16. September 2014 Drucken Empfehlen
Berufsstart
KUNTERBUNTE MISCHUNG IN DER APOTHEKE

DIE LIEBEN KUNDEN …

Die Arbeit in der Apotheke ist sehr vielseitig, was größtenteils an der Vielzahl verschiedener Kundentypen liegt. Vielen von ihnen geht es verständlicherweise beim Besuch einer Apotheke gesundheitlich nicht sehr gut und so suchen sie neben kompetentem Rat eine Portion Mitleid mit ganz viel Verständnis. Neben diesen Kunden gibt es auch die Dauergäste, die jeden Tag für einen kleinen Schnack vorbeischauen, die Dramatiker, denen alles zu viel ist, die Schwarz- und Weißseher, die Euphorischen, die Aufdringlichen, die Witzigen und und und … Kurz gesagt: Kein Kunde gleicht dem anderen, und so beginnt mit jeder Begrüßung ein neues Abenteuer.

 

Zeichnung: Barbara

FRAU BECHO, DIE BESSERWISSERISCHE CHOLERIKERIN

Wenn Frau Becho die Apotheke betritt, dann erfüllt nicht nur ihre Aura den ganzen Raum sondern auch ihre laute Stimme. Sie verschwindet gerne in die hinterste Ecke der Apotheke, um von dort aus innerhalb weniger Sekunden – bevor es eine der Apothekenmitarbeiter geschafft hat, sie auch nur zu begrüßen – nach Hilfe zu schreien. Natürlich ist Hilfe gleich unterwegs und heute möchte sie auch etwas ganz Einfaches: Ein Shampoo, dass auch als Duschgel benutzt werden kann, ohne Duftstoffe, für empfindliche Haut, nicht zu teuer, es soll vom Design natürlich nicht billig aussehen, keine Parabene enthalten und der Aufsatz muss ein versiegelter Dosierspender sein und das Allerwichtigste: Es MUSS einen Umkarton haben.

WIESO EINFACH WENN ES AUCH SCHWER GEHEN KANN?

Natürlich teilt mir Frau Becho ihre Wünsche nicht von vornherein mit, sondern wartet ab, bis ich ihr ein Produkt nach dem anderen empfehle, um dann genervt ein anderes einzufordern. Da dieses Produkt nur acht bestimmte Eigenschaften aufweisen muss, bekommt man bei der Beratung mit Frau Becho einen leichten Drehwurm vom Hin-und-her-Eilen in der Kosmetikabteilung. Alles überhaupt kein Problem, denn Frau Becho hat ganze fünf Minuten Zeit mitgebracht bis ihr Bus losfährt, was sie mir ungefähr alle 20 Sekunden mitteilt. Die restliche Zeit nutzt sie für ihre Behauptungen, dass jedes Produkt, das ich ihr zeige, diverse Gifte enthalte.

KLEINE SEITENHIEBE ZUM ABSCHIED

Nachdem Frau Becho unsere Apotheke als „Saftladen“ bezeichnet und ich sie freundlich darauf hinweise, dass sich der Saftladen aber schräg gegenüber von uns befände, bezahlt sie endlich. Dann fragt sie genervt, ob sie den Umkarton des gekauften Produktes denn gleich bei uns entsorgen kann. Mit einem netten Lächeln und einem gekünstelten „Natürlich“ meinerseits endet unsere charmante Begegnung – und ich ärgere mich, dass ich Frau Becho den zusammengefalteten Umkarton nicht heimlich in ihre Tüte gesteckt habe.

 

Zeichnung: Barbara

HERR SIVER, DER SICHERE VERUNSICHERTE

Wenn Herr Siver in die Apotheke kommt, dann weiß jeder Kollege: Hier wird es länger dauern. Heute legt er mir allerdings nur ein Rezept mit drei Medikamenten vor. Alles kein Problem, wenn es nicht Herr Siver wäre. Bevor ich anfange, nach den Rabattvertragspartnern zu schauen, weist mich der Kunde darauf hin, dass er gerne die Medikamente haben möchte, die er das letzte Mal bekommen hat. Genau wie bei seinem letzten Besuch erkläre ich ihm, dass ich darauf keinen Einfluss habe und verpflichtet bin, die Rabattvertragspartner der jeweiligen Krankenkasse abzugeben. Während ich im PC die Arzneimittel heraussuche, bemerke ich aus den Augenwinkeln, wie mich Herr Siver unsicher mustert und den passenden Moment abwartet, um seine nächste Bitte zu äußern.

BLAU GLEICH GRÜN GLEICH ROT?

Bei den Blutdrucktabletten sollen es unbedingt die in der blauen, quadratischen Packung sein. Die Tabletten sind klein, rund und weiß. Dass mir diese Beschreibung nicht viel nützt, behalte ich für mich. Herr Siver verweigert jedes Mal ein Kundenkonto, aus dem wir entnehmen könnten, welche Firma er meint, denn „ohne geht es ja auch“. Erleichtert, dass bei zwei Arzneimitteln sowieso nur eine einzige Firma infrage kommt, suche ich für das dritte Arzneimittel einfach einen Vertragspartner heraus – achte aber natürlich auf die Farbe Blau. Als ich Herrn Siver seine Medikamente bringe, sehe ich, dass sich in der Zwischenzeit vier neue Kunden angestellt haben und ungeduldig warten. Es ist Feierabendzeit und somit Stoßzeit. Der bereits vor fünf Jahren in Rente gegangene Herr Siver interessiert sich aber weniger dafür, als vielmehr die richtigen Medikamente zu bekommen. Sein gutes Recht. Obwohl ich für das letzte Arzneimittel auf dem Rezept die Firmen mit blauer Umverpackung mitgebracht habe, sieht Herr Siver ganz und gar nicht zufrieden aus. Die richtige Packung ist nicht dabei. Er bittet mich, doch nochmal nachzuschauen, ob ich nicht eine Firma übersehen habe. Ich gebe mich geschlagen und laufe nach hinten. Ich freue mich über meine besonders geniale Idee, ihm noch alle grünen Packungen mitzubringen. Denn viele Kunden meinen mit blau eigentlich grün. Aber Herr Siver ist nun total verunsichert, kann aber mit Sicherheit sagen, dass es keine der Firmen ist, die ich ihm mitgebracht habe.

MORGEN IST AUCH NOCH EIN TAG

Herr Sivers hat eine Idee und bittet mich, seine Frau anzurufen, die mir die richtige Firma bestimmt nennen kann. „Momentan ist es ja sehr ruhig in der Apotheke und ich halte ja niemanden auf“, ruft er mir nach, als ich das Telefon hole. Ich bete für ihn, dass er nicht von den wartenden Kunden wegen dieser Aussage attackiert wird. Seine Frau kann tatsächlich weiterhelfen. Ich lege auf und erzähle dem nun unbeteiligt aussehenden Herrn Siver, dass die gesuchte Packung eine rote ist. Er antwortet, dass er wohl etwas verwechselt hat, weil sich sonst immer seine Frau darum kümmert. Alles kein Problem, jetzt haben wir ja die richtige Firma identifiziert. Allerdings muss ich das Medikament erst bestellen. Ich biete Herrn Siver an, das fehlende Medikament morgen nachzuschicken – mehr um der Apotheke einen Gefallen zu tun als ihm. Herr Siver lehnt dankend ab. Er möchte alle drei Medikamente morgen abholen kommen, weil ihm eingefallen ist, dass er noch zwei Rezepte zu Hause hat. Ich wünsche ihm einen schönen Abend und bin dankbar, dass ich am nächsten Tag frei habe.

 

Zeichnung: Barbara

FRAU OMKU, DIE OMI MIT DEM KUCHEN

Die liebe Kundin Frau Omku ist eine putzige und kleine Omi, die auf jeden Fall eine Stammapotheke mitsamt persönlicher Apothekerin braucht. Sie landete irgendwann bei mir, nachdem die nette Apothekerin ihres Vertrauens nicht mehr in Frau Omkus alter Stammapotheke arbeitete. Frau Omku und ich schlossen uns gegenseitig gleich ins Herz. Vielleicht, weil ich Frau Omku an ihre Enkelin erinnere, was sie mir bei jedem ihrer Besuche fröhlich mitteilt. Neben ihren gesundheitlichen Problemen erzählt sie mir vorwiegend Geschichten über ihre Familie, aber sie achtet stets vorbildlich darauf, nicht zu viel Zeit in Anspruch zu nehmen. Die besten Besuche bleiben aber immer die, bei denen Frau Omku unserer Apotheke ihren saftigen, selbstgebackenen Schokokuchen mitbringt.

AUS DEMSELBEN HOLZ GESCHNITZT

Nachdem wir beide uns nun länger aus der Apotheke kennen, bringt Frau Omku endlich mal ein Foto ihrer Enkelin mit, der ich so ähneln soll. Sie gibt mir zwei Bilder und ich bin gespannt, mein Ebenbild auf den Fotos zu sehen. Eine sehr kleine und zierliche Person lächelt mich von den Fotos an. Das auffälligste an Sarah sind ihre blonden Locken und ihre markante Brille, die ihre breite Knäuelnase deutlich hervorhebt. Mir hat es die Sprache verschlagen – und das fällt der aufmerksamen Frau Omku auf. Sie freut sich und meint: „Habe ich es Ihnen doch gesagt!“ Ich muss schmunzeln und überlege ob unsere Gemeinsamkeiten sich doch auf die inneren Werte beschränken. Denn ich bin groß, habe glatte, dunkle Haare und trage keine Brille. Und was meine Nase angeht: Sie ist vielleicht auch speziell, aber sie hat definitiv keine Ähnlichkeit mit Sarah´s Knäuelnase.

 

Zeichnung: Barbara

MR. BUBU, DER BUSY BUSINESSMANN

Mein nächster Kunde wirft sein Rezept auf den HV-Tisch. Ohne Smalltalk geht es gleich zur Sache. „Ich nehme nur die Firma, die der Arzt verschrieben hat, nur dass Sie Bescheid wissen.“ Da ich jetzt Bescheid weiß, telefoniert Mr. Bubu mit seinem Handy. Dabei spaziert er in der Apotheke herum, wie auf einer Flaniermeile. Irgendwann bemerkt er, dass ich immer noch nicht losgelaufen bin und ihn stattdessen geduldig anlächle. Er nimmt kurz das Handy vom Ohr und signalisiert mir mit seinem fragenden Blick, wieso ich nichtsnutzig in der Gegend herumgrinse. „Kommt noch was dazu?“ frage ich ihn. Die Frage scheint Mr. Bubu zu irritieren. Nach kurzem Zögern schüttelt er den Kopf und telefoniert dann weiter. Rasch bin ich wieder mit dem Präparat da. Er legt auf und möchte sich komplett der Sache widmen. Skeptisch fragt er, ob es das ist, was der Arzt verschrieben hat. „Ja, natürlich.“ Ich schaue so ernst aus wie der Anzug von Mr. Bubu. „Ist es auch dieselbe Firma?“ Ich erkläre ihm, dass ich ihm nur den Vertragspartner geben kann und es daher nicht die verschriebene Firma sei. Als hätte ich seinen Befehl zu Anfang überhört, wiederholt er: „Ich nehme nur das, was der Arzt verschrieben hat.“ Er reißt mir das Rezept aus der Hand und zeigt mir, dass sich der Firmenname auf dem Rezept von dem des Präparats in meiner Hand unterscheidet. Da habe ich wieder was dazu gelernt.

KRANKENKASSE ALS SÜNDENBOCK

Meinen Versuch, ihm zu versichern, dass er auch das Arzneimittel einer anderen Firma nehmen kann, unterbricht er sofort. „Sowas müssen Sie ja sagen!“ Harte Arbeit steht mir bevor, vor allem weil der seriöse Mr. Bubu gerade gestern wieder einmal in einer noch seriöseren Fernsehsendung aufgeklärt wurde, dass sich die Arzneimittel mit gleichem Wirkstoff von verschiedenen Firmen sehr wohl voneinander unterscheiden. Die Krankenkassen denken nur ans Geld. Meine Erklärungen scheitern und ich sehe nur noch einen Ausweg. Ich stimme Mr. Bubu bei einigen Aussagen zu. Nachdem wir uns beide auf die Krankenkassen als Sündenbock geeinigt haben, sehe ich einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Mr. Bubu sieht in mir eine Verbündete. Nun findet doch noch ein kleiner Smalltalk statt.

EIN STAMMKUNDE MEHR …

Zum Abschied schiebt er mir seine Visitenkarte rüber. „Sie können sich ja mal bei mir melden, dann können wir unser Gespräch bei einem Kaffee fortsetzen. Vielleicht bekomme ich dann ja doch immer mein Wunschpräparat“ kommentiert er diese überraschende Geste. Mr. Bubu schenkt mir noch ein überflüssiges Zwinkern, das mich fassungslos macht. Ich bin bereit, sehr viel mitzumachen, damit die Kunden zufrieden die Apotheke verlassen – aber irgendwann ist auch bei mir Schluss. Mit einer bösen Vorahnung, dass Mr. Bubu nun ein Stammkunde wird, mache ich Feierabend.

Von Helena Shalibeik,
Apothekerin in Hamburg