ANDERE LÄNDER, ANDERES STUDIUM
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16. September 2014 Drucken Empfehlen
Studium
DAS PHARMAZIESTUDIUM – EIN INTERNATIONALER VERGLEICH

ANDERE LÄNDER, ANDERES STUDIUM

Wer einen Blick über den Tellerrand auf das Pharmaziestudium in andere Länder wagt, merkt schnell: Aufbau und Schwerpunkte des Studiums sind länderspezifisch, ebenso wie einige Tätigkeitsschwerpunkte der Apotheker. Für einen internationalen Vergleich des Pharmaziestudiums wurden Lehrpläne von Universitäten aus Australien, Deutschland, England, Frankreich, Kanada, den Niederlanden und USA unter die Lupe genommen.

In den genannten Ländern außerhalb Deutschlands werden im ersten Studienjahr wissenschaftliche Methoden der Pharmazie, Physiologie, Biologie und Pharmazeutische Chemie sowie oft auch Pharmazeutische Technologie eingeführt und verschiedene Berufsbilder vorgestellt. Einige der Fächer werden ausschließlich in diesem sogenannten Grundlagenjahr gelehrt. In den folgenden drei Studienjahren werden dann Fächer wie Biomedizin und weiterhin pharmazeutische Wissenschaften gelehrt. Der Fokus liegt jedoch auf den Bereichen Klinische Pharmazie, Pharmakologie und Pharmakotherapie. Die Studierenden werden intensiv – besonders durch den hohen Anteil der praktischen Ausbildung während des Studiums – auf den Beruf vorbereitet. In Deutschland werden Bereiche der Pharmazeutischen Biologie und Chemie ebenfalls im Grundstudium behandelt, diese aber im Gegensatz zum Studium im Ausland neben den Fächern Pharmakologie und Klinische Pharmazie im Hauptstudium beibehalten.

STANDARD: VIER JAHRE
Das Studium der Pharmazie dauert meist vier Jahre. In den USA oder Kanada muss man allerdings erst eine zwei- bis dreijährige Collegeausbildung oder zumindest ein Vorstudium an einer Universität absolvieren, um Pharmazie studieren zu dürfen. Dort sollen die naturwissenschaftlichen Grundlagen erlernt werden.

PHARMAZIESTUDIUM – PROZENTUALE FÄCHERVERTEILUNG

Um das Studium länderübergreifend besser vergleichen zu können, wurden die Curricula des Pharmaziestudiums einzelner Universitäten in den jeweiligen Ländern einbezogen und die prozentuale Verteilung der Fachbereiche errechnet.

Abbildung: DAZ/Hammelehle

Prozentuale Anteile der einzelnen Fächer am Pharmaziestudium in sieben Ländern. Grundlagen der Statistik: Deutschland und Frankreich: Semesterwochenstunden; Großbritannien: Anzahl der Lehrveranstaltungen; USA, Kanada, Niederlande, Australien: Credits (Abbildung: DAZ/Hammelehle)

 

 

 

DIE FÄCHER SCHLIESSEN FOLGENDE BEREICHE EIN:
Chemie: Pharmazeutische Chemie, (Instrumentelle) Analytik, Physikalische Chemie
Technologie: Arzneiformenlehre, Pharmazeutische
Technologie, Biopharmazie
Biologie: Pharmazeutische Biologie, Humanbiologie, Mikrobiologie, Biochemie, Bioanalyse, Biogene Arzneistoffe
Pharmakologie: Physiologie, Pharmakologie und Toxikologie, Immunologie, Anatomie des Menschen
Klinische Pharmazie: Klinische Pharmazie und Pharmakotherapie
Recht: Recht, Ethik, Management, Gesundheitssystem
Wahlpflichtfach: Alle Fächer
Grundlagen: Wissenschaftliche Grundlagen, Physik,
Physikalische Chemie, Mathematik, Statistische Methoden, Kommunikation, Englischunterricht (in Frankreich)
DIE LEHRPLÄNE FOLGENDER UNIS WURDEN IN DIE ANALYSE EINBEZOGEN:
Australien: University of Sydney
(Bachelor bis zum vierten Jahr)
Deutschland: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn,
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
USA: University of Florida, College of Pharmacy,
University of California, San Fransisco,
School of Pharmacy
Kanada: University of British Columbia,
Faculty of Pharmaceutical Sciences,
University of Alberta
Großbritannien: King´s College London
Niederlande: Universität Utrecht
Frankreich: Université Toulouse III Paul Sabatier,
Faculté de pharmacie de Toulouse

DEUTLICHE UNTERSCHIEDE

Der Vergleich der Curricula zeigt: Außerhalb Deutschlands sind die Fächer Klinische Pharmazie, Pharmakologie und Pharmakotherapie deutliche Spitzenreiter im Pharmaziestudium. In den USA und Kanada nehmen sie über 50 Prozent des gesamten Studiums ein, in Großbritannien sogar über 70 Prozent. Im deutschen Pharmaziestudium hingegen liegt der Schwerpunkt deutlich bei der Pharmazeutischen Chemie und Analytik. Mit einem Anteil von etwa 45 Prozent belegen sie Platz eins in der Fächerliste. Zum Vergleich: In den anderen Ländern liegt der Anteil meist unter zehn Prozent. In Kanada ist die chemische und biologische Komponente des Studiums kaum vorhanden oder fehlt sogar vollständig. Die Schwerpunkte im Pharmaziestudium– und somit der Ausgangspunkt für die apothekerlichen Tätigkeiten – sind also sehr unterschiedlich. In den USA und in England beispielsweise nehmen Krankenhausapotheker an den Visiten auf der Station teil und sind verantwortlich für das Medikationsmanagement der Patienten. Das erklärt unter anderem, warum die Studierenden in diesen Ländern im Bereich der Klinischen Pharmazie so intensiv ausgebildet werden.

ENGLISCH IM STUDIUM
Eine Besonderheit beim französischen Curriculum ist, dass ab dem zweiten Studienjahr ein Kurs regelmäßig auf Englisch stattfindet. Die Studierenden lernen dadurch, die Sprache fachlich anzuwenden – mündlich wie schriftlich.

KLINISCHE PHARMAZIE IM FOKUS

Die Klinische Pharmazie wurde im Jahr 2001 mit der Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker in das deutsche Pharmaziestudium aufgenommen und als fünftes Prüfungsfach eingeführt – und wird überwiegend im Hörsaal vermittelt. Neben den Vorlesungen finden vertiefende Blockseminare statt, in denen unter anderem Fallbeispiele zur Beratung in der Apotheke oder Computersimulationen durchgeführt werden. In England und in den USA, aber auch in Kanada, den Niederlanden und in Australien wird die Klinische Pharmazie anhand realer Patientenfälle im Krankenhaus gelehrt. Die Studierenden haben Zugang zu Patientenakten, Kontakt mit den behandelnden Ärzten und Krankenschwestern und führen Patientengespräche zur Arzneimittelanamnese wie auch bei der Entlassung des Patienten durch. Zudem sind zahlreiche Praktika in der öffentlichen Apotheke und in der Krankenhausapotheke vorgesehen. Somit arbeiten die Studierenden schon während des Studiums eng mit Offizin- und Krankenhausapothekern zusammen.

Deutschland
Neben der regulären Lehre der Klinischen Pharmazie gibt es an der Universität Bonn im achten Semester die Möglichkeit, freiwillig an einem OSCE (objective structured clinical examination) Training teilzunehmen. An zehn Stationen kann man in simulierten Fallbeispielen die Beratung bei der Abgabe von Arzneimitteln üben. Ziel ist es, arzneimittelbezogene Probleme zu erkennen und zu lösen sowie Fachgespräche mit Ärzten zu führen.

Frankreich
An der Universität Toulouse müssen sich die Studierenden im vierten Studienjahr entscheiden, welche berufliche Laufbahn sie einschlagen möchten. Sie können das Berufsfeld Apotheke, Krankenhaus, Industrie oder Forschung wählen. Im fünften und sechsten Studienjahr wird dann – auf die jeweilige Fachrichtung spezialisiert – weiterstudiert.

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Vergleicht man das Pharmaziestudium in Deutschland mit dem anderer Länder, so zeigen sich große Unterschiede – gerade im Bereich der Klinischen Pharmazie.(Foto: WavebreakmediaMicro – Fotolia.com)

Kanada
An der Universität von Alberta in Kanada können sich Studierende nach einem vierjährigen Bachelor-Studium in einem einjährigen Anschlussstudium zum Doctor of Pharmacy (PharmD) ausbilden lassen. Im zweiten Studienjahr werden die angehenden Apotheker zusammen mit Studierenden aus 14 anderen Studiengängen im Fach „Interprofessional Health Team Development“ unterrichtet. Die Studierenden haben hier unter anderem die Möglichkeit, Teamfähigkeit und berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit zu üben. Es werden Themen wie das Gesundheitswesen, die Palliativversorgung und auch Flüchtlingsversorgung behandelt. So wird früh die Voraussetzung für eine professionelle und vorurteilsfreie Zusammenarbeit aller Beteiligten des Gesundheitswesens geschaffen.

Niederlande
In den Niederlanden ist die sechsmonatige praktische Ausbildung in das Masterstudium integriert. Die Studierenden lernen das theoretisch erlernte Wissen anzuwenden und zu festigen. An der Universität von Groningen beispielsweise können die Studierenden anhand von Simulationen im „Pillendorf“ die Praxis in der Apotheke kennenlernen. Kleine Gruppen arbeiten vier Wochen lang als Apothekenteam zusammen und beraten Schauspielerkunden – bewertet werden sie von der Teamleitung. So können die Studierenden bereits vor Beginn der praktischen Ausbildung die Beratung in der öffentlichen Apotheke üben. Auch die Zusammenarbeit mit den Medizinern wird bereits während des Studiums gefördert, indem die Arzneimitteltherapie in einem Patientenfall gemeinsam optimiert wird.

USA und England
In den USA gibt es das „Pharmaceutical Skills Lab“, eine Übungsapotheke, in der die Studierenden den Apothekenalltag üben können. Auch im Pharmaziestudium an der Kingston University in London, England findet „Learning by doing“ statt. In den vier Studienjahren steht das Fach Apothekenpraxis (sechs Semester) und die Klinische Pharmazie im Vordergrund. Die angehenden Apotheker werden dabei von Offizin-Apothekern, Klinikapothekern und Ärzten unterrichtet. Die praktische Arbeit in der Apotheke wird während des Studiums in einer Art „Übungslabor“ simuliert. Hauptsächlich geht es darum, Rezepte zu bearbeiten. Dabei wird auch die Zusammenarbeit mit den Ärzten geübt. In der Klinischen Pharmazie aber auch im eigenständigen Fach „Medicine & Therapy“ werden die Studierenden ab dem sechsten Semester im Bereich der Physiologie und Pharmakologie an der medizinischen Hochschule der St. George´s University unterrichtet. Neben Krankheiten und deren Symptome werden therapeutische Strategien und deren mögliche Komplikationen besprochen. Darüber hinaus lernen die Studenten, den rationalen Einsatz von Arzneistoffen zu analysieren und zu optimieren.

ENTWICKLUNG STATT STILLSTAND

Im deutschen Pharmaziestudium sind die acht Semester bereits voll belegt mit Vorlesungen, Seminaren und allerlei Laborpraktika. Um regelmäßige Praxisübungen zur Vorbereitung auf den Apothekenalltag einzuführen, müsste das Curriculum umgestellt werden. Auch hierfür gibt es internationale Vorbilder, die diesen Prozess bereits vollzogen haben:

Universität von Quebec: Die Universität von Quebec hat im Jahr 2007 als erste kanadische Universität das vierjährige Pharmaziestudium geändert und den akademischen Grad PharmD (Docteur en pharmacie) eingeführt.

Wesentliche Schwerpunkte sind:
- pharmazeutische Betreuung
- praxisnaher Unterricht
- regelmäßige Praktika, auch im Krankenhaus

Außerdem werden Teamfähigkeit, Kommunikation und multidisziplinäres, fächerübergreifendes und problemorientiertes Lernen gefördert. Im Studium wird zusammen mit Angehörigen aller Heilberufe in Gruppen einPatientenfall bearbeitet, bei dem die Pharmakotherapie sowie die Laborwerte analysiertwerden. Das fördert die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern im weiteren Berufsleben. Bei Praktika im Krankenhaus findet außerdem eine Eins–zu–eins-Betreuung statt: Ein Apotheker ist für die Beaufsichtigung eines Studierenden verantwortlich.

Universität von North Carolina: Auch die Universität von North Carolina in Chapel Hill, USA hat das Curriculum des Pharmaziestudiums geändert. Die Studierenden sollen lernen, in interdisziplinären Teams zusammenzuarbeiten und dieses auch führen zu können. Zudem soll kritisches Denken vermittelt werden, um Probleme zu identifizieren, zu verstehen und zu lösen.
Die Ausbildung wurde natürlich nicht einfach umgestellt, ohne sich vorher Gedanken über die Umsetzung und die Konsequenzen zu machen. Im Dezember 2012 wurde ein Symposium einberufen und die Ausarbeitung und Durchführung des neuen Curriculums geplant. Fakultätsmitglieder, wissenschaftliche Gesellschaften, Studenten und Vertreter anderer Berufe, beispielsweise aus der Medizin, waren beteiligt und haben zusammen an der Ausarbeitung der Hauptpunkte und Leitmotive gewirkt.

MEHR KLINISCHE PHARMAZIE!

Beim Vergleich der Curricula fällt auf, dass die Studierenden in Deutschland in großem Maße in der Pharmazeutischen Chemie und Analytik (rund 45 Prozent des Studienplans) ausgebildet werden. Die Klinische Pharmazie hingegen nimmt etwa fünf Prozent des Studienplans ein. In anderen Ländern ist das Verhältnis oft umgekehrt. Keine Frage, um den Aufbau und den Wirkmechanismus der Arzneistoffe zu verstehen, sind und bleiben die Pharmazeutische Chemie und Analytik wichtige Bestandteile des Pharmaziestudiums. Allerdings sind Apotheker aus dem Ausland im medizinischen Wissen und auch im Umgang mit den Patienten ein Stück voraus. Es wäre also genauso wichtig, die Bereiche der Klinischen Pharmazie, Pharmakologie und Pharmakotherapie im Hauptstudium weiter auszubauen um die Studierenden besser auf die Praxis vorzubereiten. Die Patienten wie auch das Gesundheitssystem insgesamt, besonders bezüglich der Arzneimittel- und Arzneimitteltherapiesicherheit, würden davon profitieren.

Meine Erfahrung - APOTHEKENPRAXIS WILL GEÜBT WERDEN
Für die Pharmaziestudierenden in Deutschland wäre es ein großer Fortschritt, wenn sie bereits zu Beginn des Studiums auf die praktischen Aspekte der Berufswelt vorbereitet werden würden. In der Apotheke geht es oft hektisch zu, denn viele Patienten möchten nicht lange warten und alles muss schnell gehen. Das Softwaresystem bedienen, die Krankenkassenbürokratie verstehen und erklären, den Patienten beraten, fachliche Gespräche mit Ärzten führen und schlussendlich die Arzneimittelabgabe müssen nahezu zeitgleich erfolgen. Definitiv eine Herausforderung. Studierende müssen in kurzer Zeit – nämlich im Praktischen Jahr – das lernen, was in vielen Ländern schon im Studium trainiert wird: Das theoretische Wissen schnell abzurufen und aus unterschiedlichen Fachbereichen zu verknüpfen – und dieses dem Patienten dann noch möglichst verständlich zu vermitteln. Es zeigt sich, dass problemorientiertes Denken, Kommunikation und Multitaskingfähigkeit ebenso geübt werden wollen wie beispielsweise Teamfähigkeit. Im Studium habe ich die Möglichkeit genutzt, bei dem freiwilligen OSCE (objective structured clinical examination) Training im achten Semester in der Uni Bonn teilzunehmen und die Beratung in der Apotheke an Fallbeispielen zu üben. Dabei habe ich zum ersten Mal erlebt, wie die Realität nach dem Studium aussehen kann. Es war nicht nur realistisch und einprägsam, sondern hat nebenbei auch noch Spaß gemacht. Ich habe mich in meinem Praktischen Jahr in der Apotheke oft an Situationen aus dem Training erinnert – und das Gelernte anwenden können. Wenn praktische Übungen regelmäßig während des Studiums stattfinden würden, wäre die Ausgangssituation für den Start in der Apotheke eine ganz andere.

Von Dorothee Ressing,
Apothekerin in Blankenheim/Ahr