MEHR MEDIKATIONSMANAGEMENT IN APOTHEKEN!
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16. September 2014 Drucken Empfehlen
Studium
„PROJEKT MEDIKATIONSMANAGEMENT“ VON STUDENTINNEN DER UNIVERSITÄT WÜRZBURG ERFOLGREICH

MEHR MEDIKATIONSMANAGEMENT IN APOTHEKEN!

Medikationsmanagement ist ein wichtiges Thema in Apotheken. Nicht zuletzt die Rabattverträge können dazu führen, dass Patienten ihre Arzneimittel verwechseln oder mehrfach einnehmen. Darüber hinaus können sich durch einen Präparatewechsel auch galenische Probleme – etwa die Teilbarkeit von Tabletten – ergeben. Vor allem in der Geriatrie, bei Polymedikation und kritischen Indikationen ist besondere Vorsicht geboten. Ob Patienten ihre Arzneimittel richtig einnehmen und was bei arzneimittelbezogenen Problemen am besten zu tun ist, fanden wir im Rahmen unseres Wahlpflichtpraktikums „Projekt Medikationsmanagement“ heraus.

Das Projekt Medikationsmanagement wurde in Würzburg und Marktheidenfeld in vier Apotheken jeweils eine Woche lang durchgeführt. Insgesamt haben 47 Patienten daran teilgenommen, die im Durchschnitt je 7,5 Medikamente einnehmen.

ERST FRAGEN UND RECHERCHIEREN …

Zum ersten Termin sollten die Patienten alle Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel einschließlich der Bedarfsmedikamente, die sie derzeit einnehmen, mitbringen. Außerdem befragten wir die Patienten zur Einnahme, zu Indikationen und Nebenwirkungen der jeweiligen Arzneimittel. Besonderes Augenmerk legten wir auf die Frage, wie sie mit den Austauschpräparaten zurechtkommen. Auf dieser Basis erstellten wir einen aktuellen Einnahmeplan der auch Informationen zur Indikation, zum Einnahmezeitpunkt und – zur besseren Zuordnung der Austauschpräparate – die Wirkstoffbezeichnung enthielt. Außerdem achteten wir auf mögliche arzneimittelbezogene Probleme wie beispielsweise Dosierungsfehler, Wechselwirkungen und Kontraindikationen. Den Einnahmeplan erarbeiteten wir mit Unterstützung der Apotheker sowie der ABDA-Datenbank, der Roten Liste, Fachinformationen, Packungsbeilagen und der Lauer-Fischer-Taxe.

… DANN EMPFEHLEN!

Beim nächsten Treffen erläuterten und überreichten wir dem Patienten seinen aktualisierten Medikationsplan. Darüber hinaus gaben wir individuelle Ratschläge, wie Probleme vermieden werden können: So rieten wir manchen Patienten, sich eine Medikamentenbox anzuschaffen oder beim Arzt auf eine namentliche Nachverordnung der zuletzt verwendeten Präparate zu achten – und in begründeten Ausnahmefällen das „aut-idem“-Kreuz zu erbitten. Zusätzlich sollte der Arzt darauf aufmerksam gemacht werden, die Dosierung auf dem Rezept zu vermerken. Aber auch Apotheker sollten aktiv darauf hingewiesen werden, wenn die Tabletten teilbar sein müssen. Zudem kann eine Kundenkarte in der Stammapotheke sinnvoll sein. Welche Probleme auftraten, zeigen wir euch anhand einiger konkreter Fallbeispiele.

TABLETTEN NICHT TEILBAR

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Zum ersten Treffen sollten die Patienten alle aktuell eingenommenen Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel mitbringen. (Foto: Andy Dean – Fotolia.com)

Der Fall: Herr K.B., 74 Jahre alt, hat eine Herzklappeninsuffizienz, weshalb er täglich 10 mg Olmesartan – ein AT1-Rezeptorantagonist – als Blutdrucksenker einnehmen soll. Der Arzt verschreibt ihm allerdings immer die Filmtabletten in der Wirkstärke 20 mg, die der Patient dann teilen soll. Das Teilen fällt dem Patienten schwer.
Das Problem: Die magensaftresistent überzogene Filmtablette ist nicht zum Teilen vorgesehen. Der Magensäureschutz wird aufgehoben und es kommt zu einer mangelnden oder fehlenden Wirkung.
Die Lösung: Es wurde veranlasst, dass der Patient den Wirkstoff Olmesartan in der vorgesehenen Wirkstärke von 10 mg verschrieben bekommt.

FALSCHE EINNAHMEMODALITÄTEN

Der Fall: Die 89-jährige Patientin L.P. nimmt ferrosanol® duodenal zur Eisensubstitution, Calciumcarbonat-Kautabletten und den Magensäureblocker Pantoprazol ein.
Das Problem: Ihre Eisentabletten nimmt Frau L.P. morgens mit dem Frühstück ein und nicht wie empfohlen mindestens eine Stunde vor oder zwei Stunden nach der Mahlzeit mit Wasser. Dies stört die Aufnahme des Wirkstoffes ebenso wie die zeitnahe Einnahme von Milch, Milchprodukten oder Schwarztee, da sich ein unlöslicher Komplex bilden kann. Die Calcium-Kautabletten kaut Frau L.P. nicht, sondern schluckt sie einfach herunter. Der gleichzeitig als Dauermedikation eingenommene Magensäureblocker Pantoprazol schränkt zudem die Bioverfügbarkeit von Calciumcarbonat ein.
Die Lösung: Die Eisentabletten soll Frau L.P. nun nachmittags einnehmen. Zudem sollte überlegt werden, ob Frau L.P. Calciumcitrat-Tabletten bekommt und/oder der Protonenpumpenhemmer Pantoprazol abgesetzt wird, da dieser ohne klare Indikation eingenommen wird.

FEHLENDE ARZNEIMITTELÜBERSICHT

Der Fall: Die 89-jährige demente Pflegeheimbewohnerin G.L. klagt darüber, dass sie ihre zahlreichen Medikamente vom Heim in einem Wochendispenser gestellt bekommt.
Das Problem: Sie weiß gar nicht, was sie einnimmt und wogegen es überhaupt helfen soll. Der in der Apotheke hinterlegte Einnahmeplan weist zudem eine Reihe von Unstimmigkeiten auf: Dauermedikamente werden teilweise unter Bedarfspräparaten aufgeführt, offensichtlich abgesetzte oder im Zuge einer Umstellung ersetzte Präparate wurden nicht gestrichen und es lagen Doppelverordnungen vor. Darüber hinaus beschaffte sich die recht mobile Patientin in den umliegenden Apotheken weitere Arzneimittel, die nicht auf dem Einnahmeplan vermerkt sind. Weder das Pflegeheim noch die betreuende Apotheke überblickte daher die vollständige Medikation.
Die Lösung: Mehrere Termine wurden vereinbart und der Apotheker besuchte das Pflegeheim um die Situation anzusprechen. Gemeinsam mit der Patientin, den Pflegern und dem Arzt wurden Lösungsvorschläge erarbeitet.

UNERWÜNSCHTE ARZNEIMITTELWIRKUNGEN

Der Fall: Herr W.K. ist 67 Jahre alt und nimmt neun verschiedene Medikamente ein. Darunter befinden sich Arzneimittel gegen Bluthochdruck, Vorhofflimmern und seit Kurzem gegen Gicht. Er berichtete uns von sehr starken Gichtanfällen.
Das Problem: Bei der Überprüfung der Medikation fällt auf, dass gleich vier Präparate theoretisch die Harnsäurespiegel erhöhen und damit Gichtanfälle begünstigen können (Torasemid, Hydrochlorothiazid, Cilostazol sowie die Fixkombination von Ezetimib und Simvastatin).
Die Lösung: Herrn K. rieten wir, er solle seinen Arzt auf diese mögliche Nebenwirkung ansprechen, sodass der Arzt gegebenenfalls einen Präparatewechsel vornehmen kann.

KONTRAINDIKATIONEN

Der Fall: Herr H.P. ist 72 Jahre alt und leidet an Bluthochdruck, Demenz, Parkinson und Depressionen. Neben einem Kombinationspräparat aus Levodopa und Carbidopa gegen Parkinson erhält er für seine Schlafstörungen das Neuroleptikum Pipamperon.
Das Problem: Pipamperon ist bei Parkinson-Patienten kontraindiziert, da es zu Muskelsteife (Rigor) führen kann. Den pflegenden Angehörigen sind entsprechende Tonussteigerungen nach der Pipamperon-Einnahme bereits aufgefallen
Die Lösung: Zur Überprüfung der Medikation wurde Herr H.P. an den behandelnden Arzt verwiesen.

 

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Einige Patienten kannten die Einnahmemodalitäten ihrer Arzneimittel nicht – dem konnten wir abhelfen. (Foto: PhotoSG – Fotolia.com)

PROJEKT ERFOLGREICH, ABER …

Das Projekt wurde von den Patienten sehr gut angenommen. Es zeigte sich, dass die Patienten das Medikationsmanagement als sinnvoll empfanden und sich nun im Umgang mit ihren Arzneimitteln sicherer fühlten. Es fiel ihnen leichter, die Präparate zu unterscheiden und korrekt einzunehmen. Nichtsdestotrotz stießen wir während unseres Projektes auf mehrere Probleme.
Teilnehmer rekrutieren: Als einen möglichen Grund für die geringen Teilnehmerzahlen vermuten wir, dass viele Patienten nicht mit ihren Krankheiten konfrontiert werden wollen. Darüber hinaus ist das Medikationsmanagement noch keine allgemein etablierte Dienstleistung in öffentlichen Apotheken und der eigene Nutzen wird vielfach nicht richtig eingeschätzt.
Offenlegung der kompletten Medikation: Obwohl die Teilnehmer aufgefordert wurden, alle Medikamente – einschließlich der freiverkäuflichen – mitzubringen, kam es häufig vor, dass Patienten dem nicht nachkamen. Teilweise handelte es sich um von ihnen als „unwichtig“ angesehene Bedarfsmedikamente. Einigen Teilnehmern war es auch unangenehm, uns die ganze Medikation offenzulegen – das fiel uns vor allem bei Psychopharmaka auf.
Fehlende Informationen zu Erkrankungen: Um die Arzneimittel der richtigen Indikation zuzuordnen, war es wichtig, alle Erkrankungen zu kennen. Allerdings sind die wenigsten Patienten in der Lage, die ärztlichen Diagnosen korrekt zu benennen. Grob organbezogene Zuordnungen („für das Herz“, „für die Nerven“) sind meistens nicht ausreichend, um die Relevanz möglicher arzneimittelbezogener Probleme korrekt bewerten zu können.
Benennung der Unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW): Auch auf Nachfrage wurden nur selten UAW geäußert – auch, weil sie nicht als solche erkannt wurden. Stattdessen nahmen Teilnehmer oftmals Medikamente ein, um Nebenwirkungen zu kompensieren. Ein besserer Ansatz wäre jedoch, den Ursachen auf den Grund zu gehen.

INTENSIVER PATIENTENKONTAKT

Das Projekt war sehr lehrreich für uns. Im Hauptstudium ist man zwar mit einigen Wirkstoffnamen, deren Analytik und Indikationen vertraut, jedoch nicht mit den Handelsnamen. Des Weiteren war es unser erster intensiver Patientenkontakt. Wir bekamen viel von den Problemen mit, die vor allem durch Rabattverträge entstehen können und viele ältere Menschen verunsichern. Daher waren sie sehr glücklich, dass wir uns so viel Zeit für sie genommen haben.

JEDER PROFITIERT!

Um das Medikationsmanagement flächendeckend zu verwirklichen und zu etablieren, sollte dies aber deutlich entschiedener angeboten und praktiziert werden. Die Vorteile und das Potenzial dieser neuen Dienstleistung ließen sich bereits in diesem kleinen Maßstab erkennen. Abgesehen von dem offensichtlichen Patientennutzen, ist es auch eine gute Gelegenheit für den Apotheker, sein Wissen zu festigen und aktiv zu veranschaulichen. Auch die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern könnte so intensiviert werden. Es bleibt zu wünschen, dass das Medikationsmanagement zukünftig als fester Bestandteil der pharmazeutischen Praxis gelebt wird.

MEDIKATIONSMANAGEMENT* IN DREI STUFEN
Das Medikationsmanagement wurde im Jahr 2012 als Pharmazeutische Tätigkeit in der Apothekenbetriebsordnung verankert. Generell lässt sich das Medikationsmanagement in drei Stufen unterteilen.
- Beim einfachen Medikationsmanagement sollen mithilfe von in der Apotheke vorliegenden Daten Doppelverordnungen, Interaktionen und nicht plausible Dosierungen erkannt werden.
- Beim erweiterten Medikationsmanagement werden weitere Informationen von oder über den Patienten einbezogen um zusätzlich unerwünschte Arzneimittelereignisse, Anwendungsfehler oder mangelnde Therapietreue des Patienten zu erkennen.
- Beim klinischen Medikationsmanagementwerden außerdem Diagnosen oder Labordaten vom Arzt mit einbezogen. Dadurch kann die Medikation auch im Hinblick auf Indikationen und Kontraindikationen überprüft und im Bedarfsfall an die Nieren- und Leberfunktion des Patienten angepasst werden.
*Das hier vorgestellte Medikationsmanagement entspricht laut ABDA- Grundsatzpapier nun einer Medikationsanalyse.
(Anm. d. Red.)

Von Kristina Bretz, Jessica Demling, Nurhan Deregözü, Stephanie Holz, Charlotte Imhäuser, Andrea Kreuzer, Lisa Lutzenberger, Katharina Schürnbrand,
Pharmaziestudentinnen der Universität Würzburg