Sprengstoff als Arzneimittel
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14. March 2013 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Allgemein
Vom Dynamit zur Angina pectoris-Therapie

Sprengstoff als Arzneimittel

Die Wege neuer Arzneistoffe vom Reagenzglas ans Krankenbett verlaufen oft sehr verschlungen und nicht selten sind es eher beiläufige Beobachtungen aufmerksamer Forscher, die einem Wirkstoff letztlich zum Durchbruch verhelfen. So war es auch im Falle des Glyceroltrinitrat, das zunächst als Sprengstoff bekannt wurde, ehe man sein Potential für die Angina pectoris-Behandlung erkannte. Die Historie dieser Wirksubstanz zeigt auf anschauliche und unterhaltsame Weise, welch kuriose Geschichten nicht nur das Leben, sondern auch die Wissenschaft manchmal schreibt…

 

Kleines Malheur – durchschlagende Wirkung

1846 verschüttete der Chemiker Christian Friedrich Schönbein bei Arbeiten im Labor versehentlich ein Gemisch aus konzentrierter Schwefel- und Salpetersäure. Er beseitigte das kleine Malheur mit einem Baumwolltuch, das er danach zum Trocknen an den Ofen hängte, wo der säuregetränkte Lappen nur wenige Augenblicke später im Feuerschein explodierte. Schönbein erkannte, dass die Baumwolle mit der Säuremixtur reagiert hatte. Dabei war Cellulosenitrat entstanden, das fortan unter der Bezeichnung „Schießbaumwolle“ als Explosivmunition eingesetzt wurde. Angeregt durch Schönbeins Beobachtung, versuchte der Turiner Arzt und Chemiker Ascanio Sobrero wenig später, noch durchschlagendere Sprengstoffe zu entwickeln. Unter anderem versetzte er Glycerol mit dem konzentrierten Säuregemisch und erhielt auf diese Weise Glyceroltrinitrat, das – chemisch inkorrekt – häufig auch als Nitroglycerin bezeichnet wird.

Alfred Nobel (1833-1896) Foto: Gösta Florman auf wikipedia.de

Alfred Nobel (1833-1896) Foto: Gösta Florman auf wikipedia.de

Alfred Nobel erfindet das Dynamit

Die Wirkung von Glyceroltrinitrat übertraf alle Erwartungen. Allerdings ließ sich die Verbindung nicht gefahrlos handhaben. Eine leichte Erschütterung, ein kleiner Funke oder zu große Hitze genügten, um die Substanz zum Explodieren zu bringen. Sobrero selbst hatte sich bei einer solchen Explosion schwere Gesichtsverletzungen zugezogen. Da der italienische Forscher trotz intensiver Suche keine Möglichkeit fand das Glyceroltrinitrat zu zähmen, zog er sich aus der Explosivstoff-Forschung zurück. So war es schließlich sein Schüler Alfred Nobel, dem es 1866 doch noch gelang, die Substanz sicherer zu machen. Er vermischte sie mit Kieselgur zu einer Paste, die sich zu Stangen formen und gezielt entzünden ließ – damit hatte er das Dynamit erfunden.

Medizinischer Einsatz bei Angina pectoris

Unabhängig von seiner Verwendung als Sprengstoff fand Glyceroltrinitrat schon bald auch Eingang in die Medizin. Bereits Sobrero hatte beobachtet, dass die Substanz bei allen, die mit ihr hantierten, rote Wangen, pochende Schläfen sowie anhaltende Kopfschmerzen verursachte, was auf eine Erweiterung der Blutgefäße und eine erhöhte Pulsfrequenz hindeutete. Diese Erkenntnis brachte den Londoner Arzt William Murrell 1879 auf die Idee Glyceroltrinitrat könnte – in stark verdünnter Form – für die Behandlung der Angina pectoris geeignet sein. Dies erschien insofern logisch, als bereits bekannt war, dass die bei Angina pectoris-Anfällen auftretenden Beklemmungsgefühle im Brustkorb, auf Gefäßverengungen und eine unzureichende Durchblutung des Herzmuskels zurückzuführen sind. In der Tat gelang es mit Glyceroltrinitrat die Durchblutung der Herzkranzgefäße durch eine Weitstellung der Blutgefäße zu steigern und einen Angina pectoris-Anfall so rasch zu beenden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von Murrells therapeutischen Erfolgen und schon bald galt Glyceroltrinitrat bei Angina pectoris als Mittel der Wahl.

#36302691 - Dynamite time bomb on a black background © fergregory

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„Sie nennen es Trinitrin, um Apotheker nicht zu erschrecken!“

Der wohl prominenteste Patient, der mit Glyceroltrinitrat behandelt werden sollte, war Dynamit-Erfinder Alfred Nobel höchstpersönlich. Nur wenige Wochen vor seinem Tod schrieb er: „Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass man mir die Einnahme von Nitroglycerin verordnet. Sie nennen es zwar Trinitrin, aber doch wohl nur, um Apotheker und Patienten nicht zu erschrecken.“ Den großen schwedischen Erfinder konnte man damit freilich nicht überlisten. Er lehnte die Behandlung ab, da er von den Nitroglycerindämpfen in seiner Fabrik häufig Kopfschmerzen bekommen hatte. Seinen Mitarbeitern erging es übrigens ganz ähnlich. Besonders montags, nach dem freien Wochenende, klagten viele von ihnen über Kopfschmerzen, die dann im Laufe der Woche verschwanden. Vermutlich war dies die erste Beschreibung eines Phänomens, das heute als Nitrattoleranz bezeichnet wird. Die Gewöhnung an Glyceroltrinitrat oder andere, später davon abgeleitete, organische Nitrate, führt nämlich nach einiger Zeit zu einer deutlichen Abschwächung der gefäßerweiternden Wirkung. Durch ein geeignetes Dosisregime kann die Entstehung einer Nitrattoleranz mittlerweile jedoch weitgehend vermieden werden.

zie

Moleküle, die Geschichte schrieben Stern- und Schicksalsstunden der ArzneimittelforschungZiegler, Andreas S.Moleküle, die Geschichte schrieben

Stern- und Schicksalsstunden der Arzneimittelforschung

Gesamtspielzeit: ca. 118 Min.

2 Audio-CDs. € 24,90

ISBN 978-3-7776-2170-8

 

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