Für Calcutta Rescue in Indien
Mit den richtigen Hinweisen versehen erhalten die Patienten ihre Arzneimittel in Papiertütchen. Foto: Calcutta Rescue
14. March 2013 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Internationales
Ehrenamt

Für Calcutta Rescue in Indien

Kalkutta – dabei denken viele nicht zu Unrecht an das Armenhaus Indiens. Schließlich gibt es hier Millionen Menschen, die auf der Straße oder in Slums leben und sich den Lebensunterhalt jeden Tag aufs Neue hart erarbeiten oder erbetteln müssen. Für genau diese Menschen arbeitet Calcutta Rescue, die Hilfsorganisation, für die ich unmittelbar nach Abschluss meines pharmazeutischen Praktikums sechs Monate ehrenamtlich als Apothekerin tätig war. Die Reaktionen, wenn ich vor meiner Abreise davon erzählt habe, reichten von Bewunderung bis hin zu absolutem Unverständnis. Ich selbst habe meine Entscheidung nie bereut, auch wenn ich in Kalkutta viele Höhen und Tiefen mitgemacht habe. Normalität gibt es in dieser von extremen Gegensätzen geprägten Stadt nicht.

Die Medicine Section in einer Ambulanz, Foto: Calcutta Rescue

Die Medicine Section in einer Ambulanz, Foto: Calcutta Rescue

Volontäre aus aller Welt

Calcutta Rescue wurde 1979 vom britischen Arzt Dr. Jack Preger gegründet. Er begann, die Ärmsten der Armen auf den Gehsteigen von Kalkutta kostenlos zu behandeln. Mittlerweile ist daraus eine große Organisation geworden: es gibt drei Ambulanzen, zwei Schulen, ein Handarbeits- und diverse kleinere Projekte in Kalkutta und den ländlichen Regionen Westbengalens. Rund 170 indische Mitarbeiter werden in ihrer Arbeit von Volontären aus aller Welt unterstützt. Die medizinische Versorgung und der Schulbesuch sind für die Slum- und Straßenbewohner kostenlos. Die Kosten werden ausschließlich aus Spenden bestritten. Dazu haben sich Fördervereine z.B. in England, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und den USA gegründet.

Lücken im staatlichen Versorgungssystem decken

Mein Arbeitstag als Volontär beginnt meist in der zentralen Apotheke von Calcutta Rescue. Von hier aus werden alle Projekte mit Medikamenten und Hilfsmitteln versorgt. Vier fest angestellte Inder kümmern sich um das Alltagsgeschäft. Sie beliefern die Bestellungen der Ambulanzen, sorgen dafür, dass das Warenlager immer gut gefüllt ist, kontrollieren Verfallsdaten sowie die Kühlschranktemperatur und erledigen weitere anfallende Aufgaben. Wir ehrenamtlichen Apotheker und Pharmaziepraktikanten unterstützen sie dabei und sind die ersten Ansprechpartner, wenn Probleme auftreten. Für die Bestellung der HIV-Medikamente sind wir alleine verantwortlich, da diese verhältnismäßig teuer sind. Einmal pro Woche findet die HIV-Ambulanz statt, zu der die Patienten zum Teil mehrere hundert Kilometer anreisen, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist ihre lebenswichtigen Medikamente zu bekommen. Viele HIV-positive Patienten bekommen ihre Medikamente kostenlos in öffentlichen Krankenhäusern, aber wenn Resistenzen auftreten sind die richtigen Mittel oft nicht verfügbar. Hier setzt Calcutta Rescue an: die Lücken im Versorgungssystem durch die Regierung sollen gefüllt werden.

Das Apotheken-Team in Kalkutta (von links): Deonanda Shaw, Maria Baumann, Robin Makhal, Subhasis Som, Asit Maity

Das Apotheken-Team in Kalkutta (von links): Deonanda Shaw, Maria Baumann, Robin Makhal, Subhasis Som, Asit Maity

Von Asthma bis Tuberkulose

Weitere Tätigkeiten als Volontär sind das Sortieren und Verwalten von Sachspenden sowie Besuche in den Ambulanzen. In diesen warten die Patienten zum Teil stundenlang geduldig bis sie vom Arzt untersucht werden. Privatsphäre gibt es nicht, da alles einem Raum stattfindet. Der Arzt verschreibt auf der Patientenkarte die Medikamente. Das Sortiment reicht von ganz „normalen“ Medikamenten wie Antidiabetika, Antibiotika oder Asthmasprays bis hin zu Arzneimitteln gegen Tuberkulose und Wurminfektionen. Zunächst wird die Verschreibung in der so genannten „medicine section“ von Mitarbeitern auf ein Papiertütchen übertragen, welches mit Piktogrammen versehen ist. Viele Patienten sind Analphabeten und so ist eine auf- oder untergehende Sonne die einzige Möglichkeit zu kennzeichnen, wann die Medikamente einzunehmen sind. Danach werden die Tabletten genau abgezählt und mitsamt Blistern in die Tüten gesteckt. Packungen oder Beipackzettel gibt es nicht, dafür wird den Patienten von besonders dafür ausgebildetem Personal die genaue Einnahme erklärt. Für die pharmazeutische Weiterbildung der Angestellten sind ebenfalls die Volontäre verantwortlich. Hierfür werden Unterrichtseinheiten, z.B. zu Bluthochdruck oder dazu, was bei verschiedenen Darreichungsformen zu beachten ist, angeboten und mit einer Prüfung abgeschlossen.

Regelmäßiger Austausch mit Ärzten

Auch die regelmäßige Teilnahme an Meetings, zum Beispiel einmal monatlich mit allen Ärzten, steht auf dem Arbeitsplan. Es werden verschiedene Patientenfälle diskutiert und oft kommen dabei pharmazeutische Fragen auf. Das kann von einer simplen Auskunft über Preis und Verfügbarkeit eines Medikaments bis hin zur leitliniengerechten Therapie von Lipidstoffwechselstörungen gehen. Dabei lernt man auch einiges über Krankheiten, von denen man bis dahin noch nichts gehört hatte.

Arzneimittelbestellung in der Apotheke. Das Telefon steht selten still. Foto: Baumann

Arzneimittelbestellung in der Apotheke. Foto: Baumann

Mehr als eine fachliche Herausforderung

Doch Kalkutta ist nicht nur eine fachliche Herausforderung. Das Leben in der 16-Millionen-Metropole mit dem unbeschreiblichen Lärm und dem lebensbedrohlichen Verkehr brachte mich das ein oder andere Mal auch an meine persönlichen Grenzen. Ohne Selbständigkeit, Durchhaltevermögen und Einfallsreichtum kommt man dort nicht weit. Selten funktioniert ein Versuch auf Anhieb, aber dafür ist das Glücksgefühl umso größer, wenn man ein Projekt erfolgreich zu Ende bringt. Sich über die kleinen Dinge freuen – das lernt man im Trubel von Kalkutta ziemlich gut. Das kann eine Lieferung von Vitamin-A-Kapseln sein, die nach zwei Monaten Papierkram und vielen E-Mails endlich ankommt. Oder auch einfach der freundliche Chaiverkäufer, der mich schon nach wenigen Tagen wieder erkannte und von da an immer freundlich gegrüßt hat. Auch wenn die Menschen nicht viel haben, sie haben fast immer ein Lächeln auf den Lippen und erinnern mich daran, dass man das Leben nicht so schwer nehmen, sondern das Beste daraus machen sollte.

Unvergessliche Zeit

Alles in allem war die Zeit bei Calcutta Rescue unvergesslich. Meine Bedenken, dass ich als Berufsanfängerin der Aufgabe vielleicht nicht gewachsen wäre, haben sich schnell zerstreut. Es kommt nicht nur auf fachliches Wissen an, sondern vor allem auf Eigenschaften wie Selbstverstrauen, Eigenständigkeit und Organisationstalent.  Neben einigen fachlichen Gesichtspunkten habe ich in Kalkutta viel für mich persönlich und darüber, was ich im Leben erreichen möchte, dazu gelernt.

Maria Baumann, Apothekerin in Regensburg

Interesse an einer Mitarbeit?Wir suchen regelmäßig Apotheker und Pharmazeuten im Praktikum die für 6 Monate bei Calcutta Rescue mitarbeiten. Neben den Herausforderungen, die die Arbeit mit sich bringt, bietet die Mitarbeit bei Calcutta Rescue die Möglichkeit, viele wertvolle persönliche Erfahrungen zu machen und die faszinierende indische Kultur kennenzulernen. Uns ist es wichtig, dass die Volontäre gut vorbereitet und mit realistischen Vorstellungen nach Kalkutta gehen. Deshalb findet zweimal im Jahr eine Informationsveranstaltung statt, bei der wir die Interessenten ausführlich informieren.  Selbstverständlich stehen wir bei allen Fragen vor, während und nach der Zeit in Kalkutta als Ansprechpartner zur Verfügung. Nähere Informationen erhalten Sie unter apotheker@calcutta-rescue.de

                                                                                  Monika Küppers und Jutta Zwicker

Spendenkonto

Stadtsparkasse München

BLZ: 70150000

Kontonummer: 135509

 

 

Kontaktadresse

Calcutta Rescue Deutschland e.V.

Kaulbachstraße 10

80539 München

www.calcutta-rescue.de

 

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