Apothekerin im Zytostatikabetrieb
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28. September 2015 Drucken Empfehlen
Berufsstart
Pharmazeutische Industrie mit Apothekenflair

Apothekerin im Zytostatikabetrieb

Bei der Herstellung von patientenindividuellen Zytostatika-Zubereitungen gibt es eine Menge zu beachten. Die Apothekerin in der Qualitätskontrolle bei ZytoService Deutschland GmbH, Nicola Anhorn, gewährt UniDAZ einen Einblick in den Herstellungsprozess und die Aufgaben als Apothekerin.

Das Unternehmen wurde 2002 von drei Hamburger Apothekern gegründet, 2006 erfolgte die Zulassung als pharmazeutischer Herstellbetrieb. Im Auftrag von Apotheken werden auf Individualanforderung des behandelnden Arztes mittlerweile bis zu 2000 patientenindividuelle parenterale Infusionslösungen hergestellt – pro Tag! Neben parenteralen Ernährungslösungen entfällt der Großteil auf Zytostatika-Zubereitungen. Der pharmazeutische Herstellbetrieb hat eine Herstellerlaubnis nach § 13 AMG (Arzneimittelgesetz) und stellt aus in Deutschland zugelassenen Fertigarzneimitteln Infusionen her. „Das Besondere ist, dass man immer noch einen Apothekencharakter im Betrieb spürt, weil es sich aus den Apotheken heraus gegründet hat“, findet Anhorn. „Aber wir sind mittlerweile ein großer Herstellbetrieb geworden, mit sechs Reinraumlaboren, in denen jeweils vier Werkbänke stehen.“ Im Unternehmen arbeiten 23 Apotheker, 56 PTA und 23 PKA.
Die Produktion ist genauestens getaktet. „Wir müssen immer das produzieren, was für den nächsten Tag benötigt wird“, erklärt die Apothekerin – dabei gebe es auch Zeiten mit einem sehr hohen Arbeitspensum, etwa vor Ostern. Dieselbe Anzahl an Patienten bekommt die Chemotherapie dann beispielsweise innerhalb von vier statt von fünf Wochentagen. „Somit müssen wir die gleiche Anzahl an Infusionen an weniger Tagen produzieren“, erklärt Anhorn und fügt hinzu: „Krebszellen kennen eben keine Feiertage.”

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Nachdem die Anforderung des Arztes in den PC eingegeben wurde, gleichen zwei Apotheker die Daten ab und führen einen Plausibilitätscheck durch. Foto: ZytoService

Von der Anforderung …

Die Anforderung, die anders als das klassische Rezept aussieht und detailliertere Informationen enthält, wird an eine öffentliche Apotheke oder Krankenhausapotheke übermittelt. Diese wiederum übermittelt die Anforderung an den pharmazeutischen Herstellbetrieb. „Es ist also immer eine Apotheke, die uns den Auftrag erteilt, eine patientenindividuelle Infusion, also eine Rezeptur, herzustellen“, erläutert Anhorn. Die Daten werden von einer PTA in ein spezielles Computerprogramm eingegeben. Zwei  Apotheker gleichen die Daten im 4-Augen-Prinzip ab und führen einen Plausibilitätscheck durch.
Auf der Anforderung finden sich allgemeine Angaben wie Name und Geburtsdatum des Patienten und Wirkstoff sowie die Dosis. Zusätzlich sind Körpergewicht und die Größe des Patienten sowie der Tag der Applikation vermerkt. „Aus Gewicht und Größe wird die Körperoberfläche berechnet, nach der die meisten Zytostatika dosiert werden“, erklärt die Apothekerin. Einige Zytostatika und vor allem die Dosis der monoklonalen Antikörper werden hingegen nach Körpergewicht des Patienten berechnet, wie das Antikörperpräparat mit dem Wirkstoff Trastuzumab gegen Brustkrebs. „Die vom Arzt ermittelte Dosis wird dann von uns Apothekern nachgerechnet.“ Häufig schreiben die Ärzte auch die Krebsart, also den ICD-Code, auf, dann kann zusätzlich überprüft werden, ob das Arzneimittel für die Therapie dieser Krebsart vorgesehen ist. Die gängigen Therapieschemata finden sich im sogenannten Blauen Buch und sind nach Krebserkrankungen mitsamt Wirkstoffen, Regeldosierungen und Therapieintervallen aufgeführt. „Gerade zu Beginn muss man vieles nachschlagen und sich intensiv einarbeiten. Mittlerweile kenne ich aber viele Schemata auswendig.“ Bei einer Folgeanforderung wird auch kontrolliert, ob der empfohlene Abstand zur vorherigen Gabe eingehalten wurde. Dass der Applikationstag auf der Anforderung steht, ist außerdem für die Produktionsabläufe von Bedeutung. Bei kurzhaltbaren Infusionen sei es sogar wichtig, die Uhrzeit zu wissen, so Anhorn, weil es Infusionen gebe, die nur 24 Stunden haltbar sind. „Diese Infusionen können wir nicht sofort morgens produzieren, sondern erst im Laufe des späten Nachmittages, da erst am Folgetag ausgeliefert wird.“ Wenn den Apothekern bei der Kontrolle Unregelmäßigkeiten auffallen, dann halten sie Rücksprache. „Die Ärzte sind in der Regel sehr dankbar, wenn wir ihnen pharmazeutische Unterstützung anbieten.“ Wenn eventuelle Ungereimtheiten beseitigt wurden bzw. die Anforderung plausibel ist, gibt der Apotheker diese zur Produktion frei.

… über die Herstellung …

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Die Herstellung der patientenindividuellen Zytostatika-Infusionen wird durch ein spezielles Computersystem überprüft und gesteuert. Foto: ZytoService

Alle Ausgangsmaterialien für die Produktion kommen über die Desinfektionsschleusen ins Reinraumlabor. Die Präparate wurden zuvor in der Wareneingangskontrolle geprüft und vom Leiter der Qualitätskontrolle oder seinem Stellvertreter freigegeben.
Die gesamte Produktion und Dokumentation ist computergesteuert: Die Mitarbeiter im Labor können beispielsweise sehen, ob eine Anforderung bereits freigegeben wurde. Auch bei der Herstellung kommt das Programm ins Spiel: Bevor die Hersteller ein Vial mit Wirkstofflösung verwenden können, müssen sie es zur Verifizierung abscannen. Hierdurch ist eine eindeutige Rückverfolgung der Chargen der eingesetzten Arzneimittel möglich. Zudem werden die Einwaagen gravimetrisch gelockt, das System erfasst über eine Waage also, ob die korrekte Menge Wirkstoff verwendet wurde. „Fehler können also nicht passieren, da alles zusätzlich computerüberwacht und gesteuert wird“, bilanziert Anhorn.
Neben dem Mitarbeiter, der die Infusionen herstellt, gibt es sogenannte Anreicher im Labor. Wenn Rezepturen nicht gravimetrisch überprüft werden können, etwa weil die Volumina zu gering sind, dann kontrolliert der Anreicher die in der Spritze aufgezogene Menge Wirkstoff, um das Vier-Augen-Prinzip zu gewährleisten.

… bis zur Auslieferung

Die fertige Infusionslösung verlässt das Labor über eine Schleuse und wird in einer Kiste auf einem Fließband weitertransportiert, in eine Verpackung eingeschweißt und in der Endkontrolle auf zahlreiche Prüfpunkte untersucht, dazu zählen u.a. sichtbare Verunreinigungen der Lösung, Unversehrtheit des Infusionsbeutels und der Umverpackung, Etikettierung, Füllvolumen und Stabilität. Abschließend wird jede hergestellte Infusion durch den Leiter der Qualitätskontrolle oder seinen Stellvertreter geprüft und mit den Daten der Anforderung des Arztes verglichen. Verpackt werden die Infusionen in großen Transportkisten, die entsprechend validiert sind und je nach Bedarf gekühlt werden können. Die Lieferung geht dann an den Auftraggeber, also die Apotheke.

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Die fertige Infusionslösung wird in der Endkontrolle auf verschiedene Parameter untersucht. Foto: ZytoService

Produkt- und Personenschutz

Dass die Herstellung der Infusionen unter sterilen Bedingungen abläuft, muss sichergestellt und dokumentiert werden. Einen kleinen Haken gibt es dabei aber: „Bei uns ist jede hergestellte Infusion eine Charge. Und wenn wir jede Charge auf Sterilität prüfen würden, dann hätten wir keine Infusionen mehr. Deswegen müssen wir zeigen, dass unsere Mitarbeiter komplett aseptisch herstellen können und dass auch die Produktion keimfrei abläuft“, erklärt Anhorn. Daher werden die Produktionsbedingungen im Labor genauestens überwacht. Neben dem Partikelmonitoring werden die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Laboren kontrolliert. Zudem muss eine spezielle Druckkaskade eingehalten werden, das heißt, es darf keine ungefilterte Luft von außen in die Labore – und umgekehrt – gelangen. Diese wird im Rahmen des Druckmonitorings überwacht. Darüber hinaus wird mit Abklatschplatten das Oberflächenkeimmonitoring durchgeführt sowie ein regelmäßiges Luftkeimmonitoring. „Nicht nur die Oberflächen im Labor werden abgeklatscht, sondern auch die Mitarbeiter“, erklärt Anhorn. „Denn der Mensch ist in einem Reinraum die höchste Kontaminationsquelle.“ Durch die Arbeitskleidung im Labor wird natürlich nicht nur das Produkt geschützt, sondern auch dem Personenschutz Rechnung getragen.

Trockenübungen in der Akademie

Es bedarf einer gewissen Übung, um den Reinraumanzug korrekt anzuziehen – und das in einem angemessenen Zeitrahmen. „Es dauert wirklich lange, um sich umzuziehen“, weiß Anhorn aus eigener Erfahrung. Lernen kann man das in der ZytoService Trainingsakademie, die 2013 gegründet wurde. Besonderen Wert lege man auf die Schulung der Labormitarbeiter, da diese sehr nah am Produkt arbeiten. „Arbeitssicherheit ist hier natürlich ein großes Thema.“ Aber auch alle anderen neuen Mitarbeiter werden in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen umfassend geschult, bevor es ernst wird, erklärt die Apothekerin.

Sonntagsdienst und Notdiensthandy

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Der Herstellbetrieb produziert pro Tag bis zu 2000 patientenindividuelle parenterale Infusionslösungen. Foto: ZytoService

Die Apotheker übernehmen turnusmäßig Sonntagsdienste, die Anhorn sehr gerne macht. „An diesem Tag produziert man mit einem kleineren Team die kurzhaltbaren Infusionslösungen, und dann kümmert man sich wirklich um alles. Die Abklatsch- und Sedimentationsplatten werden ausgewertet, man legt die Produktionsreihenfolge selber fest und hat auch das Notdiensthandy bei sich, für das man in der Woche, in der der Sonntagsdienst ansteht, zuständig ist.“ Unter dieser Nummer können Apotheker, Ärzte und Krankenschwestern im Notfall anrufen und ihre ganz unterschiedlichen und auch sehr speziellen Fragen loswerden. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, bei denen man Hilfestellung leisten muss, manchmal aber auch eine fehlende Infusionslösung, die dringend benötigt wird. „Wie in der öffentlichen Apotheke ist kein Notdienst wie der andere und das ist natürlich spannend und macht Spaß, ist aber auch eine große Verantwortung.“

Wunderbarer Job

Der Job gefällt Anhorn, die mittlerweile seit über zwei Jahren im Bereich der stellvertretenden Leitung der Qualitätskontrolle arbeitet, weil der onkologische Bereich viele Neuerungen bereithält und die Zusammenarbeit im Team klasse funktioniert. „Es ist schon toll, wenn man an einem Strang zieht, sich austauscht und Problemfälle durchdiskutiert und auch mal gemeinsam eine Entscheidung fällt.“ So könne man vom Wissen und den Erfahrungen der Kollegen profitieren. Nicht zuletzt empfindet Anhorn ihre Arbeit als Bereicherung, weil die Medikamente den Patienten helfen oder ihnen Zeit und auch ein Stück Lebensqualität schenken können.
„Eine befreundete Apothekerin aus der öffentlichen Apotheke erzählte mir einmal, dass Sie kurz vor Weihnachten bei einer Patientin angerufen hat. Ihr Mann war am Telefon und sagte ‚Sie rufen bestimmt wegen der Chemotherapie meiner Frau morgen an, sie kommt! Aber heute ist sie auf dem Weihnachtsmarkt!‘ Wenn man mitbekommt, dass es den Patienten durch die Therapie so viel besser geht, ist das ein schönes Gefühl. Manchmal sind es nur Monate, die man rausholen kann, aber für manche Patienten ist es vielleicht der Monat, in dem sie die goldene Hochzeit feiern oder das Enkelkind bestaunen können.“

Von Annette Lüdecke,
Apothekerin und freie Journalistin in Hamburg