EIN SPRUNG INS KALTE WASSER
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16. September 2014 Drucken Empfehlen
Berufsstart
MEIN PRAKTISCHES JAHR IN DER APOTHEKE

EIN SPRUNG INS KALTE WASSER

Endlich: Das zweite Examen erfolgreich gemeistert. Anerkennung seitens der Professoren. Eine gewisse Selbstsicherheit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse. Jetzt kann das Praktische Jahr losgehen. Nichts und Niemand kann mich noch aufhalten. Das geballte pharmazeutische Wissen und das eigene Können werden das Praktische Jahr in der Apotheke zu einem Zuckerschlecken machen … oder?

Mein erster Tag als Pharmazeutin im Praktikum. Gerade mal vier Tage sind seit meiner letzten Prüfung des zweiten Staatsexamens vergangen. Ein Hauch Adrenalin gemischt mit ein wenig Euphorie über die bestandenen Prüfungen lassen mich zuversichtlich meinem ersten Praktikumstag entgegenblicken. Selbstbewusst betrete ich die riesige Apotheke in einem belebten Hamburger Stadtteil, die so gut wie alle Arzneimittel vorrätig und fast durchgehend geöffnet hat – an jedem Tag des Jahres. Ich lasse mich von der Größe jedoch nicht beeindrucken. Zusammen mit einer Famulantin, die extra nach Hamburg gezogen ist um das Praktikum in der Apotheke zu absolvieren, werden wir in das Chefbüro in der zweiten comEtage geführt. Gelassen, aber aufmerksam höre ich dem Chef eine Stunde lang zu. Am Ende gibt er mir einen Plan, der die Arbeitsbereiche, in denen ich die nächsten zwölf Monate tätig sein werde, genauestens aufführt. Die zwölf Monate werden intensiv, das beginne ich langsam zu ahnen. Rezepturen anfertigen, in die Zytostatika-Herstellung reinschnuppern und in der externen Verblisterungsabteilung der Apotheke arbeiten – das sind alles Gebiete, denen ich mit Freude entgegensehe. Was mir allerdings anfängt Sorgen zu machen ist das Bedienen der Kunden. Ich sehe jeden Tag, dass die riesige Kundenschlange niemals kürzer wird und beginne zu zweifeln, ob ich stundenlang am Stück Kunden beraten kann.

EINFÜHRUNG IN DEN APOTHEKENKOSMOS

An einem Computer im hinteren Bereich der Apotheke erklärt uns eine junge, nette und sehr kompetente Apothekerin das Kassensystem und den Umgang mit der Apothekensoftware. Wie welches Arzneimittel ausgewählt wird, welches Rezept auf welche Weise bedruckt wird, wie der richtige Rabattvertragspartner ausgewählt wird, wie man sich in der ABDA-Datenbank zurechtfindet und Interaktionen feststellt und eben die 500 anderen wichtigen Dinge, um mit der Apothekensoftware umgehen zu können. Ziemlich viele Informationen auf einmal. Nach einiger Zeit befinde ich mich in einer Art Trancezustand und fange plötzlich an, die Uni zu vermissen. Die Vorlesungssäle mit den harten Stühlen und die stickigen Labore mit dem penetranten Schwefelgeruch.

EINE TIERISCHE ÜBERRASCHUNG

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Darf ich vorstellen: So ähnlich sah mein erster Patient in der Apotheke aus! (Foto: lwfoto – Fotolia.com)

Ich bin überfordert. Wie soll ich dieses Kassensystem jemals beherrschen und dabei auch noch einen Kunden beraten – mit den ganzen Gesetzen im Hinterkopf? Ich fühle mich wie am ersten Uni-Tag. Die Euphorie und der Adrenalinschub sind nun verschwunden und akuter Serotoninmangel ist an deren Stelle getreten. Glücklicherweise darf ich zwei Tage lang über die Schulter der Apothekerinnen gucken, um mit dem Computersystem vertraut zu werden. Ich beginne, ein Gefühl für die Beratung zu bekommen und die Motivation steigt. Am nächsten Tag ist es dann so weit: Meine Lieblingsapothekerin enthüllt mir, dass ich nun an der Reihe sei und ruhig mal ein paar Kunden selbstständig bedienen könne. Sie bleibt aber an meiner Seite und gibt mir dadurch Sicherheit. Ich kann es jetzt kaum noch erwarten. Es ist so weit, meine erste Apothekenkundin kommt mir entgegen – und will Magentabletten für ihren Hund haben. Hilflos gucke ich die Apothekerin an. Der Hund der Kundin schaut mich an, als würde er Spaß daran haben mich vor diese Herausforderung zu stellen. Vier Jahre intensivstes Studium. Fast jedes Arzneimittel kann man am Ende seines Studiums sowohl theoretisch als auch praktisch synthetisieren, nachweisen und dessen Pharmakologie und Pharmakokinetik erläutern. Aber was der Hund dieser Kundin gegen seine Magenproblem nehmen kann, hat mir niemand gesagt.

ENDLICH EIN MENSCH

Es kann nur besser werden. Mein zweiter Kunde hat ebenfalls Verdauungsprobleme und ist glücklicherweise ein Mensch. Ich kläre alle wichtigen Fragen ab und spreche meine Empfehlung aus. Die Apothekerin lobt mich. Ich fühle mich wohl und bediene einen Kunden nach dem anderen. Die Apothekerin weist mich jetzt an, von nun an alleine weiterzuarbeiten. Jetzt fühle ich mich auch groß genug dafür. Mit einem breiten Lächeln begrüße ich den nächsten Kunden. Er spricht – aber ich verstehe nicht, was er sagt. Nachdem er seine Worte mehrmals wiederholt, wird mir klar, dass es sich tatsächlich um Englisch mit einem starken Akzent handelt. Soweit ich es vernommen habe, hat der Kunde Kopfschmerzen und braucht dagegen etwas. Leichter geht es eigentlich nicht. Und dennoch bin ich überfordert. Trotz Leistungskurs Englisch in der Schule, wird mir bewusst, dass es was anderes ist, pharmazeutische Inhalte auf Englisch auszudrücken. Ich entscheide mich für Acetylsalicylsäure-Tabletten, die in der Sichtwahl stehen. Allein das Suchen dauert zehn Minuten, obwohl ich die letzten Tage versucht habe, mir die Anordnung der Arzneimittel zu merken. Und dann muss ich auch noch zwischen Tabletten, Brausetabletten, Kautabletten und Direktgranulat entscheiden. Ich bin erleichtert, dass der Kunde noch nicht aus der Apotheke gelaufen ist, als ich hektisch wieder zurück zur Kasse laufe. Soweit es geht, gebe ich ihm einige Ratschläge mit auf den Weg. Ich behalte im Hinterkopf, unbedingt einige Fachausdrücke auf Englisch zu lernen.

FÜR IMMER VERGRAULT?

Der nächste Kunde bringt mir fünf Rezepte. Ich fühle, wie mein Blutdruck ansteigt. Ich suche in Zeitlupentempo die richtigen Rabattpartner raus. Irgendwelche mir unbekannten Fenster öffnen sich auf dem Bildschirm und ich lese mir alle angezeigten Texte durch, um bloß nichts falsch zu machen. Der Kunde will wissen, ob es ein Problem gibt. Ich habe das Bedürfnis ihm zu sagen, dass es in der Tat ein Problem gibt, da ich nicht weiß was ich da tue. Dabei würde ich ihm mein Schild „Pharmazeutin im Praktikum“ vor die Nase halten. Stattdessen grinse ich den bereits rot angelaufenen Kunden an und teile ihm voller Zuversicht mit, dass ich nun seine Insulinspritzen aus dem Kühlschrank holen werde. Da der Vorrat an Kühlartikeln genau wie alles andere in dieser Apotheke riesig ist, gibt es keinen gewöhnlichen Kühlschrank sondern einen Kühlraum. Ich weiß nicht wie lange ich dort drinnen bin, aber als ich endlich alles gefunden habe, friere ich bis auf die Knochen undbewege mich dadurch wie in Slow Motion zum Kunden. Dieser ist mittlerweilemehr als nur ungeduldig. Nicht mal eine Verabschiedung höre ich von ihm. Ich frage mich, ob die anderen Apothekerinnen merken, dass ich gerade einen Kunden wohl für immer vergrault habe, aber alle sind in ihre eigene Beratung vertieft. Bevor ich die fünf Rezepte des Kunden bedrucken kann, steht schon ein junges Mädchen vor mir.

 

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Die Apothekensoftware scheint zu Beginn unüberschaubar – doch die Routine kommt glücklicherweise schneller, als man denkt. (Foto: Kzenon – Fotolia.com)

KITTELTASCHE ALS ABLAGE

Der Versuch, die Rezepte noch schnell zu bedrucken scheitert: Der Drucker frisst eines der Rezepte und blockiert dadurch alles. Also landen alle Rezepte in meiner Kitteltasche, damit ich sie irgendwann in Ruhe bedrucken kann. Da ich im Laufe des Tages vergebens auf diese Ruhe warte, muss ich die offenen Vorgänge nach Feierabend erledigen. Ich bin fix und fertig. Wenn ich jeden Tag so viele Vorgänge zum Nachbearbeiten habe, würde meine Kitteltasche bald nicht mehr ausreichen und ich bräuchte eine Umhängetasche. Am zweiten Tag merke ich jedoch, dass ich schon viel besser mit der Kasse umgehen kann. Einige Dinge wiederholen sich sogar und eine gewisse Routine entsteht. Es dauert allerdings seine Zeit, bis ich tatsächlich die Beratung in den Vordergrund stellen kann und die anderen Tätigkeiten nebenher erledige.

ALLER ANFANG IST SCHWER

Der Anfang des Praktischen Jahres in einer Apotheke ist nicht ohne. Sich vorher Gedanken zu machen, wie man Kunden auf einfache Weise Sachverhalte erklären kann, hilft. Des Weiteren ist es sehr nützlich, ein Buch für die Kitteltasche über Selbstmedikation bei sich zu haben und schon vor dem PJ darin zu stöbern. Wenn man erst einmal das Kassensystem verstanden hat, kann man mit jeder Apothekensoftware umgehen – und in jeder Apotheke mit Leichtigkeit arbeiten. Irgendwann sagte eine Apothekerin zu mir, dass Pharmazeuten im Praktikum in dieser Apotheke ins kalte Wasser geworfen werden. Das trifft auch voll und ganz zu. Im ersten Moment konnte ich nicht schwimmen, da ich starr vor Kälte war. Ich begann zu strampeln um wieder aufzutauchen – und als ich meine Arme zu Hilfe nahm, konnte ich endlich schwimmen.

Von Helena Shalibeik,
Apothekerin in Hamburg