ÜBER DAS PHARM.D.-STUDIUM UND AMERIKANISCHE APOTHEKEN
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27. March 2014 Drucken Empfehlen
Internationales
DER PATIENT STEHT (FAST IMMER) IM MITTELPUNKT

ÜBER DAS PHARM.D.-STUDIUM UND AMERIKANISCHE APOTHEKEN

Der Umgang mit rezeptfreien und rezeptpflichtigen Arzneimitteln in den USA könnte kaum unterschiedlicher sein: Während viele apothekenpflichtige Arzneimittel in langen Regalreihen neben Bier und Snacks zu finden sind und von ungeschultem Personal verkauft werden, werden rezeptpflichtige Arzneimittel unter größter Sorgfalt und Beratung durch den Apotheker abgegeben. Wer sich Apotheker bzw. Doctor of Pharmacy (Pharm.D.) nennen darf, hat ein Studium absolviert, bei dem der Patient im Mittelpunkt steht. Ein vorangehendes Studium, in dem naturwissenschaftliche Grundkenntnisse vermittelt werden, macht´s möglich.

Walgreens ist eine der größten Apothekenketten – die augenscheinlich nicht nur Arzneimittel vertreiben… (Foto: zie)

Walgreens ist eine der größten Apothekenketten – die augenscheinlich nicht nur Arzneimittel vertreiben… (Foto: zie)

Es ist Sommer in Florida, doch ich habe Husten, Schnupfen und Kopfschmerzen – draußen scheint die Sonne, es herrschen 35°C im Schatten und ich bin erkältet. Die allgegenwärtigen Klimaanlagen und der damit verbundene Wechsel zwischen warm und kalt haben mich krank gemacht. Als frischgebackene Pharmazeuten im Praktischen Jahr und mit einer handfesten Erkältung im Gepäck sind wir gespannt, was uns in der nächstgelegenen Apotheke erwartet. Der Apothekenmarkt ist gänzlich anders gestaltet als in Deutschland. In den USA haben die Apothekenketten den Markt übernommen, unabhängige Apotheken findet man kaum noch. Die größten unter diesen Ketten sind CVS und Walgreens. Auch die Apotheken selbst sind nur entfernt mit deutschen verwandt.

ZWISCHEN SHAMPOO, CHIPS UND ARZNEIMITTELN

Wir fahren mit dem Auto auf den Parkplatz und stehen vor der ersten ungewöhnlichen Entscheidung: Betreten wir die Apotheke oder benutzen wir den drive-thru-Schalter? Der Gedanke, Schmerzmittel und Hustenlöser wie einen Hamburger zu bestellen und durch ein Fenster in einer Papiertüte serviert zu bekommen, wirkt auf uns eher abschreckend, daher entscheiden wir uns für die klassische Variante und betreten die Apotheke. Der erste Anblick irritiert uns: Anstatt vor den gewohnten Arzneimittelpackungen stehen wir vor einem Regal mit Softgetränken zu unserer Linken und Spielzeug zu unserer Rechten. Das Supermarktfeeling wird komplettiert durch Bier, Schuhputzmittel, Shampoo und Chips. Unsere Augen wandern umher, bis wir im hinteren Teil des Verkaufsraums den pharmazeutischen Teil des Geschäfts erblicken. In der Freiwahl findet sich einiges wieder, was wir aus dem Studium kennen – allerdings auch Arzneimittel, die in einer deutschen Apotheke in der Sichtwahl platziert wären. Mit den Artikeln zur Selbstmedikation geht es zur Kasse. Die Kassiererin ist kein Fachpersonal, darf uns aber trotzdem den Hustensaft und ein ASS-Produkt sowie eine Packung Eistee verkaufen. Ebenso hätten wir auch Abführmittel oder antibiotische Salben erwerben können. Die fehlende Kommunikation mit einer Fachperson fällt uns negativ auf, wir zahlen und verlassen das Apothekengeschäft.

ARZNEIMITTEL AUS VORRATSPACKUNGEN

In einem abgetrennten Bereich können die Kunden ihr Rezept bei dem Apotheker einlösen und werden beraten. Schicken die Kunden ihr Rezept vorab, wird alles vorbereitet. (Foto: zie)

In einem abgetrennten Bereich können die Kunden ihr Rezept bei dem Apotheker einlösen und werden beraten. Schicken die Kunden ihr Rezept vorab, wird alles vorbereitet. (Foto: zie)

In einem abgetrennten Bereich, oft ganz hinten im Verkaufsraum, stehen die Apotheker bereit, um die Rezepte der Patienten entgegenzunehmen. Bekommt ein Patient ein Rezept von einem Arzt, kann er dieses schon vor dem Apothekenbesuch an die Apotheke schicken und vermeidet dadurch Wartezeiten. Verschreibungspflichtige Arzneimittel werden nicht in fertigen Verpackungen abgegeben, sondern vom Apotheker laut den Angaben auf dem Rezept aus Vorratspackungen abgefüllt und mit einem Etikett mit Einnahme- und Lagerungshinweisen versehen. Der in deutschen Apotheken wichtige Rezepturbereich fehlt in den meisten Apotheken.

PHARM.D. UND MEHR

Um in den USA ein „Registered Pharmacist” zu werden, muss man den Abschluss eines „Doctor of Pharmacy” (Pharm.D.) an einem College of Pharmacy erwerben, ein Praktikum absolvieren und ein „board exam” inklusive einer Rechtsprüfung zur Erlangung der Approbation ablegen. Das „board exam” unterscheidet sich in den verschiedenen Bundesstaaten der USA, wird aber meistens untereinander anerkannt. An das Studium kann sich optional eine so genannte „Residency” anschließen. Dabei handelt es sich um eine ein- bis zweijährige Spezialisierung, z.B. in einer öffentlichen Apotheke oder bei einem Stationsapotheker im Krankenhaus. Ferner besteht auch die Möglichkeit, ein „Fellowship” bei einem Forschungsunternehmen zu erhalten. Über dieses „Fellowship” können die Absolventen praktische Erfahrung sammeln und Einblicke in die Forschung gewinnen. Wer die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen möchte, dem stehen anschließend entsprechende Graduate Programme zur Auswahl (Ph.D.; Doctor of Philosophy). Im Rahmen dieser mehrjährigen Promotion besucht der Student Fortgeschrittenenseminare und erstellt eine Dissertation.

NICHT OHNE GRUNDSTUDIUM!

Anders als in Deutschland kann man nicht direkt nach einem Schulabschluss mit dem Pharmaziestudium beginnen: Dieses ist in den USA ein sogenanntes „Professional program”, dem ein „Undergraduate-Studium” vorausgehen muss, also entweder ein vierjähriges Bachelor- oder ein zweijähriges Associate of Arts-Studium. Im „Undergraduate-Studium” werden wichtige naturwissenschaftliche Grundkenntnisse vermittelt. Der Bachelor als Undergraduate Programm kann in verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen absolviert werden, z.B. in Botanik, Ernährungswissenschaften, Biologie oder Chemie. Im Hinblick auf das folgende Pharm.D.-Programm achten die Studierenden während ihres Undergraduate Programms darauf, die für die Zulassung benötigten Kurse zu belegen. Grundsätzlich kann man aber mit einem Bachelorabschluss später auch verschiedene andere Studiengänge wählen, wie zum Beispiel Medizin. Immer mehr Studierende entscheiden sich für einen Bachelor. Zum einen, weil sie mehr naturwissenschaftliche Grundkenntnisse erwerben wollen, zum anderen, weil immer mehr amerikanische Universitäten einen Bachelor-Abschluss als Einstiegsvoraussetzung verlangen. Die University of Florida (UF) fordert zwar keinen Bachelor, empfiehlt ihn aber.

ÜBERSICHT ZUM ABLAUF DES STUDIUMS

BACHELORSTUDIUM (UNDERGRADUATE PROGRAMM) ODER ASSOCIATE OF ARTS (AA)

 „PROFESSIONAL PROGRAMM” ZUM „DOCTOR OF PHARMACY”
 PRAKTIKUM
 BOARD EXAM INKL. LAW EXAM
 OPTIONAL: RESIDENCY / FELLOWSHIP

WEITERE QUALIFIKATIONEN GEFORDERT

Neben dem Associate of Arts- oder Bachelor-Abschluss müssen die Bewerber noch weitere Qualifikationen vorweisen, die in den Zulassungsvoraussetzungen der University of Florida definiert sind:

  • Abschluss bestimmter Vorbereitungskurse zu allgemeiner Chemie, Biologie, Physik, Anatomie und Physiologie, Mathematik und „Public Speaking”
  • Pharmacy College Admission Test (PCAT)
  • Nachweis über eine Fremdsprache
  • zwei Empfehlungsschreiben, möglichst von einem Apotheker und einem Hochschuldozenten
  • ausführlicher Essay über eigene Stärken, Interessen, Ziele und Erfahrungen
  • Freizeitaktivitäten, soziales Engagement

Pharmacy College Admission Test (PCAT): Teil der Bewerbung für das Pharm.D.-Programm ist der bestandene PCAT. Er dauert ungefähr 4,5 Stunden und umfasst mehrere Teile: Sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Mathematik und Physik, Biologie, Chemie und Textverständnis werden als Multiple Choice Test abgefragt und zwei Teile freien Schreibens zu einer wissenschaftlichen Fragestellung schließen sich an.

ZENTRALE BEWERBUNGSSTELLE

Alles da: Nicht nur gegen Allergien und Erkältungen können Mono- und Kombipräparate eingepackt und ohne Beratung gekauft werden. (Foto: zie)

Alles da: Nicht nur gegen Allergien und Erkältungen können Mono- und Kombipräparate eingepackt und ohne Beratung gekauft werden. (Foto: zie)

Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen für das Pharm.D.-Programm schicken die Studierenden an den Pharmacy College Application Service (PharmCAS), einen zentralen Bewerbungsservice für Colleges of Pharmacy, der von der American Association of Colleges of Pharmacy (AACP) bereitgestellt wird. Der PharmCAS schickt sie an alle vom Bewerber gewünschten Universitäten.

PERSÖNLICHKEIT UND MOTIVATION WICHTIG

Der PCAT und die Noten aus dem Undergraduate Programm sind die Hauptkriterien bei der Bewertung der Bewerbungen. Die UF legt aber nicht nur Wert auf bestandene Prüfungen, sondern auch auf die Persönlichkeit und die Motivation der Bewerber, weshalb sie viel Zeit für persönliche Gespräche und die Auswertung der Motivations- und Empfehlungsschreiben aufwendet.

BEWERBER AUS FLORIDA BEVORZUGT

Die Zulassung zum Pharm.D.-Studium stellt für die Studierenden eine große Hürde dar, weswegen sie auch umso stolzer sind, wenn sie ihr Ziel endlich erreicht haben. Im Herbstsemester werden von der UF jedes Jahr ungefähr 300 Pharmaziestudierende zugelassen, die sich dann auf die vier Standorte in Gainesville, St. Petersburg, Jacksonville und Orlando verteilen. Der Hauptcampus befindet sich mit 115 Studierenden in Gainesville. Auf diese 300 Plätze gibt es jährlich 1300 – 1400 Bewerbungen. Obwohl davon 500 – 600 Bewerbungen aus anderen Staaten stammen, kommen trotzdem 98 Prozent der zugelassenen Studierenden aus Florida, weil sie bei der Zulassung bevorzugt werden.

STANDARD: HEMD UND KITTEL

Im August 2013 besuchten wir die Orientierungstage für die neuen Pharm.D.-Studierenden. Als erstes fiel uns auf, dass alle Anwesenden mit Hemd und teilweise Krawatte sehr gut gekleidet waren, was sich auch in den Kursen während des Studiums fortsetzt. Ein Grund dafür ist auch, dass die Studenten hier schon viel Patientenkontakt haben und sich daher im sauberen weißen Kittel mit eingesticktem Namen präsentieren.

PATIENTENORIENTIERTE STUDIENINHALTE

Die Prüferin spielt eine Patientin und befragt den angehenden Apotheker zu seinem Patientenfall. Das professionelle Auftreten ist dabei sehr wichtig. (Foto: Privat)

Die Prüferin spielt eine Patientin und befragt den angehenden Apotheker zu seinem Patientenfall. Das professionelle Auftreten ist dabei sehr wichtig. (Foto: Privat)

Wie sieht nun das Pharm.D.-Programm an der UF aus? Es unterscheidet sich in fast jedem Bereich grundsätzlich vom Pharmaziestudium in Deutschland. Die Studierenden sind ab dem ersten Jahr eng mit ihrem späteren Beruf verbunden, vor allem weil in den meisten Kursen neben den fachlichen Hintergründen besonders die Kommunikation mit Patienten, Ärzten und Pflegepersonal trainiert wird. Damit sollen theoretische Inhalte von Anfang an gefestigt werden und ihre Relevanz erkennbar sein. Kaum vorstellbar für uns als deutsche Pharmaziestudierende war, dass es keinen einzigen Chemiekurs mit Laborarbeit gibt, also keine Titrationen, keine instrumentelle Analytik und keine organische Synthesechemie! Stattdessen werden 45 Prozent der zum Abschluss des Pharm.D.-Studiums geforderten Credit Points im Bereich Klinische Pharmazie erworben, das heißt in Kursen wie „Pharmaceutical Skills Laboratory” und „Pharmacotherapy”. Das Curriculum wird ständig angepasst, weg von einem rein naturwissenschaftlichen hin zu einem patientenorientierten Studium, auch basierend auf der Evaluation der Studierenden. In den nächsten Jahren wird zum Beispiel der Chemieanteil im ersten und zweiten Jahr reduziert, weil schon ausreichend Chemiekurse im Undergraduate Programm gefordert werden.

GRUNDLAGEN UND KOMMUNIKATION

Das erste der vier Jahre Pharm.D.-Studium besteht aus einer großen Einführung in die Welt der Pharmazie mit Physiologie als Hauptkurs, Grundlagen der Medizinischen Chemie, Biochemie, Mikrobiologie, Pharmakologie und Arzneiformenlehre. Der große Unterschied zu Deutschland ist aber bereits hier erkennbar: Im Kurs „Introduction to Pharmacy and the Healthcare System” wird durch Fallbearbeitungen und Diskussionen in Kleingruppen die Zugänglichkeit, die Kosten und die Qualität von pharmazeutischer Behandlung bewertet und dadurch bereits ein Überblick über das Gesundheitssystem erworben. „Introductory Pharmacy Practice Experience (IPPE) I and II” ist eine Mischung aus Vorlesung und praktischem Kurs und übt den Kontakt mit Patienten. Die Studierenden lernen, wie man Informationen über die Krankheitsgeschichte sammelt oder Blutdruck und Körpertemperatur misst. Das Wissen um Medikamente und Therapie ist im ersten Jahr noch nicht ausgeprägt, weswegen es in den praktischen Kursen vor allem um Kommunikation und um soziale Aspekte des späteren Berufs geht. Da im zweiten Jahr in anderen Kursen vermehrt Pharmakologie unterrichtet wird, beinhalten die IPPEs dann auch Interviews mit Patienten zu Medikation und Therapie. Außerdem wird den Studierenden beigebracht, wie man das Therapieschema eines Patienten in einem speziellen Medikationsplan notiert.

ELF MONATE PRAKTIKUM IN VERSCHIEDENEN BEREICHEN

Die IPPEs des ersten und zweiten Jahres stellen zusammen mit Pharmacotherapy Vorbereitungskurse zu den APPEs (Advanced Pharmacy Practice Experience) im dritten und vierten Jahr dar, das heißt einem elfmonatigen Praktikum, das aus mehreren Stationen besteht. Jeder Studierende hat einen Betreuer an der jeweiligen Station, meist einen Klinischen Pharmazeuten oder einen Apotheker in einer öffentlichen Apotheke. Pflichtstationen sind Allgemeinmedizin (ein Monat), Ambulante Versorgung (zwei Monate), öffentliche Apotheke (ein Monat) und entweder Pädiatrie, Geriatrie oder Onkologie. Für die restliche Zeit kann aus einem breiten Angebot ausgewählt werden, zu dem beispielsweise Kardiologie, Intensivmedizin, Ernährung, Psychiatrie, Notfallmedizin oder Toxikologie zählen. Grundsätzlich können Stationen in ganz Florida abgeleistet werden und auch Praktika in von der UF evaluierten pharmazeutischen Unternehmen sind möglich.

ERFAHRUNGEN IN SKILLS LAB UND PHARMACOTHERAPY

Während unserer Zeit in Gainesville besuchten wir zwei Veranstaltungen des dritten Studienjahres, „Pharmaceutical Skills Laboratory” und „Pharmacotherapy IV”. Das erste, was uns im „Skills Lab” ins Auge fiel, war das CVS Pharmacy Teaching Laboratory, eine Apotheke im Kleinformat, die aufgebaut ist wie der Verkaufsbereich einer CVS Pharmacy. „Patient und Apotheker” können sich an einem Handverkaufstisch gegenüberstehen, es gibt Medikamentenschachteln in der Sichtwahl und in Schieberegalen und es kann mit Blutzucker- und Blutdruckmessgeräten sowie Inhalatoren geübt werden.

MEHR ALS NUR BLUTDRUCK MESSEN

Zwei Studierende machen sich mit dem Umgang von Blutzuckermessgeräten vertraut. (Foto: Privat)

Zwei Studierende machen sich mit dem Umgang von Blutzuckermessgeräten vertraut. (Foto: Privat)

Am Tag unseres Besuches war Blutdruckmessung das Thema, wobei die Theorie dazu in derselben Woche in einer Vorlesung behandelt worden war. Kleine Gruppen von ungefähr sieben Studierenden trainierten unter Aufsicht von Assistenten den Gebrauch von Druckmanschette, Stethoskop und digitalem Blutdruckmessgerät an uns und untereinander. Daraufhin folgte eine simulierte Patientenbefragung, bei der der Assistent einen Patienten mit trotz Medikamenten erhöhtem Blutdruck spielte und die Gruppe ihn nach Medikation, unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Lebensstil befragte. Danach sollten die Studierenden zu diesem Fall eine sogenannte SOAP Note verfassen, wobei SOAP für „Subjective, Objective, Assessment, Plan” steht. Es handelt sich dabei um eine in den USA gängige Dokumentationsmethode für Patientenakten im Gesundheitsbereich, die fest in den Ablauf der Diagnosestellung, Behandlung und späteren Abrechnung integriert ist. Außerdem wurden die Gruppenmitglieder einzeln bei einer Blutdruckmessung mit der Druckmanschette bewertet, und zwar im Hinblick auf korrekte Durchführung und Kommunikation mit dem gespielten Patienten. Zum Beispiel wurde erwartet, dass die Studierenden den Patienten nach Kaffee- und Alkoholkonsum befragen, ihn vor der Messung fünf Minuten sitzend ruhen ließen und ihm danach ein verständliches Feedback zum Messwert gaben.

ECHTE PATIENTENFÄLLE LÖSEN

Im dritten Jahr gibt es außerdem den praktischen Kurs „Pharmacotherapy IV”, der den Anspruch hat, den Inhalt und die erworbenen Fähigkeiten aller bisherigen Kurse zu vereinigen und anzuwenden und damit auf die im vierten Jahr anstehenden Rotationen vorzubereiten. Die Studierenden bekommen in Gruppen reale Patientenfälle zugeteilt und haben zwei Tage Zeit, um sich mit dem Patienten, den behandelnden Ärzten und Klinikpharmazeuten zu unterhalten, Literatur zu recherchieren und einen Behandlungsplan aufzustellen. Dieser muss bei den Prüfern, die meist Klinikapotheker sind, eingereicht werden und im Rahmen einer sogenannten Verbal Defense verteidigt werden.

REDE UND ANTWORT STEHEN

In den ersten 45 Minuten der Verbal Defense werden die Studierenden zufällig aufgerufen, um dann zwei Minuten lang Fragen zum Behandlungsschema, zu Neben- und Wechselwirkungen, Wirkmechanismus der Arzneistoffe, Dosisanpassung, Kosten der Therapie, Guidelines und Monitoring zu beantworten. Es wird Wert darauf gelegt, dass die Prüflinge alle ihre Entscheidungen begründen können und die themenrelevante aktuelle Studienlage kennen. Die Prüfer kommentieren allerdings während dieser Zeit die Antworten der Prüflinge nicht. Erst in der zweiten Stunde gibt es ein allgemeines Feedback. Teilweise werden die Prüflinge während der Verbal Defense gefilmt und können sich das Material hinterher zusammen mit einem Betreuer ansehen und so ein umfangreiches Feedback zu ihrem Auftreten bekommen.

ÜBER E-LEARNING UND LEERE HÖRSÄLE

Da die Pharmaziestudierenden an der UF auf vier Standorte verteilt sind, wird ein e-Learning Portal angeboten. Alle Vorlesungen, die beispielsweise nur am Hauptcampus in Gainesville angeboten werden, werden auf Video aufgenommen und können online live verfolgt oder im Nachhinein angesehen werden. Eine Folge davon ist aber, dass in den Veranstaltungen ohne Anwesenheitspflicht oft nur wenige Studierende im Hörsaal sitzen. Teilweise gibt es bei Kursen in kleinen Gruppen auch Videokonferenzen mit den anderen Standorten, damit auch von dort aus Fragen gestellt werden können. Zusätzlich sind im e-Learning Portal Quellenmaterial und Vorlesungsunterlagen verfügbar und in Foren können Fragen gestellt werden, die dann von Mitstudierenden oder Dozenten beantwortet werden.

GANZ ANDERER TYP

Schaut man sich die amerikanischen Pharmaziestudierenden an, dann sieht man junge, motivierte und disziplinierte Menschen, die sich der Bedeutung ihres Berufsstandes bewusst sind. Diese Eigenschaften lassen sich auch auf die Studierenden der Pharmazie in Deutschland übertragen. An dieser Stelle hören die Gemeinsamkeiten aber fast schon auf: Die Verknüpfung aus Lernen und Anwenden sowie der deutlich größere Schwerpunkt auf den therapeutisch-klinischen Bereich im amerikanischen Pharmaziestudium führt zu einem gänzlich anderen Typus von Absolventen. Die Pharmakotherapie hat einen großen Stellenwert im Lehrplan – sowohl in der Theorie als auch in der (teilweise simulierten und damit realitätsnahen) Praxis – und wird auf hohem Niveau vermittelt, das uns als ausgebildete Pharmazeuten nur staunen ließ.

Von Michaela Wimmer und Maurice El Talia,
sie absolvierten die erste Hälfte ihres PJ an der University of Florida in Gainesville, Florida (USA).