Forschung im Land der Kängurus
Foto: Starobova/Müller
28. September 2015 Drucken Empfehlen
Internationales
Praktisches Jahr in Australien

Forschung im Land der Kängurus

Zwei ehemalige Pharmaziestudierende haben einen Teil ihres Praktischen Jahres in Australien verbracht. Welche Vorbereitungen nötig waren und was sie im Land der Kängurus erlebt haben, lest ihr in folgendem Artikel.

Inspiriert vom Vorhaben unserer Freunde, das Praktische Jahr (PJ) im Ausland zu absolvieren, haben wir Prof. Dr. Lutz Heide vom Pharmazeutischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen mit der Bitte aufgesucht, uns bei der Suche nach einer PJ-Stelle in einem englischsprachigen Land zu helfen. Das Glück war auf unserer Seite, denn die Universität Tübingen war gerade dabei, eine Kooperation mit der University of Queensland in Brisbane zu starten. Prof. Heide sicherte uns seine Unterstützung zu und versorgte uns mit den nötigen Kontaktdaten.

Bürokratischer Marathon

Somit begann für uns im sechsten Semester des Pharmaziestudiums ein bürokratischer Marathon. Als Erstes mussten wir natürlich zahlreiche E-Mails schreiben, um uns und unser Vorhaben vorzustellen sowie Betreuer mit einem passenden Projekt und der nötigen Zeit für zwei Pharmazeuten im Praktikum zu finden. Nach positiven Rückmeldungen kümmerten wir uns um das Visum. Die Bearbeitung dauerte insgesamt mehr als sieben Monate, weil wir als Auszubildende an der University of Queensland ein spezielles Visum für „Occupational Trainees“ beantragen mussten. Finanziert haben wir unseren Auslandsaufenthalt über das Auslands-BAföG und mit eigenen Ersparnissen. Der BAföG-Antrag wurde nach ungefähr sechs Monaten genehmigt. Wichtig war es auch, im Vorfeld beim Landesprüfungsamt für Medizin und Pharmazie zu klären, ob unser Auslandsaufenthalt im Rahmen der Prüfungsordnung für das dritte Staatsexamen auch wirklich anerkannt wird. Zu guter Letzt suchten wir noch eine Wohnung, wobei die horrenden Mietpreise in Australien für uns auf den ersten Blick wie ein Druckfehler aussahen! Als wir dann unser zweites Staatsexamen und alle nötigen Dokumente zusammenhatten, konnten wir endlich unsere Koffer packen und nach „Down Under“ fliegen. Nach 36 Reisestunden sind wir dann am Flughafen in Brisbane im heißen australischen Sommer angekommen.

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Der Brisbane River schlängelt sich um das Central Business District. Foto: Starobova/Müller

University of Queensland

Die University of Queensland wurde im Jahr 1909 gegründet und gehört zu den weltweit führenden Forschungs- und Lehrinstitutionen. Das Pharmaziestudium in Australien besteht aus einem vierjährigen Bachelor-Studiengang, nach dem ein einjähriges Praktikum in einer öffentlichen Apotheke oder in einer Krankenhausapotheke absolviert werden kann, um die Zulassung zum Apotheker zu erlangen. Mit einem guten Bachelor-Abschluss ist es aber auch möglich, direkt im Anschluss im Rahmen eines zweijährigen Master-Studiengangs ein Forschungsprojekt zu bearbeiten. In Brisbane studiert man Pharmazie an der School of Pharmacy. Einen Teil unserer Projekte haben wir dort durchgeführt, die anderen Projekte absolvierten wir am Institute for Molecular Bioscience (IMB). Unser Supervisor war Dr. Irina Vetter. Sie ist Wissenschaftlerin und Leiterin einer Forschungsgruppe am IMB und an der School of Pharmacy und beschäftigt sich hauptsächlich mit neuropathischen Schmerzen und dazugehöriger Grundlagenforschung. Dr. Vetter hat uns an unserem ersten Arbeitstag herzlich empfangen. Bei der Begehung des IMB und der School of Pharmacy haben wir uns ein wenig wie auf einer Reise in die Zukunft gefühlt. Verglichen mit den Standards in Deutschland waren die Forschungslabore besser ausgestattet und auf dem allerneuesten Stand der Technik. Dr. Vetter stellte uns den Direktor des Centre for pain research am IMB, Prof. Richard Lewis, vor. Lewis ist ein sehr netter, Flip-Flop-tragender Professor, der uns bei unseren Projekten immer mit guten Ratschlägen zur Seite stand.

Die ersten Arbeitstage

In den ersten Wochen wurden wir in die allgemeinen Techniken eingewiesen, die für die nächsten sechs Monate die Basis unserer Forschungsarbeit bilden sollten. Dazu gehörte es, Zellkulturen verschiedener Säugetierzellen anzulegen und Methoden der DNA-Isolierung, Plasmid-Transfektion und HPLC-Fragmentierung zu erlernen. Auch in die Handhabung des FLIPRTetra (Fluorescence Imaging Plate Reader) wurden wir eingewiesen. Dieser ermöglicht es, innerhalb von ein paar Minuten die Aktivitäten von bis zu 386 verschiedenen Substanzen auf einmal zu überprüfen. Uns wurden mehrere Projekte zur Thematik der neuropathischen Schmerzen übertragen, wobei wir zum Verständnis nebenbei noch unzählige Papers lesen mussten. Nach wenigen Wochen konnten wir aber bereits völlig selbstständig arbeiten und hatten absolute Freiheit bezüglich der Planung und Gestaltung unserer Versuche. Nicht nur unser Wissen war bei der Arbeit gefragt, sondern auch jede Menge Kreativität. Wir haben Dr. Vetter oft eine vermeintlich verrückte Idee oder Theorie vorgestellt, die aber jedes Mal sehr positiv aufgenommen wurde.

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Fraser Island ist die größte Sandinsel der Welt und vollkommen naturbelassen. Foto: Starobova/Müller

Publizierte Forschungsergebnisse

Wir haben in den sechs Monaten viele Ergebnisse und Erkenntnisse erlangt, wobei eines unserer Projekte sogar so gut lief, dass daraus eine Publikation entstanden ist. Diese wurde in der Fachzeitschrift Biochemical Pharmacology unter dem Titel „α-conotoxin MrIC is a biased agonist at α7 nicotinic acetylcholine receptors“ veröffentlicht – mit uns beiden als Erstautoren! In diesem Projekt ging es um ein sogenanntes α-Conotoxin namens MrIC, eine Substanz, die man aus dem Gift der Kegelschnecke (Conus marmoreus), die an Korallenriffen lebt und andere Schnecken jagt, isolieren kann. α-Conotoxine sind kleine, über Disulfidbrücken stabilisierte Peptide, die normalerweise nikotinische Acetylcholinrezeptoren (nAChR) blockieren. MrIC hat aber eine für diese Substanzgruppe bisher einzigartige Eigenschaft: Es kann den α7 nikotinischen Acetylcholinrezeptor (α7 nAChR) aktivieren, wenn dieser von einer bestimmten Substanz zuvor verändert wurde. Der α7 nAChR ist ein ligandengesteuerter Ionenkanal, der sich überwiegend im zentralen Nervensystem befindet. Eine Substanz wie MrIC kann zu einem besseren Verständnis des komplizierten Rezeptors beitragen. Zudem ist sie eine potenzielle Leitstruktur für Wirkstoffe, die man bei α7 nAChR-assoziierten Erkrankungen wie Schizophrenie und Morbus Alzheimer einsetzen könnte.

Konferenz auf North Stradbroke Island

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Die Schiffswracks vor Moreton Island bilden einen perfekten Lebensraum für viele Meeresbewohner. Foto: Starobova/Müller

Ein Highlight unseres Aufenthaltes in Australien war die wissenschaftliche Konferenz auf North Stradbroke Island östlich von Brisbane. Das „Pain Program Grant Meeting“ findet jedes Jahr statt und wird von einem Pain Research Grant finanziert. Dort werden (noch) unpublizierte Forschungsergebnisse zum Thema Schmerz diskutiert, wobei auch wir unsere Projekte und bisherigen Ergebnisse in Form von zwei Postern vorstellen durften. Es war eine tolle Erfahrung: Einerseits, weil wir selbst Poster zu unseren Projekten vorbereiten und diese präsentieren durften, und andererseits, weil „Straddie“ eine wunderschöne Insel ist, auf der man wilden Kängurus und Koalas beim Spaziergang im Wald begegnet.

Arbeitsleben: entspannt und produktiv

Australier arbeiten im Schnitt täglich eine Stunde weniger als die Menschen in Deutschland, und das Arbeitsleben verläuft eher locker. Als wir in Australien ankamen, fingen wir motiviert mit unserem gewohnten Arbeitstempo an – wir haben aber sehr schnell gemerkt, dass wir von Zeit zu Zeit auf die Bremse treten sollten. Das Arbeitsleben an der Universität in Brisbane war entspannt, aber gleichzeitig auch sehr produktiv. Es gab, bis auf das „Groupmeeting“ am Montagmorgen, keine festen Arbeitszeiten. Bei dem Meeting wurden bei Kaffee und Frühstück die Daten der letzten Woche und das weitere Vorgehen in den verschiedenen Projekten besprochen. Ansonsten konnten wir jeden Tag anfangen, wann immer wir wollten, und auch die Planung lag in unseren Händen. Weil man nicht übermüdet und unter Zeitdruck arbeiten musste, waren alle mit Spaß bei der Sache und somit sehr produktiv. Der Umgang mit dem Vorgesetzten ist auch ein wenig anders als in Deutschland. Man spricht seinen Chef immer mit dem Vornamen an, geht auch gerne zusammen ein Bier trinken und kann mit ihm und der gesamten Gruppe ein entspanntes Wochenende auf einer schönen Insel verbringen.

Gut gelaunt und hilfsbereit

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Mit etwas Glück kann man den Kängurus sehr nahe kommen. Foto: Starobova/Müller

Die Menschen, denen wir begegnet sind, waren eigentlich immer gut gelaunt. Ob das an der Sonne oder an der Einstellung zum Leben liegt? Australier sind offen und immer interessiert daran, zu erfahren, woher man kommt und was man macht. Übernimmt man diese Lebenseinstellung, dann passieren einem ganz unerwartet die schönsten Abenteuer. An einem abgelegenen See haben wir so beispielsweise eine Gruppe Australier kennengelernt, die uns ihr Kajak ausgeliehen haben. So konnten wir diesen wunderschönen See von einem ganz anderen Blickwinkel kennenlernen. Nicht nur die Offenheit, sondern auch die uneingeschränkte Hilfsbereitschaft gehören zu den besten Eigenschaften der Einwohner: Bei jeglichen Problemen kann man einfach jemanden auf der Straße fragen und bekommt Hilfe und Unterstützung. Wäre Australien nicht so weit weg, wäre es ein perfekter Ort zum Leben: Sonne pur, nette Menschen und hohe Lebensqualität! Diesen Kontinent verlässt man definitiv nur schweren Herzens.

Weltmetropole Brisbane

Brisbane ist die Hauptstadt des Bundesstaates Queensland und liegt im subtropischen Nordosten Australiens. Dort scheint so gut wie jeden Tag die Sonne, und die Temperaturen liegen (weit) über 20°C. Somit hat man immer das richtige Wetter, um sich mit Freunden zu treffen und ein Picknick oder ein Barbecue im Park zu genießen. Es wird sehr viel draußen unternommen, und die Menschen leben in Australien sehr bewusst: Es wimmelt von Joggern, Fahrradfahrern und anderen Sportlern, sodass man von deren Mentalität mitgerissen wird und mitmacht, egal wie groß der innere Schweinehund ist.
Brisbane ist sicher keine typische Touristenstadt, da man nur wenige Sehenswürdigkeiten findet. Was man auf jeden Fall gesehen haben sollte, ist der Central Business District mit seinen Wolkenkratzern, die Shoppingmeile „Queenstreet“ und das idyllische South Bank mit Palmenanlage und Pool inklusive Sandstrand mitten in der Stadt, direkt am Brisbane River. Die Millionenmetropole hat für jede Altersgruppe etwas zu bieten: Vom freien Zugang in die Brisbane City Library über unzählige Angebote des Brisbane City Council für kostenlose Outdoor-Sportkurse wie Boxen, Yoga und Zumba bis hin zu klassischen und modernen Konzerten auf öffentlichen Plätzen. Langeweile hat uns während unseres Aufenthaltes in Brisbane sicher nicht heimgesucht!

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Das Sydney Opera House ist das Wahrzeichen Sydneys und steht direkt im Sydney Harbour. Foto: Starobova/Müller

Reise entlang der Ostküste

Vor und nach unseren Forschungen hatten wir insgesamt acht Wochen Zeit zum Reisen und konnten somit viele Orte an der Ostküste, zwischen Town of Seventeen Seventy im Norden bis Sydney im Süden, sehen. In dieser Zeit haben wir mit dem Greyhound Bus, einem Fernbus, insgesamt 2500 Kilometer zurückgelegt.
In Australien findet man die schönste Fauna und Flora der Welt. Denn der Kontinent breitet sich insgesamt über sechs Klimazonen aus, sodass ein extrem breites Spektrum an Pflanzen- und Tierarten in Australien beheimatet ist. Man entdeckt beim Spaziergang in tropischen Wäldern Koalas, Kängurus, Pythons, riesige Spinnen (die man lieber nicht entdeckt hätte), Echsen, Schmetterlinge und unzählige Vogelarten. Es gibt zahlreiche Nationalparks mit majestätischen Gumtrees (Eukalyptusbäume) und daran angrenzend kilometerlange Strände, die als Teil eines Naturschutzgebietes meist menschenleer und absolut sauber sind. Weil wir noch mehr von der Tierwelt Australiens sehen wollten und um uns einen Traum zu erfüllen, waren wir in den flachen Gewässern des Great Barrier Reefs schnorcheln. In bunten Fischschwärmen und direkt neben einer gemächlichen Grünen Meeresschildkröte zu schwimmen, war einfach unvergesslich. Bei Lady Elliot Island (eine Lagune im Great Barrier Reef), Moreton Island mit Schiffswracks und an der Westseite von Fraser Island – der größten Sandinsel der Welt – haben wir unsere schönsten Schnorchelabenteuer erlebt. Sydney war dann schließlich der Endpunkt unserer Reise. Das Wahrzeichen Sydneys ist das Opernhaus im Sydney Harbour. Auf der angrenzenden Promenade haben wir viele Cafés und Bars gefunden, in denen wir einen Drink und den Sonnenuntergang mit Blick aufs Opernhaus und die Harbour Bridge genießen konnten.

Erfahrung fürs Leben

Wir würden jedem, der sich für die Forschung interessiert und herausfinden möchte, ob eine Forschungskarriere der richtige Weg ist, empfehlen, eine Hälfte des Praktischen Jahres im Ausland an einem Forschungsinstitut oder einer Universität zu absolvieren. Wir haben während unseres PJ festgestellt, dass wir definitiv in der Forschung tätig sein wollen. Beruflich haben wir beide sehr davon profitiert: Dr. Vetter hat uns mit Prof. Dr. Katharina Zimmermann von der Universität Erlangen-Nürnberg bekannt gemacht. Bei ihr haben wir nun an der Anästhesiologischen Klinik mit unserer Doktorarbeit im Bereich der experimentellen Schmerzforschung begonnen.
Bei unseren Forschungen in Australien lief öfter etwas schief, und wir mussten wieder dort anfangen, wo wir schon vor Wochen waren. Wir mussten Probleme im beruflichen und privaten Rahmen lösen, die zunächst unlösbar erschienen. Im Nachhinein haben wir aber bemerkt, dass es eine Schule fürs Leben war und wir nun mit vielem gelassener umgehen können. Während dieser acht Monate haben wir ein neues Land mit spannender Kultur kennengelernt, Freunde fürs Leben gewonnen und den Weg für unsere berufliche Zukunft geebnet. All das war sicher jede Anstrengung und jedes einzelne Problem, das wir lösen mussten, wert.

Von Hana Starobova und Alexander Müller,
Doktoranden an der Anästhesiologischen Klinik im Uniklinikum Erlangen