APOTHEKENERFAHRUNGEN MIT TRADITIONELLER CHINESISCHER MEDIZIN
Foto: julenochek – Fotolia.com
27. March 2014 Drucken Empfehlen
Wissenschaft
ZWISCHEN URALTEN HEILSVERSPRECHEN UND TIEREXKREMENTEN

APOTHEKENERFAHRUNGEN MIT TRADITIONELLER CHINESISCHER MEDIZIN

Offenbar wird es unter Kunden und Patienten immer beliebter, nicht von Erfolgen neuester medizinisch-pharmazeutischer Entwicklungen zu profitieren, sondern stattdessen auf 2000 Jahre altes Wissen aus Fernost zu vertrauen. So viel Erfahrung kann ja nur Gutes hervorbringen, oder? Die TCM erlebt ihr Wiederaufleben im Westen und hat längst den Ruf einer sanften „Wellness-Medizin”. Auch Apotheken können davon profitieren, ein TCM-Labor einzurichten: Da solche noch verhältnismäßig selten sind, gehen von allen Seiten entsprechende Rezepturen ein, die zu teuren Tees umgesetzt werden können. Doch was steckt wirklich dahinter? Was wird versprochen – und wie sieht die Bilanz aus? Ist Traditionelle Chinesische Medizin am Ende sogar gefährlich?

WAS IST TCM ÜBERHAUPT?

Die einen sagen, sie habe ihren Ursprung im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Damals erschien das Werk „Klassiker der Wurzeln und Heilkräuter des gestaltenden Landmanns” von Shen Nong Ben Cao Jing. Dabei handelte es sich um eine Art Arzneibuch, das über 300 Drogen detailliert beschrieben und zum ersten Mal so eingeteilt hat, wie es in der heute praktizierten chinesischen Medizin noch immer Usus ist. Die heutige TCM orientiert sich an der jahrtausendelang in China gepflegten, an fernöstliche Philosophie angelehnten Heilkunde. Die anderen sagen, dass das, was wir heute unter TCM verstehen, das Produkt der Mao-Ära und ein gezielter Marketingzug der Regierung Chinas sei. Das scheint die wahrscheinlichere Variante zu sein – sind doch die alten Schriftstücke heute nicht mehr erhalten und haben eher Legendenstatus. Das Bild des weisen, bärtigen chinesischen Heilers, der in philosophischer Laune und nach jahrzehntelanger Erfahrung in seinem Sessel sitzt und seine Erkenntnisse niederschreibt, vermittelt eine gewisse Romantik, für die westliche Kunden offenbar empfänglich sind. Der Welt der hektischen, stets beschäftigten Ärzte und der „harten”, „chemischen” Medikamente überdrüssig, sehnen sich viele nach einer „ganzheitlichen” Medizin, die Körper und Seele endlich wieder eint. Das hat man in den 1950er und 60er Jahren offenbar im Reich der Mitte geahnt und setzte eine Kommission ein, die daran arbeitete, die gar nicht so harmonischen Therapiekonzepte der chinesischen Medizin zu vereinen und westkompatibel zu machen. Ein anderer Impuls für diese Entwicklung war die Notwendigkeit, die ländliche Bevölkerung ärztlich zu versorgen: Viele im Schnellverfahren zu TCM-„Ärzten” (sog. Barfußärzte) ausgebildete Menschen wurden in abgelegene Gegenden entsandt und sorgten so für eine wenigstens provisorische medizinische Versorgung.

GRUNDPRINZIPIEN: YIN, YANG UND QI

Grundlage der TCM sind Yin und Yang. Aus diesen entsteht das Qi, bekannt als Lebensenergie. (Foto: kwasny221 – Fotolia.com)

Grundlage der TCM sind Yin und Yang. Aus diesen entsteht das Qi, bekannt als Lebensenergie. (Foto: kwasny221 – Fotolia.com)

Den Heilmethoden liegen philosophisch-metaphysische Konzepte zugrunde. Das wohl auch bei uns bekannteste ist die Idee von Yin und Yang, von der Einheit zweier Gegenpole. Yin und Yang dominieren in diesen Vorstellungen Mensch und Natur, beeinflussen einander und sind ineinander transformierbar. Durch diese Transformation entsteht das Qi, das gern, aber vermutlich nicht ganz richtig als „Lebensenergie” verstanden wird. Wörtlich übersetzt heißt es „Speisedampf” und in der asiatischen Kampfkunst wird es als eine innere Energie oder „Lebenskraft” verstanden. Das Qi konstituiert den Kosmos und regt das Leben und all seine Funktionen an, wobei es verschiedene Unterarten gibt (für Abwehr oder die einzelnen Organe). Zudem wird in geerbtes, vorgeburtliches Qi (das bis zum Tode in den Nieren verweilt) und aus Nahrung und Atemluft selbst produziertes, nachgeburtliches Qi unterteilt. Ist alles davon verbraucht, stirbt der Mensch. Das Qi muss frei fließen können, sonst resultieren Krankheit und Leid. Yin und Yang sind zudem die „Kinder des Qi” und repräsentieren eine aktive Kraft (Yang), die in aktiven Organen wie dem Gastrointestinaltrakt und der Blase fließt, sowie eine passive Kraft (Yin), die in Speicherorganen wie der Leber bewahrt wird.

DIE FÜNF WANDLUNGSPHASEN

Da Welt und Mensch sich in stetigem Wandel befinden, werden von der TCM fünf Wandlungsphasen proklamiert, die mit entsprechenden Symbolen versehen werden und einander gegenseitig beeinflussen. Diese sind

  • Holz: repräsentiert den Frühling, das Wachstum und die Farbe grün. Das zugeordnete Organpaar besteht aus Leber (für Wut und Qi-Harmonie) und Gallenblase.
  • Feuer: repräsentiert den Sommer, die Wärme, Reife und die Farbe rot. Herz und Dünndarm sind hier die wichtigen Organe, die Emotion ist die Freude. Wer unnatürlich lacht, hat vermutlich ein Problem mit dem Qi-Fluss im Feuer.
  • Erde: repräsentiert den Spätsommer und die Farbe gelb. Hier ist die Umwandlung von aufgenommener Nahrung in Qi möglich. Probleme in der Erde resultieren in Schleimbildung, Emotion ist die Besorgnis, Organe sind Milz und Magen.
  • Metall: repräsentiert den Herbst, den Verfall und die Farbe weiß. Auch hier gibt es ein zugeordnetes Organpaar: Lunge (deren Kreislauf bei Hautkrankheiten meist beeinträchtigt ist, da der Herbst die Poren reguliert) und Dickdarm.
  • Wasser: repräsentiert schließlich den Winter und die Ruhe, den Speicherort des Qi und die Farbe schwarz. Die TCM gibt hier den hilfreichen Tipp, möglichst keine schweren Krankheiten oder Schicksalsschläge zu durchlaufen, da diese das Qi im Übermaß verbrauchen.

WEITERE GRUNDLAGEN: MERIDIANE UND HEILUNGSPRINZIPIEN

Foto: Mario Savoia – Fotolia.com

Foto: Mario Savoia – Fotolia.com

Zur TCM gehören neben der Tee-Medizin auch die Akupunktur und einige weitere Disziplinen. Ihnen gemein ist das metaphysische Fundament, auf dem auch die Existenz von Meridianen angenommen wird. Das sind Bahnen, die sich vom Scheitel bis zur Sohle ziehen und vorgegebene Wege für das Qi darstellen, dessen Fluss von Nadeln oder Wirkstoffen beeinflussbar ist. Wird beispielsweise das Qi auf dem Weg über die Meridiane blockiert, hat das für den Betroffenen schädigende Auswirkungen. Die Hauptursache für Krankheiten aller Art ist jedoch ein Ungleichgewicht zwischen Yin und Yang, das mit entsprechenden Teezubereitungen wieder ins Lot zu bringen ist. Dazu werden die Arzneimittel in fünf Geschmacksrichtungen unterteilt, die den Wandlungsphasen zugeordnet werden (scharf, sauer, bitter, süß, salzig), vier Temperaturverhalten, die den Kreislauf beeinflussen (heiß, warm, kalt, kühl), Toxizität oder freie Wirksamkeit, Wirkrichtungen (steigen, schweben, fallen, sinken) und den Bezug zu den Meridianen. Diese Einteilungen sind wichtig für die Komposition der Tees, da Interaktionen eine große Rolle spielen. So wird zum Beispiel angenommen, dass Drogen sich entweder gegenseitig in der Wirkung verstärken oder ihre Toxizität durch Kombination ausgelöscht wird. Ferner werden die Rezepturen nach einer strengen Hierarchie gestaffelt: es gibt eine „Kaiserdroge” (bekämpft das Hauptleiden), eine „Ministerdroge” (verstärkt die Kaiserdroge), einen „Assistenten” (kompensiert entweder Nebenwirkungen oder wirkt an Nebenschauplätzen) und eine „Melde-Droge” (sie unterrichtet die Meridiane über das Vorhandensein des Arzneimittelgemisches). Zudem werden die Drogen vor ihrer Auslieferung meist durch verschiedene Verfahren aufgearbeitet, zum Beispiel durch Behandlung mit Reiswein, Wasser, Honig oder durch Rösten. Beim Apotheker werden die Drogen in der richtigen Reihenfolge gemischt und auf Wunsch auch gleich zubereitet: Durch Quellen im Wasserbad und anschließendes Kochen eines Dekokts, das lauwarm in mehreren Portionen am Tag getrunken wird.

FAMULATUR IN DER TCM-APOTHEKE

„Frau Graneis, ich habe mir überlegt, dass Sie in der TCM-Abteilung anfangen!” So wurde ich am ersten Tag meiner Famulatur begrüßt und ich freute mich natürlich, ein wenig auf Undercover-Mission gehen zu können. Und tatsächlich: Bereits am ersten Tag mischte ich Tees aus Drogen, die mir, um es milde auszudrücken, ein ungläubiges Kopfschütteln entlockten. Natürlich waren einige Zutaten dabei, die jeder, der Drogenkunde bereits absolviert hat, in- und auswendig kennt. Doch es waren auch Exoten darunter, von denen ich gleich berichten werde. Zunächst jedoch zur Schilderung des Alltags im TCM-Labor: Da es in der Stadt, in der ich arbeitete, nur sehr wenige TCM-Apotheken gibt, kamen jeden Tag Unmengen von Rezepturen hereingeflattert. Diese mussten zunächst sorgfältig in den Computer eingegeben und auf Plausibilität geprüft werden, wobei diese Prüfung nur aus der Unterschrift auf einem Bogen bestand, auf welchem vermerkt war, dass der Nutzen der TCM durch ihren jahrtausendelangen Gebrauch und ihren Status als „Erfahrungsmedizin” bewiesen wäre. Dann wurden die Teedrogen herausgesucht (bei den bis zu 20 verschiedenen Zutaten eine langwierige Arbeit), gemischt und entweder sofort abgepackt, pulverisiert oder direkt aufgekocht, wonach der Kunde sich das unappetitlich aussehende Dekokt dann mit nach Hause nehmen konnte. Die Preise für solche Tees machen ein TCM-Labor zu einer lukrativen Unternehmung.

KINDERWUNSCH UND MILZ-QI-SCHWÄCHE

In meiner Heimatstadt dürfen auf amtsapothekerliche Weisung nur Heilpraktiker und Ärzte Rezepturen für chinesische Tees ausstellen; die Drogen werden nicht rezeptfrei abgegeben. Das ist auch besser so, sind die Zutaten doch zum Teil giftig und zum Teil von fragwürdiger Appetitlichkeit. Der Kundenstamm entsprechender „Heiler” und Apotheken besteht dementsprechend aus der Esoterik zugetanen Freunden der „sanften Medizin”, aus Pharmaskeptikern und, das fand ich bemerkenswert, aus Paaren mit Kinderwunsch. Letzteres erschien mir besonders problematisch: Da kauften sich Frauen, anstatt einen Reproduktionsmediziner aufzusuchen, lieber jahrelang teure Tees und werden am Ende entweder nicht schwanger oder nach Ewigkeiten doch, wobei sie den Erfolg natürlich dem Tee zuschreiben. Die Labormitarbeiter schwankten zwischen Enthusiasmus bzw. uneingeschränkter TCM-Gläubigkeit und einem schulterzuckenden „Irgendwie muss es ja wirken”.

ABSTRUSE ZUTATEN: TIERKOT, GIPS UND GIFTSTOFFE

Foto: Ivaylo Ivanov – Fotolia.com

Foto: Ivaylo Ivanov – Fotolia.com

Gerade bei Frauen mit Kinderwunsch kam es öfter vor, dass ich eine Mischung aus Tierexkrementen (getrockneter Fledermaus- und Flugeichhörnchenkot!) in den Mixer geben musste; die entsprechenden Partner hatten beizeiten gelatiniertes Hirschhorn zur Potenzsteigerung im Tee. Doch auch zerhackte Zikaden, zerbröselten Gips oder Freund Regenwurm findet man nicht gerne in der heimischen, dafür regelmäßig in der traditionell-chinesischen Teetasse (wobei die Drogen unkenntlich gemacht und nur mit ihren lateinischen Namen versehen werden, damit der Kunde nicht sieht oder lesen kann, was er da trinkt. Es lebe das informierte Einverständnis!) Blättert man entsprechende Lehrbücher durch, so entdeckt man noch einige andere Inhaltsstoffe, deren pharmakologische Wirkung bezweifelt werden darf: so zum Beispiel „Fossilia dentis mastodi”, also die fossilierten Zähne großer ausgestorbener Rüsseltiere oder deren Knochen („Fossilia ossis mastodi”). Sie wirken „absenkend auf den Herzmeridian” und beruhigen auch die Leber. Einsetzbar sind diese Drogen laut TCM unter anderem bei Angst und Epilepsie. Aber auch „Magnetitum”, zu Deutsch Magneteisenstein, darf in dieser Liste nicht fehlen. Es handelt sich hier um magnetisches Eisenerz, das „Yang-absenkend” wirkt und Keuchatmung lindert. Zuletzt noch „Cinnabaris”: Quecksilber(II)-sulfid. Diese Verbindung ist praktisch nicht wasserlöslich, was ihr die Toxizität nimmt. Doch das stellt auch die Wirksamkeit als Teedroge in einem Wasser-Dekokt in Frage. Zudem muss hier auf saubere Verarbeitung geachtet werden, da der Rohstoff stets noch mit dem giftigen Quecksilber(I)-sulfid verunreinigt ist. Eine solche kann aber bei TCM-Zutaten nicht immer gewährleistet werden. Das Anwendungsgebiet klingt ebenso abenteuerlich: „Herz-Feuer löschend, Hitze kühlend und entgiftend”. Das war nur eine kleine Auswahl an Merkwürdigkeiten, vor denen die chinesische Medizin nur so strotzt. Einige weitere wären Seidenraupenlarven und -exkret, Ochsengallensteine, Krötengift, Quecksilber(I)-chlorid, Krotonfrüchte, Schildkröte, Igelhaut, Eisenspäne, Gecko, Endothel des Hühnermagens, Hämatit, Blutegel, Käferlarven, Schuppentierschuppen, Eier der Gottesanbeterin, Süßwasserperlen und diverse Muscheln, Tausendfüßler, Skorpione, Bimsstein, Pyrit, Antilopenhorn, Bernstein und Fliegen.

GEFAHREN UND PROBLEME: INHALTSSTOFFE

Wie bereits oben angeführt, enthalten TCM-Rezepturen oft unappetitliche und/oder nutzlose, dafür aber teure Inhaltsstoffe. Doch das ist nicht das einzige Problem: Einige der verwendeten Pflanzen sind in all ihren Bestandteilen giftig, so zum Beispiel die Früchte des Kroton oder das Pinellien-Rhizom. Der Eisenhut, eine der giftigsten europäischen Pflanzen, findet breite Anwendung in der chinesischen Medizin und wird dort als allenfalls „aus westlicher Sicht giftig” bezeichnet. Vergiftungen durch kanzerogene, nephro- und genotoxische Aristolochiasäuren wurden in den vergangenen Jahren bekannt. Zudem werden recht häufig auch geschützte Tier- und Pflanzenarten als Teezutaten verwendet: so zum Beispiel das Horn des Nashorns oder diverse Schildkrötenpanzer. Des Weiteren sind einige Methoden zur Gewinnung dieser Rohstoffe äußerst fragwürdig: So wird bei den Seidenraupenlarven zunächst eine Infektion herbeigeführt, an der diese verenden und dann weiterverarbeitet werden. Für die Gewinnung von Bärengalle zur Behandlung von Leberschäden in der TCM werden Bärenfarmen unterhalten, auf denen die Tiere unter unwürdigsten Bedingungen gehalten werden: Ohne Anästhesie wird die Bauchdecke durchstoßen, um Gallenflüssigkeit ablaufen zu lassen, wobei es unter den unhygienischen Umständen rasch zu tödlichen Infektionen für die Bären kommt. Von „sanfter Medizin” kann hier also keine Rede sein. Auch Tiger und Schneeleopard sind unter anderem wegen ihrer Verwendung als TCM-Drogen extrem in ihrem Bestand bedroht. Die Verwendung solcher Zutaten wird von deutschen Verbänden verurteilt, dennoch nimmt man es in Fernost mit dem Tierschutz oft nicht ganz so genau und es gibt einen florierenden Schwarzmarkt.

NUTZLOSE MONOGRAPHIEN, FRAGLICHE STANDARDS

Foto: uckyo – Fotolia.com

Foto: uckyo – Fotolia.com

Während für die in Deutschland verwendeten „Standard-Teedrogen” hochwertige, sorgfältig ausgearbeitete Monographien im Arzneibuch zur Verfügung stehen, sieht es mit den TCM-Monographien eher dürftig aus. Diese sind unzureichend ausgearbeitet und informationsarm, zudem ist die im Chinesischen Arzneibuch vorgeschriebene sensorische Prüfung für mitteleuropäische Standards völlig ungeeignet: Hier müssen Geschmacksrichtung und Temperaturverhalten geprüft werden, was nur erfahrene TCM-Apotheker gewährleisten können. Sie müssen mittels der organoleptischen Methode herausfinden, ob genug Qi in der Droge vorliegt. Das sind natürlich keine harten Prüfkriterien. Ebenso fehlen deutschen Apotheken für die Prüfung solcher Inhaltsstoffe oft die Referenzsubstanzen. Hier müssten zunächst neue Richtlinien und Standards geschaffen werden. Die uneinheitliche Nomenklatur stellt ein weiteres Problem dar, ist man sich ja nicht einmal in China einig, welche Pflanzen oder Pflanzenteile wie benannt werden. Außerdem sind Interaktionen mit „normalen” Arzneimitteln und dem Leberenzymstoffwechsel kaum erforscht – dies kann ein großes Problem in Bezug auf Wechselwirkungen darstellen. Insbesondere Patienten mit ausgeprägter Niereninsuffizienz können hiervon betroffen sein.

VERUNREINIGUNGEN UND QUALITÄTSPROBLEME

Große Defizite hat das Chinesische Arzneibuch im Bereich der Reinheitsprüfungen aufzuweisen. So werden für die in deutsche Apotheken gelieferten Drogen zwar Prüfzertifikate ausgestellt, diese erweisen sich jedoch oft als wertlos. Entweder fehlen wichtige Prüfungen oder es wurden Grenzwerte im Bereich der Schwermetalle, Pestizide, Mykotoxine und mikrobiellen Verunreinigungen zum Teil deutlich überschritten. Dies macht eine weitere, intensive Prüfung in der Apotheke unabdingbar. Auch bei der Vorverarbeitung muss achtgegeben werden: Sie soll gewährleisten, dass toxische Inhaltsstoffe harmlos gemacht werden. Doch hin und wieder geschieht auch dies nur unzureichend. Die Chinesische Regierung hat die Umsetzung der GMP (Good Manufacturing Practice) und der GACP (Guidelines for Good Agricultural Practice) gefordert und verspricht sich davon mittelfristig eine Verbesserung. Hier besteht also für deutsche Apotheken größte Sorgfaltspflicht.

WIRKUNGSLOSIGKEIT UND FEHLENDER FORTSCHRITT

Doch das größte Problem auf diesem Gebiet ist der esoterische und unwissenschaftliche Charakter der fernöstlichen Heilslehre. Es gibt keine Belege für die Wirksamkeit dieser Art von Medizin, die aber auch für sich in Anspruch nimmt, aufgrund ihres individualisierten Charakters nicht für die Untersuchung durch klinische Studien geeignet zu sein. Der pharmakologische Nutzen von Gips und gelatiniertem Hirschhorn sowie Dekokten aus nicht-wasserlöslichen Verbindungen darf allerdings angezweifelt werden, erst recht das zugrunde liegende Gedankenkonstrukt, das mit einer höchst unwissenschaftlichen Vorstellung der Beschaffenheit und Funktionsweise des Körpers aufwartet. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für die Existenz eines Qi, eines Yin oder Yang oder der Meridiane, geschweige denn erkennbare anatomische Korrelate. Es gibt keine belastbaren Daten aus qualitativ hochwertigen Studien, die eine Überlegenheit der TCM gegenüber gängiger Phytomedizin belegen. Auch steht eine Methode, die sich rühmt, seit mehreren tausend Jahren unverändert und nach den selben Prinzipien zu agieren, im deutlichen Widerspruch zu dem, was wir im Westen unter evidenzbasierter Medizin verstehen.

PERSPEKTIVEN DER TCM

Was also tun? Es ist nicht zu leugnen, dass die TCM im Westen auf dem Vormarsch ist. Es müssen also Wege gefunden werden, damit umzugehen. Zunächst kann man seine Drogenkunde-Kenntnisse anwenden und herausfinden, welche Inhaltsstoffe denn überhaupt eine Wirksamkeit entfalten können. Dass es in der Phytomedizin potente Arzneistoffe gibt, weiß jeder, der diese Inhaltsstoffe schon einmal hat auswendig lernen müssen. Es finden sich faszinierende und hilfreiche Pflanzenstoffe, die bei minderschweren Erkrankungen sehr gut eingesetzt werden können. Die gibt es auch in der TCM – einige Pflanzen, die dort Verwendung finden, sind auch in mitteleuropäischen Gefilden heimisch und schon lange in der Anwendung.

CHINESISCHE MEDIZIN EVIDENZBASIERT BETREIBEN

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Wirkung von TCM-Rezepturen auf wissenschaftliche Weise zu untersuchen. Ein kluges Studiendesign stellt sicher, dass auch eine noch so individualisierte Medizin in großen, qualitativ hochwertigen Studien untersucht werden kann, wenn man die Parameter entsprechend gestaltet. Die üblichen einschlägigen Ausreden darf man nicht länger gelten lassen. Auch über Fall-Kontroll-Studien sollte man nachdenken. Die zu stellende Frage sollte dabei nicht lauten, ob gekochter Eichhörnchenkot oder Venusmuschelschalen die Leber-Winde beflügeln oder das Herz-Qi beruhigen, sondern ob es in fernöstlichen Kräutern neue, nutzbare Wirkstoffe gibt, welche die Phytotherapie, aber auch die konventionelle Pharmazie bereichern könnten.

Von Claudia Graneis,
Pharmaziestudentin aus Bonn

Quellen und Nachweise:
Körfers, Sun: Traditionelle Chinesische Medizin, 2009
Unschuld: Traditionelle Chinesische Medizin, 2013
Dawkins: The Enemies of Reason, 2007
Schäfer: Handhabung von TCM-Drogen in der Apotheke, PZ 2005, Nr. 30
ARD Weltspiegel: Das grausame Geschäft mit der Bärengalle, 2012
Singh, Ernst: Trick or Treatment, 2008