Pharmazie im Land der Kontraste
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16. September 2013 Drucken Empfehlen
Internationales
Praktisches Jahr in Namibia

Pharmazie im Land der Kontraste

„Namibia – ein Land der Kontraste“, „Unvergessliche Erlebnisse in einer faszinierenden Landschaft: Namibia!“ – so lauten die Slogans in den Touristenbroschüren. Diese Aussagen beziehen sich vor allem auf die Landschaft und die Tierwelt Namibias. Doch wie sieht es in diesem wunderschönen Land mit dem Gesundheitswesen im Allgemeinen und der Pharmazie im Speziellen aus? Welche Aufgaben hat der Apotheker? Was sind die Herausforderungen in Namibia? Wo kann man Pharmazie studieren und welche Praktikumsmöglichkeiten gibt es?

Weite Wege: Vielleicht liegt am Ende des Weges ein kleines Dorf. Vielleicht aber auch die nächste Apotheke. (Foto: Malte Ritter)
Weite Wege: Vielleicht liegt am Ende des Weges ein kleines Dorf. Vielleicht aber auch die nächste Apotheke. (Foto: Malte Ritter)

 Namibia liegt an der Westküste Afrikas zwischen Südafrika und Angola. Es ist mit 2,1 Millionen Einwohnern und einer Fläche von ca. 824.000 km2 nach der Mongolei der am dünnsten besiedelte Staat der Welt. Somit wohnen rechnerisch 2,5 Einwohner auf einer Fläche von einem Quadratkilometer. 30 % der Bevölkerung leben auf dem Land und brauchen mehrere Stunden, bis sie die nächste Ortschaft erreichen. Mit elf ethnischen Gruppen ist Namibia ein Vielvölkerstaat, in dem über 30 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Nach dem durchschnittlichen Einkommen zählt Namibia zu einem der reichsten Länder Afrikas; die Schere zwischen Arm und Reich ist allerdings sehr groß. Daraus resultiert in vielen Bereichen ein Zweiklassensystem, das eine große gesellschaftliche Herausforderung darstellt.


Wer bezahlt den Arztbesuch?

Auch vor dem Gesundheitswesen macht das Zweiklassensystem nicht Halt. In Namibia gibt es keine gesetzliche Krankenversicherung und nur ca. 21% der Bevölkerung ist privat versichert. Der Staat unterhält Krankenhäuser und Kliniken mit angegliederten Apotheken. Jeder Bürger kann sich dort gegen eine Registrierungsgebühr von 12 Namibia Dollar (entspricht ca. 0,80 Euro) quasi kostenlos behandeln lassen. Hierdurch hat man allerdings keinen Anspruch auf alle Medikamente oder Behandlungsmethoden. Die Medikamente werden aus einer Positivliste ausgesucht, die sich an der „WHO list of essential medicines“ orientiert. Deshalb wird häufig nicht die bestmögliche Therapie gewählt sondern die Günstigste.

Woher kommen die Arzneimittel?
Es gibt nur den Generikahersteller FabuPharm im nördlich gelegenen Otjiwarongo. Ansonsten werden alle Fertigarzneimittel importiert. Die meisten Arzneimittel kommen aus Südafrika, wo einige internationale Pharmafirmen ihre Niederlassung haben.
Der Import aus Asien, vor allem aus Indien und China, ist in den letzten Jahren stark gestiegen.


Apotheken sind überall auf der Welt gleich – oder?

Blutdruckmessungen gehören zum primary health care (PHC). (Foto: Malte Ritter)

Blutdruckmessungen gehören zum primary health care (PHC). (Foto: Malte Ritter)

Öffentliche Apotheken in Namibia ähneln einer deutschen Apotheke mit einem großen Verkaufsraum (Offizin). Neben einem Beratungs- und Behandlungsraum gibt es auch ein kleines Labor, dem häufig keine große Bedeutung zukommt. Lediglich in der Luisen Apotheke und der International Pharmacy in Windhoek sind aufwendige Rezepturen für moderne dermatologische Praxen oder auch mal Infusionen für ein verwaistes Nashornbaby an der Tagesordnung. Dies sind die beiden letzten großen herstellenden Apotheken (Compounding pharmacy) in Namibia. Neben Apothekern arbeiten die Pharmacy Assitants (PA), die in etwa mit PTAs vergleichbar sind, in der Apotheke. Daneben gibt es das Verkaufspersonal, das keine spezielle Ausbildung hat, einen Lieferjungen und meistens einen Wachmann, welcher aufgrund der hohen Kriminalitätsrate erforderlich ist. Im Beratungs- und Behandlungsraum werden neben Blutdruck-, Blutzucker- und Cholesterinmessungen auch Impfungen aller Art durchgeführt. Diese Leistungen gehören zum primary health care (PHC). Als Apotheker kann man Kurse belegen, um diese primären Gesundheitsdienste mit den Kassen abrechnen zu können. Für diese Dienste beschäftigen viele Apotheken Krankenschwestern. Diese führen unter anderem Immunisierungen und Grunduntersuchungen durch. Um die Kunden gut über neue oder weiterführende Therapien beraten zu können, müssen die Apotheker immer auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sein.


Herausforderungen in der namibischen Apotheke

(Foto: Malte Ritter)

(Foto: Malte Ritter)

In Namibia ist die Apotheke meistens die erste Anlaufstelle für Gesundheitsfragen. Häufig fehlt den Leuten das Geld, sodass sie sich zuerst kostenlos in der Apotheke beraten lassen, statt sofort zum Arzt zu gehen. Der Beratungsbedarf ist somit sehr groß. Bedingt durch die teilweise weiten Wege zur nächsten Apotheke werden oft Freunde oder Verwandte beauftragt, ein Medikament aus der Apotheke mitzubringen. Genau hier liegt eine große Herausforderung für den Apotheker. Er muss nach dem Hörensagen feststellen, welches Medikament der Betroffene eigentlich braucht. Manchmal soll ein verschreibungspflichtiges Präparat mitgebracht werden. Hier muss dem Überbringer erklärt werden, dass er seinen Freund oder Verwandten zum Arzt schicken soll – eine weitere Zeitverzögerung, gerade bei akuten Beschwerden. Des Weiteren können die vielen Sprachen Namibias schnell zu Verständigungsschwierigkeiten führen. Wenn der Kunde niemanden zum Übersetzen mitgebracht hat, dann hilft manchmal ein anderer Kunde mit seinen Sprachkenntnissen aus.

 

Brennpunkt AIDS

Eine große Herausforderung für das namibische Gesundheitssystem ist HIV/AIDS. Mit 18% Infizierten (bezogen auf die Gesamtpopulation im Jahr 2009) ist es die häufigste Krankheit in Namibia. Mit Hilfe der WHO, Internationalen Stiftungen und Hilfsorganisationen hat die namibische Regierung ein vorbildliches System zur Aufklärung und Behandlung der Erkrankten aufgestellt. Jeder Bürger kann kostenlos mit moderner antiretroviraler Kombitherapie behandelt werden. Voraussetzung hierfür sind regelmäßige Kontrollen, um die Therapietreue des Patienten zu überwachen. Dadurch ist es gelungen, die Anzahl der HIV-Neuinfektionen drastisch zu senkenund die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Hieraus ergibt sich ein großes und interessantes Betätigungsfeld für Apotheker: Sie können ihre Apotheken registrieren, um die HIV-Therapie zu überwachen und bei Resistenzentwicklung die Umstellung der Patienten zu empfehlen. Diese Tätigkeit wird vergütet.


Erkältung oder TBC ?

Tuberkulose ist in Namibia weit verbreitet. Wenn Kunden in einer öffentlichen Apotheke etwas gegen Husten haben möchten, sollte man immer daran denken, dass es auch eine offene Tuberkulose sein könnte. Fragen zur Abgrenzung sind hier unumgänglich. Bei einem Verdacht schickt man den Kunden zu einem Krankenhaus, das auf Tuberkulosefälle spezialisiert ist. Auch hier gibt es – ähnlich wie bei AIDS-Erkrankungen – eine gute und kostenlose Versorgung.


Studium, PJ und Co

Gute Laune: Das Team der Luisen Apotheke in Windhoek hinter dem HV-Tisch. (Foto: Malte Ritter)

Gute Laune: Das Team der Luisen Apotheke in Windhoek hinter dem HV-Tisch. (Foto: Malte Ritter)

Seit zwei Jahren ist es möglich, Pharmazie in Namibia zu studieren, und zwar an der University of Namibia in der Hauptstadt Windhoek Vorher war dies nur in Namibias Nachbarländern möglich. Wobei die Mehrheit der Apotheker, geschichtlich bedingt, in Südafrika ausgebildet wurde. Für deutsche Pharmaziestudenten ist es möglich eine Hälfte des Praktischen Jahres (PJ) in Namibia zu verbringen. Man sollte ein Jahr im Voraus mit der Planung und Beantragung des Visums beginnen, da der bürokratische Weg etwas länger dauern kann. Als erstes muss man natürlich einen Apotheker finden, der einen ausbildet. In der Luisen Apotheke in Windhoek haben schon einige deutsche Pharmazeuten im Praktikum ein halbes Jahr ihres PJ verbracht. Auch eine Famulatur kann man absolvieren. Dies sollte jedoch vorab mit dem Landesprüfungsamt abgeklärt werden.

 

Von Malte Ritter, Pharmaziestudent in Tübingen,
seine Eltern betreiben die Luisenapotheke in Windhoek.

Interessenten an einem Praktikum in der Luisen Apotheke dürfen sich gerne bei mir melden.
malte.ritter@student.uni-tuebingen.de