16. September 2014 Drucken Empfehlen
Hochschulpolitik
BPhD. e.V.

DER PATIENT STEHT IM MITTELPUNKT – NICHT DAS MOLEKÜL

Die Klinische Pharmazie stellte bei der letzten Novellierung der Approbationsordnung eine große Neuerung dar. Seither müssen die Studierenden in diesem Fach ausgebildet werden. Aber was ist die Klinische Pharmazie eigentlich und wie passt sie mit der bisherigen Ausbildung zusammen? Diese und weitere Fragen wurden bei einer Podiumsdiskussion auf der 116. Bundesverbandstagung des BPhD in Düsseldorf diskutiert.

Teilnehmer der Diskussionsrunde waren Prof. Hartmut Derendorf von der University of Florida, Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Dr. Roberto Frontini, Chefapotheker am Universitätsklinikum Leipzig und Präsident der european association of hospital pharmacists, Jochen Pfeifer, PharmD und David Reiner, Präsident des BPhD. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Dr. Benjamin Wessinger, Chefredakteur der Deutschen Apotheker Zeitung.

KLINISCHE PHARMAZIE – WAS IST DAS?

Die Teilnehmer waren sich einig, dass unter dem Begriff „Klinische Pharmazie“ die Arbeit mit dem Patienten zusammengefasst wird. Pfeifer ging einen Schritt weiter und definierte sie als Mitverantwortung am Therapieerfolg. Aus Sicht der Studierenden, so David Reiner, sei die Klinische Pharmazie als das „Ziel des Pharmaziestudiums“ zu betrachten. Das Fach sei besonders, da es alle Studieninhalte in sich vereine und kanalisiere. Derendorf griff den Gedanken in der weiteren Diskussion auf und betonte, dass die Klinische Pharmazie die Puzzleteile des Studiums zusammenfüge. Ohne dieses Verbindungsstück gehe der Zusammenhang zwischen den einzelnen Fachbereichen sehr leicht verloren – das verunsichere Absolventen des zweiten Staatsexamens oft bei ihrer Arbeit.

WIE SIEHT DIE LEHRE DER KLINISCHEN PHARMAZIE IM STUDIUM AUS?

Reiner stellte fest, dass sich hinsichtlich der Klinischen Pharmazie an den unterschiedlichen Unis zwar schon viel getan habe, die Situation allerdings noch unausgeglichen sei. Schmidt ergänzte, dass die Eingliederung der Klinischen Pharmazie in das Studium und in die Arbeit der Apotheker noch ein großes Problem darstelle. Es sei zurzeit nicht klar, wie viel sich die Apotheker in diesem Fach zutrauten. Deswegen bestehe derzeit die Hauptaufgabe darin, die Klinische Pharmazie auf ein einheitliches Niveau zu heben. Während Pfeifer erklärte, dass er durchweg gute Erfahrungen mit jungen Pharmazeuten aus Deutschland gemacht habe, zeigte sich Frontini pessimistisch und stellte fest, dass die Klinische Pharmazie derzeit noch weit weg von dem sei, was sie eigentlich sein sollte. Während es im Ausland schon Übungsapotheken an den Unis gibt, stelle in Deutschland vor allem die Sturheit der Professoren diesbezüglich eine große Hürde dar.

LIEGEN DEUTSCHE APOTHEKER ZEHN JAHRE ZURÜCK?

„Bei der fachlichen Innovation hat unser Berufsstand einen deutlichen Rückstand. International hängen wir bestimmt zehn Jahre hinterher.“ Das sagte Schmidt im vergangenen Herbst im „Stern“. Diese umstrittene Aussage wurde zur Diskussion gestellt. Schmidt bestätigte, dass weiterhin Nachholbedarf bestehe – der Apothekerberuf sei jedoch auf dem richtigen Weg. Pfeifer ergänzte, dass die USA vor der Umstellung vor den gleichen Problemen stand. In Deutschland sei der Umstellungsprozess allerdings stark verlangsamt: Professoren, die nur das Molekül kennen, müssten sich erst damit anfreunden, dass es auch noch den Patienten gebe, so Pfeifer weiter und betonte die Rolle der Studenten – die er als Hoffnungsträger sieht. Frontini merkte an, dass die USA den Mut zu Veränderungen hatte. Apotheker in Deutschland müssten erst noch die Bereitschaft dazu entwickeln, Verantwortung in der Therapie zu übernehmen. Die studentische Generation hätte diesen Schritt schon getan und dies müsse nach außen getragen werden.

NEUSTART ODER FLICKSCHUSTEREI?

In den USA wurde das Studium vollständig neu gestaltet, um die Klinische Pharmazie in den Beruf des Apothekers zu integrieren. Wessinger fragte, ob gleiches auch in Deutschland denkbar wäre. Derendorf bestätigte, dass sich die USA nicht auf Flickschusterei eingelassen hätten, sondern das Studium vollständig reformiert habe. Eine Voraussetzung hierfür sei, dass die Klinische Pharmazie nicht abwertend betrachtet werde. Für Deutschland sei ebenfalls ein Neustart für das Studium nötig. Dabei solle nicht auf die Bedürfnisse der Ausbildenden eingegangen werden, sondern auf die der Auszubildenden.

DAS LEITBILD AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Schmidt wurde in der weiteren Diskussion gebeten, das Leitbild 2030 der ABDA für Offizinapotheker in wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen. Schmidt hielt fest, dass die Apotheker im Leitbild heilberufliche Experten für die Arzneimittelanwendung seien. Weiterhin stehe der Patient im Mittelpunkt des Handelns und nicht mehr das Molekül. Diese Grundsätze seien ein deutlicher Fortschritt bezogen auf die Situation vor der Leitbilddebatte. Doch wie sehen die Studierenden die Leitbilddiskussion? Reiner erzählte, dass es für die Studierenden erhebliche Probleme bei der Diskussionsteilnahme gegeben habe. Schmidt machte rasch deutlich, dass die Erstellung eines Leitbildes nur der erste Schritt gewesen sei. Als Nächstes müsse man die Maßnahmen für dessen Umsetzung ableiten. Derendorf führte aus, dass Ärzte eine Entlastung in der Therapie des Patienten benötigten und sich auf die Hilfe der Apotheker freuen würden. Schmidt differenzierte daraufhin zwischen einzelnen Ärzten und den Standesvertretungen der Mediziner: Während sich einzelne Ärzte wahrscheinlich sehr über eine Entlastung freuen würden, wäre von den Standesvertretungen schon jetzt starker Widerstand spürbar. Pfeifer forderte unterdessen Zwangsfortbildungen für Apotheker – mit der Androhung eines Entzuges der Approbation, falls diese nicht durchgeführt würden. Er betonte außerdem, wie wichtig es sei, dass neue Dienstleistungen mit Bezug zur Klinischen Pharmazie vergütet werden.

FRAGEN DER STUDIERENDEN

Im Anschluss an die Debatte standen die Diskussionsteilnehmer den Studierenden Rede und Antwort. Die erste Frage aus dem Auditorium richtete sich an Schmidt und betraf die Finanzierung zusätzlicher Professuren für das Fach Klinische Pharmazie. Schmidt machte deutlich, dass die Finanzierung nicht durch die ABDA gewährleistet werden könne. Sollten zusätzliche Gelder benötigt werden, liege die einzige Möglichkeit für zusätzliche Professuren in der Schaffung von Stiftungslehrstühlen. Eine weitere Frage lautete, ob Schmidt die Spaltung des Pharmaziestudiums nach dem ersten Staatsexamen in spezialisierte Abschlüsse wie Industrie- und Offizinapotheker für sinnvoll halte. Schmidt gab zu bedenken, dass dieses System die Gefahr einer Zwei-Klassen-Pharmazie berge und er es deshalb nicht für sinnvoll erachte. Reiner verwies darauf, dass das Lernen nach dem 2. Staatsexamen nicht aufhöre und man sich weiterbilden könne. Wessinger warnte davor, sich den Weg in die Apotheke zu versperren. Immerhin würden viele Absolventen erst im Praktischen Jahr ihre Begeisterung für die öffentliche Apotheke entdecken.

Von Sascha Manier,
Beauftragter für Internet und Presse