DIE LEGALE GEFAHR
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16. September 2014 Drucken Empfehlen
Wissenschaft
LEGAL HIGHS – EINE ÜBERSICHT

DIE LEGALE GEFAHR

Es gibt sie als Pulver, Flüssigkeiten, Tabletten und Kräuter. Verkauft werden sie in kleinen, bunt bedruckten Tütchen mit Namen wie „Big Baaang“, „Colour your Life“ oder „No Limit“, getarnt als Badesalze, Kräuter- bzw. Räuchermischungen oder Pflanzendünger. Kaufen kann man die Ware, die entgegen den pflichtschuldigen Hinweisen der Verkäufer missbräuchlich konsumiert wird, bequem im Internet. Legal Highs enthalten psychoaktive Substanzen, die in Aufbau und Wirkung bereits verbotenen Stoffen ähneln, mit diesen jedoch nicht exakt identisch sind. Laufend überschwemmen neue Kreationen den Markt, die (noch) nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen – und somit dem Gesetz nach legal sind. Das macht sie allerdings nicht weniger gefährlich.

Auf den Internetseiten der Anbieter, die Legal Highs anpreisen, stehen einschlägige Hinweise, etwa dass nur Erfahrene eine spezielle Räuchermischung anwenden sollten und die Produkte keinerlei verbotene Substanzen enthalten – weder Inhaltsstoffe, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, noch gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen. Der obligatorische Hinweis, dass die angebotene Ware nicht für den menschlichen Konsum geeignet ist, fehlt natürlich auch nicht. Aber wer denkt bei der Beschreibung „beschleunigt nicht nur das Wachstum, sondern sorgt auch für eine wahre Blütenpracht, die jedem Pflanzenliebhaber ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Staune über die extreme Farbintensität nach einer Behandlung mit…“ ernsthaft, dass es sich in diesem Fall tatsächlich um einen Pflanzendünger handeln soll?

ÄHNLICHKEIT MIT CANNABIS UND CO.

Meist ähneln Legal Highs in ihrer Wirkung und Struktur bekannten Substanzen wie Cannabis, Ecstasy oder Amphetamin. Die Stoffe können dämpfend wirken, aber auch aktiv oder aggressiv machen. Bei der Synthese der Substanzen bleibt das chemische Grundgerüst mit den funktionellen Gruppen, das für die Wirkung verantwortlich ist, erhalten. Durch kleine Änderungen entsteht ein neuer Stoff, dessen Verbot erst geprüft und in die Wege geleitet werden muss, was für gewöhnlich einige Zeit dauert. Das Ergebnis: Die Szene wird mit zahllosen Stoffen unter anderem aus dem Bereich der synthetischen Cannabinoide, synthetischen Cathinone und weiteren amphetaminartigen Stoffen, deren Wirkungen und Risiken bisweilen kaum erforscht oder abgeschätzt werden können, versorgt. Legal Highs werden je nach Inhalt geraucht, geschluckt oder geschnupft. Phantasievolle Gebrauchsanleitungen in einer verschlüsselten Geheimsprache geben den Anwendern Tipps für den Konsum.

„SPICE“
Erstmals für Aufsehen sorgte die Kräuter- bzw. Räuchermischungen „Spice“ im Jahr 2008. Zunächst rätselten Experten, was es mit den Kräutern auf sich hat, denen eine Cannabis-ähnliche Wirkung nachgesagt wurde. In Laboranalysen konnte schlussendlich festgestellt werden, dass die Kräuter als Trägersubstanz für synthetische Cannabinoide dienten. Die Inhaltsstoffe wurden daraufhin verboten. Doch „Spice 2.0“ ist schon längst zu haben.

QUALITÄTSKONTROLLE? FEHLANZEIGE

Ein weiteres Problem besteht darin, dass man nicht sicher sein kann, welche Substanzen in welchem Umfang enthalten sind. Bei Legal Highs gibt es keine Qualitätskontrollen, wie es beispielsweise bei Arzneimitteln der Fall ist. Die Stoffe werden zudem meist gar nicht oder nur unvollständig auf den Verpackungen angegeben und die Zusammensetzung eines Produkts kann sich im Laufe der Zeit verändern. Ganz abgesehen von dem erheblichen gesundheitsgefährdenden Potenzial ist es für den Konsumenten somit schwer möglich, die Rauschwirkung abzuschätzen. Darüber hinaus könnte der Begriff „Legal High“ unter den Konsumenten den Anschein erwecken, dass die Produkte ungefährlich sind, „denn sie sind ja legal“.

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Von flippig bis psychedelisch: Originalverpackungen einiger „Kräutermischungen“. (Foto: LKA Bayern)

RISIKEN UNKALKULIERBAR

Zu den Risiken der Legal Highs schreibt ein Anbieter auf seiner Internetseite: „Um böse Nebenwirkungen muss man sich kaum sorgen, da alle Produkte natürlich oder pflanzlich sind – man sollte nur nicht absichtlich und ständig mehr als die empfohlene Dosis nehmen.“ Eine fatale Fehleinschätzung, denn unerwünschte Wirkungen treten immer wieder auf. Die gesundheitlichen Folgen sind teilweise schwerwiegend und reichen von Übelkeit, Erbrechen, Herzrasen und Orientierungsverlust über Kreislaufversagen bis hin zur Ohnmacht. Auch kam es in Einzelfällen bereits zu Herzinfarkten, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen und Psychosen. Mit dem Konsum von Legal Highs werden auch Todesfälle und tödliche Unfälle infolge von Panikattacken in Verbindung gebracht. Langzeitfolgen können darüber hinaus nicht abgeschätzt werden: Geeignete Daten fehlen, nicht zuletzt, da die Substanzen nur solange vertrieben werden, bis ein gesetzliches Verbot greift.

KATZ- UND MAUS-SPIEL

Ein Legal High dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) zu unterstellen, geht nicht von heute auf morgen. Diese Zeit nutzen die Händler, um die Substanzen weiterhin übers Internet zu verkaufen. Währenddessen synthetisieren Chemiker in Drogenküchen neue Substanzen für den Markt. Ein Katz- und Maus-Spiel, das europaweit gespielt wird: In den vergangenen Jahren wurde im Schnitt jede Woche eine neue psychoaktive Substanz in der Europäischen Union entdeckt. Schätzungen zufolge dürften diese Zahlen in den kommenden Jahren noch steigen. Seit 1997 haben die Mitgliedstaaten über 300 Substanzen entdeckt, zwischen 2009 und 2013 hat sich diese Zahl mehr als verdreifacht (von 24 auf 81).

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Das chemische Grundgerüst bekannter Betäubungsmittel wird derivatisiert. Dadurch entstehen neue Stoffe mit ähnlichen Wirkprofilen und Gefährdungspotenzialen, die – zumindest vorübergehend – legal sind. (Foto: kei u – Fotolia.com)

LEGAL ODER ILLEGAL?

Um festzustellen, ob ein Legal High zum „Illegal High“ geworden ist, genügt ein Blick ins BtMG: Dort werden Betäubungsmittel in drei Gruppen unterteilt: In Anlage I sind Stoffe und Zubereitungen aufgelistet, die in Deutschland nicht verkehrsfähig sind – also unter anderem nicht vertrieben, erworben oder vom Arzt verordnet werden dürfen. In Anlage II werden Substanzen aufgeführt, die verkehrs-, aber nicht verschreibungsfähig sind. In Anlage III schließlich finden sich die dem Apotheker aus der Offizin bekannten Betäubungsmittel, wie Fentanyl oder Hydromorphon, die verkehrsfähig sind und vom Arzt verschrieben werden können. Substanzen, die als Legal High vertrieben werden, werden in der Regel der Anlage I oder II unterstellt. Stoffe, die in den Anlagen des BtMG aufgeführt werden, dürfen – mit einigen Ausnahmen – nur mit Erlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hergestellt, in den Verkehr gebracht oder erworben werden. Eine Erlaubnis für die in Anlage I bezeichneten Betäubungsmittel etwa erteilt das BfArM nur ausnahmsweise zu wissenschaftlichen oder anderen im öffentlichen Interesse liegenden Zwecken. Hat man keine Berechtigung oder ist nicht von den Ausnahmen zur Erlaubnispflicht betroffen, so macht man sich durch Herstellung, Vertrieb und Erwerb strafbar. Neben einer Geldstrafe droht auch eine Freiheitsstrafe – je nach Schwere zwischen drei Monaten und zehn Jahren.

AUFNAHME INS BTMG, WENN …

Stoffe oder Zubereitungen werden in die Anlagen des BtMG aufgenommen, wenn dies
– nach wissenschaftlicher Erkenntnis wegen der Wirkungsweise eines Stoffes, vor allem im Hinblick auf das Hervorrufen einer Abhängigkeit
– wegen der Möglichkeit, aus einem Stoff oder unter Verwendung eines Stoffes Betäubungsmittel herstellen zu können
– zur Sicherheit oder zur Kontrolle des Verkehrs mit Betäubungsmitteln oder anderen Stoffen wegen des Ausmaßes der missbräuchlichen Verwendung und wegen der unmittelbaren oder mittelbaren Gefährdung der Gesundheit
erforderlich ist (vgl. § 1 BtMG). Die Anlagen des BtMG können von der Bundesregierung geändert oder nach Anhörung von Sachverständigen ergänzt werden, wenn der Bundesrat zustimmt. Unter bestimmten Bedingungen kann das Bundesgesundheitsministerium auch ohne Zustimmung des Bundesrates Substanzen in die Anlagen I bis III aufnehmen, beispielsweise wenn es wegen des Ausmaßes der missbräuchlichen Verwendung oder einer Gesundheitsgefährdung erforderlich ist. Diese Aufnahme ist dann allerdings auf ein Jahr befristet und tritt dann automatisch außer Kraft.

RESEARCH CHEMICALS
Die sogenannten Research Chemicals enthalten chemische, psychoaktive Stoffe in Reinform, die ebenfalls noch nicht verboten sind. Im Internet werden die Stoffe „zu Forschungszwecken“ verkauft. Zu haben sind beispielsweise diverse Amphetamin-artige Substanzen oder synthetische Cannabinoide mit dem Namen THJ-018 oder STS-135. Aber auch Benzodiazepin-Analoga in Pellet-Form können bestellt werden. Natürlich wird klargestellt, dass die Substanzen für in-vitro Untersuchungen gedacht sind und diese „unter keinen Umständen an Menschen angewendet werden“ dürfen.
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Research Chemicals (Foto: LKA Bayern)

LEGAL HIGHS: KEINE ARZNEIMITTEL

Der Handel mit Legal Highs kann nicht über das Arzneimittelgesetz verboten werden. Das machte der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Sommer in einer Stellungnahme deutlich. Hintergrund ist, dass der Bundesgerichtshof über die Rechtmäßigkeit von deutschen Strafen für zwei Verkäufer von Kräutermischungen entscheiden muss, die zum Zeitpunkt des Verkaufs nach dem Betäubungsmittelgesetz nicht verboten waren. Einer der beiden hatte in seinem Laden die Tütchen mit Kräutern als Raumerfrischer verkauft, denen synthetische Cannabinoide hinzugemischt waren. Dafür wurde er wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Im zweiten Verfahren erhielt ein Online-Händler viereinhalb Jahre. Die fraglichen Stoffe seien keine Arzneimittel im Sinne der EU-Arzneimittelrichtlinie, entschieden die europäischen Richter. Eine Strafverfolgung wegen des Verkaufs bedenklicher Arzneimittel über die Regelungen des Arzneimittelgesetzes sei daher nicht möglich. Schließlich würden Legal Highs nicht zu therapeutischen Zwecken konsumiert. Sie seien als gesundheitsschädlich anzusehen und könnten daher nicht als Arzneimittel eingestuft werden. Als einzige Möglichkeit bleibt den deutschen Gerichten, den Verkauf der Stoffe über das BtMG zu verbieten.

NEUE STRATEGIEN

Auf europäischer Ebene gibt es bereits Bestrebungen, Regelungen zu schaffen, um schneller auf neue psychoaktive Stoffe reagieren zu können. Auch die Strafen für den Umgang mit besonders risikoreichen Substanzen sollen verschärft werden. Ein Ausweg könnte der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler zufolge sein, ganze Stoffgruppen zu verbieten. Das ist aber rechtlich gesehen nicht ohne Weiteres umsetzbar. Der Kampf gegen Badesalze, Räuchermischungen und Co. geht also weiter.