Fußball und Forschung in Rio de Janeiro
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5. March 2015 Drucken Empfehlen
Internationales
Praktisches Jahr in Brasilien

Fußball und Forschung in Rio de Janeiro

Während der Fußballweltmeisterschaft im letzten Sommer ist Brasilien und vor allem Rio de Janeiro ständig in den Schlagzeilen gewesen. Zahlreiche Medien berichteten über das brasilianische Fußballfieber, das Maracanã Stadion und das Fifa Fanfest am Strand der Copacabana – aber auch über Proteste, Aufstände und Kriminalität. Im Rahmen unseres Auslandssemesters durften wir Brasilien abseits des Trubels von einer ganz anderen Seite kennen- und lieben lernen.

Als wir die Möglichkeit bekamen, einen Teil des Praktischen Jahres in Rio de Janeiro zu absolvieren, haben wir nicht lange gezögert. Wir fingen sofort an, uns auf das für uns noch unbekannte Land vorzubereiten. Für die Planungen standen uns das Brasilien-Zentrum in Tübingen, Prof. Dr. Stefan Laufer von der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie Professoren der Universidade federal do Rio de Janeiro (UFRJ) mit Rat und Tat zur Seite. Finanzielle Unterstützung erhielten wir von der Baden-Württemberg Stiftung. Als der bürokratische Teil endlich überstanden war, verabschiedeten wir uns im November 2013 vom trüben Wetter in Deutschland und flogen voller Vorfreude auf unser Abenteuer nach Brasilien.

Eine Stadt mit zwei Gesichtern

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Die Favela Santa Marta – bunt und lebendig. Foto: Privat

Rio de Janeiro, die zweitgrößte Stadt Brasiliens, ist in Deutschland bekannt für farbenfrohen Karneval, Samba und die berühmte Copacabana. Dass die Stadt mit circa zwölf Millionen Einwohnern noch sehr viel mehr zu bieten hat, stellten wir schnell fest. Der erste Eindruck war überwältigend: Cristo Redentor (Christus, der Erlöser) begrüßte uns schon auf der Fahrt zu unserem neuen Zuhause vom Berg Corcovado. Der Pão de Açúcar (Zuckerhut), die Strände Copacabana und Ipanema und das berühmte Ausgehviertel Lapa raubten uns in den ersten Tagen den Atem. Die Stadt besitzt, eingebettet zwischen riesen Bergreihen und wunderschönen Stränden, einen ganz besonderen Charme. Der westliche Großstadtcharakter mit modernen Gebäuden, riesigen Shopping Malls und luxuriösen Hotels wird durch traditionelle brasilianische Stadtviertel und Regenwaldgebiete mit unglaublicher Tier- und Pflanzenwelt unterbrochen. Dass Modernität, Tradition und Natur so eng in einer Stadt vereint sind, verleiht Rio ein ganz besonderes Flair. Schnell konnten wir verstehen, warum die Stadt im Juli 2012 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Trotz aller Faszination blieben uns die Kehrseiten der Stadt nicht verborgen: Riesige Favelas (Armenviertel) durchzogen die Stadt. Armut, Kriminalität und Korruption waren durchaus präsent und zeigten uns, dass alles seine Schattenseiten hat.

Unser Motto: Learning by doing

Während des Pharmaziestudiums hatten wir zwar einen Grundlagenkurs in brasilianischem Portugiesisch besucht, um uns auf das Auslandssemester vorzubereiten. Leider hat uns in Brasilien die Realität schnell eingeholt: Fast niemand verstand unser hart erlerntes Portugiesisch und nach englischsprachigen Brasilianern musste man lange suchen, sodass unsere Kommunikation mit viel Kreativität und Witz verbunden war. Schnell wurde uns klar: Learning by doing. Und so wurden alltägliche Situationen zu einer kleinen Komödie. Dabei galt es nicht nur, die Sprachbarriere beispielsweise beim Einkaufen im Supermarkt, in Restaurants oder bei Bus- und Taxifahrten zu überwinden. Denn alles ist einfach ein bisschen anders. Doch schon bald lernten wir, wie alles funktioniert – und das brasilianische Leben stellte sich als aufregend, gesellig und vor allem herzlich heraus. Wir wohnten in einem Studentenhaus mit zwölf anderen Studierenden aus aller Herren Länder, nur wenige Minuten entfernt vom berühmten Fußballstadion Maracanã. Das Haus wurde von einer sehr liebevollen Tia (Tante) betreut, die sich sehr bald als unsere brasilianische Mutter verstand. Schnell wurden sie und unsere Mitbewohner zu unserer brasilianischen Familie.

 

Foto: Privat

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Forschen an der UFRJ

Die UFRJ wurde im Jahr 1792 gegründet und ist die größte bundesstaatliche Universität Brasiliens und eines der Exzellenzzentren in Lehre und Forschung. Sie unterhält sieben Museen, acht Universitätskliniken, hunderte von Labors und mehr als vierzig Bibliotheken. Der Hauptcampus liegt auf der künstlich angelegten Insel Ilha do Fundão, mitten in der Guanabara-Bucht. Unser Forschungspraktikum haben wir im Bereich der Medizinischen Chemie im Syntheselabor LASSBio (Laboratório de Avaliação e Síntese de Substâncias Bioativas) der Pharmazeutischen Fakultät absolviert. Doch bevor es ins Labor ging, stand zunächst die Recherchearbeit an: In einem einmonatigen Projekt schrieben wir ein Review über bereits synthetisierte N-acylhydrazone (NAH), um uns auf die Forschungsarbeit vorzubereiten. Dabei analysierten wir 139 bereits veröffentlichte Papers und lernten viel über Wirkungen, chemische Variabilität und bisherige Forschungsergebnisse dieser Grundstruktur. Mit dem Wissen machten wir uns dann voller Motivation daran, eine NAHSerie zu planen, die Derivate zu synthetisieren und eine pharmakologische Testung durchzuführen. Der Ausgangsstoff wurde von der brasilianischen Firma Nortec Quimica gesponsert. Diesen haben wir im etwa 60 Kilometer entfernten Duque of Caxias (Petropolis) abgeholt und bekamen somit gleich einen spannenden Einblick in das brasilianische Chemieunternehmen.

Foto: Privat

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Synthese und Testung

Ausgerüstet mit dem Ausgangsstoff machten wir uns dann die nächsten fünf Monate an die Arbeit und synthetisierten eine Serie aus 20 verschiedenen Arzneimittelkandidaten. Die Analytik unserer Derivate führten wir an der UFRJ selbständig durch: Die Messungen mit NMR, HPLC, IR, MS und DSC sowie deren Auswertungen gehörten zu unseren täglichen Aufgaben. Da die Konfiguration unserer Strukturen – also die räumliche Anordnung der Moleküle – noch ungeklärt war, fuhren wir nach Campinhas im Bundesstaat São Paulo zum Brazilian Synchrotron Light Laboratory. Dort bestimmten wir mittels Röntgendiffraktometrie die Kristallstruktur und damit die Konfiguration unserer Derivate. Zusammen mit Roberta Tesch, Doktorandin an der UFRJ, haben wir anschließend eine sogenannte Docking-Studie mit unseren Strukturen am erwarteten Zielenzym, der p38 MAP-Kinase, durchgeführt. Das Enzym gehört zur Familie der Mitogenaktivierten Proteinkinasen, ist in zelluläre Signalkaskaden involviert und spielt unter anderem eine Rolle bei chronischen Entzündungsreaktionen. Parallel zu der Docking- Studie wurden unsere Derivate, die das Enzym hemmen und somit eine antiinflammatorische Aktivität aufweisen sollen, an der Eberhard Karls Universität in Tübingen in vitro getestet. In Zusammenarbeit mit einer brasilianischen Partneruniversität in Alagoas (Universidade federal de Alagoas, UFAL) konnten unsere Strukturen zudem in vivo auf analgetische Aktivität hin überprüft werden. Erste positive Ergebnisse und weitere Testungen motivieren uns noch heute, laufend an unserem Forschungsprojekt weiterzuarbeiten.

Arbeiten im Labor – Hauptsache kreativ

Das Labor war vergleichbar mit einem Chemielabor in Deutschland, allerdings mit vereinfachter Ausstattung. In Brasilien ist es üblich, dass Studierende schon während des Pharmaziestudiums an kleinen Forschungsprojekten mitarbeiten, um früh einen Einblick in die Forschung zu erhalten. So arbeiteten wir mit Pharmaziestudierenden, Masterstudenten, Doktoranden und Professoren im selben Labor. Mit der typisch offenen brasilianischen Art wurden unsere Kollegen schnell zu Freunden. Sie standen uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite und sorgten so dafür, dass wir uns schnell wohlfühlten. Vor allem unsere Betreuerin Professorin Maria Letícia de Castro Barbosa wurde uns rasch zu einer guten Freundin und hat uns immer unterstützt. Das Arbeiten im brasilianischen Labor ist übrigens oft mit sehr viel Kreativität verbunden. Da unvorhergesehene Strom- oder Wasserausfälle keine Seltenheit waren, lernten wir, dass durch Improvisation und viel Fantasie alles möglich ist. Gerade zu Beginn des Praktikums staunten wir nicht nur über die brasilianische Arbeitsweise, sondern auch über manche Lösungsstrategien: Irgendwie kann man alles reparieren, wenn auch nur provisorisch.

Forschung International

Foto: Privat

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Auch außerhalb der Universität haben wir in Sachen Forschung und Wissenschaft sehr viel erlebt. Gleich am Anfang unseres Praktikums konnten wir unseren Fachwortschatz im brasilianischen Portugiesisch aufbessern: Anlass dazu war ein Kongress der regionalen Fachgruppe Chemie vom Bundesstaat Rio de Janeiro in Niteroi. Hier konnten wir Einblicke in die Arbeit unserer Laborkollegen erhalten, andere Arbeitsgruppen kennenlernen und nicht zuletzt die Skyline Rios von der gegenüberliegenden Seite der Guanabara-Bucht bewundern. Ein weiterer Höhepunkt war die fünftägige Sommerschule in Pharmazeutischer und Medizinischer Chemie (Escola de verão em Quimica farmaceutica & medicinal), die von LASSBio organisiert wurde. Zahlreiche Workshops und Seminare, auch von Gastprofessoren, boten interessante Einblicke und förderten den internationalen Austausch in Forschung und Industrie. Als Professoren aus Deutschland zum deutschbrasilianischen Symposium in Medizinischer Chemie anreisten, kamen Heimatgefühle auf und wir konnten zur Abwechslung auch mal wieder deutsch sprechen. Ziel des Symposiums war es, den Fortschritt und den Ausbau der deutsch-brasilianischen Freundschaft und die internationale Zusammenarbeit zu betonen und zu stärken – ganz im Sinne unseres Auslandssemesters.

Im Fußballfieber

In Brasilien fühlten wir uns nach kurzer Zeit wie echte Carioca (Einwohner von Rio de Janeiro) und tanzten Samba auf dem berühmten Karneval in Rio, trugen weiße Kleidung an Silvester beim Feuerwerk an der Copacabana, feuerten die Fußballmannschaft Flamengo im Maracanã an und lernten auf der Feira de São Cristóvão den brasilianischen Musik- und Tanzstil Forro kennen. An den Wochenenden reisten wir mit Freunden in verschiedene Städte rund um Rio und lebten frei nach dem brasilianischen Motto: Tudo acaba em Samba (am Schluss endet eh alles im Samba). Im Sommer versetzte die Fußballweltmeisterschaft ganz Brasilien in Aufruhr, manche waren enthusiastisch und begeistert, andere wiederum verärgert. Als „pseudo Carioca“, wie unsere Freunde uns immer nannten, haben wir natürlich die Nationalmannschaft von Brasilien angefeuert, in schwierigen Situationen mitgefiebert und nach einem Sieg natürlich richtig brasilianisch gefeiert. Nach dem Brasilien-Deutschland-Spiel wurden wir natürlich nicht des Landes verwiesen. Aber wir mussten versprechen, dass Deutschland dann wenigstens Fußballweltmeister wird – was ja auch geklappt hat.

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Farbenfrohe Feira de São João in Salvador, der Hauptstadt Bahias. Foto: Privat

Magisches Brasilien

Im Anschluss an die Forschungsarbeit blieb uns noch Zeit, um Brasilien zu entdecken. Die gigantischen Cataratas del Iguazú (Iguaçu Wasserfälle), die Sumpflandschaft Pantanal mit ihrer einzigartigen Tierwelt, die Kolonialstadt Ouro Preto, die Traumstrände von Pipa und die Dünenlandschaften in Barrerinhas waren nur einige Highlights auf unserer Reise. Das Brasilien so vielseitig ist, hätten wir nicht für möglich gehalten – jeder Ort wurde zu einem ganz neuen Abenteuer. Pünktlich zur Feira de São João reisten wir nach Bahia und erlebten ein traditionelles, farbenfrohes Festival. Vor allem den Aufenthalt in Salvador, der Hauptstadt Bahias, werden wir nie vergessen: Sambareggae- trommelnde Kinder und Capoeiratanzende Männer und Frauen in bunten Kleidern verliehen der Stadt etwas Magisches. Von Porto Seguro aus sind wir zum Basecamp der deutschen Nationalmannschaft in Santo André gefahren. Leider spielte die Mannschaft gerade in Fortaleza gegen Ghana. Aber immerhin relaxten wir einen Nachmittag am gleichen Strand, an dem sich sonst Özil, Müller und Co. aufhielten. Nach acht Monaten Abenteuer war die Zeit dann – leider viel zu schnell – vorbei. Wir durften Brasilien als ein wunderschönes, vielfältiges und spannendes Land erleben. Dank vielen netten, hilfsbereiten und lebensfrohen Bewohnern wurde die Zeit in Brasilien zu einem einmaligen Erlebnis.

Von Sonja Herrmann und Tabea Schübel,
Pharmazeutinnen im Praktikum in Stuttgart