APOTHEKE AN BORD
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27. March 2014 Drucken Empfehlen
Allgemein
SCHIFFSVERSORGENDE APOTHEKEN MACHEN`S MÖGLICH

APOTHEKE AN BORD

Mal eben angeforderte Arzneimittel auf ein Schiff bringen und dann Leinen los? Fehlanzeige. Seit 15 Jahren versorgt Ulrike Geiger, Inhaberin der Hafen Apotheke Hamburg, große und kleine Pötte – nicht nur mit Arzneimitteln. Für die UniDAZ beantwortete sie Fragen über den Ablauf einer Schiffsbegehung und über Art und Inhalt des Apothekenschranks – und was auf hoher See bei einem Notfall zu tun ist. Gar nicht so einfach.

Alle Schiffe, die unter dem Namen „Kauffahrteischiffe” laufen, werden von Frau Geiger mit der gesetzlich vorgeschriebenen Schiffsapotheke ausgerüstet. Kauffahrteischiffe sind Schiffe, die kommerziell genutzt werden wie etwa Containerschiffe, Tanker, Stückgutfrachter oder Fiederschiffe. Natürlich stattet sie auch private Yachten, Binnenschiffe oder Segelboote aus – diese sind aber im Gegensatz zu Kauffahrteischiffen nicht an die gleichen gesetzlichen Regelungen gebunden. Sie können sich jedoch zu anderen Bedingungen auf freiwilliger Basis ausstatten lassen. Einmal im Jahr muss der Apothekenschrank eines Kauffahrteischiffes überprüft werden. Dafür geht Frau Geiger aufs Schiff und kontrolliert die Bestände. Verfallene oder verbrauchte Arzneimittel oder Hilfsmittel tauscht sie gegen Neue aus. Nach Abschluss der Überprüfung stellt die Apotheke ein Apothekenzeugnis für das Schiff aus und bestätigt damit die Vollständigkeit und Ordnung des Apothekenschranks. Dies wird für die jährliche Schiffsbegehung benötigt, die die Seeberufsgenossenschaft durchführt, um die Fahrttauglichkeit des Schiffes zu kontrollieren und zu bestätigen.

WOHIN GEHT’S MIT WIEVIEL MANN?

Natürlich braucht ein Containerschiff, das den Pazifik überquert, eine umfassendere medizinische Ausstattung als ein Schiff, das in der Nordsee unterwegs ist. Bei weltweiter Fahrt muss für jede Eventualität ein passendes Präparat oder Produkt in ausreichender Menge an Bord sein, da das Schiff meist zu weit vom nächsten Hafen und damit von medizinischer Hilfe entfernt ist. Bei nationalen oder küstennahen Fahrten ist der Inhalt der Apotheke im Vergleich zur weltweiten Fahrt stark abgespeckt; bei Schiffen für die Hochseefischerei findet man noch weniger an Bord, da der nächste Hafen schneller erreicht werden kann. Zudem werden einige Präparate, wie Arzneimittel zur Malaria-oder Thromboseprophylaxe, nicht benötigt. Auch Theophyllin-Ampullen gegen Asthma werden auf kleinen Fahrten nicht mitgenommen, da es sicherer ist, den nächsten Hafen anzusteuern als auf unruhiger See mit einem i.v.-Arzneimittel mit geringer therapeutischer Breite zu experimentieren, findet Frau Geiger. Neben dem Fahrtgebiet ist auch die Anzahl der Besatzungsmitglieder und die Flagge, unter der das Schiff fährt, für Art und Menge der Ausstattung entscheidend.

UNTER DEUTSCHER FLAGGE

Fährt das Schiff unter deutscher Flagge, ist neben den internationalen Richtlinien die Bekanntmachung „Stand der medizinischen Erkenntnisse” rechtlich bindend. In der Bekanntmachung sind die geforderten Wirkstoffe in einem Verzeichnis nach Indikationsgebiet geordnet. Jedes Indikationsgebiet, wie beispielsweise Erkrankungen der oberen Atemwege, des Magen-Darm-Traktes oder des Herz-Kreislauf-Systems bekommt eine Nummer; die geforderten Wirkstoffe jeweils eine Unternummer. Die vorgeschriebenen Hilfsmittel, Krankenpflegeartikel und Medizinprodukte sind ebenfalls beziffert. Die Präparate und Produkte sind unter Angabe der Nummer im Apothekenschrank einsortiert und haben ihren festen Platz. Unter diesen Nummern sind zudem Erkrankungen und Therapiemaßnahmen in dem Buch „Anleitung zur Krankenfürsorge auf Kauffahrteischiffen” zu finden. Zusätzlich sind in der Bekanntmachung die Anzahl der Tabletten, Ampullen oder anderen Darreichungsformen abhängig vom Fahrtgebiet und der Besatzungsstärke aufgeführt.

AUF DEM JAHRMARKT DER EITELKEITEN

Alle anderen Länder – sogar die, die keine Küste haben – haben ihre eigenen Flaggen und Verordnungen. Das ist ein „Jahrmarkt der Eitelkeiten” – jedes Land beansprucht für sich, die beste Liste zu haben und erkennt deswegen die Schiffsapotheken anderer Flaggen nicht an, bedauert Frau Geiger. Zwar ist die Zusammensetzung der Schiffsapotheke meist sehr ähnlich und unterscheidet sich lediglich bei einzelnen Wirkstoffen, aber die Verzeichnisnummern sind aufgrund der länderspezifischen Verordnungen nicht identisch. Umständlich wird es, wenn ein neues Schiff unter deutscher Flagge mit einem Apothekenschrank ausgerüstet wird und kurze Zeit später umgeflaggt wird. Dann fährt Frau Geiger erneut zum Schiff und tauscht die Präparate aus und sortiert wie nummeriert den Inhalt des Apothekenschranks gemäß den geltenden Richtlinien des jeweiligen Landes um. Bei 300 Schiffsbegehungen im Jahr hat Frau Geiger die nötige Erfahrung, um den Überblick über die verschiedenen Schiffsapotheken zu behalten.

AUF NACH ANTWERPEN!

Foto: kanvag– Fotolia.com

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Natürlich legen nicht alle Schiffe in Hamburg an. So ist Frau Geiger viel unterwegs und fährt nach Bremerhaven, Cuxhaven, Brunsbüttel oder auch mal nach Antwerpen. Das zuständige Besatzungsmitglied oder der Reeder kündigt der Apotheke rechtzeitig Tag, Uhrzeit und Hafen an, in dem das betreffende Schiff einläuft. Den Inhalt eines kompletten Apothekenschranks – je nach Flagge, Fahrtgebiet und Besatzungsgröße – hat sie stets dabei, auch wenn das Schiff vorab eine Inventurliste geschickt hat. Diese ist nämlich meist ein paar Wochen vor der geplanten Schiffsbegehung erstellt worden und entspricht häufig nicht mehr dem tatsächlichen Stand. Die Reeder sind natürlich nicht an eine Apotheke gebunden, aber Frau Geiger hat trotzdem viele Stammschiffe. Denn ein Vertrauensverhältnis und eine Apotheke mit viel Erfahrung, Schnelligkeit und Flexibilität ist für die Schiffseigentümer Gold wert, erklärt sie. Und für ihre Stammkunden nimmt sie gerne einen weiteren Weg in Kauf.

ALLES HAT SEINEN PLATZ

Die Fächer des Apothekenschranks erinnern an eine Miniaturausgabe der Schubfächer in einer Apotheke. Alle nicht kühlpflichtigen Arzneimittel, sowie Medizinprodukte, Hilfsmittel, Instrumente und Krankenpflegeartikel werden unter Angabe der Nummer des Verzeichnisses in die für sie vorgesehenen Fächer einsortiert. Zusätzlich notiert Frau Geiger auf der Packung den Wirkstoff, die betreffende Verzeichnisnummer und das Indikationsgebiet auf Englisch. Die strenge Ordnung ist sehr wichtig, damit zum einen der Zuständige in einer Notfallsituation nicht blind ins Fach greift und ein falsches Präparat erwischt. Zum anderen vereinfacht es auch den Besatzungswechsel eines Schiffes, da der zuständige Offizier sich nicht an ein ihm unbekanntes Ordnungssystem gewöhnen muss.

GESETZ SCHLÄGT VERSCHREIBUNGSHOHEIT

Für die verschreibungspflichtigen Präparate werden keine Rezepte vom Arzt benötigt, da die Bekanntmachung „Stand der medizinischen Erkenntnisse” die Mitnahme der aufgeführten Arzneimittel gesetzlich festlegt. „Die gesetzlichen Anforderungen an den Inhalt der Schiffsapotheke sind quasi das Rezept” fasst Frau Geiger zusammen. Das gilt allerdings nur für Kauffahrteischiffe und nicht für das Betäubungsmittel Morphin. Private Yachten, die sich ausstatten lassen wollen, brauchen generell ein Rezept für rezeptpflichtige Arzneimittel.

MORPHIN OHNE REZEPT?

Ein Betäubungsmittel ohne Rezept abgeben und es nachträglich anfordern – geht das? Bei der Schiffsversorgung ist das eine fast alltägliche Situation, so Frau Geiger. „Am Anfang war es schon sehr komisch für mich, ein Betäubungsmittel ohne Rezept abzugeben. Aber die gesetzliche Anforderung, Morphin-Ampullen mitzuführen, muss erfüllt werden. Da gibt es nichts zu diskutieren”, erklärt Frau Geiger. Zudem ist in § 7 der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV) festgelegt, dass Schiffen im Notfall auch ohne gelbes Rezept das Betäubungsmittel Morphin mitgegeben werden darf, sofern die Bestände verbraucht oder verfallen sind. Bei der Abgabe muss die Bescheinigung zur Vorlage beim beauftragten Arzt des Hamburg Port Health Center über die nachträgliche Verschreibung von Betäubungsmitteln nach Betäubungsmittelgesetz (BtMG) ausgefüllt werden. Die Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz hat die Bescheinigung erstellt, die Frau Geiger ausdruckt und ausfüllt. Neben Angaben wie Ort, Datum, Bezeichnung und Menge des Betäubungsmittels werden Name, Flagge und Heimathafen des Schiffes sowie der Name des Reeders notiert. Nachdem Kapitän und Apothekerin unterschrieben haben, schickt sie die Bescheinigung an den zuständigen Arzt. Der stellt daraufhin das dreiteilige Formblatt aus und vermerkt es mit einem K, das für Kauffahrteischiff steht. Ist der Arzt zum Zeitpunkt der Schiffsbegehung verfügbar, so überprüft er die Bestände und lässt sich die Bescheinigung mitgeben. Ein Rezept gibt es dann aber trotzdem nicht sofort; das wird der Apotheke nachgereicht.

LUXUS AUF DEM TRAUMSCHIFF

Foto: Kathrin39– Fotolia.com

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Die Bordapotheke ist vollständig einsortiert, korrekt beschriftet und das Schiff legt ab. Doch wer kümmert sich jetzt um die Apotheke an Bord? Auf Passagierschiffen ist ein Schiffsarzt an Bord – man denke nur an die Serie „Das Traumschiff” im ZDF. Neben den geforderten Arzneimitteln und Medizinprodukten ist er verpflichtet, ein größeres Sortiment mitzunehmen. Schließlich müssen nicht nur die Besatzungsmitglieder, sondern auch die Passagiere versorgt werden. Zudem hat er dank Fachwissen, OP-Raum und Röntgengerät mehr Möglichkeiten. Die MS Deutschland ist allerding das einzige Passagierschiff unter deutscher Flagge, somit konzentriert sich die Arbeit von Frau Geiger eher auf Kauffahrteischiffe, dessen Besatzung nicht den Luxus hat, einen Schiffsarzt an Bord zu haben.

NACH BESTEM WISSEN

Für die Krankenfürsorge auf Schiffen ohne Schiffsarzt ist meist der zweite oder dritte Offizier zuständig, erläutert Frau Geiger. Da er weder Arzt noch Apotheker ist, absolviert er eine dreimonatige Ausbildung in der Notaufnahme und dem OP. Dort lernt er, Erste Hilfe zu leisten und kleinere Operationen durchzuführen, wie etwa Platzwunden nähen oder klammern. Alle paar Jahre wird das Erlernte in einem siebentätigen Kurs aufgefrischt. An Bord kämpfen die zuständigen Offiziere dann mit allen Erkrankungen und Verletzungen, die auch an Land gängig sind. Das Buch „Anleitung zur Krankenfürsorge auf Kauffahrteischiffen” dient als Diagnose- und Therapiehilfe. „Seit 2008 gibt es eine englischsprachige Ausgabe, die längst überfällig war, da auf vielen deutschgeflaggten Schiffen nur der Kapitän, nicht aber der zuständige Offizier Deutsch spricht. Zudem wird in der Seefahrt generell Englisch gesprochen”, erklärt Frau Geiger. Anhand dieses Buches und der Ausbildung muss der Offizier nach bestem Wissen und Gewissen handeln.

HILFE, DER PATIENT IST GANZ GELB…

Natürlich kann der zuständige Offizier nicht alle Erkrankungen mithilfe des Buches eindeutig diagnostizieren oder die beste Therapie wählen. Frau Geiger bekommt daher von Zeit zu Zeit Anrufe von „ihren Schiffen”, die auf hoher See unterwegs sind und steht mit Rat und Tat zur Seite. Oft kann sie den einen oder anderen Tipp geben. Bei schwerwiegenden Vorkommnissen oder Erkrankungen verweist sie an den durchgängig erreichbaren funkärztlichen Dienst TMAS (Telemedical Maritime Assistance Service) in Cuxhaven. Bei der weltweiten notfallmedizinischen Hotline findet die funkärztliche Beratung von Fachärzten statt, die in der maritimen Medizin besonders erfahren sind. Schiffe unter deutscher Flagge können hier genauso anrufen wie Schiffe unter ausländischer Flagge mit deutschen Seemännern an Bord. Wenn eine Internet-Verbindung besteht, dann hilft auch mal ein gemailtes Foto bei der Diagnostik weiter.

Gefahrgut an Bord

Die Anforderungen an Arzneimittel und weiterer Ausrüstung sind nicht nur von Fahrtgebiet, Flagge und Besatzungsstärke abhängig, sondern auch von der Ladung des Schiffes: Werden gefährliche Güter transportiert, müssen Mittel zur ersten Hilfe bei Unfällen mit gefährlicher Ladung in doppelter Ausfertigung mitgeführt werden. Ein Satz wird in den Apothekenschrank einsortiert, der andere wird fertig verpackt in einem Rucksack gelagert. Dieser kann von der Besatzung rasch mitgenommen werden, wenn das Schiff bei einem Unfall mit Gefahrgut evakuiert werden muss. Das Buch „Medical First Aid Guide”, kurz MFAG, gibt unter anderem Anweisungen zur Beatmung mit einem Sauerstoffgerät, zum Legen eines venösen Zugangs oder zum Umgang mit Plasmaexpandern.

AM ANDEREN ENDE DER WELT

Ist ein Schiff auf weltweiter Fahrt unterwegs, kann einiges passieren, was den Inhalt des Apothekenschranks zunehmend schrumpfen lässt. Liegt das Schiff dann im Hafen eines anderen Landes und braucht Nachschub, gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn das Schiff ein paar Wochen vor Ankunft im Hafen die Arzneimittel oder Verbandsstoffe bei der Apotheke in Hamburg ordert, dann können die benötigten Präparate – außer Morphin – geschickt werden. Diese werden dann an den zuständigen Schiffshändler vor Ort geliefert, der das Schiff auch mit Lebensmitteln und Trinkwasser versorgt. Benötigt das Schiff kurzfristig Arzneimittel, dann wendet sich der zuständige Offizier an eine Apotheke vor Ort.

„GEHT DAS AUCH?”

Generell ist die Versorgung mit Arzneimitteln in anderen Ländern kein Problem. Es kann aber auch mal zu Missverständnissen oder Schwierigkeiten kommen, bei denen Frau Geiger Hilfestellung leistet: „Letztens rief mich der zuständige Offizier eines Schiffes an, das wir schon lange beliefern. Ihm seien die Diazepam-Ampullen ausgegangen. In einer amerikanischen Apotheke hatte er Ampullen mit Haloperidol bekommen, die fünffach höher dosiert waren. Ob das auch geht, wollte der Offizier wissen. Da musste ich natürlich verneinen und den Offizier zur Apotheke zurückschicken”, sagt Frau Geiger. Einem Austausch, den sie pharmazeutisch vertreten kann, stimmt sie natürlich zu. Denn auf das von der Bekanntmachung geforderte Arzneimittel in der richtigen Stärke kann nicht immer gewartet werden, das Schiff muss schließlich seinen Zeitplan einhalten, räumt Frau Geiger ein, da sei es dann besser, ein ähnliches Präparat zu haben als gar keines. „In diesen Fällen ist kompetente und schnelle Hilfe unabdingbar, das wissen die Reeder dann auch zu schätzen.” Nicht zuletzt sollte man sich auch mit anderen Wirkstoffbezeichnungen auskennen und beispielsweise wissen, dass sich hinter „Acetaminophen” Paracetamol verbirgt.

MIT GANZEM HERZEN DABEI

Beim Geschäft mit den Schiffen muss man nicht nur die internationalen und deutschen Vorschriften kennen, sondern auch die der jeweiligen Flagge. Mit einer Arzneimittellieferung oder einer Schiffsbegehung ist der Job meist nicht zu Ende. Oft beantworte sie Fragen, die sich auf hoher See oder in einem anderen Hafen ergeben, erzählt Frau Geiger. Sie ist auch flexibel, wenn sich ein Schiff verspätet hat oder an einem anderen Tag einläuft, was nicht immer einfach ist. „Aber der ganze Stress ist vergessen, wenn man die Dankbarkeit und das Vertrauen der Kunden spürt. Und es wird nie langweilig!”

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