27. March 2014 Drucken Empfehlen
Studium
EIN MEINUNGSBEITRAG

HOKUSPOKUS AUF DEM VORMARSCH

Ich muss zugeben, dass es mich ein wenig schmerzte, die der TCM zugrunde liegenden Gedankenkonstrukte im Indikativ niederzuschreiben (siehe Artikel “Zwischen uralten Heilsversprechen und Tierexkrementen”, UniDAZ 01/2014): Das verleiht ihnen einen Grad an Seriosität, der solchen Märchen eigentlich nicht zusteht. Theorien wie diese entziehen sich jeder wissenschaftlichen Untersuchung und sind daher nicht als glaubwürdig zu betrachten. Genauso gut könnte ich behaupten, dass der Mensch von unsichtbarer Einhornstrahlung angetrieben wird und jedes Mal krank wird, wenn in Atlantis ein Einhorn stirbt.

Doch die Wichtigkeit wissenschaftlicher Belegbarkeit scheint im deutschen Gesundheitssystem zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Homöopathie, Bachblüten und Schüsslersalze stehen nicht nur bei den Kunden hoch im Kurs und verhelfen vielen Apotheken zu schwarzen Zahlen – ihr irrationaler Siegeszug setzt sich in den Hörsälen deutscher Universitäten fort. So sind TCM und Homöopathie ganz selbstverständlicher Bestandteil des Medizin- und Pharmaziestudiums geworden, vielerorts von einschlägigen Stiftungen finanziert und unkritisch vorgetragen. Die Statistikprüfung hingegen ist ohne großen Lernaufwand nach zwei Wochen Blockvorlesung abgehandelt. Dieses Missverhältnis sagt viel darüber aus, was im Gesundheitswesen schief läuft.

Studenten werden nicht mit der wissenschaftlich-kritischen Methode konfrontiert und kommen daher gar nicht auf die Idee zu fragen, wie geschütteltes Wasser und stark verdünnte Salze denn wirken können und wie es mit der Beweislage aussieht. Sie können gute nicht von schlechten Studien unterscheiden und sind dazu verdammt, alles zu glauben, was ihnen entsprechend präsentiert wird (und Geld ins Haus bringt).

Das ist auch der Eindruck, den ich aus dem Praktikum im Dschungel des Irrsinns mitgenommen habe: Märchengeschichten sind gut, solange man groteske Summen dafür verlangen kann. Kryptisches Geschwurbel um einen eventuell vorhandenen Milz-Qi-Mangel, ein „rebellisches” Qi oder „pervertierte Körperflüssigkeiten” sind dabei nur Teile von einem aus Geld, Zeit und Placebo-Effekt bestehenden, äußerst ertragreichen Gesamtkonzept. Dabei werden auch Unannehmlichkeiten und Gefährdungen in Kauf genommen; die Dekokte sind unappetitlich und sicher keine Gaumenfreude, die Zutaten sind zum Teil giftig und gefährlich.

Es darf bezweifelt werden, dass eine esoterisch-spirituelle Ausbildung, der sich viele Heilpraktiker unterziehen, Kompetenzen in diesem Bereich verleiht. Zudem ist das Risiko von Verschleppung und Verschlimmerung wirklich behandlungsbedürftiger Krankheiten groß und hat schon einige Todesopfer gefordert. Die TCM hat bisher keinerlei Wirksamkeitsnachweis in unabhängigen, qualitativ hochwertigen, randomisierten Doppelblindstudien mit großem Probandenkollektiv erbracht. Ihre Wirkung beruht allein auf dem Placeboeffekt (den im Übrigen auch richtige Medikamente neben einer Hauptwirkung mit sich bringen). Doch weil das Ganze so lukrativ ist, durchseucht die Esoterik mehr und mehr das Gesundheitswesen in Deutschland und Europa.

„Wer heilt, hat Recht!” tönt es einem dann immer höhnisch entgegen, doch damit enttarnt sich der Sprechende als inkompetent. Denn wer oder was denn eigentlich heilt, ist in solchen Fällen nicht eindeutig zu identifizieren. War der Geheilte denn überhaupt krank? Ist der Zustand nicht vielleicht von alleine gewichen? War ein zuvor abgesetztes synthetisches Medikament nicht doch der Auslöser der Heilung? Oder ist es nur angenehm, dass dessen Nebenwirkungen schwinden? Wer heilt, ist also zunächst einmal unbekannt. Man müsste dem Phrasendrescher dann schnell zurufen, dass Korrelation und Kausation nicht dasselbe sind: Ein zeitlicher Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen bedeutet nicht, dass eines das andere ausgelöst hat.

Niemand, der dem Kindesalter entronnen und bei Verstand ist, würde annehmen, dass die Vollständigkeit der eigenen Nahrungsaufnahme einen Einfluss auf das Wetter am Folgetag hat. Wieso glaubt man dann, dass Zuckerkügelchen eine Bronchitis geheilt haben? Die letzten, die erfolglos so argumentiert haben, waren die Azteken, die jeden Tag ein Menschenopfer erbrachten, damit am nächsten Tag die Sonne aufgeht. Und auch der oft zitierte Satz „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt” wird dem skeptischen Menschen oft entgegengeschleudert. Doch dieser beruht ebenfalls auf einem logischen Fehlschluss: Zu den verborgenen Dingen zwischen Himmel und Erde muss nicht zwangsläufig das Wirkprinzip der TCM oder die Existenz von Qi und Meridianen gehören. Sonst könnte ich auch darauf bestehen, dass sich in diesem ominösen Äther meine vorhin angesprochene Einhornenergie befindet.

Foto: Claudia Graneis

Foto: Claudia Graneis

Es ist völlig inakzeptabel, dass die Ausbreitung solch hanebüchener und mit der modernen Naturwissenschaft in keiner Weise zu vereinbarender Konzepte nicht nur hingenommen, sondern von Universitäten, Ärzten, Apothekern, Krankenkassen und dem Gesetzgeber auch noch vorangetrieben wird. Patienten verdienen eine Behandlung nach aktuellsten wissenschaftlichen Standards – keinen Hokuspokus mit Zauberwasser und Fledermauskot.

Claudia Graneis,
Pharmaziestudentin aus Bonn