MEHR ALS NUR ARZNEIMITTEL ABGEBEN
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16. September 2014 Drucken Empfehlen
Berufsstart
MEIN PRAKTISCHES JAHR: AMTS INKLUSIVE

MEHR ALS NUR ARZNEIMITTEL ABGEBEN

Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe bietet eine Ausbildung zum Arzneimitteltherapiesicherheits-
Manager – kurz AMTS-Manager – an. Nicht nur Apotheker, auch Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) können mitmachen, sofern ein Apotheker aus der Ausbildungsapotheke ebenfalls an der Fortbildung teilnimmt. Dieses Projekt wurde uns in der Uni Münster vorgestellt – das Interesse daran war groß, auch bei mir. Dass ich mein Praktisches Jahr inHamburg, in der Privilegierten Adler Apotheke absolvierte, stand meiner Ausbildung zum AMTS-Manager nicht im Wege.

Innerhalb von sechs Monaten fuhren zwei Apothekerinnen meiner Ausbildungsapotheke und ich an vier Sonntagen nach Münster. Neben verschiedenen Vorträgen rund um das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit sollte im Rahmen der Ausbildung die Medikation von fünf Patienten in der Apotheke überprüft werden. In einem Gespräch mit dem jeweiligen Patienten sollte man zudem herausfinden, ob unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftreten und auch, wie es um die Adhärenz – also die Therapietreue – des Patienten steht. Bei der Basisschulung wurden die Grundlagen und das Ziel der AMTS erläutert sowie der ungefähre Ablauf der Fallgespräche. Bei den darauf folgenden Terminen hörten wir Vorträge zu verschiedenen Erkrankungen wie Diabetes, Demenz und Rheuma sowie deren Therapie. Es wurden Wirkmechanismen ins Gedächtnis gerufen und praktische Hinweise gegeben. Gerade letztere waren für mich als noch relativ unerfahrene PhiP sehr informativ. Vor dem Abschlusssymposium schickte jeder seine Patientenfälle bei der Apothekerkammer ein. Am Ende wurden insgesamt vier ausgewählte Patientenfälle vorgestellt.

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Die AMTS-Projekte haben mir dabei geholfen, noch patientenorientierter zu beraten. (Foto: JPC-PROD – Fotolia.com)

ANSPRECHEN – ÜBERPRÜFEN – ERKLÄREN

Zurück in der Apotheke versuchte ich im Kundengespräch herausfinden, ob ein Patient größeren Informationsbedarf zu seiner Medikation hat. War dies der Fall, bot ich ihm an, mich intensiv mit seiner Arzneimitteltherapie auseinanderzusetzen. Von einigen Patienten wurde das Angebot dankbar angenommen und ich vereinbarte einen Termin, bei dem mich eine Apothekerin – die ebenfalls die Fortbildung besuchte – unterstützte. Vor dem Termin brachten uns die Patienten ihre Medikationspläne vorbei, damit wir uns ausreichend auf das Gespräch vorbereiten konnten. Ich überprüfte, ob die Arzneimittel untereinander Wechselwirkungen hervorriefen und welche Nebenwirkungen auftreten können. Zu dem vereinbarten Termin brachten die Patienten zudem sämtliche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mit, die sie einnahmen. Im Gespräch fragte ich zu jedem Medikament, ob Indikation und Wirkung bekannt seien und erklärte diese gegebenenfalls. Zudem erfragte ich die Einnahmemodalitäten, um herauszufinden, ob die Arzneimittel ordnungsgemäß eingenommen werden. Bei einigen Patienten stellte sich heraus, dass sie Präparate zur falschen Zeit einnahmen – beispielsweise wurde das Antidiabetikum Metformin vor dem Schlafengehen statt zur Mahlzeit am Abend eingenommen. Eine Patientin setzte ihre Tabletten – als Experiment oder aus Verdruss – immer wieder für einige Tage ab. Ihr erklärte ich, dass eine regelmäßige Einnahme für den Therapieerfolg äußerst wichtig ist.

AMTS – EINE HERAUSFORDERUNG

Die Fallgespräche waren sehr spannend für mich: Ein 30-minütiges Gespräch und die intensive Auseinandersetzung mit einem Medikationsplan sind gerade als Neuling eine Herausforderung. Nicht zuletzt mit der Unterstützung meiner Kollegen war diese aber gut zu meistern. Die Gespräche haben mir vor Augen geführt, dass zu einer erfolgreichen Pharmakotherapie wesentlich mehr gehört als nur die Abgabe eines Arzneimittels. Denn der korrekte Einnahmezeitpunkt wie auch die Bedeutung einer kontinuierlichen Arzneimitteleinnahme sind den Anwendern nicht immer klar.

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Die Medikationspläne von Seniorenheimbewohnern habe ich unter anderem auf bestimmte Wechselwirkungen hin überprüft. (Foto: Adler Apotheke )

PROJEKT PFLEGEEINRICHTUNG

Aber nicht nur im Rahmen der Ausbildung zur AMTS-Managerin befasste ich mich mit der Arzneimitteltherapiesicherheit. Zusätzlich habe ich ein Projekt in der Heimabteilung der Adler-Apotheke durchgeführt: Meine Aufgabe war es, die Medikationspläne von Seniorenheimbewohnern nach Langzeitanwendung von Metoclopramid-Tropfen gegen Übelkeit und Erbrechen zu überprüfen. Zudem ging ich der Frage nach, ob Patienten Calciumtabletten und Schilddrüsenhormone zum gleichen Zeitpunkt einnehmen oder ihren Cholesterinsenker fälschlicherweise morgens statt abends schlucken.
Es zeigte sich, dass einige Patienten MCP-Tropfen als Dauermedikation einnahmen. Zu diesem Zeitpunkt empfahl die Europäische Arzneimittelagentur aber bereits, die Anwendung zu beschränken. Wenige Monate nach dem Projekt wurde das Thema durch den Widerruf der Zulassung von MCP-Tropfen übrigens höchst aktuell. Auch kam es vor, dass Patienten ihreCalciumtabletten und das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin zum gleichen Zeitpunkt einnahmen, weshalb die Wirkstoffe vom Körper nicht optimal resorbiert werden konnten. Auch falsche Einnahmezeitpunkte hinsichtlich des Cholesterinsenkers Simvastatin waren zu finden. Über die entdeckten Probleme sprach ich zunächst mit meinen Kollegen. In einigen Fällen wurde der Medikationsplan daraufhin in Rücksprache mit dem Arzt geändert.

PATIENTENORIENTIERTER BERATEN

Rückblickend kann ich sagen, dass beide Projekte mein Praktisches Jahr sehr bereichert haben. Sie waren nicht nur eine tolle Abwechslung zum lebhaften Offizin-Alltag, sondern haben mir auch inhaltlich bei Beratungsgesprächen in der Offizin sehr geholfen. Die Ausbildung zur AMTS-Managerin hat mich für Medikationsprobleme – seien es Interaktionen zwischen Arzneimitteln, Einnahmeschwierigkeiten oder Adhärenzprobleme – sensibilisiert und mir somit geholfen, meine Beratung patientenorientierter zu gestalten.

Von Dörte Ecke,
Apothekerin in der Adler Apotheke in Hamburg