14. March 2013 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Allgemein
Am Schubschrank...

oder im Buchstabendschungel

Zunächst einmal fallen sie einem wahrscheinlich gar nicht auf, wenn man als Absolvent des 2. Staatsexamens im wirklichen Alltag der Apotheke ankommt. Genug hat man damit zu tun die ganzen Wirkstoffe mit den jeweiligen Handelspräparaten zu verknüpfen. Oft sind sie auch einfach unauffällig oder scheinen kaum von Bedeutung zu sein. Ist der Blick aber erst einmal für sie geschärft, können aber durchaus Fragen aufkommen: Buchstaben – manche erscheinen geheimnisvoll, andere selbsterklärend. Wie auch immer man sie zunächst wahrnehmen mag; ihre Bedeutung zu kennen ist in jedem Falle hilfreich, aber auf Grund ihrer häufig uneinheitlichen Anwendung ist sie aber nicht immer einfach herauszufinden.

Nicht alles muss man mühsam recherchieren, vieles lässt sich selbst erschließen. Dass hinter BTA Brausetabletten (Nac TEVA Akut 200mg Brause BTA) und hinter K Kapseln (Vepesid K) versteckt sind, klingt nicht allzu weit hergeholt. Doch manchmal sind auch solche offensichtlichen Buchstabenkombinationen mit Vorsicht zu genießen, da es kein einheitliches Prinzip gibt, das allen Buchstabenkürzeln zu Grunde liegt.

So manches Mal locken einen die eigenen Synapsen dann auf die falsche Fährte. Dabei können recht amüsante Wortassoziationen entstehen: Es wäre doch möglich, dass NT (in Omeprazol-ratiopharm® NT 10 mg) für „nicht teuer“ steht – tut es aber nicht. Vielmehr verbirgt das Kürzel die interessante Information einer neuen Technologie. (In diesem Fall: Mikrotabletten in Kapseln, magensaftresistent überzogen.)

Auch DB (in Erythromycin-ratiopharm 500 DB) steht sicher nicht für die Deutsche Bahn sondern die Verpackung in Dosierbeuteln.

Wirkstoffe

Häufig lässt sich von den Abkürzungen auf die enthaltenen Wirkstoffe schließen. Diese sind dann auch nochmal in kleinerer Schriftgröße an anderer Stelle ausgeschrieben auf der Packung zu finden:

DMP (als Zusatz bei Silomat) steht z.B. für Dextro­methor­phan, einen Hustenstiller.

CPD bei Finalgon verweist auf die Wirkung des Cayennepfeffers, der als Dickextrakt enthalten ist und liefert somit eine direkte Information über die Gewinnung mit.

Genauso ist auch Dulcolax nicht gleich Dulcolax: Steht das eine Mal NP dahinter, so ist als Wirkstoff Natriumpicosulfat enthalten. Ein andermal verrät ein M, dass Macrogol die abführende Wirkung hervorruft.

Dass ASS als Thrombozyten-Aggregations-Hemmer zum Einsatz kommen kann, weiß jeder Pharmazeut und so erklärt sich auch die Abkürzung TAH (in ASS-ratiopharm® 100 mg TAH) von selbst.

Auch die Indikation kann manchmal schon versteckt im Namen stehen: das S in Nimotop S steht z.B. für Subarachnoidalblutung.

Bei Ciatyl-Z Acuphase erfährt man ebenso bereits durch den Namen, dass es zur Initialbehandlung akuter Psychosen eingesetzt werden soll. Ciatyl-Z Depot wird hingegen in der Langzeitgabe verwendet.

Das H in Decortin® H Tabletten gibt einen direkten Hinweis auf die Struktur des enthaltenen Wirkstoffs Prednisolon. Denn Decortin gibt es auch ohne H und enthält dann den Wirkstoff Prednison. Prednison ist eine Vorstufe des aktiven Metaboliten Prednisolon. Decortin H ist das Präparat, das den Wirkstoff mit mehr H-Atomen enthält, nämlich Prednisolon (28 H-Atome: C21H28O5), Decortin das Präparat mit weniger H-Atomen (26 H-Atome: C21H26O5).

Ein M in Doxy- M-ratiopharm® 100 Tabletten liefert die Struktur-Information, dass das Doxycyclin als Monohydrat enthalten ist.

Anwendungshinweise

Die meisten Firmen verzichten bewusst auf „kryptische“ Abkürzungen und so wird sich jeder denken können wofür comp steht: Es leitet sich vom lateinischen Wort compositum ab und bedeutet, dass im jeweiligen Präparat eine Kombination aus mindestens zwei Wirkstoffen vorliegt.

Finden lässt sich diese Abkürzung beispielsweise bei Amoxicillin-ratiopharm® comp. 125 TS.

Dort stößt man bereits auf die nächste Abkürzung, die sich zwar nicht so leicht herleiten aber einfach merken lässt. TS steht für Trockensaft. Eine Information, die einem so mancher Patient vor der Anwendung danken wird.

Genauso gibt Voltaren Dispers in seinem Namen den wichtigen Hinweis, dass die Tablette zuvor in einem Glas Wasser zerfallen gelassen (=dispergiert) werden muss.

Bei FAMs mit den Abkürzungen UD = Unit Dose und EDO = Ein-Dosis-Ophtiolen handelt es sich um konservierungsmittelfreie Einzeldosisbehältnisse, was besonders günstig bei nur gelegentlicher Anwendung ist. Der Begriff UD wurde nachträglich „kreiert“, da EDO patentrechtlich geschützt ist.

Bei COMOD = COntinuous MonoDose-Augentropfen (z.B. Allergo-COMOD® Augentropfen) faltet sich mit zunehmender Entnahme ein Beutel zusammen, wodurch keine Luftzufuhr und somit auch keine Konservierung mehr nötig ist. Es handelt sich also um ein kontinuierliches Einzeldosenbehältnis.

In Kürze soll auch eine neue Abkürzung kommen: OSD. Sie steht für ophthalmic squeeze dispenser. Dieser Begriff darf dann auch für bestimmte Augentropfen-Flaschen ohne Konservierungsmittel genutzt werden.

Eine weitere Abkürzung auf dem Augentropfengebiet ist POS = Producta Ophthalmica Sterilisata. Diese tragen nur Produkte von Ursapharm.

Auch die Bedeutung von TN in Dolomo® TN ist für die Anwendung hilfreich: Enthalten sind zwei verschiedenfarbige Schmerztabletten unterschiedlicher Zusammensetzung von denen eine für den Tag und die andere für die Nacht bestimmt ist.

UNO (in Diamicron Uno® 60mg) deklariert eine nur einmalige Applikation am Tag. Wie bei Adalat Eins handelt es sich um Retardtabletten, die aus einem Mantel bestehen, der den Wirkstoff langsam abgibt und einem Kern, der den Wirkstoff rasch freisetzt. Diese Technologie kann z.B. eine im Vergleich zum restlichen Darm langsamere Resorption im unteren Darmabschnitt kompensieren.

Ein einzelnes E muss nicht immer viel bedeuten, kann aber auch wichtig sein: Ist z.B. die Packung bei Cotrim E-ratiopharm® 480 mg/5ml Saft mit einem K für Kinder statt einem E versehen, so ist die enthaltene Dosis nur halb so hoch. (z.B. auch: Emesan E Erwachsenenzäpfchen, K Kinderzäpfchen)

In Ketamin-ratiopharm® 50 mg O.K. Injektionslösung steht O.K. für „ohne Konservierungsmittel“. (siehe auch Imidin o.K. Nasenspray 0,1% ohne Konservierungsstoffe)

Der lateinische Zusatz „sine“ hat die gleiche Bedeutung. ACHTUNG: Dass die Kürzel O.K. und 0.K. nichts miteinander zu tun haben, wird sich im „galenischen“ Abschnitt zeigen.

Unter dem Namen Ketamin-ratiopharm® findet sich auch noch ein Konzentrat in Ampullen zur Herstellung einer Infusionslösung, das mit den Buchstaben SF versehen ist, was für sulfitfrei steht. Wie O.K. also eine Kennzeichnung, die im Falle von Unverträglichkeiten wichtig ist!

Bei Heparin-Calcium-7 500-ratiopharm® FS ist nicht etwa ein Buchstabendreher passiert, sondern mit FS ein Hinweis für die enthaltenen Fertigspritzen aufgedruckt. Dass nur Heparin-7500-ratiopharm mit FS gekennzeichnet ist, hat zulassungsrechtliche Gründe.

Von der Bedeutung der Bedeutungslosigkeit

Oft handelt es sich bei einzelnen Buchstaben-Zusätzen nur um zulassungsrelevante Unterscheidungsmerkmale nach Änderung einer Rezeptur. So wird vermieden, dass zwei unterschiedliche Rezepturen zeitweise unter der gleichen Bezeichnung im Handel sind.

Ein N im Namenszusatz taucht also meist nach einer Veränderung/Verbesserung (Neuerung) in der Dosierung/Verpackung/Darreichungsform auf. (Neurobion® N forte, Preterax® N usw.)

Aber auch ein S (wie in Glib-ratiopharm® S 1,75) kann zur Unterscheidung vom alten Präparat (Glibenclamid-ratiopharm) dienen. (siehe auch Kytta-Salbe f)

Manchmal sind einzelne Buchstaben einfach Teil des Warenzeichens selbst, wie z.B. das H in Berlinsulin H. Trotzdem steht auch hinter diesem H eine inhaltliche Bedeutung: Humaninsulin.

Häufig weiß nur die betreffende Firma was sich hinter mancher Abkürzung verbirgt. So z.B. bei dem ausnahmsweise wirklich sehr kryptischen Titel DNCG PPS Inhalationslösung.

Enthalten ist Dinatriumcromoglicat, während PPS für eine Firma steht, die es so nicht mehr gibt. Die Zulassung wurde aber von dieser aufgekauft und der Name beibehalten.

Galenische Eigenschaften

Als Pharmazeut weiß man, dass nicht überall wo Salbe draufsteht auch eine Salbe im eigentlichen Sinn enthalten ist. Bei der Frage für welchen Hauttyp sie sich eignet, kann ein einzelner Buchstabe wie in Kortikoid-ratiopharm® F 0,1 % Salbe schon weiterhelfen: F steht dort für Fettsalbe.

Es geht aber noch deutlich kreativer: Beim Produkt Alfason steht die Bezeichnungen Crelo für eine galenische Form zwischen Creme und Lotion und Cresa für eine Form zwischen Creme und Salbe.

Und wer hätte gedacht, dass man bei Propofol-ratiopharm® MCT 10 mg/ml (Emulsion zur Injektion und Infusion) bereits dem bloßen Namen entnehmen kann, dass mittelkettige (medium chain) Triglyceride als Emulgatoren enthalten sind?

Der Patentschutz vieler Bezeichnungen führt zu einer Fülle an Abkürzungen:

„Z“, „ZOK”, “NOK”, “ZOT” oder “Zero”.

Sie alle wie auch NK (in Metoprolol-ratiopham® NK 50 mg) verbergen in ihren Namen einen Hinweis auf die Freisetzungskinetik: Nullte Kinetik oder “zero order kinetics” (ZOK). Ebenso wird 0.K. verwendet (Metoprolol AbZ 0.K. 50 mg Retardtabletten). In allen so gekennzeichneten Arzneiformen wird pro Zeiteinheit die gleiche Menge Wirkstoff freigesetzt. Es findet also eine zeitunabhängige lineare Freisetzung statt.

Vertigo-Vomex® S lässt mit einem S im Namen für Suppositorien auf einen Blick die Darreichungsform erkennen, während Vertigo-Vomex® SR direkt im Namen auf eine retardierte Freisetzung aufmerksam macht: SR = slow/sustained release = langsame, verzögerte Freisetzung. (siehe auch: Natrilix®; -SR 1,5 mg)

Auch Retard, Ret oder Long, ER oder XR können eine retardierte Freisetzung kennzeichnen (=extended release). Voltaren Resinat soll eine retardierte Freisetzung aus Ionentauschern anzeigen.

Demgegenüber kann IR für immediate release, also eine schnelle Freisetzung stehen. Sumatriptan-ratiopharm® T Filmtabletten lösen sich deutlich schneller auf als Filmtabletten ohne den Zusatz T. Die Turbo -Tabletten enthalten keine Lactose, was besonders stabile Tabletten ergibt. Stattdessen wurden dieser Rezeptur noch die Sprengmittel Calciumhydrogenphosphat und Natriumhydrogencarbonat zugegeben. Da letztere aber von empfindlichen Personen nicht ohne weiteres vertragen werden, sind beide Formulierungen weiterhin nebeneinander im Markt.

VeloTabTM (bei Zyprexa® VelotabTM) ist ein geschützter Begriff und beschreibt auch die Darreichungsform. Es handelt sich um Lyophilisat- bzw. Schmelztabletten. Die Bezeichnung setzt sich aus den Begriffen velocity = Geschwindigkeit und Tablette zusammen. Sie lösen sich im Speichel also sehr schnell auf, sodass sie leicht geschluckt werden können.

SL bedeutet schnell/langsam freisetzend: bei Diclofenac-ratiopharm® 75 mg SL Retardkapseln werden z.B. 25 mg Diclofenac-Natrium sofort freigesetzt während 50 mg retardierter Wirkstoff sind. Auch bei Adalat SL 20mg handelt es sich um eine solche Zweischichttablette. Gleichbedeutend verwendet Hexal bei Tramadolor® 100 ID Retardtabletten die Abkürzung ID = Initial- und Depotwirkung.

Auf magensaftresistenten Arzneiformen findet man manchmal auch die Abkürzung SK, was für „Säure- Kontrolle“ steht.

MUPS bedeutet Multiple Unit Pellet System. (z.B. Antra MUPS® 10 mg/-20 mg magensaftresistente Tabletten) Die Tabletten enthalten in einer Cellulose-Matrix Mikropellets, die mit einem magensaftresistenten Überzug versehen sind. Im Magen werden die einzelnen Mikropellets aus der Cellulose-Matrix sehr schnell freigesetzt, passieren aufgrund der geringen Größe rasch den Magen und werden in den Dünndarm weitertransportiert, wo der Wirkstoff freigesetzt und resorbiert wird.

Schließlich trifft man bei all den innovativen Systemen sogar auf kleine „Pumpen“: PP = Freisetzung über Push Pull System. (z.B. Cardular® PP 4 mg, Retardtabletten) Die Liberation des Arzneistoffes erfolgt dabei in zwei Schritten: Durch eine semipermeable Membran kann Wasser in das System eindringen („pull“ durch Osmose), wodurch sich eine Quellschicht ausdehnt. Da sich das Volumen der Tablette aber nicht verändern kann, wird auf die Wirkstoffschicht ein Druck ausgeübt („push“). Durch eine Öffnung wird somit der Wirkstoff mit einer konstanten Geschwindigkeit „hinausgepumpt“.

Alles in allem also eine rasante Fahrt einmal quer durch den Gemüsegarten. Bei Magenschmerzen vom ganzen Buchstabensalat bleibt jetzt wenigstens, neben warmem Kamillentee, auch noch der Griff zur UniDAZ.

Diana Moll, Pharmaziestudentin aus Tübingen

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    Kommentare zu oder im Buchstabendschungel

    • Liebe Frau Schütz,

      wir freuen uns, dass Ihnen der Artikel gefällt! Zu Ihrer Frage: Das „T“ in Sumatriptan Hexal® T steht für Turbo. Die Turbo -Tabletten enthalten keine Lactose, was besonders stabile Tabletten ergibt. Um eine adäquate Freisetzung des Wirkstoffes aus der Tablette zu gewährleisten, wurden dieser Rezeptur noch die Sprengmittel Calciumhydrogenphosphat und Natriumhydrogencarbonat zugegeben. Da diese aber von empfindlichen Personen nicht ohne weiteres vertragen werden, ist das Sumatriptan Hexal® N ebenfalls auf dem Markt. Das „N“ steht hierbei lediglich für „Neuerung“ und taucht meist nach einer Veränderung/Verbesserung in der Dosierung/Verpackung/Darreichungsform auf. In diesem Fall wurden auf die Sprengmittel Calciumhydrogenphosphat und Natriumhydrogencarbonat verzichtet und Lactose verwendet.

      Ihr UniDAZ-Team

  1. Liebe Diana,

    ich danke Ihnen!

    Ich dachte, ich könnte mal eben recherchieren, was manche Buchstaben bedeuten. Ich “naive Verbraucherin” war mir sicher, dass die Bezeichnung von Medikamenten gesetzlich geregelt und verbindlich ist.

    Aber wahrscheinlich ist dieser sU dem K der PL geschuldet* ;-)

    Viele Grüße

    Katharina

    * sU = skandalöser Umstand
    K = Kapital
    PL = Pharmalobby

  2. Vielen Dank für die schöne Übersicht. Nun ist das Thema schon etwas älter, aber vielleicht bekomme ich trotzdem noch eine Antwort. Wofür steht das KD in Diclac 75 KD akut bzw ID?

    • Lieber Pharmakus,

      vielen Dank für Ihre Anfrage. Das Diclo KD akut wird von der Firma Dr. Kade hergestellt – laut Hersteller verbirgt sich hinter diesem Zusatz keine medizinisch-pharmazeutische Abkürzung. Dieser soll lediglich die Firmenzugehörigkeit repräsentieren (KD – Kade).
      Das “ID” verwendet die Firma Hexal beispielsweise bei Tramadolor ID Retardtabletten, wobei die Abkürzung ID hier für Initial- und Depotwirkung steht.

      Wir hoffen, Ihnen damit weitergeholfen zu haben!

      Viele Grüße,
      Ihre UniDAZ-Redaktion