16. September 2013 Drucken Empfehlen
Allgemein

Ein Lehrbuch in den Wirren des Kalten Kriegs

Im Frühjahr 1953, vier Jahre nach Gründung der DDR, veröffentlichte Prof. Dr. Hans Beyer von der Universität Greifswald im genau 100 Jahre zuvor gegründeten S. Hirzel Verlag Leipzig ein Lehrbuch der Organischen Chemie – mit immerhin 23 Abbildungen und 586 Seiten. Von Anfang an wurden „moderne theoretische Anschauungen“ ins Buch aufgenommen, so etwa die  Symbolisierung von Elektronen durch Pünktchen, was ein klares Statement war angesichts der damals noch weit verbreiteten Aversion gegenüber der so genannten „Fliegendrecktheorie“. Diese Grundsatzentscheidung hatte Beyer getroffen, als er 1947 nach Greifswald berufen wurde. Er war damals 42 Jahre alt und erst ein Jahr zuvor aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden, in die er bei Stalingrad geraten war. Seine wissenschaftliche Laufbahn hatte er in Berlin begonnen, wo er sich 1939 habilitierte, bevor er kurz darauf zum Militärdienst einberufen wurde. Damit wurde seine wissenschaftliche Laufbahn sieben Jahre lang unterbrochen.


Moderne wissenschaftliche Theorien und ideologische Widersprüche

Erstauflage des "Beyer/Walter" 1953

Erstauflage des "Beyer/Walter" 1953

Bevor das Manuskript der Erstauflage in Druck gegeben werden konnte, war noch eine für den damaligen Ostblock charakteristische Hürde zu überwinden, die mit der im Vorwort erwähnten „neuzeitlichen Denkweise der chemischen Bindungsverhältnisse“ zu tun hatte. Dazu gehörte die Mesomerielehre, deren Verwendung dadurch problematisch geworden war, dass sie im Sommer 1951 auf einem von 450 Chemikern, Physikern und Philosophen abgehaltenen Allunionskongress in Moskau behandelt worden war. Sie war in einer Adresse des Kongresses an den Genossen Stalin wegen der in ihr verwendeten fiktiven Grenzformeln als philosophisch fehlerhaft verworfen worden. Vor der Drucklegung erhielt Beyer Besuch von seinem Kollegen Petrow aus Leningrad, der wohl keinen Einspruch gegen die Veröffentlichung des Buches erhob, dem Autor aber 1955 in einem Aufsatz eine fehlerhafte Deutung der Mesomerielehre vorwarf.


Ein Konzept setzt sich durch

So konnte das Buch mit seiner neuartigen Verknüpfung von bewährter Praxis und moderner Theorie sowie seiner übersichtlichen Gliederung erscheinen und hatte von Anfang an großen Erfolg. Schon nach wenigen Wochen war die erste Auflage vergriffen, und 1954 erschien ein unveränderter Nachdruck als zweite Auflage. Mit der 3./4. Auflage wurde eine Reihe von fünf Doppelauflagen eröffnet. Die ungewöhnliche Zählweise hängt wahrscheinlich mit der Papierzuteilung in der Planwirtschaft zusammen. In der DDR war der „Beyer“ trotz der zahlreichen Auflagen immer knapp, weil der größte Teil in die Bundesrepublik ausgeliefert wurde. An den dabei erlösten Devisen wurden die Autoren nicht beteiligt. Das für die finanzielle Abwicklung zuständige Büro für Urheberrechte zahlte die Honorare 1:1 umgewertet in Ostmark aus.


Deutsch-deutsche Beziehungen

Hans Beyer (rechts) und Wolfgang Walter 1970 in Beyers Arbeitszimmer

Hans Beyer (rechts) und Wolfgang Walter 1970 in Beyers Arbeitszimmer

Anfang der 1960er Jahre lernten sich Hans Beyer und Prof. Dr. Wolfgang Walter, Professor an der Universität Hamburg, auf einer Chemiedozenten-Tagung kennen. Es entwickelte sich eine intensive Freundschaft, die in der gemeinsamen Arbeit am Lehrbuch der Organischen Chemie mündete. Eine durch Zweiteilung in die beiden Verlagsorte Leipzig und Stuttgart bedingte Zäsur fiel in das Jahr 1970. Walter wurde zu dieser Zeit mehrfach von Beyer nach Greifswald eingeladen. Nach einem Festkolloquium am 6. Oktober 1970 zu Beyers 65. Geburtstag vertraute dieser Walter einen Brief an. Dieser war an den S. Hirzel Verlag Stuttgart adressiert und enthielt das Angebot, das Manuskript der 17. Auflage nicht wie bisher in Leipzig, sondern in Stuttgart herauszubringen. Beyer begründete diesen Schritt mit der Tatsache, dass sein Lehrbuch durch die zuständigen DDR-Behörden als Wissensspeicher eingeordnet worden war und dass für diese Kategorie zurzeit kein Papier im Plan vorgesehen sei. So gab Walter den Brief noch während der Rückreise in Lübeck zur Post. Bereits im November 1970 wurde der Vertrag zwischen Hans Beyer und dem S. Hirzel Verlag Stuttgart geschlossen. Walter sah Beyer nicht wieder, denn im Dezember 1970 erkrankte dieser schwer und verstarb am 1. Februar 1971. Bis zum letzten Tag vor der Einlieferung in die Klinik hatte er, bereits von Schmerzen geplagt, täglich an dem Manuskript für die 17. Auflage gearbeitet und konnte es noch nahezu fertig stellen. Im Spätsommer 1971 erhielt Walter eine telefonische Anfrage aus Stuttgart, ob er die alleinige Autorenschaft übernehmen wolle. So erschien 1973 die 17. Auflage als erste in Stuttgart.
Wolfgang Walter führte das Lehrbuch, das seit der 19. Auflage „Beyer/Walter“ heißt, über seine Emeritierung im März 1985 hinaus bis 1991 allein weiter. Ab 1991 unterstützte ihn Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wittko Francke von der Universität Hamburg bei der Arbeit. Am 29. März 2005, kurz nach Fertigstellung der 24. Auflage, verstarb Wolfgang Walter.


Die neue Generation

Seit der 25. Auflage wird das Lehrbuch von Prof. Dr. Carsten Schmuck (Institut für Organische Chemie, Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Tanja Schirmeister und Jun.-Prof. Dr. Peter Wich (beide Institut für Medizinische/Pharmazeutische Chemie und Biochemie, Universität Mainz) und ihren Mitarbeitern fortgeführt. Unter ihrer Regie wurde der „Beyer/Walter“ fit gemacht für kommende Generationen.

 

Tim Kersebohm
Ladenburg