Energy-Drinks: Was ist drin?
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5. March 2015 Drucken Empfehlen
Wissenschaft
Maßvoller Umgang mit Muntermachern!

Energy-Drinks: Was ist drin?

Morgens acht Uhr in der Vorlesung. Man sitzt noch etwas schläfrig in den Reihen und so langsam durchdringt ein angenehmer Kaffeeduft den Hörsaal. Plötzlich rümpft jemand die Nase: Es riecht penetrant nach Gummibärchen. Energy-Drinks. Morgens im Hörsaal, mittags in der Mensa und natürlich abends beim Feiern. Klingt komisch? Oder ganz normal? Schließlich hat man ja hohe Ziele: Viel lernen, ein ausgeprägtes Sozialleben – eine Gleichung, die schnell mal wenig Schlaf ergibt. Und so ein Paar Flügel kann man in der Bibliothek oder beim nächsten sportlichen Wettkampf sicher gut gebrauchen.

Für junge Menschen mag es sich ein bisschen so anfühlen, als habe es Energy-Drinks schon immer gegeben. Glaubt man dem Internetauftritt von Red Bull, begann die Karriere der Energy- Drinks in ihrer heutigen Form aber erst im Jahr 1987. Lange schien man nicht zu wissen, wo man sie hinstecken soll, diese ominösen Muntermacher. Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin empfahl im Jahr 1994 eine „Zurückhaltung bei neuartigen koffeinhaltigen `Energiegetränken´“. Sorge bereitete vor allem der erhöhte Coffeingehalt im Vergleich zu schon damals üblichen coffeinhaltigen Erfrischungsgetränken wie Cola. Und auch heutzutage wird immer wieder über die Sicherheit dieser Getränke diskutiert.

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Nicht nur bei einem Lernmarathon wird gerne auf Energy-Drinks zurückgegriffen … Foto: Photographee.eu - Fotolia

Gefährliche Nebenwirkungen?

Vermutlich hat jeder schon einmal eine Tasse Kaffee zu viel getrunken. Mancher meidet Kaffee bewusst, sei es aufgrund seines bitteren Geschmacks oder seiner unerwünschten Nebenwirkungen, die einige, vor allem „untrainierte“ Kaffeetrinker, schon nach einer Tasse spüren. Gleiches gilt für Energy- Drinks: Das Herz klopft und man ist aufgedreht – aber nicht unbedingt produktiver. Die Nervosität vor einer wichtigen Prüfung wird eventuell noch verstärkt. Und auch der Darm möchte öfter zur Toilette als man selbst. Wenn man dann noch in der Nacht vor der Prüfung aufgrund von exzessivem Coffeinkonsum gar keinen Schlaf mehr findet, überlegt man sich das nächste Mal vielleicht doch, lieber zum Kopfkissen als zur Kaffeekanne bzw. zur Dose zu greifen. Ohne Zweifel, mögliche Folgen sind sehr unangenehm – aber auch gefährlich? Liest man sich die Erklärung zur Unterschriftenaktion von der Verbraucherorganisation foodwatch mit dem Titel „Keine Energy-Drinks für Kinder!“ durch, dann möchte man das bejahen. Denn auf der Internetseite steht: „Energy-Drinks und die hoch konzentrierten Energy-Shots stehen im Verdacht, Herzrhythmusstörungen und sogar Todesfälle zu verursachen. Wir fordern: Energy-Drinks dürfen nicht mehr an Kinder und Jugendliche abgegeben werden, Shots müssen verboten werden!“

Hinweise auf dem Etikett

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… sondern auch beim Feiern, pur oder gemischt mit Alkohol. Foto: Olesia Bilkei - Fotolia

Mit dem Konsum von Energy-Drinks beschäftigt sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Denn Besucher von Diskotheken, Musik- und Sportveranstaltungen sowie LAN-Partys trinken teilweise erhebliche Mengen an Energy-Drinks. Im Durchschnitt konsumierten die Befragten beim Tanzen in Clubs ca. einen Liter Energy- Drink (bis zu 320 mg Coffein) gemischt mit alkoholischen Getränken, heißt es in einer Pressemitteilung des BfR Anfang vergangenen Jahres. Beim Verzehr von Energy- Drinks im Zusammenhang mit ausgiebiger sportlicher Betätigung oder mit dem Genuss von alkoholischen Getränken seien unerwünschte Wirkungen auf die Gesundheit möglich. Dass Energy-Drinks nicht für jeden geeignet sind, darauf wird bereits hingewiesen. Auf EU-Ebene sind Hinweise auf den Etiketten vorgeschrieben, dass Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Kinder, Schwangere und Stillende aber auch Coffein-empfindliche Menschen auf Energy- Drinks verzichten sollten. Dem BfR geht das offenbar nicht weit genug und sprach sich bereits Anfang vergangenen Jahres dafür aus, dass auf den Etiketten auf mögliche unerwünschte Wirkungen im Zusammenhang mit ausgiebiger sportlicher Betätigung oder Alkoholkonsum hingewiesen werden sollte.

Zahlreiche Konsumgelegenheiten

Energy-Drinks werden fleißig konsumiert: Im Jahr 2013 hat ein großer Energy-Drink- Hersteller 5,3 Milliarden Dosen verkauft. Die zahlreichen Konsumgelegenheiten werden dem Verbraucher in der Werbung angepriesen:

• wenn man am Steuer sitzt …
• wenn Vorlesungen und Prüfungen anstehen …
• bei der Arbeit …
• vor, während oder nach dem Sport …
• beim Gaming …
• beim Ausgehen – Tag oder Nacht …

Die Zielgruppen und deren Bedürfnisse sind also bekannt.

Deklaration von Coffein

Der bekannteste Inhaltsstoff des Energy- Drinks ist Coffein. Wenn Coffein in Erfrischungsgetränken enthalten ist, muss klar und eindeutig darauf hingewiesen werden. Eine Ausnahme gilt für Coffein-haltige Erfrischungsgetränke auf Grundlage von Kaffee, Tee bzw. Kaffee- oder Tee-Extrakt, wenn dies aus der Kennzeichnung oder Aufmachung klar erkennbar ist. Eine genaue Mengenangabe ist schwierig, da der Coffeingehalt von natürlichen Faktoren wie Ernte, Pflanzenart und Zubereitung abhängt. Als Durchschnittswert wird in der Literatur oft von 80 mg Coffein pro Kaffeetasse ausgegangen, ca. doppelt so viel wie in Schwarz- und Grüntees (stark variabel!). Laut Coca-Cola ist der Coffeingehalt in ihrer Cola etwa vier Mal geringer als der von Kaffee. Eine Angabe zum konkreten Coffeingehalt sucht man auf der Flasche aber vergeblich, stattdessen steht dort lediglich „Aroma Koffein“. Denn erst ab 150 mg Coffein pro Liter muss die Angabe „erhöhter Koffeingehalt“ sowie die genaue Menge an Coffein auf dem Etikett aufgeführt werden. So enthalten z.B. Afri Cola und Fritz-Kola 250 mg Coffein pro Liter. Dennoch gehören auch diese beiden noch nicht zu den Energy-Drinks.

Coffein-Tabelle

(Maximaler) Coffeingehalt in ausgewählten Getränken.

Definition Energy-Drink

Was Energy-Drinks sind, ist in der Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung geregelt. Demnach enthalten „koffeinhaltige Erfrischungsgetränke“ als Grundlage Wasser, dem geschmackgebende Zutaten oder Aromen und Coffein oder Coffein-haltige Zutaten hinzugefügt werden. Sie dürfen auch noch weitere Stoffe enthalten – beispielsweise werden oft Vitamine hinzugegeben. „Energydrinks […] sind koffeinhaltige Erfrischungsgetränke, die zusätzlich einen oder mehrere der in Anlage 8 Teil B aufgeführten Stoffe enthalten“, heißt es in der Verordnung. Damit sind neben Coffein die Stoffe Taurin, Inosit und Glucuronolacton gemeint.

Anlage 8 der Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung

Anlage 8 der Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung

Coffein: Coffein ist wie Theophyllin und Theobromin chemisch gesehen ein Xanthin- Derivat, das in Tee- und Kaffeepflanzen vorkommt. Coffein ist weltweit die am häufigsten verwendete zentralerregende Substanz. Auch Theophyllin ist zentral stimulierend, jedoch weniger effektiv als Coffein. Alle drei Substanzen wirken sich auf die Herzfrequenz und die Kontraktilität aus, Coffein jedoch am wenigsten. Genauso steigern sie die Diurese und führen zu einer Bronchodilatation. Hierbei steht Coffein in seiner Wirkstärke im Vergleich zu Theophyllin – welches in der Asthmabehandlung Anwendung findet – und Theobromin an letzter Stelle. Coffein im Kaffee erreicht sein Wirkmaximum bereits nach ungefähr einer halben Stunde. Im Tee (Schwarz- und Grüntee) wirkt das Coffein langsamer, aber dafür auch länger.

Taurin: Taurin wird als Aminosulfonsäure selbst vom Körper produziert. Es gilt als wichtig für die kardiovaskuläre Funktion und Entwicklung, aber auch für die Funktion des Skelettmuskels, der Retina (Netzhaut) und des zentralen Nervensystems. Der Name der Substanz leitet sich vom Stier (lat. Taurus) ab, denn dieser Stoff wurde erstmals aus der Gallenflüssigkeit von Ochsen extrahiert. Oft wird eine Verstärkung der Coffeinwirkung durch Taurin angepriesen bzw. gefürchtet, was jedoch laut Stiftung Warentest, die im Juli 2013 Energy-Drinks unter die Lupe genommen hat, nicht belegt ist.

Inosit: Inosit ist ein cyclischer Alkohol, der in acht stereoisomeren Formen vorkommen kann. Das wichtigste Isomer soll der süß schmeckende myo-Inosit sein. Er kommt weit verbreitet in pflanzlichem und tierischem Gewebe vor (z.B. in freier Form im Muskel und in gebundener Form im Phosphatidylinositol-Stoffwechsel der Membran-Phospholipide) und kann auch vom menschlichen Körper hergestellt werden. Intrazellulär spielt er eine Rolle bei der Übertragung von diversen Signalen.

Glucuronolacton: Auch Glucuronolacton kommt im menschlichen Körper natürlich vor, zum Beispiel als wichtige Strukturkomponente vom Bindegewebe. Außerdem wird für Glucuronolacton eine antioxidative und entgiftungsfördernde Wirkung angenommen. Stiftung Warentest kommt zu dem Schluss, dass eine zusätzliche Aufnahme keine Vorteile bringt. „Der Körper produziert genug davon. Eine leistungssteigernde Wirkung ist auch nicht belegt.“

Coffein in Energy-Shots und Co.

Viel kritisiert werden momentan die Energy- Shots. Sie enthalten dieselben Zutaten wie Energy-Drinks, jedoch in deutlich konzentrierterer Form: 1240 mg Coffein pro Liter (Grenzwert laut Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung: 320 mg/l) haben die Tester von Stiftung Warentest im Juli 2013 im Red Bull Energy Shot (74,4 mgin 60 ml gemessen. Diese Menge ist nur möglich, weil Energy-Shots nicht unter die Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung fallen, sondern zu den Nahrungsergänzungsmitteln zählen. Zwar muss eine Verzehrsempfehlung (ein Fläschchen am Tag) auf der Verpackung angegeben sein – doch ist fraglich wer sich diese bei Produkten, die im Supermarkt erworben wurden, tatsächlich durchliest. Coffein findet sich aber nicht nur in Getränken, sondern ist auch in Tablettenform in der Apotheke erhältlich (200 mg Coffein pro Tablette). Zwar sind Coffein-Tabletten nicht unbedingt harmloser als Shots, doch kauft man die Tabletten immerhin bewusst in Form eines Arzneimittels mit Packungsbeilage – und nicht wie eine Süßigkeit im Supermarkt mal schnell nebenbei. Die Gefahr des übermäßigen Konsums bleibt dennoch bestehen. Daneben gibt es auch Arzneimittel, in denen Coffein und analgetische Wirkstoffe in Kombination vorliegen. Zudem befinden sich Nahrungsergänzungsmittel mit Coffein auf dem Markt, die nicht im Gewand eines Energy-Shots daherkommen: Der Name „Doppelherz system Vitamin B12 Plus Energie“ lässt im ersten Moment nicht unbedingt erahnen, dass auch Coffein enthalten ist (75 mg Coffein in 25 ml, ähnlich viel wie in einem Energy- Shot von Red Bull mit 60 ml). Das Granulat „Doppelherz Energie-Start Direct“ beinhaltet neben B-Vitaminen auch 75 mg Coffein und 100 mg Taurin pro Beutel.

Coffein-Dosen

Laut einer aktuellen Studie der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) gelten für gesunde Erwachsene 400 mg Coffein pro Tag in der Regel als unbedenklich. Ab einem Gramm Coffein können Vergiftungssymptome auftreten, wenn es in kurzer Zeit aufgenommen wird. Die tödlichen Coffein-Dosen liegen zwischen drei und zehn Gramm.

Maßvoller Umgang

Auch wenn die gesunden Alternativen zum Coffeinkonsum zumeist bekannt sind (Schlafen!), lässt man sich vor allem in Stresssituationen von den Versprechen der Werbeindustrie beeinflussen. Letztlich verhält es sich bei den Energy-Drinks bzw. den Coffein-haltigen Getränken wie mit fettigem Fast Food, Süßigkeiten oder Alkohol: Entscheidend ist der maß- und verantwortungsvolle Umgang. Deswegen ist es wichtig, dass Verbraucher wissen, in welchen Produkten Coffein enthalten ist und welche Risiken beim übermäßigen Konsum entstehen können.

Von Diana Moll,
Pharmazeutin im Praktikum in Berlin