VON KUHAUGEN, KIWIS UND ERLOSCHENEN VULKANEN
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16. September 2014 Drucken Empfehlen
Internationales
MEIN PRAKTISCHES JAHR IN NEUSEELAND

VON KUHAUGEN, KIWIS UND ERLOSCHENEN VULKANEN

Das sollte es also schon gewesen sein? Das 2. Staatsexamen näherte sich mit Riesenschritten, dabei wollte ich doch eigentlich schon seit Beginn meines Studiums einige Zeit im Ausland verbringen. Wo war eigentlich egal, nur weg, und am besten weit. Ein englischsprachiges Land wäre natürlich am Besten, denn meine Französischkenntnisse waren sehr eingerostet und mein Schulenglisch musste auch mal aufgebessert werden. Ist ja wichtig heutzutage. Während des Studiums gibt es gefühlte hundert Gründe, warum ein Auslandssemester gerade jetzt nicht passt. Zudem fühlt man sich als Pharmazeut – anders als in den meisten Studiengängen – ja irgendwie wie in einer Schulklasse, die man ungern wechseln möchte.

Im Institut für Biopharmazie und Pharmazeutische Technologie war ich damals als wissenschaftliche Hilfskraft tätig und absolvierte dort auch mein Wahlpflichtpraktikum. Mehr durch Zufall erfuhr ich, dass die Mitarbeiter einen guten Kontakt zu der Universität in Auckland, Neuseeland haben. Mit Neuseeland verband ich bis dahin zwar nur „Herr der Ringe“, „Flight of the Conchords“, Schafe, Kiwis und Erdbeben, dennoch machte es sofort Klick und die Entscheidung war gefallen: Ich wollte mein PJ in Neuseeland verbringen. Aber würde mir das irgendjemand anerkennen? Ein erstes Gespräch mit dem hiesigen Landesprüfungsamt ließ meine Sorgen verblassen. Meine Betreuerin in Neuseeland besaß die deutsche Approbation und war damit befugt, Pharmazeuten im Praktikum auszubilden. Das Einverständnis des Landesprüfungsamts ließ ich mir natürlich schriftlich geben, denn ich wollte ja später nicht dumm aus der Wäsche gucken. Die Universität des Saarlandes, wie auch einige andere Unis, bieten den Pharmaziestudenten an, eine Diplomarbeit innerhalb des PJ anzufertigen. Ein Betreuer in Saarbrücken war schnell gefunden. Jetzt ging es ans Organisatorische. Eine offizielle Bewerbung musste raus, auch wenn die zu dem fortgeschrittenen Zeitpunkt nur noch einen formellen Charakter hatte. Das benötigte Empfehlungsschreiben hatte ich mir bereits zuvor von den Professoren geben lassen, bei denen ich die HiWi-Stelle hatte.

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SPAREN DURCH´S STIPENDIUM

Die University of Auckland verlangt – wie im englischsprachigen Raum üblich – einen Nachweis, dass man die englische Sprache beherrscht. Standard sind der IELTS (International English Language Testing System) und der TOEFL (Test of English as a Foreign Language), die beide allerdings relativ teuer sind. Umso mehr freute ich mich, als ich erfuhr, dass auch ein Test des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) anerkannt wird: Dieser ist im Vergleich zu den beiden anderen Tests mit zehn Euro ein richtiges Schnäppchen. Des Weiteren bietet der DAAD ein Stipendium für Auslandssemester an. Mit relativ wenig Aufwand konnte ich ein Stipendium ergattern, mit dem ich den Hin- und Rückflug (1000 Euro) bezahlte und ein kleines Taschengeld blieb auch noch übrig. Die restlichen Kosten musste ich, naja um ehrlich zu sein, mussten meine Eltern, privat tragen. Um die Studiengebühr von circa 11.000 Euro als eingeschriebener Postgraduierter an der University of Auckland zu umgehen, riet man mir, ein Arbeitsvisum zu beantragen. So wurde ich an der Universität als nicht bezahlter „visiting research staff member guest researcher“ angestellt. Der umfangreiche Visumantrag lässt einen beim ersten Lesen zweifeln, ob man jemals einen Fuß nach Neuseeland setzen darf. Wenn man sich ein wenig damit auseinandersetzt, ist er aber auch ohne einen offiziellen Visahelfer ausfüllbar. Die Visaabteilung der neuseeländischen Botschaft hilft aber auch gerne, wenn man eine Frage hat. Wenn man sein Visum beantragt, muss man einen gebuchten Rückflug nachweisen, ein ausreichend gedecktes Konto für den Lebensunterhalt während des geplanten Aufenthalts, sowie ein polizeiliches Führungszeugnis und in manchen Fällen ein Attest, dass man keine Tuberkulose hat.

BEGLEITENDER UNTERRICHT: KEINE HÜRDE
Da ich die erste Hälfte meines PJ in Neuseeland verbracht habe, konnte ich folglich nicht an den begleitenden Unterrichtsveranstaltungen teilnehmen. Da im Saarland pro Semester nur ein Teil des begleitenden Unterrichts angeboten wird, musste ich auf ein anderes Bundesland ausweichen. In Bayern wurde ich schließlich fündig: Dort ist es möglich, innerhalb von vier Wochen am Stück – zuerst in Regensburg und dann in München – beide Teile des Unterrichts zu besuchen. Der Inhaber der Apotheke war glücklicherweise damit einverstanden. Allerdings nur unter der Bedingung, dass ich zwei Wochen meines Urlaubs dafür opferte. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.

ANKUNFT IN AUCKLAND

Als ich dann am anderen Ende der Welt ankam, lief alles erstaunlich glatt. Meine erste Unterkunft in Auckland, ein Zimmer in einer 5-er WG, hatte ich bereits von Deutschland aus gefunden. Facebook-Gruppen, die Couchsurfing Plattform und auch das neuseeländische Pendant zu Ebay sind gute Anlaufstationen. Dank meiner Mitbewohner fand ich mich auch sehr schnell zurecht, erfuhr wo man was einkaufen konnte, dass man dem Busfahrer winken muss, wenn er anhalten soll und man sich beim Aussteigen laut bei selbigem bedankt.

DRUG DELIVERY AM AUGE

Auch bei der Arbeit im Labor in der Ophthalmologie des Universitätsklinikums fand ich mich schnell zurecht. Ich durfte mich bereits in Deutschland zwischen den Bereichen Pharmakotherapie und Pharmazeutische Technologie entscheiden. Ich wählte Letzteren, da ich das Fach schon im Saarland kennen und mögen gelernt habe. Mein Thema: Drug Delivery am Auge. Ich sollte während meines Aufenthalts eine Formulierung für ein Antioxidans entwickeln, um eine möglichst effiziente Permeation durch die Hornhaut des Auges in die Linse zu erreichen. Hintergrund war die Entdeckung eines speziellen körpereigenen Transporters am Auge, der das Antioxidans selektiv durch die Cornea in den Linsenkern befördert. So kann das Antioxidans dem grauen Star, einer Trübung der Augenlinse, entgegenwirken. Hauptaugenmerk lag auf der Formulierung und den Permeationsversuchen an boviner – vom Rind stammender – Cornea.

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So sieht es aus, wenn ich im Labor Kuhaugen seziere. (Foto: Räsch)

ZUM SCHLACHTHOF UND ZURÜCK

Wie bei jedem Projekt musste es ja auch Stöcke geben, die einem in den Weg geworfen werden. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass es keine geeignete Methode zur Quantifizierung des Antioxidans gab. Daher bestand ein Großteil meiner Arbeit in der Entwicklung einer passenden Analytik und deren Validierung – das erforschen der Formulierung kam leider etwas kurz. Spaß machte es trotzdem, zumal ich schon Vorkenntnisse mit HPLC-Analytik hatte, was meine Arbeit um einiges erleichterte. Und wer kann schon von sich behaupten, in Neuseeland mit einer Kühlbox voller frischer Kuhaugen vom Schlachthof mit dem öffentlichen Bus durch die halbe Stadt gefahren zu sein? Das hat mich zumindest weniger irritiert als die Tatsache, dass im Labor keine Abfallbehälter für Säuren und Basen zu finden waren. Stattdessen gab es nur eine Tabelle am Abzug, die für verschiedene Konzentrationen diverser Säuren, Basen und anderer Lösungen auflistete, wie lange man das Wasser im Waschbecken nach der Entsorgung nachlaufen lassen sollte.

MEIN ERSTER EINDRUCK: GRÜN

Meine Arbeitsstelle lag direkt an der Auckland Domain, dem Central Park Aucklands – einfach fantastisch! Von dort erhielt ich auch einen meiner ersten Eindrücke von Neuseeland: Grün. Obwohl Auckland eine Großstadt mit über 1,4 Millionen Einwohnern ist (ein Drittel der Gesamtbevölkerung!), besitzt sie nur einen sehr kleinen städtischen Kern mit ein paar Hochhäusern, während der Rest der unglaublich weitläufigen Stadt eher den Eindruck einer riesigen Vorstadt mit vielen kleinen und großen Parks vermittelt. Im Stadtgebiet finden sich etliche alte Vulkane. Steigt man auf den erloschenen Vulkan Mount Eden, wird man mit einem imposanten Blick über die Stadt belohnt. Auckland ist von Meer umgeben: die Tasmansee im Westen, im Osten der Pazifik – und das Wetter wird davon stark beeinflusst. Es ist oft windig und vor allem im Winter regnet es häufig. Gleichzeitig wird es auf der Nordinsel nie richtig kalt (weshalb viele Häuser überhaupt keine Heizung besitzen) und die Neuseeländer sagen zurecht, es gäbe jeden Tag alle vier Jahreszeiten.

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BEZAUBERNDES NEUSEELAND

Auf der Nordinsel befindet sich die Bay of Islands (mit wunderschönen Stränden); es gibt riesige wüstenähnliche Dünen und Wälder mit gigantischen Kauri-Bäumen. Sehenswert sind auch der Vulkan Mount Taranaki und das Tangariro-Massiv (beliebt für Wanderungen) sowie die Geothermalfelder bei Taupo, wo es Geysire, heiße Quellen und eine Menge Schwefelgestank gibt. Neben Auckland kann man auch die Hauptstadt Wellington besichtigen. Auf der Südinsel sind im Winter große Teile schneebedeckt und damit ein Paradies für Wintersportaktivitäten. Vor allem die Southern Alps, die sich im Westen der Insel von Norden nach Süden ziehen, inklusive dem Mount Cook (der höchste Berg Neuseelands) und dem Arthurs Pass, der von der Stadt Christchurch über die Alpen zur Westküste führt, sollte man gesehen haben. Es gibt Fjorde wie in Norwegen und den Abel Tasman Nationalpark mit besonders schönen Stränden. Überall trifft man auf meist junge Menschen, die im Camper unterwegs sind. Ach ja, sollte es irgendjemand schaffen, sich auf Neuseeland zu langweilen, kann man immer noch vom Flughafen in Auckland in relativ kurzer Zeit Ziele erreichen, die man als Europäer nicht für einen Kurzurlaub auf dem Schirm hat, etwa Australien, Asien oder eine Pazifikinsel. Ich glaube kaum, dass ich jemals wieder – und vor allem so günstig – einen Urlaub auf den Cook Inseln machen werde.

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ALLES EASY

Die Neuseeländer, die sich wie die flugunfähigen Vögel „Kiwis“ nennen, haben einen sehr eigenen Akzent, der für mich anfänglich recht schwer zu verstehen war. Doch die Schwierigkeiten gingen vorbei. Zunächst musste ich mich auch daran gewöhnen, dass nicht alles perfekt oder sofort erledigt werden muss. Nach einiger Zeit war die Einstellung aber durchaus ansteckend. Die Neuseeländer sind sehr offen, entspannt und äußerst (gast-)freundlich. Ich war mit zwei Franzosen auf der Südinsel unterwegs, unser Tank war so gut wie leer und die hiesige Tankstelle geschlossen. Ohne Benzin wären wir nicht mehr bis zu unserem Hostel gekommen und hätten die Nacht bei eisigen Temperaturen im Auto verbringen müssen. Ein Einwohner zeigte sich sehr hilfsbereit und erklärte uns, wo die Besitzerin wohnte. Als wir bei ihr klingelten, kam sie mit uns zur Tankstelle, um sie nur für uns wieder zu öffnen. Und auch von Promi-Geschichten lassen sich die Neuseeländer – genauer meine neuseeländischen Mitbewohner – nicht beeindrucken: Das habe ich gemerkt, als ich ihnen aufgeregt erzählte, dass ich gerade den Premierminister mit Familie, ohne Bodyguards, in einem Restaurant vor der Tür getroffen hatte.

FAZIT: IMMER WIEDER!

Alles in allem war es eine großartige Erfahrung, das PJ in Neuseeland zu machen. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Durch die Zeit in Neuseeland haben sich nicht nur mein Englisch und meine Kochkünste wesentlich verbessert, sondern ich habe auch tolle Erfahrungen in der Forschung gesammelt. Die Zeit hat mich zudem noch offener gegenüber Neuem gemacht und mich wunderbare Menschen aus aller Welt an den schönsten Orten treffen lassen, mit denen ich die wohl bisher beste Zeit meines Lebens verbracht habe.

Von Simon Räsch,
Doktorand an der Universität des Saarlandes