28. September 2015 Drucken Empfehlen
Studium
Für die Arzneimittelqualität

Arzneibuch und Kommentar

Das Arzneibuch, ein amtliches, offiziell vorgeschriebenes Werk, hat den Zweck, die Gesundheit der Bevölkerung mithilfe anerkannter, gemeinsamer Regeln für die Qualität von Arzneimitteln und ihren Bestandteilen zu fördern und zu schützen. Diese Regeln sind größtenteils in sogenannten Monographien festgehalten, die exakte Vorschriften für die Herstellung und den Umgang mit Arznei- und Hilfsstoffen beinhalten. Der Arzneibuch-Kommentar ist ein nichtamtliches und nicht vorgeschriebenes Werk, das allerdings den Inhalt des Arzneibuchs wissenschaftlich erläutert und Hintergründe verständlich macht.

Das für Deutschland gültige Arzneibuch setzt sich zusammen aus dem Deutschen Arzneibuch (DAB) als einbändiger Loseblatt-Sammelordner, dem homöopathischen Arzneibuch (HAB) als zweibändiger Loseblatt-Sammelordner und dem Europäischen Arzneibuch (Pharmacopoea Europaea, Ph. Eur.), ein dreibändiges Grundwerk mit jährlich erscheinenden Nachträgen. Im Folgenden werden das Europäische Arzneibuch und der Arzneibuch-Kommentar vorgestellt.

Aufbau des Arzneibuchs

Die Ph. Eur. enthält neben allgemeinen Erläuterungen und Hinweisen, einem Vorwort und dem Einleitungskapitel insbesondere folgende Teile und Kapitel:

  • Allgemeiner Teil (Allgemeine Vorschriften; Allgemeine Methoden; Material zur Herstellung von Behältnissen; Reagenzien;   Allgemeine Texte)
  • Monographiegruppen (Allgemeine Monographien; Monographien zu Darreichungsformen; Einzelmonographien zu Impfstoffen, Immunsera, Radioaktiven Arzneimitteln, Nahtmaterial und Pflanzlichen Drogen; Homöopathische Zubereitungen)
  • Monographien (Einzelmonographien)

In den „Allgemeinen Vorschriften“ und im Kapitel „Einleitung“ der Ph. Eur. werden die Bedeutung der einzelnen Arzneibuchkapitel und -passagen, die Vorgaben zu deren Status und Verbindlichkeit und die Regeln zu ihrer Auslegung erklärt. In den Monographiegruppen sind die Allgemeinen Monographien von besonderer Bedeutung. Sie gelten für alle betroffenen Einzelmonographien, ohne dass in einer Einzelmonographie ein Verweis darauf stehen muss. Auf die Bedeutung der Allgemeinen Monographien und Allgemeinen Vorschriften wird in den Fußnoten auf jeder Seite des Arzneibuchs hingewiesen. Für eine Einzelmonographie können auch mehrere Allgemeine Monographien gelten.

Gliederung der Monographien

Die Einzelmonographien des Teils Monographien bestehen aus folgenden Abschnitten:

  • Titel
  • Formel (Strukturformel, Summenformel, Molekulargewicht)
  • Definition
  • Eigenschaften
  • Herstellung (fakultativ)
  • Prüfung auf Identität
  • Prüfung auf Reinheit
  • Gehaltsbestimmung
  • Lagerung
  • Beschriftung
  • Funktionalitätsbezogene Eigenschaften (fakultativ bei Hilfsstoffen)
  • Verunreinigungen
Europäisches Arzneibuch

Das Arzneibuch besteht aus dem Europäischen, dem Deutschen und dem Homöopathischen Arzneibuch und ist entweder als Buch oder seit 2008 als miteinander verlinkte DVD bzw. CDs erhältlich.

Im Abschnitt Definition wird angegeben, worauf sich die Monographie genau bezieht und, falls zutreffend, die Gehaltsspezifikation vorgegeben – ein besonders wichtiges Qualitätskriterium.
Die Angaben im Abschnitt Eigenschaften stellen keine verbindlich zu überprüfenden Anforderungen dar, sondern sind nur zur Information gedacht. Der Abschnitt Herstellung befindet sich nur in bestimmten Monographien, deren Vorschriften und Kennwerte (Spezifikationen) nur auf ein bestimmtes von mehreren möglichen Herstellungsverfahren zugeschnitten ist oder bei denen die Qualität entscheidend durch das Herstellungsverfahren bestimmt wird und nur durch In-Prozess-Kontrollen (d.h. nur während der Herstellung und nicht mehr am Endprodukt) sichergestellt werden kann. Die im Abschnitt Prüfung auf Identität angegebenen Identitätsprüfungen belegen mit einem annehmbaren Maß an Sicherheit, dass das Produkt mit den Angaben in der Beschriftung übereinstimmt. Falls in einer Monographie zwei Identifikationsreihen angegeben sind, so sind diese nicht gleichwertig: Die erste Identifikationsreihe liefert aussagekräftige Ergebnisse. Sie enthält üblicherweise Prüfungen, zu deren Durchführung anspruchsvolle Apparaturen (vor allem IR-Spektrometer und HPLC-Geräte) erforderlich sind, die von spezialisierten Laboratorien durchgeführt werden können. Die zweite Identifikationsreihe liefert weniger sichere Ergebnisse. Sie enthält vor allem physikalische und nasschemische, d.h. apparativ weniger anspruchsvolle Prüfungen. Sie richtet sich an (nicht apparativ ausgestattete) Apothekenlabors. Die zweite Identifikationsreihe darf nur dann anstelle der 1. Identifikationsreihe angewendet werden, wenn die untersuchte Substanz eindeutig auf eine zertifizierte Substanzcharge zurückgeführt werden kann, die alle „weiteren Anforderungen“ der Monographie der Substanz erfüllt. Bei der Prüfung auf Reinheit werden zunehmend differenzierende flüssigchromatografische Verfahren vorgeschrieben, die die möglichen Verunreinigungen aus den Herstellungsverfahren und auch Zersetzungsprodukte, die während der Lagerung einer Substanz entstehen können, erfassen. Bei der Prüfung auf Gehalt wird zunehmend von Titrationsverfahren auf chromatografische Verfahren umgestellt. Die Angaben in den Abschnitten Lagerung und Beschriftung sind nicht umfassend und nicht bindend. Sie dienen der Information für den Verwender über den Ausgangsstoff. Der Abschnitt Funktionalitätsbezogene Eigenschaften kann in Hilfsstoff-Monographien vorhanden sein und stellt keine verbindlichen Anforderungen dar. Er listet Prüfungen bzw. Eigenschaften und Kenngrößen auf, die für die galenische Verwendung relevant sein können. Der Abschnitt Verunreinigungen listet Verunreinigungen auf, die aufgrund der Herstellung des Arzneistoffs entstehen können und von der Prüfung „Verwandte Substanzen“ der Monographie erfasst werden. Es wird zwischen „Spezifizierten Verunreinigungen“ und „Anderen bestimmbaren Verunreinigungen“ unterschieden. Für alle aufgeführten Verunreinigungen kann davon ausgegangen werden, dass sie durch die Prüfmethoden der Monographie ausreichend kontrolliert werden.

Arzneibuchkommentar

Der Arzneibuch-Kommentar erläutert die Vorschriften des Arzneibuchs und schafft das nötige Hintergrundwissen.

Der Arzneibuch-Kommentar

Der Arzneibuch-Kommentar (zehnbändiger Loseblatt-Sammelordner) ist die wissenschaftliche Erläuterung zum Arzneibuch. Durch die ständige Weiterentwicklung und Globalisierung des Arzneibuchs wurde dessen Schreibstil immer weiter vereinheitlicht und auf das Wesentliche (Arbeitsanweisungen und Vorschriften) reduziert. Die Vorschriften sind dadurch zwar genormt und durch den heutigen verkürzten Telegrammstil in allen europäischen Ländern verständlich. Durch die weggefallenen Erklärungen zu den Hintergründen der einzelnen Vorschriften ist aber oftmals nicht klar, worauf sie genau abzielen.
Diese Lücke füllt in Deutschland der Arzneibuch-Kommentar, indem er die Hintergründe der Monographievorschriften verständlich macht. Er beschreibt z.B. Herstellungsverfahren, Synthesewege und Reaktionsmechanismen und erklärt das Auftreten möglicher Verunreinigungen. Er erläutert, worauf Prüfungen auf Identität, Reinheit oder Gehalt gerichtet sind, deren (Reaktions-) Mechanismen oder Berechnungsgrundlagen. Er macht Angaben zur Pharmakologie der Arzneistoffe und gibt Zusatzinformationen durch Literaturzitate. Im Arzneibuch-Kommentar sind neben Theorie und Hintergründen der Stoffmonographien auch alle sonstigen Arzneibuchtexte (z.B. zu Geräten, zu Methoden der Physik und der Physikalischen Chemie, Biologie und Technologie, zur Pharmakognosie, zu Identitätsreaktionen, Grenzprüfungen, Gehaltsbestimmungen, Behältnissen, Statistik etc.) kommentiert. Da der Arzneibuch-Kommentar den Inhalt der Arzneibuchvorschriften so erläutert, dass deren Hintergründe verständlich und umsetzbar werden, kann er durchaus auch als eigenständiges Lehrbuch verwendet werden.

Nichtamtlich, aber international geschätzt
Obwohl der Arzneibuch-Kommentar nichtamtlich und nicht vorgeschrieben ist und nur in deutscher Sprache herausgegeben wird (kein anderes europäisches Land, in dem das Europäische Arzneibuch bindend ist, verfügt über einen eigenen Arzneibuch-Kommentar!), ist er aufgrund seiner Qualität, des enthaltenden Wissens und Erfahrungsschatzes auch über die Grenzen Deutschlands hinweg verbreitet.

Von Dr. Rainer Mohr,
Apotheker und Programmplaner
beim Deutschen Apotheker Verlag in Stuttgart

Mehr zur Geschichte des Arzneibuchs findet ihr in der UniDAZ 2015, Nr. 1, S. 12.