27. March 2014 Drucken Empfehlen
Studium
BPhD e.V.

ME, PHARMACY & I – DER BLICK ÜBER DEN TELLERRAND DES PHARMAZIESTUDIUMS

Nach einem schier endlosen Tag komme ich heim: geplagt von einer vierstündigen Fehlsynthese im Labor, einem misslungenen Antestat für das PB2-Praktikum und einer vorangehenden Vorlesungsjagd. Was wurde da noch besprochen? Kein Schimmer!

Nun sitze ich vor meinem Suppenteller und einem trockenen Stück Brot; gegen Ende des Monats bleiben einem Studenten nur noch Reservenahrungsmittel. Als Heilberufler ist mein Abendbrot fernab jeglicher Empfehlung für zukünftige Patienten – für Studenten (auch in Gesundheitsberufen) meist jedoch ein nicht abwendbares Übel. Stiller Beisitzer meines Abendbrotes ist eine pharmazeutische Fachzeitung, die neben mir aufgeschlagen auf dem Küchentisch liegt. Still blättere ich darin umher, Schlagzeilen über Schlagzeilen, eine mehr politischer Natur, eine wirtschaftlicher; von Prostaglandinsynthesen, HIV-Vermehrungszyklen und Studium keine Spur. Eine sogenannte ABDA diskutiert um ein neues Leitbild für den Apothekenberuf, eine DPhG um die zukünftige Ausrichtung der Forschung und Lehre in der Pharmazie. „Medikationsmanagement” soll nun wichtig sein. Dann gibt es da diesen Studierendenverband, der da kräftig mitmischen will. Alles Sachen, von denen ich nichts verstehe.

„5 EURO, BITTE.”

Fotos: blende40 – Fotolia.com

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Das Pharmaziestudium macht mir Spaß. Es ist anstrengend, wir lernen viel über die Analytik und Chemie von Arzneistoffen, viele neue Techniken aus der Molekularbiologie, wie man Arzneimittel herstellt, Grundzüge der Anatomie und Physiologie und wie man diese pharmakologisch beeinflussen kann. Wir lernen, wie man durch Veränderungen von Arzneiformen veränderte Konzentrationen im Blut erhält und damit die Wirkung beeinflusst. Und wie man durch Veränderungen an der chemischen Struktur eines Arzneistoffes ein verändertes Wirkprofil erhält. Faszinierend! Ich bin stolz auf mein Studium, ich bin stolz auf die Vielfältigkeit dieses Faches – und weiß eigentlich gar nicht, was dann später auf mich lauert. Eine neue Schöpfkelle Dosen-Nudelsuppe und ich blättere weiter in der Zeitung. Eine Zahl verdeutlicht, dass später mehr als 80 Prozent aller Absolventen in der öffentlichen Apotheke landet. Aber da will ich doch gar nicht hin. Ich habe doch viel mehr gelernt, als Schubladen zu öffnen und zu schließen – 5 Euro, bitte.

„WEISS ICH NICHT. VERSCHREIBT DER ARZT.”

Forschung, Arzneimittelentwicklung, Analytik – das wäre toll, das habe ich gelernt. In der Zeitschrift steht, ich solle als Heilberufler aktiv in der Therapiebegleitung des Patienten mitwirken. Brauche ich dazu die Analytik? Brauche ich dafür die chemischen Kenntnisse? Sicherlich wird es den Kunden in der Apotheke brennend interessieren, dass Acetylsalicylsäure durch Acetylierung des Serin-530 im aktiven Zentrum der Cyclooxygenase diese irreversibel hemmt, die Bildung der Prostaglandine damit aufgehoben wird, thrombozytendesaggregierendes Prostacyclin danach durch Regeneration der Cyclooxygenase in den Endothelzellen gebildet wird, wohingegen die Bildung neuen Thromboxans mit aggregierender Wirkung aus den kernlosen – nicht proteinbiosynthesefähigen Thrombozyten – unterbleibt und letztlich somit die Thrombozytenaggregationshemmung überwiegt. Welche Dosierung nochmal bei koronarer Herzkrankheit? Weiß ich nicht. Verschreibt der Arzt.

SUPPENTELLER LEER, SCHREIBTISCH VOLL

Jedenfalls erklärt mir niemand, was ich mit meinem absolvierten Studium machen soll. Pharmazie ist ein tolles Studium, ich möchte es nicht missen. Aber irgendwie passt dieses Bild doch nicht mit dem Schubladenzieher zusammen für den meine Freunde mich halten. Oder gibt es da noch mehr zu tun, das ich wissen sollte? Der Suppenteller ist leer. Der Schreibtisch ist voll. Für morgen steht die Wiederholung des Fehlversuchs an. Ein Seminarvortrag über die HPLC als instrumentelle Analysemethode möchte noch ausgearbeitet werden. Nächste Woche ist dann die Wiederholung des Antestates. Mein Praktikum in der Engel-Apotheke, wo ich am kommenden Wochenende probearbeiten wollte, muss ich absagen.

David Reiner,
ein Pharmaziestudent