50 Jahren Hirndoping mit Pharmaka als vertretbar ansieht, wenn damit im Beruf die Aufmerksamkeit sowie die Gedächtnisund Konzentrationsleistung gesteigert wird. Andere Umfragen in Deutschland zeigen, dass Menschen dem Hirndoping besonders dann offen gegenüberstehen, wenn dabei keine Nebenwirkungen zu befürchten sind und die Mittel legal erhältlich sind. Unter diesen Kriterien würden 60 Prozent der insgesamt 169 Befragten Mittel zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit nehmen, heißt es im DAK-Report unter Berufung auf eine Online-Umfrage. In einer Studie unter 1035 Schülern und Studierenden liegt die Bereitschaft zum Neuroenhancement mit 80 Prozent sogar noch höher. Wie viele Studierende tatsächlich zu Neuroenhancern greifen, wie regelmäßig dies passiert und welche Substanzen eingenommen werden, wurde zwar in vielen Studien untersucht. Die Daten sind aber entweder nicht ganz eindeutig oder wenig repräsentativ – und daher stark umstritten. In den Medien werden die Ergebnisse dazu nicht selten falsch interpretiert und zu großen Schlagzeilen gemacht. Andererseits ist unbestritten, dass Neuroenhancement stattfindet und die Dunkelziffer sicher groß ist.

Antidementiva

Die Wirkstoffgruppe der Antidementiva kann man grob in zwei Untergruppen einteilen: In die Acetylcholinesterase-Inhibitoren wie beispielsweise Rivastigmin und Donepezil und in die N-Methyl-D-Aspartat-Antagonisten kurz NMDA-Antagonisten wie Memantin.

Aceylcholinesterase-Inhibitorent: Sie verhindern den enzymatischen Abbau von Acetylcholin im synaptischen Spalt. So kann das bei Alzheimer auftretende Ungleichgewicht zwischen Acetylcholin und Dopamin zugunsten des Acetylcholins beeinflusst werden. Die erhöhte Acetylcholin-Konzentration ist mit einer besseren Gedächtnisleistung bei Erkrankten verbunden. Als Nebenwirkungen der Acetylcholinesterase- Inhibitoren kommen häufig Diarrhö (Durchfall), Übelkeit und Erbrechen sowie Kopfschmerzen, Tremor (Zittern) und Appetitlosigkeit vor. Je nach Dosis können außerdem Halluzinationen, Erregungszustände und aggressives Verhalten auftreten.

NMDA-Antagonisten: NMDA-Antagonisten blockieren den ionotropen Glutamat-Rezeptor. Der natürliche Ligand Glutamat wirkt dort als Agonist und sorgt für einen verstärkten Ioneneinstrom an der postsynaptischen Membran in die Nervenzelle. Eine übermäßige Aktivierung der NMDA-Rezeptoren führt zu einer dauerhaft gesteigerten Leitfähigkeit der Ionenkanäle und wird in Zusammenhang mit der Entstehung von Demenz-Erkrankungen gebracht. NMDAAntagonisten blockieren die Glutamat-Bindestelle und regulieren damit die aufgrund pathologisch erhöhter Glutamat-Konzentrationen überreizten Nervenbahnen. Häufige Nebenwirkungen der NMDA-Antagonisten sind Hypertonie (Bluthochdruck), Kopfschmerz, Schwindel, Obstipation (Verstopfung) sowie Müdigkeit.

Untersuchungen zur Wirksamkeit bei Gesunden zeigten für Rivastigmin und Donepezil nicht immer den von den Konsumenten gewünschten Effekt der Leistungssteigerung. Teilweise verschlechterten sich sogar die Reaktionszeiten und die Gedächtnisleistung. Bei NMDA-Antagonisten konnten keine konsistenten Effekte auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Reaktionszeit nachgewiesen werden. Weitere Stoffe, die zur Therapie der Demenz eingesetzt werden, deren Wirkung in diesem Bereich allerdings nicht immer wissenschaftlich belegt ist, fallen unter die Gruppe der Nootropika. Hierzu zählen beispielweise Stoffe wie Piracetam, Ginkgo oder auch Calciumantagonisten.

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In Insiderkreisen werden Antidepressiva auch als „happy pills“ bezeichnet. Foto: Timothy Masters - Fotolia

Antidepressiva

Vor allem die zu den Antidepressiva zählenden selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) werden zum Hirndoping eingesetzt. Sie hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin in die Präsynapse und sorgen so für eine erhöhte Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt. In Insiderkreisen werden die Medikamente auch als „happy pills“ bezeichnet, was den Gebrauch fast harmlos erscheinen lässt. Die erwartete stimmungsaufhellende Wirkung und eine Steigerung von sozialen Fähigkeiten konnten bei Untersuchungen an gesunden Probanden aber nicht bestätigt werden. Auch verbesserte kognitive Eigenschaften wie Vigilanz oder ein gesteigertes Selbstvertrauen waren nicht nachweisbar. Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Müdigkeit und Diarrhö. Zudem können Angst, Desorientiertheit, Störungen der Sexualfunktion sowie eine erhöhte Selbstmordgefahr auftreten.

Betablocker

Betablocker wie Bisoprolol oder Metoprolol inhibieren selektiv oder unselektiv sogenannte β-Adrenozeptoren. Dadurch wird die aktivierende Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin – die vermehrt in Stresssituationen ausgeschüttet werden und an die Rezeptoren binden – reduziert. Als Neuroenhancer sollen die Arzneistoffe neben einer Senkung des stressbedingt erhöhten Blutdrucks auch Stressgefühle dämpfen und somit beruhigend wirken. Laut DAK-Report (2009, Schwerpunktthema: Doping am Arbeitsplatz) sprechen mehrere Experten den Sympatholytika eine Ängstlichkeit- senkende und ausgleichende Wirkung zu. Aber auch bei den vermeintlich harmloseren Betablockern sind die Nebenwirkungen nicht zu unterschätzen. Häufig bis sehr häufig sind Müdigkeit, Schwindel und Kopfschmerzen sowie Blutdruckabfall und gastrointestinale Beschwerden. Gelegentlich treten zudem Depressionen, Konzentrationsstörungen und Alpträume auf. Auch Libidostörungen und Impotenz sind unter der Einnahme möglich.

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Von Gingko-Präparaten aus der Apotheke verspricht sich so mancher Student bessere Ergebnisse in Klausuren. Foto: Nenov Brothers -Fotolia

Rezeptfreie Mittel

Ginkgo biloba: Aufgrund der enthaltenen Flavonoide und Terpenoide besitzt Ginkgo antioxidative Eigenschaften und soll somit dem oxidativen Stress im Körper entgegenwirken. Bedingt durch die antiapoptotischen Eigenschaften soll der Stoff neuroprotektive Effekte besitzen. Aufgrund der (insbesondere cerebralen) durchblutungsfördernden Eigenschaft wird Ginkgo als hirn- und gedächtnisförderndes Mittel beschrieben. Ginkgo-Extrakt ist unter anderem zur symptomatischen Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen bei demenziellen Syndromen zugelassen. Vor allem ältere Menschen versprechen sich einen gedächtnis-leistungssteigernden Effekt. Eine Gesamtbeurteilung von 16 Studien mit gesunden Probanden zeigte hingegen keine eindeutige Verbesserung von Vigilanz, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und subjektiver Selbsteinschätzung. Als Nebenwirkungen sind leichte Magenbeschwerden, Kopfschmerzen oder allergische Hautreaktionen beschrieben. Darüber hinaus könnten spontane Blutungen und Wechselwirkungen mit Antikoagulanzien auftreten. Auch ist die Dauer bis zum Eintritt einer möglichen Wirkung nicht unerheblich: Besonders dann, wenn man auf eine schnell wirksame pflanzliche Alternative zum Neuroenhancement setzt, wird man – sofern der Placebo-Effekt nicht greift – enttäuscht werden. Auch sind die mit der Einnahme von hochdosierten Ginkgo-Präparaten verbundenen Kosten nicht unbeträchtlich.

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Kaffee ist als Genussmittel und Wachmacher in der Gesellschaft akzeptiert – übertreiben sollte man es damit aber dennoch nicht. Foto: B. Wylezich - Fotolia

Coffein: Der Inhaltsstoff der Kaffeepflanze ist vielen als Genussmittel und Muntermacher am Morgen bekannt. Am Ende eines langen Tages an der Uni mag der eine oder andere gleich mehrere Tassen getrunken haben. Die Aufnahme von Coffein bei einer Tasse Kaffee entspricht in etwa der Einnahme einer halben Coffein-Tablette (eine Tablette enthält 0,2 g Coffein). Auch Energy- Drinks enthalten Coffein in unterschiedlich hohen Mengen. Einige Energy-Drinks enthalten zudem Taurin, das zu einer Wirkverstärkung des Coffeins führen soll. Taurin allein hat aber keinen leistungssteigernden Effekt. Die antagonisierende Wirkung des Coffeins am Adenosin-Rezeptor führt unter anderem zu einer verstärkten Freisetzung von Noradrenalin. Coffein erhöht deutlich die Wachheit und Aufmerksamkeit. Eine in Studien eingesetzte Dosierung von 600 mgCoffein zeigte sogar keine wesentlichen Wirkunterschiede zu Amphetamin (20 mg) oder Modafinil (400 mg). Allerdings ist die Wirkung von Coffein von der körperlichen Verfassung des Anwenders abhängig: Befindet sich der Konsument auf einem niedrigen Aktivierungsniveau, ist Coffein in der Lage, die Leistung zu steigern. In einem bereits erhöhten Aktivierungszustand kann die Wachheit und Aufmerksamkeit durch den Coffeingenuss aber vermindert werden. Auch wenn die Substanz in Tablettenform nicht verschreibungspflichtig, sondern apothekenpflichtig ist, so ist die Einnahme – besonders hoher Dosen – nicht frei von unerwünschten Effekten. Innere Unruhe, Tachykardie und Schlaflosigkeit zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen.

Besser ohne!

Bis auf Coffein und Ginkgo biloba sind alle genannten Mittel verschreibungspflichtig, Methylphenidat unterliegt sogar der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtmVV). Die möglichen Risiken eines Neuroenhancers sind der (angeblichen) Wirkung ganz klar gegenüberzustellen – das gilt nicht nur bei der Aufklärung im privaten Umfeld, sondern auch bei der Beratung in der Apotheke. Laut Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) hat das pharmazeutische Personal einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten. Bei begründetem Verdacht auf Missbrauch ist die Abgabe sogar zu verweigern! Grundsätzlich ist auch zu bedenken, dass die mit der Einnahme von Neuroenhancern verbundene Hoffnung auf bessere kognitive Leistungen ohne eigene Anstrengung und Motivation sowieso nicht erfüllt werden kann! Darüber hinaus sollte an das Gewissen des Gegenübers appelliert werden. Denn ob man sich den durch Neuroenhancement erlangten Erfolg wirklich verdient hat, ist fraglich. Besser scheint es doch, sich gleich zu Beginn des Semesters zu überlegen, was man erreichen möchte und auf welchem Wege das am besten möglich ist.

Von Annika van der Linde,
Apothekerin und Doktorandin am UKE in Hamburg