27. March 2014 Drucken Empfehlen
Hochschulpolitik
BPhD e.V.

GEDANKEN ZUR LEITBILDDISKUSSION

Am 19. September letzten Jahres trafen sich Apotheker und Apothekerinnen auf dem Deutschen Apothekertag in Düsseldorf. Dabei wurde auch über ein neues Leitbild für Apotheker diskutiert. Allerdings sollte man zunächst einmal klarstellen, dass es sich bei dieser Leitbilddiskussion nicht um das Leitbild für alle Apothekerberufe handelt. Apotheker können neben der Offizin in der Industrie, in Behörden, bei Krankenkassen und in der Forschung arbeiten. In der Leitbilddiskussion geht es aber vor allem um den Offizin-Apotheker.

Aber brauchen Apotheker überhaupt ein Leitbild? Und wieso interessiert mich das als Student? Eine Apothekerin aus dem Plenum des Deutschen Apothekertages kritisierte, dass seit den 1970er Jahren von der ABDA keine Schritte mehr in Richtung des Heilberuflers getan wurden. Das sei in der Apothekenlandschaft Deutschlands gut erkennbar. Der Apotheker arbeitet momentan scheinbar orientierungslos in einem Spannungsfeld zwischen Heilberufler und Wellnessexperten. Und so kann es auch schon mal vorkommen, dass man eine Apotheke betritt, die vollgestopft mit Ramschartikeln ist. Die klassische Pharmazie scheint hier Sonnencremes, Wellnesstees und „Schönheitsampullen” gewichen zu sein. Als Student fragt man sich dann „Möchte ich hier arbeiten? Ist es das, was ich mir unter meinem Beruf als Apotheker vorgestellt habe?”

ZENTRALES THEMA: DAS ARZNEIMITTEL

Anscheinend wurde hier das zentrale Thema der Apotheke aus den Augen verloren: Das Arzneimittel. Man lernt als Student nicht alle Einzelheiten über Arzneimittel von der Herstellung über die Formulierung bis zur Wirkung, um im Endeffekt nur ein freundlicher Verkäufer von Pflege- und Kosmetikartikeln zu sein. Deswegen ist dieses Thema für uns Studenten mindestens genau so relevant wie für langjährig approbierte Apotheker. Wir sind die Zukunft und wir haben es in der Hand, was in Zukunft aus dem Beruf des Apothekers wird.

INTERDISZIPLINÄR VS. FACHSPEZIFISCH

Als Student geht die Leitbilddiskussion an einem nicht vollständig vorbei; alleine schon, weil Dozenten in der Vorlesung dazu Stellung nehmen. Und so kommt es vor, dass man hört, wie ersetzbar man eigentlich ist (außer im Fachbereich des jeweiligen Professors natürlich). Für Chemie gibt es Chemiker, für Pflanzen gibt es Biologen und die Wirkung von Arzneimitteln kennt ein Arzt auch. Übrig bleiben als Alleinstellungsmerkmale die pharmazeutische Technologie und die klinische Pharmazie. Doch in der heutigen Zeit werden Arzneimittel fast ausschließlich industriell hergestellt und die klassische Apotheken-Rezeptur rückt immer mehr in den Hintergrund. Wofür braucht man also einen Apotheker, wenn alle anderen es sowieso besser können? Nun, vor allem deshalb, weil alle genannten Fachrichtungen in unserem Beruf vereint werden. Sicherlich gibt es Personen, die in ihrem speziellen Fachbereich besser ausgebildet sind als wir, aber haben sie auch den Bezug zu den anderen Fachbereichen? Nein, und genau deshalb ist der Apotheker in der Offizin für den Patienten so wichtig.

ZWISCHEN PATIENT UND ARZNEIMITTEL

Ein Professor der Universität des Saarlandes hat es vor einiger Zeit in seiner Vorlesung salopp so formuliert: „Seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst, Sie geben Ihrem Patienten Chemikalien zu essen!” Und dieser Satz bringt die Bedeutung des Apothekers genau auf den Punkt: Er steht zwischen dem Patienten und dem Arzneimittel. Mit seinem Fachwissen gibt der Apotheker kontrolliert Stoffe an den Patienten ab, die ihn ernsthaft schädigen können, wenn sie falsch dosiert werden, falsch kombiniert werden oder einfach nur galenisch nicht geeignet sind. Die eigentliche Frage ist, wie wir unsere Arbeit gestalten wollen, um die Sicherheit des Patienten zu gewährleisten. Das wohl wichtigste Stichwort hierbei ist die Klinische Pharmazie, die zurzeit kaum bis gar nicht zum Einsatz kommt. Mit seinem Wissen kann der Apotheker Lücken im Medikationsplan entdecken und beheben, er kann unerwünschte Arzneimittelwirkungen reduzieren und inadäquate Dosierungen korrigieren. Zudem kann er ein besonderes Augenmerk auf die Adherence, die Therapietreue des Patienten, legen und kann dem Arzt empfehlen, die Arzneimitteldosis individuell an die gesundheitliche Situation des Patienten anzupassen.

DEM APOTHEKER FÄLLT´S AUF

Aufgrund des demographischen Wandels haben wir heutzutage viele ältere multimorbide Patienten, das heißt sie leiden an vielen verschiedenen Krankheiten und erhalten mehrere Arzneimittel. So könnte ein älterer Patient, der seit langem einen unselektiven Betablocker gegen Bluthochdruck nimmt, als Nebenwirkung Asthmaanfälle bekommen. Sind bei diesem Patienten im Verlaufe seines Lebens schon einmal ähnliche Anfälle aufgetreten, so sucht er vielleicht als nächstes den Pulmologen auf und lässt sich ein Betasympathomimetikum gegen die Asthmaanfälle verschreiben. In der Stammapotheke, in der alle Informationen über Anzahl und Menge der Arzneimittel des Patienten zusammenfließen, können solche Fehler gezielt korrigiert werden. Dem Apotheker, der den Patienten in seiner Therapie begleitet, sollte auffallen, dass die Asthmaanfälle eine Nebenwirkung sein können und einen Arztbesuch empfehlen. Ohne die Offizin und mit einem allgemeinen Dispensierrecht für Ärzte würden die grundlegendsten Kontrollen wegfallen und die Gesundheit vieler Patienten wäre in Gefahr. Würde man diesen Aspekt noch weiterspinnen, könnte die Zukunft sogar so aussehen, dass ein Arzt nur noch Diagnosen stellt und physikalische Therapien übernimmt, der Apotheker aber Therapiepläne für Arzneimittel erstellt. In Krankenhäusern wird dieses Gedankenspiel als „Apotheker auf Station” teilweise verwirklicht, allerdings nur in Beraterfunktion.

ÄRZTE UND APOTHEKER ALS PARTNER

Das Ziel eines jeden Apothekers und Arztes ist die Gesundheit des Patienten. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn wir mit den Ärzten als enge Partner zusammenarbeiten. Der Klinischen Pharmazie kommt dabei eine wichtige Schlüsselfunktion zu und sollte an jeder Universität auf hohem Niveau gelehrt werden. Hierzu gehören auch Fortbildungsangebote für Approbierte. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Ausgestaltung eines neuen Leitbildes mit der Lehre an den Hochschulen beginnt – darauf hat auch David Reiner, Präsident des BPhD, schon auf dem Apothekertag im September 2013 hingewiesen.

Sascha Manier,
BPhD-Beauftragter für Internet & Presse

Sören Krawczyk,
Young Pharmacist der BPhD