„ACH, DAS IST NOCH WEIT WEG!“
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27. March 2014 Drucken Empfehlen
Studium
EIN ERFAHRUNGSBERICHT ZUM ERSTEN STAATSEXAMEN

„ACH, DAS IST NOCH WEIT WEG!“

„Und studierst du auch auf Bachelor-Master-System?” „Nein, wir haben im Pharmaziestudium noch Staatsexamen.” „Keine Bachelor- und Masterarbeit? Da habt ihr es ja gut!” Oft beneiden uns Studenten aus anderen Fachrichtungen, da unsere Klausuren nicht mit einer Note bewertet werden und wir erst nach vier Semestern das Staatsexamen haben. Aber man muss echt fleißig sein und den ganzen Stoff aus zwei Jahren in kurzer Zeit wiederholen. Ist das wirklich besser?

Gerade im ersten Semester frisch an die Uni gekommen, war das 1. Stex noch weit weg. Wir wussten, dass wir drei Staatsexamen vor uns haben und es bei anderen Studiengängen anders ist. Manchmal erwähnten unsere Professoren in Vorlesungen, dass dieses oder jenes Themengebiet oft im 1. Stex abgefragt wird. Natürlich notierten wir es uns eifrig, doch das war‘s auch schon. Im zweiten und dritten Semester war man auch gut ausgelastet, sodass nicht viel Zeit blieb, um ans Stex zu denken. Man lernte für Klausuren und sammelte Scheine, um später zugelassen zu werden.

DA WAR DOCH NOCH WAS!

Doch Zack waren wir schon im vierten Semester und bekamen allmählich Panik. Hätte man schon längst fürs Stex lernen sollen? Die „Keine-Bange-CDs” waren jetzt im Umlauf. Ein kleiner Schock, denn auf den CDs waren die Aufgaben ab 1995 zu finden. Aus Spaß versuchten wir, Prüfungen zu klicken. Dochdas klappte leider nicht besonders gut – 50 Prozent zu erreichen war manchmal unmöglich. Schnell wurden die CDs wieder in die Schubladen verbannt, denn schließlich war das vierte Semester voll im Gange. Protokolle wurden geschrieben, analytische Methoden im Labor erprobt, Teedrogen mikroskopiert und in der Mikrobiologie lernten wir einiges über Bakterien und Co. Und wieder standen viele Klausuren bevor und auch diesmal meisterten wir sie irgendwie und freuten uns über die bestandenen Prüfungen. Aber da war doch noch was! Wir standen vor dem 1. Stex! Noch war uns allen nicht klar, was für ein Monat uns bevorstand.

JETZT GEHT’S LOS! NUR WIE?

Mit einem Blick auf die kurze Vorbereitungszeit stellt sich recht schnell die nötige Lerndisziplin ein. (Foto: Minerva Studio – Fotolia.com)

Mit einem Blick auf die kurze Vorbereitungszeit stellt sich recht schnell die nötige Lerndisziplin ein. (Foto: Minerva Studio – Fotolia.com)

Jetzt begann der Countdown: In fünf Wochen ist Staatsexamen. Einerseits eine lange Zeit, doch in Anbetracht des gewaltigen Lernstoffs gut auszufüllen. Doch bevor der Lern-Marathon begann, musste ein Plan her. Vier Fächer: Chemie, Biologie, Physik/AFL und Analytik in fünf Wochen. Viele Studenten aus den höheren Semestern haben empfohlen, viel zu „klicken”. So bekomme man schnell ein Gefühl für Aufgabentypen und Themengebiete. Jeder war anfangs ziemlich verunsichert und wusste nicht, wie man das Lernen am besten angehen sollte. Ich habe schnell gemerkt, dass ich vormittags gut aus Skripten und Notizen lernen konnte und ab spätem Nachmittag zum Klicken übergehen musste, da ich keinen neuen Lernstoff mehr aufnehmen konnte. Fragen, die ich gar nicht beantworten konnte, habe ich beim Lernen rausgeschrieben, um sie später zu wiederholen. So merkte ich schnell, ob der gelernte Stoff vom Vormittag saß.

UNZÄHLIGE URLAUBSBILDER AUF FACEBOOK

Die nächsten Wochen verliefen ähnlich, jeden Tag las ich Skripte, schrieb Lernzettel und manchmal klickte ich Aufgaben bis tief in die Nacht. Langsam hatte ich meinen optimalen Lernrhythmus gefunden: Drei Tage Chemie, zwei Tage Biologie, zwei Tage Physik, drei Tage Analytik und zwischendurch standen Tutorien an. Natürlich hat jeder anders gelernt; einige Kommilitonen wechselten täglich die Fächer, andere wochenweise. Man sah, dass alle anderen die Ferien genossen; unzählige Urlaubsbilder waren auf Facebook zu sehen. Doch uns blieb nichts anderes übrig, als uns weiterhin zwischen A, B, C, D und E zu entscheiden.

STAATSEXAMEN VOR DER TÜR

Plötzlich war es Mitte August und wir haben den warmen Sommer mit unserem Laptop am Schreibtisch verbracht. Nach langer Lernzeit fanden sich viele Stapel von Lernzetteln und unzählige Karteikarten und Post-its in meinem Zimmer. Schön, dass ich alles aufgeschrieben habe, doch konnte ich mir das wirklich merken? Schon jetzt freute ich mich auf den Moment, wenn ich alle Unterlagen verstauen durfte! Zwischenzeitlich fühlte ich mich gut vorbereitet, doch kurz vor dem Chemie-Stex hatte ich, wie alle anderen auch, schon wieder Panik. Wie in vielen Situationen blieb uns nichts anderes übrig, als daran zu denken, dass es schon viele vor uns geschafft hatten.

WENN DAS BAUCHGEFÜHL ENTSCHEIDET

Beim Stex kann man nicht alles wissen. Manchmal hilft das Bauchgefühl weiter – manchmal auch pures Glück. (Foto: Adam Gregor – Fotolia.com)

Beim Stex kann man nicht alles wissen. Manchmal hilft das Bauchgefühl weiter – manchmal auch pures Glück. (Foto: Adam Gregor – Fotolia.com)

Nun war es ohnehin zu spät darüber nachzudenken, ob ich doch hätte anders, effektiver lernen können: „Es ist nun 14:30 Uhr, die Prüfung endet um 17:00 Uhr.” 90 Sekunden für jede Aufgabe, die Zeit war angemessen. Ich versuchte, die Aufgaben so gut es ging zu lösen. Es waren einige Aufgaben dabei, die ich sofort beantworten konnte. Manche Fragen habe ich auch wiedererkannt. Doch bei vielen Fragen schwankte ich genau zwischen zwei Antwortmöglichkeiten. Die Zeit drängte und ich musste erst einmal mein Bauchgefühl entscheiden lassen. Als ich beim zweiten Mal die unsicheren Fragen durchging, hatte ich das Gefühl, dass meine Antworten Sinn hatten und fühlte mich sicherer. Natürlich waren auch einige Fragen dabei, deren Antworten ich überhaupt nicht wusste. Zwischendurch hörte ich nur die Ansagen: „Noch eine Stunde bis Prüfungsende, noch 30 Minuten.” Ehe ich mich versah, war die Prüfung vorbei und ich ging mit einem mulmigen Gefühl aus dem Raum.

PRÜFUNGSROUTINE

Dafür hatten wir also all die Tage gelernt. Überall war Gemurmel zu hören und die Frage, wer was angekreuzt hat. Dieselbe Situation wie nach jeder Klausur eben. Doch wie immer brachte es nichts, sich den Kopf zu zerbrechen, denn das Biologie-Stex stand schon vor der Tür. Die Tage vergingen nun sehr schnell, beinahe schlich sich eine gewisse Routine ein: Jeder läuft zu seinem Platz, Hefte werden ausgeteilt und wieder beginnt eine Prüfung. Am Freitag, nach Analytik, konnten wir nicht glauben, dass die lange Lernzeit und auch das Stex vorbei waren. Nun begannen auch für uns die langersehnten Semesterferien!

ES IST SCHAFFBAR!

Im Nachhinein betrachtet ist das 1. Stex wirklich zu schaffen. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen wider. Um den Überblick zu behalten ist es hilfreich, sich einen Lernplan zu machen, wann man welche Themen und Fächer lernen möchte. Vormittags mit Skripten aus den Semestern zu lernen und nachmittags zu klicken und Fragen rauszuschreiben hat mir sehr geholfen. Auch die Tutorien und die zugehörigen Skripte waren für mich sehr praktisch, da Studenten aus höheren Semestern am besten wissen, was wichtig fürs Stex ist. Ich kann jedem, der vor dem 1. Stex steht, nur sagen: Macht euch nicht zu viel Stress. So eine Lernphase hat man nicht jeden Tag! Pausen sind immer gut und ich wünsche allen, die es noch vor sich haben, viel Durchhaltevermögen!

Von Jennifer Hong,
Pharmaziestudentin aus Marburg