Guten Flug!
5. March 2015 Drucken Empfehlen
Berufsstart
Apothekerin in einer Flughafenapotheke

Guten Flug!

Es gibt Apotheken, in denen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre – so wie in der Apotheke im Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel. Was die Arbeit in der Metropolitan Pharmacy so einzigartig und abwechslungsreich macht, erklärt Apothekerin Helena Shalibeik.

Die Apotheke am Flughafen unterliegt natürlich den gleichen Bestimmungen und Gesetzen wie alle anderen Apotheken auch. Es findet die Beratung zu und der Verkauf von Arzneimitteln, Medizinprodukten und Kosmetika statt, Rezepte werden bearbeitet, Rezepturen hergestellt und die Abgabe von Betäubungsmitteln dokumentiert. Das geschieht allerdings in anderem Umfang als in einer „normalen“ Apotheke.

Wenig Hilfsmittel und Rezepte …

So werden Hilfsmittel auf Rezept wie Inkontinenzeinlagen oder der Verleih von Inhalationsgeräten und elektrischen Milchpumpen kaum bis gar nicht nachgefragt. Ebenfalls selten – im Durchschnitt einmal am Tag – fertigen die Apothekenmitarbeiter ein Rezepturarzneimittel an. Und auch die Abgabe von Betäubungsmitteln, zu der auch Arzneimittel zur Substitutionsbehandlung gehören, spielt in der Apotheke eine eher untergeordnete Rolle. Grundsätzlich werden Rezepte in der Metropolitan Pharmacy eher selten eingelöst, erklärt Shalibeik. Wenn, dann stammen sie weniger von Urlaubsreisenden, sondern vielmehr von Flughafenmitarbeitern und Geschäftsreisenden. Letztere bringen die Rezepte zumeist morgens in der Apotheke vorbei und holen sich die Arzneimittel – sofern sie nicht vorrätig sind – ab, sobald sie wieder in Hamburg gelandet sind.

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Seit gut zwei Jahren arbeitet Apothekerin Helena Shalibeik am Flughafen. Foto: lue

… viel OTC -Präparate und Kosmetika

Viel verkauft werden hingegen apothekenpflichtige Arzneimittel (OTC-Präparate). Kunden wünschen beispielsweise häufig abschwellende Nasensprays für den Flug oder die drohende Erkältung, sowie Schmerzmittel oder Präparate gegen Durchfall – einfach alles, was man auf einer Reise benötigen könnte. Dabei orientiert sich der Bedarf daran, wohin die Reise geht und ob ein Aktivurlaub in den Bergen oder Relaxen am Strand ansteht. Natürlich spielen auch individuelle Faktoren (Anzahl der Reisenden, Alter, …) eine Rolle. „Arzneimittel für eine Reiseapotheke werden oft nachgefragt“, fasst Shalibeik zusammen. Aber auch Pflegeprodukte und Kosmetika seien ein großes Thema in der Apotheke.

Kunden: Bunte Mischung

In der Metropolitan Pharmacy gibt es wie auch in anderen Apotheken Stoßzeiten, in denen besonders viele Kunden auf einmal auftauchen, etwa wenn ein großer Flieger gelandet ist. Auch die Schwankungen in der Ferienzeit sind Shalibeik nur allzu gut bekannt – allerdings anders als in „normalen“ Apotheken: Während es dort in den Schulferien mitunter gähnend leer ist, haben die Mitarbeiter in der Flughafenapotheke alle Hände voll zu tun. „Gerade in den Sommerferien fliegen viele Familien in den Urlaub.“ Den typischen Kunden, etwa den Urlauber, der die Sonnenmilch vergessen hat, gibt es nicht. Neben Urlaubern suchen auch Geschäftsreisende und Mitarbeiter des Flughafens die Apotheke auf. Dadurch entsteht eine bunte Mischung aus Lauf- und Stammkunden. „Es ist abwechslungsreich und man trifft sehr interessante Menschen“, bekräftigt die Apothekerin. Aufregend ist es auch, wenn der eine oder andere Star plötzlich vor dem HV-Tisch steht. Grundsätzlich unterscheidet sich der Altersdurchschnitt und die gesundheitliche Situation vieler Kunden von denen, die beispielsweise in einer Apotheke nahe eines Ärztezentrums zu finden sind. Am Flughafen seien die Kunden zumeist gesundheitlich fitter – das gelte auch für die Senioren.

Foto: Shalibeik

Der Hamburg Airport zählte im vergangenen Jahr 14,76 Millionen Fluggäste. Foto: Shalibeik

Offen und unkompliziert

Die besondere Atmosphäre entsteht nicht nur durch das geschäftige Treiben am Flughafen, sondern gerade durch die unterschiedlichen, in der Regel gut gelaunten Kunden. Der Umgang unter den Flughafenmitarbeitern – von der Shopverkäuferin über den Securitymitarbeiter bis hin zum Fluglotsen – sei zumeist sehr herzlich. „Jeder ist irgendwie stolz darauf, am Airport zu arbeiten“, so die Apothekerin, „das verbindet“. Weil viele Kunden in den Urlaub gehen oder entspannt aus dem Urlaub kommen, seien sie gut gelaunt, sehr offen und sehr unkompliziert. Einige Geschäftsreisende seien zwar schon gestresst und kommen mit dem Telefon am Ohr in die Apotheke, berichtet Shalibeik. Das sei aber eher die Ausnahme. Vielmehr beobachte sie, dass sich die Kunden mehr Zeit für die Beratung in der Apotheke nehmen und sehr dankbar sind, wenn man ihnen hilft.

„Ich habe da ein Problem …“

Gut gelaunte Kunden, tolle Flughafenatmosphäre, nettes Team – was kann man sich mehr wünschen? So schön und unkompliziert es teilweise auch ist, in der Apotheke am Airport zu arbeiten – mitunter kann es ganz schön knifflig werden, etwa wenn die Kunden ihr dringend benötigtes Arzneimittel nicht dabeihaben.

• „Ich habe mein Arzneimittel zu Hause vergessen!“
• „Ich habe meine Tabletten in den Koffer getan! Ich muss die aber jetzt unbedingt einnehmen!“
• „Ich fahre für längere Zeit in den Urlaub, aber ich habe nicht mehr genug Medikamente. Das ist mir leider erst gestern Abend aufgefallen.“

Diese und ähnliche Aussagen hören die Mitarbeiter der Flughafenapotheke öfters. Das komme jeden Tag vor, gefühlt besonders häufig bei Schilddrüsenpräparaten und Blutdruckmitteln, erklärt Shalibeik dazu. In solchen Situationen sind die Patienten oftmals ängstlich und aufgeregt. „Verständlich, das ist ein echter Notfall.“ Einer der Chefs des Metropolitan-Pharmacy-Verbundes (unter diesem Namen gibt es Apotheken an den Flughäfen in Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Frankfurt und München) drückte es laut Shalibeik so aus: „Wir sind wie die letzte Tankstelle vor der Autobahn.“ Die Mitarbeiter setzen dann alle Hebel in Bewegung, um das Problem des Kunden zu lösen. Häufig erreichen sie den zuständigen Arzt, der dann ein Rezept ausstellt und in die Apotheke faxt. Am Wochenende wird es da schon schwieriger: Hier können mitunter Notfallpraxen oder ein notdienstleistender Arzt weiterhelfen. Der Einsatz lohnt sich: „Wenn man dann das Problem des Kunden lösen konnte, dann hat man das Gefühl, etwas erreicht zu haben, etwas das wirklich geholfen hat“, sagt Shalibeik. Das sei einer der Gründe, weshalb sie so gerne in der Metropolitan Pharmacy arbeitet.

Rettung des Urlaubes

Natürlich klappt es nicht immer, auf die Schnelle einen Arzt zu erreichen. Manchmal ist auch einfach das Arzneimittel nicht am Lager und der Kunde kann nicht auf die nächste Lieferung warten. Dann notiert Shalibeik die Telefonnummer des Arztes, den Wirkstoff und die Stärke des Medikaments und empfiehlt den Kunden, sich an eine Apotheke bzw. einen Arzt im Reiseland zu wenden oder den zuständigen Arzt in Deutschland zu kontaktieren. Diese kleine Hilfestellung hat einer Kundin „den Urlaub gerettet“, wie sie nach ihrer Reise in einer E-Mail an die Apotheke schrieb. „Sie hatte ihr Blutdruckmittel vergessen und ist mit einer Reisegruppe ins Ausland geflogen“, erzählt Shalibeik. Gemeinsam fanden sie zunächst den Namen des Präparats heraus. Leider war der Arzt nicht erreichbar. „Ich habe ihr die Wirkstoffe mit Stärke aufgeschrieben, denn im Ausland heißen die Präparate oftmals anders.“ Mithilfe der Reiseleitung konnte sie sich ihre Tabletten dann in einer Apotheke vor Ort besorgen. „Was für uns etwas ganz Einfaches war, war für sie die Rettung des Urlaubes.“

Von Annette Lüdecke,
Apothekerin und Volontärin in Stuttgart