NACH DEM TAIFUN
Foto: Bianka Füssel
16. September 2014 Drucken Empfehlen
Internationales
MEIN NOTHILFEEINSATZ AUF DEN PHILIPPINEN

NACH DEM TAIFUN

Vier Wochen Urlaub auf den Philippinen, das erste Mal Asien bereisen – so sah meine Planung im November vergangenen Jahres aus. Doch dann wütete der Taifun Haiyan auf den Philippinen. Obwohl ich zu der Zeit 250 Kilometer von der Route des Taifuns entfernt untergebracht war, konnte ich die Wucht erahnen. Es regnete ununterbrochen und es war extrem windig. Über die Medien bekam ich dann das Ausmaß der Zerstörung mit. Vor allem die Stadt Tacloban auf der Insel Leyte war betroffen: Dort richteten Sturm und Flut ein riesiges Chaos an. Für mich als Mitglied von Apotheker ohne Grenzen war sofort klar, dass ich vor Ort helfen wollte.

Um an einem Notfalleinsatz von Apotheker ohne Grenzen teilnehmen zu können, muss man Mitglied sein und an zwei Schulungen zur „humanitären Arbeit für Pharmazeuten“ teilgenommen haben. Meine zweite Schulung absolvierte ich im September 2013 und konnte – nach Rücksprache mit der Geschäftsstelle – somit gut vorbereitet in meinen ersten Einsatz starten. Drei Tage nach dem Taifun flog zunächst das sogenannte Fact Finding Team auf die Philippinen, um sich einen Überblick über die Lage vor Ort und die Hilfsmöglichkeiten zu verschaffen. In San Joaquin, etwa 20 Kilometer südlich von Tacloban, waren die Menschen schwer getroffen und benötigten dringend Unterstützung bei der medizinischen Versorgung und beim Wiederaufbau.

KEIN EINSATZ OHNE SCHULUNG
In den Schulungen von Apotheker ohne Grenzen wird man auf verschiedene Situationen und Anforderungen in einem Notfalleinsatz vorbereitet. Themen wie Einsatzvorbereitung, Grundlagen und Prinzipien der humanitären Hilfe sowie interkulturelle Kommunikation stehen ebenso auf dem Plan wie Medikamentenbedarf, Inhalt und Einsatz des Interagency Emergency Health Kit, Transport und Vergabe von Arzneimitteln, Strukturierung eines medizinisch-pharmazeutischen Teams, Sicherheit im Einsatz und psychologische Betreuung. Durch die Schulungen erhält man zudem einen Überblick über die verschiedenen Projekte und Projektländer und lernt aktive Mitglieder des Vereins kennen. Im Falle eines Einsatzes werden alle Einsatzkräfte angeschrieben, die hinsichtlich ihres Impfstatus, ihrer Sprachkenntnisse und weiterer Anforderungen infrage kommen.

ZEHN TONNEN FRACHT

Nachdem die Folgeteams über das Einsatzland, die Situation vor Ort und die zu leistenden Tätigkeiten informiert worden waren, flog das erste Einsatzteam – in Kooperation mit der Hilfsorganisation Navis e.V. bestehend aus einem Apotheker, Ärzten, Krankenschwestern und Technikern – zehn Tage nach dem Taifun mit zehn Tonnen Fracht auf die Philippinen und landete zunächst in Cebu. Dort stieß ich zu dem Team und wir flogen mit unseren Hilfsgütern – Medikamente, Medizinprodukte und technische Ausrüstung wie zum Beispiel eine Trinkwasseraufbereitungsanlage – in einem Militärflugzeug nach Tacloban. Von dort aus ging es weiter über Land bis zu unserem Einsatzort San Joaquin.

Foto: Bianka Füssel

Das Camp bestand aus einem Arzt- und Behandlungszelt, einem Apothekenzelt, sowie einem Küchen- und Schlafzelt. (Foto: Bianka Füssel)

BILD DER ZERSTÖRUNG

Als wir in San Joaquin ankamen, bot sich uns ein Bild der Zerstörung: Sturm und Flut hatten ein riesiges Chaos angerichtet. Häuser waren einfach weggespült, Blechdächer abgedeckt oder zusammengefaltet, Autos lagen kreuz und quer. Immer wieder sah ich Menschen, die alles verloren hatten – ihr Zuhause und ihre Familienangehörigen. Die Infrastruktur war nahezu zusammengebrochen. Es gab keinen Strom, Nahrungsmittel und sauberes Trinkwasser wurden knapp, medizinische Versorgung und Medikamente waren absolute Mangelware. Vom Pfarrer und zahlreichen Kindern des Ortes wurden wir sehnlichst erwartet und herzlich begrüßt. Mit Hilfe der Dorfbewohner luden wir die Fracht zunächst vom LKW.

AUFBAUEN UND EINRICHTEN

Um die Basisgesundheitsversorgung sicherzustellen, errichteten wir eine medizinische Ambulanz. Als erstes Team vor Ort war es unsere Aufgabe, das Camp strukturiert aufzubauen. Zudem mussten wir sicherstellen, dass alle Medikamente trocken, übersichtlich und vor der Sonne geschützt gelagert wurden. Als Lager für Arzneimittel und Medizinprodukte diente uns ein Seitenschiff der Kirche, das zum Schutz vor Regen mit Planen abgedichtet wurde. Unser Camp bestand aus einem Arzt- und Behandlungszelt, einem Apothekenzelt, sowie einem Küchen- und Schlafzelt. Die Trinkwasser- aufbereitungsanlage bauten wir an einem nahe gelegenen Fluss auf, sodass wir und die Einwohner täglich 1000 Liter frisches Trinkwasser zur Verfügung hatten. Bevor die ersten Patienten versorgt werden konnten, mussten wir sowohl das Behandlungs- als auch das Apothekenzelt mit Arzneimitteln und medizinischen Hilfsgütern aus dem Interagency Emergency Health Kit ausstatten. In großen Gefäßen befanden sich Arzneimittel als Bulkware, die wir alphabetisch ordneten. Dann konnte die eigentliche Arbeit beginnen.

INTERAGENCY EMERGENCY HEALTH KIT
Das Kit besteht aus zwei Einheiten, einer Basic Unit und einer Supplementary Unit, die beide sowohl verschreibungspflichtige als auch OTC-Präparate enthalten. Die Basic Unit beinhaltet lebenswichtige Medikamente – beschränkt auf orale (u.a. Amoxicillin, Ibuprofen, Paracetamol) und topische Darreichungsformen – aber auch medizinische Ausrüstung wie beispielsweise Verbandsmaterial, Einmalhandschuhe, Pinzette und Schere für Gesundheitshelfer mit medizinischen Grundkenntnissen. In der beiliegenden Treatment Guideline sind die wichtigsten Erkrankungen und ihre Behandlung aufgelistet.
In der Supplementary Unit finden sich Medikamente (u.a. Salbutamol, Atenolol, Cloxacillin, Clotrimazol, L-Dopa) und Ausrüstung für 10.000 Menschen für drei Monate. Auch diverse Injektions- und Infusionslösungen, wie beispielsweise Narkotika stehen zur Verfügung. Diese dürfen nur durch medizinisches Fachpersonal angewendet werden.
Foto: Dr. Petra Lange

Rund 150 Patienten wurden täglich basismedizinisch versorgt. (Foto: Dr. Petra Lange)

ALLTAG IN DER AMBULANZ

Trotz der Hitze bildete sich täglich eine lange Schlange vor dem Behandlungszelt. Pro Tag wurden etwa 150 Patienten basismedizinisch versorgt. Sie kamen vor allem mit Infektionen, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen, aber auch mit Wunden in die Ambulanz. Die Ärzte untersuchten die Patienten, füllten eine Health Card mit Name, Alter, Geschlecht und – vor allem bei Kindern wichtig – mit dem Gewichtaus. Mit dieser Karte, welche gleichzeitig als Rezept diente, kamen die Patienten dann vom Arzt zu uns in die Apotheke. Die benötigten Tabletten füllten wir aus den Bulkgefäßen in Abgabetütchen, auf denen wir die Einnahme vermerkten. Unterstützung erhielten wir durch die Dorfbewohner, die uns als Dolmetscher zur Seite standen, um den Patienten Indikation, Anwendung und Häufigkeit der Einnahme zu erklären. Zudem zeigten wir den Eltern, wie sie eine Elektrolytlösung bei Durchfall für sich und ihre Kinder herstellen konnten. Da die Dorfbewohner anfingen, das zerstörte Eigentum aus den Häusern zu schaffen und zu verbrennen, stieg die Zahl erklärtder Patienten mit Reizhusten kontinuierlich an. Auch immer mehr Kinder kamen mit „cough and cold“ (Husten und Erkältung) in die Ambulanz. Viele versuchten zudem, ohne festes Schuhwerk – das einfach nicht mehr vorhanden war – in den Trümmern aufzuräumen und so häuften sich die zu behandelnden Wunden. Ein weiterer Schwerpunkt war, Patienten in entlegenen Dörfern mit unserer mobilen Apotheke zu versorgen. Dafür verstauten wir die wichtigsten Arzneimittel in zwei Kisten und ein Arzt, eine Krankenschwester und ein Apotheker machten sich auf den Weg. In den Dörfern diente uns unter anderem eine kleine Bibliothek oder ein Kloster als Behandlungsraum und spendete bei glühender Hitze ein wenig Schatten.

Foto: Dr. Petra Lange

In der Apotheke wurde neben der Arzneimittelabgabe auch die Herstellung einer Elektrolytlösung bei Durchfall erklärt (Foto: Dr. Petra Lange)

ERSCHÖPFT, ABER ZUFRIEDEN

Obwohl weiterhin täglich Tote vor der Kirche beerdigt wurden, wir inmitten von zerstörten Häusern arbeiteten und mit Menschen, die sich aus den vorhandenen Überresten ein notdürftiges Zuhause gebaut hatten, auf engem Raum lebten, gewöhnte ich mich sehr schnell an mein neues Umfeld. Die Freundlichkeit, das Lächeln und die Dankbarkeit der Dorfbewohner motivierten uns bei unserer Arbeit täglich aufs Neue. In dem Team aus erfahrenen Einsatzkräften habe ich mich von Anfang an wohl gefühlt und wir wuchsen schnell zusammen. Nachdem wir abends gemeinsam im Küchenzelt gegessen hatten – viel Abwechslung gab es beim Essen übrigens nicht – fielen wir jeden Abend erschöpft, aber zufrieden auf unser Feldbett.

TROTZ ALLEM: ES GEHT WEITER

Schon im Urlaub war die Freundlichkeit, Herzlichkeit und Offenheit der Filipinos beeindruckend. Auch nach dem Taifun war es bewundernswert, wie der Großteil der Betroffenen trotz Zerstörung und Leid nicht ohnmächtig erstarrte und in Traurigkeit versank. Der Zusammenhalt im Dorf war groß und es wurde gemeinsam angepackt und aufgeräumt. Vor allem der liebevolle Umgang mit Kindern und alten Menschen blieb mir im Gedächtnis, ebenso wie das Lachen und Singen der Kinder, das uns täglich bei der Arbeit begleitete. Obwohl der Einsatz an manchen Tagen physisch und psychisch eine Belastung darstellte, war es eine sehr gute Erfahrung und eine Zeit, an die ich gerne zurückdenke.

JEDER KANN HELFEN
Es gibt viele Möglichkeiten, bei Apotheker ohne Grenzen aktiv zu werden. Ob Nicht-Pharmazeut, PTA, Pharmaziestudent oder Apotheker: Als aktives Mitglied kann man den Verein bei seiner Öffentlichkeitsarbeit durch Fundraising oder Vorträge ebenso unterstützen wie damit, Flyer zu verteilen oder Infostände zu betreuen. Finanziell kann man sich als Fördermitglied engagieren und an Spendenläufen teilnehmen, eine Spendendose oder Infomaterialien in der Apotheke aufstellen. Mitarbeiten kann man sowohl in lokalen Projekten in Deutschland, in langfristigen Projekten im Ausland und in Katastropheneinsätzen. Eine schnelle Anpassungsfähigkeit an die Lebens- und Arbeitsumstände vor Ort, sowie Teamfähigkeit, aber auch eigenständiges Arbeiten sind von Vorteil.

Von Stefanie Fließ,
Apothekerin in Berlin

Weitere Informationen zu Apotheker ohne Grenzen findet ihr auf der Internetseite www.apotheker-ohne-grenzen.de