Wo die Apothekerin gegen Grippe impft…
Christchurch College in Oxford © Martina Schiffter-Weinle
9. March 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Allgemein
Aus dem Arbeitsalltag einer deutschen Apothekerin in Oxford

Wo die Apothekerin gegen Grippe impft…

Krankenkassen, Rabattverträge, Generika-Dschungel – mit diesen Problemen habe ich in England zum Glück nicht zu kämpfen. Hier gibt es einen nationalen Gesundheitsdienst, den National Health Service (NHS) und wenn ein Arzneimittel generisch verschrieben wird, bekommt der Patient was immer gerade da ist. Da kann es auch mal passieren, dass Simvastatin einmal rot und oval,  einen Monat später dann weiss und rund ist. Den Patienten ist es in der Regel egal… sie haben sich bereits daran gewöhnt. Von diesen und weiteren Erfahrungen, die ich in den letzten fünf Jahren als Apothekerin in Oxford gesammelt habe, berichtet der folgende Beitrag, der einen kleinen Einblick in den Arbeitsalltag einer englischen Kettenapotheke bietet.

Nach Abschluss meines dritten Staatsexamens im Mai 2006 bewarb ich mich auf eine Anzeige von Lloydspharmacy, einer der grössten Apothekenketten in England, die auf dem deutschen Markt über die Agentur für Arbeit nach Apothekern für ihre öffentlichen Apotheken suchte. Einem Telefongespräch folgte eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch in Manchester und eine Woche später wurde mir ein Angebot gemacht. Ich hatte mich für eine Position in Oxford beworben und im Juli 2006 ging das Abenteuer schliesslich los.

Da das Vereinigte Königreich Mitglied der EU ist, wurde meine Approbation problemlos anerkannt. Zur Einarbeitung verbrachte ich sechs Wochen in der Apotheke einer deutschen Kollegin, die bereits 1999 nach England ausgewandert war. Sie erklärte mir die wesentlichen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen System, zudem befasste ich mich ausführlich mit dem englischen Apothekengesetz und lernte den Umgang mit dem Computersystem, das in allen Lloydspharmacy Filialen das gleiche ist.

In der Umgebung Oxfords gibt es viel zu entdecken, wie Clivedon Manor, das 40 Meter über der Themse thront.

Aller Anfang ist schwer

Um die Apotheken in und um Oxford besser kennenzulernen und mich nicht auch noch um das Personalmanagement kümmern zu müssen, startete ich nach der Einarbeitungszeit als sogenannter Relief Pharmacist. Als Relief vertrat ich Apothekenmanager an ihren freien Tagen. Am Anfang war das Arbeiten hier in England nicht so einfach. Es dauerte einige Zeit, sich an das OTC-sortiment zu gewöhnen, das sich vom deutschen ziemlich unterscheidet. Für einen produktiven Husten zum Beispielt gibt es nur Arzneimittel mit Guafenisin, kein ACC oder Ambroxol, dafür kann man aber Codeine frei verkäuflich für einen trockenen Husten oder in Kombination mit Paracetamol oder Ibuprofen als Schmerzmittel erwerben. Ach ja und dann war da noch das kleine Problem mit der Sprache. Zugegeben, das Englisch, das wir in der Schule lernen, ist sehr gut, doch wenn es darum geht, in der Apotheke Patienten zu beraten und am Telefon  Probleme mit Ärzten zu diskutieren, dann stösst man doch auch mal an seine Grenzen. Über diese Startprobleme kann ich heute, nach über fünf Jahren, nur lächeln. Durchhalten und dazulernen heißt die Devise.

Nach einem Jahr übernahm ich dann meine erste eigene Filiale und mittlerweile bin ich als sogenannter Clustermanager nicht nur für meine eigene Apotheke verantwortlich, sondern noch für vier weitere Filialen sowie deren jeweilige Manager. Das ist der Vorteil, wenn man für eine groβe Firma arbeitet. Man hat immer Aufstiegsmöglichkeiten und wird innerhalb des Unternehmens weitergebildet, wenn man das möchte.

Arbeitsbedingungen in England

Zusammen mit Ihren Kolleginnen schmeißt die deutsche Apothekerin eine Filiale in Oxford

Die Arbeitszeiten eines Apothekers in der öffentlichen Apotheke betragen, je nach Vertrag, etwa 45 bis 47.5 Stunden pro Woche. Dabei muss man den ganzen Tag von Öffnung der Filiale bis zur Schließzeit am Abend anwesend sein (ca. 9 bis 10 Stunden am Tag). In der Hinsicht hat man es in Deutschland sicher besser und ist wesentlich flexibler. Dafür gibt es keine Nachtdienste, weil viele Apotheken, z.B. in Supermärkten, bis 23 Uhr und auch am Sonntag geöffnet sind. Außerdem kann man im Notfall auch im Krankenhaus Medikamente beziehen.

Mein Anfangsgehalt war mit £ 31.000 im Jahr relativ niedrig. Das ist aber normal für Apotheker, die nicht in England studiert haben. Das sptere Gehalt richtet sich dann nach Lage und Größe der Apotheke, die man übernimmt, Erfahrung sowie persönlichem Verhandlungsgeschick und liegt so zwischen £39.000 und £45.000 (aktuell ca. 47.000 bis 54.000 €), wobei nach oben hin noch mehr drin ist. Zum Leben hat man auf jeden Fall genug Geld übrig. Die steuerlichen Abgaben sind in England zwar geringer, dafür liegen die Lebenserhaltungskosten, besonders in Oxford, im höheren Bereich.

Martina Schiffter-Weinle in "Ihrer" Filiale

Das englische Apothekensystem

Einer der wahrscheinlich grössten Unterschiede zwischem dem deutschen und dem englischen Apothekensystem ist die Tatsache, dass in England kein verschreibungspflichtiges Medikament die Apotheke verlässt, ohne vorher auch physisch durch die Hand des Apothekers zu gehen. Bringt ein Patient ein Rezept in die Apotheke, so wird es von dem Personal an der Kasse entgegengenommen und anschliessend an die Dispensary weitergegeben, in der das Medikament gewählt und ein Klebeetikett ausgedruckt wird, das den Namen des Patienten und des Medikatmentes, die Einnahmeinformation sowie Warnhinweise enthält. Dieses Etikett wird auf die Medikamentenpackung geklebt und sowohl von der Person, die das Label produziert und das Medikament ausgewählt hat, als auch vom Apotheker selbst abgezeichnet. Das verlängert zwar die Wartezeit der Patienten im Vergleich zu Deutschland ein wenig, macht die Arzneimittelabgabe aber wesentlich sicherer.

Zusätzliche Leistungen

Würde man den ganzen Tag nur Medikamente gegen Rezepte checken, wäre so ein 10 Stunden Arbeitstag, wie ich ihn zur Zeit habe, ziemlich eintönig. Man hat natürlich wie in Deutschland auch viel Kontakt mit Patienten. In der Regel bevorzugen es Patienten erstmal in der Apotheke nach Rat zu fragen, bevor sie den Arzt aufsuchen. Außerdem gibt es zahlreiche Dienstleistungen, die in den Apotheken angeboten werden,  zum Beispiel der sogenannte Medicines Use Review, ein Service für den Apotheken vom NHS bezahlt werden. Apotheker besprechen hierbei mit dem Patienten dessen Medikamente, überprüfen ob der Patient sie wie verschrieben einnimmt, Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen auftreten und ob der Patient weiß, warum er die Medikamente einnimmt.

Zudem bieten wir in der Apotheke einen Stop Smoking Service an und die „Pille danach“ ist hier nach Konsultation mit dem Apotheker auch ohne Rezept erhältich. In diesem Winter habe ich, nach entsprechendem Training, das erste Mal Grippeimpfungen verabreicht. Es gibt noch zahlreiche andere Leistungen, die wir anbieten. Langweilig wird es einem also wahrlich nicht.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Erfahrungen, die ich England gesammelt habe, nicht missen möchte und jedem, der in Erwägung zieht, im Ausland sein Glück zu versuchen, das Vereinigte Königreich nur empfehlen kann – beruflich und kulturell.

Von Martina Schiffter-Weinle,

Apothekerin aus Oxford

 

 

Martina Schiffter-Weinle ist approbierte Apothekerin und seit 2006 registriertes Mitglied der Royal Pharmaceutical Society of Great Britain. Nach dem Studium der Pharmazie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen und anschließendem praktischen Jahr übernahm sie eine Apothekerstelle bei Lloydspharmacy in Oxford.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>