Apotheker unter Leichen
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5. March 2015 Drucken Empfehlen
Studium
PJ in der Gerichtsmedizin

Apotheker unter Leichen

Nach bestandenem zweiten Staatsexamen geht es endlich damit los, Berufserfahrung zu sammeln! Im Praktischen Jahr (PJ) hat man die unterschiedlichsten Möglichkeiten: Zum Beispiel als Pharmazeut im Praktikum (PhiP) ganz unverbindlich einen Blick in die toxikologische Abteilung des Instituts für Rechtsmedizin zu werfen – wo Apotheker durchaus gefragt sind!

In der Approbationsordnung für Apotheker ist vorgeschrieben, dass das PJ für sechs Monate in einer öffentlichen Apotheke abgeleistet werden muss. Die verbleibenden sechs Monate können je nach persönlichem Interesse in einer anderen Institution oder Einrichtung verbracht werden. Voraussetzung ist, dass dort ein Apotheker hauptberuflich tätig ist, um die Ausbildung zu betreuen. Absolviert man das PJ beispielsweise zur Hälfte an einem Universitätsinstitut, kann das der Professor, der Hochschul- oder der Privatdozent sein. Vielleicht landet man aber auch an einem Arbeitsplatz, an dem man zunächst gar keinen Apotheker vermutet hätte – wie im Institut für Rechtsmedizin.

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Auch Blutproben von Polizeikontrollen werden in der Rechtsmedizin untersucht. Foto: angellodeco - Fotolia

Arbeitsbereiche der Rechtsmedizin

Die Rechtsmedizin, auch Forensische Medizin oder Gerichtsmedizin genannt, befasst sich unter anderem mit der Thanatologie (Wissenschaft des Todes), der forensischen Biologie (DNA-Untersuchungen aufgrund krimineller Ereignisse), der Verkehrsmedizin (bei Vorfällen in Zusammenhang mit einer Beeinträchtigung der Teilnahme am Straßenverkehr), der Drogenforschung und -diagnostik sowie mit der Toxikologie. In der Rechtsmedizin kommen medizinische Aspekte, toxikologische Untersuchungen und gesetzliche Bestimmungen zusammen. Die wichtigsten Arbeitsbereiche im Institut sind die Leichenschau, die damit verbundene Untersuchung von Gewebeproben im Labor, die Untersuchung von Asservaten oder auch Blutproben. Neben dem wohlbekanntesten Aufgabengebiet, der Aufklärung von nicht-natürlichen und ungeklärten Todesfällen, werden auch Proben von Polizeikontrollen auf Alkohol und THC (Tetrahydrocannabinol) untersucht. Viele Analysen sind Routine, spezieller wird es aber beispielsweise dann, wenn Brandleichen untersucht werden und deren Stickstoffmonoxid-Gehalt im Blut bestimmt werden muss.

(Forensische) Toxikologie  

Die Toxikologie ist allen Pharmaziestudierenden aus dem Studium sehr wohl bekannt: Sie ist ein Teilgebiet der Pharmakologie und auf die Lehre von Giftstoffen, Vergiftungen und der Behandlung von Vergiftungen spezialisiert. Die Forensische Toxikologie wiederum ist ein Teilgebiet der forensischen Wissenschaften, die für Untersuchungen mit kriminellem Hintergrund zuständig ist. Sie befasst sich mit der Aufdeckung von Vergiftungen oder der Beeinflussung des Organismus durch körperfremde Substanzen.

Vom Studium ins PJ

Die Entscheidung, eine Hälfte des PJ in der Gerichtsmedizin abzuleisten, fiel relativ spontan und so war es passend, dass auch das Institut für Rechtsmedizin die Stelle erst kurzfristig angeboten hatte. Die Anzeige war auf der Internetseite der Landesapothekerkammer ausgeschrieben und das Bewerbungsverfahren lief ziemlich unkompliziert ab. Nach der schriftlichen Bewerbung gab es eine Einladung zum Bewerbungsgespräch und danach stand schnell fest, dass es für sechs Monate als angehender Apotheker „unter Leichen“ geht. Glücklicherweise war nicht viel Zeit, um sich allzu viele Gedanken zu machen, was wohl im Einzelnen auf einen zukommen könnte. Aber auch im Nachhinein lässt sich sagen, dass man sich gar nicht näher darauf vorbereiten kann und muss. Denn der Job ist mit viel weniger Überwindung verbunden, als man vielleicht glaubt und hat schließlich eine wichtige Funktion. Der Umzug in die fast fremde Stadt war zum Glück nicht allzu aufwendig und auch für die relativ kurze Zeit von sechs Monaten die Mühe wert. Ein Zimmer in einer Vierer-WG, zusammen mit zwei anderen Studierenden und einem Piloten, war glücklicherweise schnell gefunden. In diesen Punkten war die Umstellung vom Studium auf das Berufsleben kaum ein Unterschied und schaffte schnell ein gewohntes und vertrautes Umfeld.

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Die Atmosphäre in der Gerichtsmedizin ist zunächst äußerst gewöhnungsbedürftig. Foto: celiafoto - Fotolia

Ungewöhnlicher Arbeitsplatz

Es benötigte allerdings etwas Zeit, sich an den doch ungewöhnlichen Arbeitsplatz der Gerichtsmedizin zu gewöhnen – besonders der Geruch aus dem Sektionssaal und das Licht in den Gängen und Fluren des Gebäudes und die kühle Wirkung der Räume sind fremd und sonderbar. Bis man den Überblick über die vielen unterschiedlichen Bereiche hat, dauert es ebenfalls eine Weile, aber immer stößt man auf hilfsbereite und motivierte Menschen. Ob man als PhiP in der Gerichtsmedizin in direkten Kontakt mit Leichen kommt, kann man sich angenehmerweise aussuchen. Man muss nicht „live“ an der Sektion (innere Leichenschau, Obduktion) teilnehmen, um an die Proben zu kommen die toxikologisch untersucht werden sollen. Es reicht auch, diese einfach nur nach Abschluss der Sektion entgegenzunehmen. Als PhiP ist man aber natürlich neugierig und möchte sich dieses Erlebnis ungern entgehen lassen!

Sektion bei ungeklärter Todesursache

Eine Sektion findet immer dann statt, wenn die Todesursache ungeklärt ist und man von einem nicht-natürlichen Tod ausgeht. Dabei kann es sich um ein Tötungsdelikt, einen Unfalltod oder einen Selbstmord handeln. Seltener kommt es vor, dass auch natürliche Ursachen für den Tod durch eine Obduktion bestätigt werden. Der Gerichtsmediziner hat also die Aufgabe, eine Todesursache festzustellen (bzw. auszuschließen) und ist dabei neben seiner genauen Leichenbeschauung auf chemisch-analytische Untersuchungen angewiesen. Bei einer Sektion, die etwa drei Stunden dauert,wird der gesamte Körper genauestens unter die Lupe genommen. So werden Hirn, Blut, Urin, Hirnflüssigkeit, Gewebeteile wie Leber, Muskel, Galle, aber auch Haare und der Mageninhalt entnommen, gewogen und teilweise sogar noch weiter analysiert. Vom Urin und Blut wird ein Test auf Alkohol und toxikologische Stoffe gemacht. Durch eine Haaranalyse oder die Untersuchung von Körpergewebe lassen sich auch weiter zurückliegende Ereignisse, die in Zusammenhang mit einer längerfristigen Substanzaufnahme stehen, nachweisen – und so werden manch unerwartete Dinge aufgedeckt. Nach Abschluss der Sektion beginnt die Arbeit der toxikologischen Abteilung und somit auch für den PhiP, denn die Proben müssen für die Untersuchung im Labor vorbereitet werden.

Untersuchungsmethoden bekannt

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Mit den unterschiedlichen Arbeitsschritten im Labor ist man dank des Studiums zumeist bestens vertraut. Foto: Dmytro Panchenko - Fotolia

Methodisch erinnert vieles an das Praktikum der Instrumentellen Analytik während des Grundstudiums oder auch an die Praktika in Biochemie. Außerdem sind Fragestellungen und Methoden der organischen Chemie relevant. In der Regel sind analytische Verfahren wie LC-MS (Flüssigkeitschromatografie- Tandem-Massenspektrometrie), GC/MS (Gaschromatografie- Massenspektrometrie) oder HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatografie) nötig, mit denen man aus dem Studium eher theoretisch vertraut ist. Zur Bestimmung des Alkoholspiegels werden enzymatische Verfahren (ADH-Verfahren, ADH steht für Alkoholdehydrogenase) oder gaschromatografische Verfahren (GC) angewendet. Da die Untersuchungsmethoden im Labor der toxikologischen Abteilung häufig angewendet werden, ist man schnell eingearbeitet. Vieles, was man tun muss, ist aus den Praktika während des Studiums bekannt (Flüssigkeiten abmessen, Substanzen einwiegen, mischen, lösen, … ). Die Probenvorbereitungen sind in der Regel einfach und mit wenig Aufwand verbunden. Urin muss beispielsweise nur mit Lösungsmittel versetzt werden. Bei Blutproben müssen feste Blutbestandteile nach einer genauen Vorschrift durch Fällung abgetrennt werden, damit die Kapillaren der Apparaturen nicht verstopfen. Das vorbereitete Blutserum kann so auf körperfremde Stoffe analysiert werden. Die eigentliche Untersuchung wird ausschließlich vom Fachpersonal durchgeführt. Die Auswertung übernimmt dann das Computersystem.

Immer wieder spannend

Auch wenn die Arbeit schnell zur Routine wird, bleibt es doch spannend, denn schließlich handelt es sich immer um einen neuen (Todes-)Fall und man weiß nie ganz genau, wie das Ergebnis ausfällt. Trotz aller Ergebnisse, die möglicherweise Aufschluss über die Todesursache geben und häufig tragische Vorfälle bedeuten, wird natürlich auch mal mit den Kollegen gelacht und gescherzt (gerne mit einer Prise schwarzem Humor). An manchen Tagen sind es bis zu drei Sektionen, an anderen Tagen kommt wiederum keine Leiche ins Institut, darauf lässt sich eben schwer Einfluss nehmen. Analysen sind immer zu erledigen, auch wenn es sich „nur“ um den Promillegehalt der Polizeiproben handelt. Die Arbeitszeiten von morgens um acht Uhr bis nachmittags um 17 Uhr lassen sich aber auch an Leichen-reichen Tagen gut einhalten. Nach Feierabend versucht man natürlich, nicht mehr an die Todesfälle zu denken. Manchmal fällt das aber doch schwer, wenn der Geruch von Formaldehyd und anderen chemischen Substanzen einfach nicht aus der Nase verschwinden will. Dagegen hilft zunächst einmal Ablenkung, beispielsweise bei der Erkundung der neuen Stadt oder in der WG. Die Mitbewohner sind dann aber doch neugierig, was ein angehender Apotheker eigentlich im Institut der Gerichtsmedizin macht – und so kommt es vor, dass man noch mal kurz an die Erlebnisse des Tages zurückdenkt.

Welche Fähigkeiten werden verlangt?

Der Unterschied zur öffentlichen Apotheke ist sehr groß: So fehlt nicht nur der direkte Kundenkontakt, sondern es werden zum Teil ganz andere Fähigkeiten abverlangt. Fachliche Schwerpunkte liegen im Bereich der Toxikologie und der organischen Chemie (Grundverständnisse der Synthese und Analytik) sowie der Biopharmazie (Pharmakokinetik, und -dynamik). Darüber hinaus sind besonders praktische Fähigkeiten gefragt. Qualifikationen, die man in jedem Fall mitbringen sollte, sind Sorgfalt, Selbstständigkeit, Teamfähigkeit, soziale Kompetenzen, Neugierde, Eigenmotivation und eine gewisse Belastbarkeit.

Aufgezeichnet und verfasst von Annika van der Linde,
Apothekerin und Doktorandin am UKE in Hamburg