Was ist eigentlich das Arzneibuch?
9. March 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Studium

Was ist eigentlich das Arzneibuch?

Das Arzneibuch kennt jeder Pharmaziestudent und jeder Apotheker, es wird in der Uni, in der Apotheke und in der Pharma-Industrie benutzt. Generationen von Pharmazeuten haben Arzneibuch-Methoden und –Prüfungen gelernt und im Labor durchgeführt und waren in Prüfungen, Kolloquien und auch Examen mit ihnen konfrontiert.

Ursprünglich gab es nur ein einbändiges Arzneibuch, deshalb wird noch heute von “dem” Arzneibuch gesprochen. Inzwischen umfasst das Arzneibuch aber drei Teile:

- das Deutsche Arzneibuch (DAB),

- das Europäische Arzneibuch (EuAB oder Ph.Eur. für Pharmacopoea Europaea) und

- das Homöopathische Arzneibuch (HAB).

Rechtliche Stellung

Laut Arzneimittelgesetz ist das Arzneibuch eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) „bekannt gemachte Sammlung anerkannter pharmazeutischer Regeln über die Qualität, Prüfung, Lagerung, Abgabe und Bezeichnung von Arzneimitteln und den bei ihrer Herstellung verwendeten Stoffen.“ (§ 55 AMG) Es ist also ein amtliches Standardwerk zur Qualitätskontrolle von Arzneimitteln, dessen Vorschriften und Regularien nach § 54 AMG für jeden, der Arzneimittel herstellt, überprüft oder in Verkehr bringen will, also Apotheken, Großhandlungen, pharmazeutische Unternehmen und tierärztliche Hausapotheken, bindend sind. Deswegen ist in der Apothekenbetriebsordnung auch vorgeschrieben, dass das Arzneibuch in jeder Apotheke vorhanden ist (§ 5 ApBetrO).

Warum ein Arzneibuch?

1997 wurde der Sinn und Zweck des Arzneibuchs in der Einleitung zur Ph. Eur. darin beschrieben, „die Volksgesundheit mit Hilfe anerkannter, gemeinsamer Regeln zu fördern“. Die Idee hinter dem Arzneibuch ist also, die Qualität der Arzneimittel zu überprüfen, um eine sichere Anwendung zu gewährleisten.

Das Arzneibuch enthält Vorschriften, an die sich die oben genannten Benutzergruppen streng halten müssen. Aber genau das bietet auch große Vorteile: Einheitliche und gemeinsame Vorschriften sichern die Qualität der Arzneimittel, nicht nur für die Patienten in Europa, sie erleichtern auch den Export.

Auch Arzneimittelhersteller müssen dank des Arzneibuchs beispielsweise eine analytische Prüfung nicht mehr überprüfen, da die Methoden des Arzneibuchs als validiert gelten. Auch die Qualität der Ausgangsstoffe, die der pharmazeutische Unternehmer bei anderen Herstellern einkauft, wird durch die Arzneibuchprüfungen sichergestellt.

Für den Patienten stellen die Normen ebenfalls eine Qualitätssicherung der Medikamente dar, da beispielsweise die Lagerungsbedingungen klar geregelt sind. Es profitieren also sowohl die pharmazeutische Industrie und der Apotheker als auch der Patient direkt oder indirekt vom Arzneibuch.

Wie ist das Arzneibuch aufgebaut?

Die drei Teile des Arzneibuches sind grundsätzlich gleich aufgebaut. Sie bestehen alle aus einem Allgemeinem und einem Speziellen Teil. Im Allgemeinen Teil findet sich ein Vorwort, eine Einleitung, Allgemeine Vorschriften für die Anwendung des Arzneibuchs, Beschreibungen von allgemeinen Prüfverfahren und Reagenzien. Dieser Teil dient dazu, dem Analytiker die nötige „Ausrüstung“ zu bieten, mit der er den zweiten Teil des Arzneibuchs bearbeiten kann.

Der Spezielle Teil, der den größten Teil des Arzneibuchs ausmacht, besteht aus Monographien, die Definitionen, Prüfverfahren sowie Lagerungs- und Beschriftungsvorschriften beinhalten. Die meisten Monographien beschreiben jeweils einen bestimmten Wirkstoff, es gibt aber auch Familienmonographien, die jeweils Gruppen sehr ähnlicher Stoffe beinhalten, beispielsweise die Impfstoffe oder – neu im Grundwerk der 7. Ausgabe – die Monographiegruppe der Pflanzlichen Drogen.

Die Regeln der Arzneibücher gelten gemeinsam.

Die einzelnen Arzneibücher

Es ist wichtig zu wissen, dass sich die Erarbeitung des Europäischen Arzneibuchs einerseits und des Deutschen und des Homöopathischen Arzneibuches andererseits deutlich voneinander unterscheiden. Wie man schon durch den Namen erkennen kann, wird das Europäische Arzneibuch auf internationaler Ebene erarbeitet, während die anderen beiden Arzneibücher ausschließlich in Deutschland gelten und daher auch auf nationaler Ebene beschlossen werden.

Das Europäische Arzneibuch

Das Europäische Arzneibuch hält Bestimmungen zu Bereichen fest, die in Europa allgemein verbreitet sind oder eine einheitliche Regelung benötigen. Es ist eine Vereinigung der verschiedenen nationalen Arzneibücher Europas. Neben den Monographien enthält es neue methodische Vorschriften über die Analytik der beschriebenen Stoffe. Es wird unter der Schirmherrschaft des Europarats (der institutionell nicht mit der EU verbundenist) mit Sitz in Straßburg erarbeitet und erschien 1969 zum ersten Mal.

Das Europäische Arzneibuch beruht auf dem Teilabkommen „Übereinkommen zur Ausarbeitung eines Europäischen Arzneibuchs“ des Europarats aus dem Jahre 1964. Da es sich nur um ein Teilabkommen handelt, sind nicht alle Mitgliedsstaaten des Rates Mitglieder des Übereinkommens. Von den 47 Ratsmitgliedern gehören 36, darunter die EU als Institution, dem Abkommen an.

Auch Staaten, die keine Mitglieder des Europarates sind, können das Abkommen unterzeichnen. Zu den Vertragsstaaten kommen 23 sogenannte Beobachterstaaten. Auch Organisationen können beitreten, z.B. hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Beobachterstatus. Beobachter dürfen „nur“ an der wissenschaftlichen Arbeit der Kommission teilhaben, während Mitglieder außerdem Vorschläge einbringen und abstimmen dürfen.

Deutschland hat die Konvention 1964 als eines der Gründungsmitglieder unterschrieben und sich damit verpflichtet, die Regeln des Europäischen Arzneibuchs im nationalen Recht anzuwenden und kontinuierlich am Europäischen Arzneibuch mitzuarbeiten.

Das Europäische Arzneibuch wird von drei Stellen ausgearbeitet: der Europäischen Arzneibuch-Kommission, dem Europäischen Direktorat für die Qualität von Arzneimitteln (EDQM, European Directorate for the Quality of Medicines and HealthCare) und dem Gesundheitsausschuss des Europarates.

Der Gesundheitsausschuss kann fachlich nicht auf den Inhalt des Europäischen Arzneibuchs einwirken, sondern ist verwaltend tätig und legt hauptsächlich die Fristen fest, innerhalb derer das Arzneibuch in den Unterzeichnerstaaten in nationales Recht umgesetzt werden muss.

Das EDQM übernimmt die Organisation und Koordination der fachlichen Ausarbeitung der Methoden oder Monographien. Das EDQM verfügt über Labore, in denen die Untersuchungen zur Erstellung des Arzneibuchs stattfinden. Es gibt den Experten Vorgaben, um Vollständigkeit und Einheitlichkeit zu gewährleisten.

Die Europäische Arzneibuch-Kommission besteht aus nationalen Delegationen mit maximal drei Gesandten aus Forschung, Industrie und Behörden pro Land und leistet die inhaltliche Arbeit an der Erstellung des Europäischen Arzneibuches. Die Kommission tagt dreimal pro Jahr.

Erarbeitet wird das Europäische Arzneibuch in 17 ständigen Expertengruppen und ca. 40 Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppen tagen nicht regelmäßig, sondern nur nach Bedarf und sind deshalb nicht immer aktiv (s. Abb. 1).

 Abb. 1: An der Erarbeitung des Europäischen Arzneibuchs beteiligte Institutionen
Gesundheitsausschuss des Europarats
Europäische Arzneibuchkommission
(37 Mitgliedsstaaten, 3 Delegierte/Land)
 Europäisches Direktorat für
die Qualität von Arzneimitteln (EDQM)
 ↓
17 Expertengruppen ca. 40 Arbeitsgruppen

 

Wie entstehen neue Monographien für das Europäische Arzneibuch?

Grundsätzlich stellt sich der Ablauf wie folgt dar: Zuerst wird eine Bedarfsmeldung an das EDQM gerichtet.

Dies ist in dreierlei Varianten möglich: Ein pharmazeutisches Unternehmen oder eine Fachperson kann entweder einen Entwurf einer neuen Monographie einreichen, eine Überarbeitung anfordern oder die Verbesserung eines Entwurfs fordern.

Die Europäische Arzneibuch-Kommission entscheidet daraufhin, ob sie die Meldung in ihr Arbeitsprogramm aufnimmt. In den Experten- und Arbeitsgruppen entsteht dann ein Monographie-Entwurf, der in der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift Pharmeuropa veröffentlicht wird, um vor dem Beschluss der Regeln Interessierten die Gelegenheit zur Stellungnahme zu bieten. Kommentare und Verbesserungsvorschläge zu solchen Textentwürfen sind an die nationale Arzneibuchbehörde (in Deutschland: Geschäftsstelle beim BfArM) zu richten, welche sie an das EDQM weiterleitet. Nach dem Erscheinen in der Zeitschrift wird der Entwurf erneut in den Experten- und Arbeitsgruppen bearbeitet und zur Verabschiedung an die Europäische Arzneibuch-Kommission weitergeleitet. Erfolgt eine Resolution des Gesundheitsausschusses des Europarats, tritt die Regelung auch national in Kraft (s. Abb. 2).

Abb. 2: Ablauf der Erarbeitung einer neuen Arzneibuchvorschrift/Monographie

Bedarfsmeldung an EDQM (neu/ändern/streichen)

 ↓
  Aufnahme ins Arbeitsprogramm
  ↓
  Erarbeitung in Arbeits-/Expertengruppen
  ↓
  Veröffentlichung in Pharmeuropa
  ↓
  Finalisierung in Experten-/Arbeitsgruppen
  ↓
  Genehmigung durch die Europäische Arzneibuch-Kommission
  ↓
  Resolution des Gesundheitsausschusses des Europarats
  ↓
  nationale Inkraftsetzung

 

Natürlich kommt es immer wieder vor, dass in den unterschiedlichen Gremien Uneinigkeit besteht. In solchen Fällen geht der Entwurf zur Nachbesserung zurück in die jeweils vorige Instanz. Dieses Verfahren kann die Erarbeitung und Aufnahme einer Monographie in das Europäische Arzneibuch zu einem sehr langwierigen Unterfangen machen.

Die Amtssprachen des Europarates sind Englisch und Französisch. In Deutschland kann das Europäische Arzneibuch deshalb erst verbindlich werden, wenn es ins Deutsche übersetzt wurde. Die Übersetzung wird von Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinsam vorgenommen und führt zu einer einheitlichen Fassung in allen drei Staaten.

Das Grundwerk erscheint in einem 3-Jahres-Zyklus. Im ersten Folgejahr erscheinen drei, in den folgenden 2 Jahren die restlichen 5 Nachträge zum Grundwerk. Es erscheint also pro Sitzung der Europäischen Arzneibuch-Kommission ein Nachtrag.

Mit jedem Nachtragsband wird ein kompletter Registerband geliefert, der alle Stichworte des Hauptwerks und der vorangegangenen Nachtragsbände enthält.

Internationale Harmonisierung der Arzneibücher

Im Zuge der Globalisierung wird versucht, das Europäische Arzneibuch, das Arzneibuch der USA (United States Pharmacopeia, USP) und das Japanische Arzneibuch (Japanese Pharmacopeia, JP) zu harmonisieren. In Straßburg wurde eigens dafür eine Pharmacopoeial Discussion Group (PDG) eingerichtet, die austauschbare Methoden erarbeitet und Monographien harmonisiert.

In Genf werden diese Vorschläge dann auf der International Conference on Harmonisation of Technical Requirements for Registration of Pharmaceuticals for Human Use (ICH) geprüft und gegebenenfalls wird die Austauschbarkeit erklärt.

Als Folge werden die Inhalte dann in die USP, die JP und in das Kapitel 5.8 des Europäischen Arzneibuches aufgenommen. Mit der Harmonisierung soll ein freierer Handel zwischen Europa, Japan und Amerika ermöglicht werden.

Das Deutsche Arzneibuch

Das erste Deutsche Arzneibuch (Pharmacopoea Germanica) erschien 1872 in lateinischer Sprache. Heute ist es ein Loseblattwerk mit einmal im Jahr erscheinenden Ergänzungslieferungen –natürlich in deutscher Sprache.

Das Deutsche Arzneibuch enthält nur Regeln, die im Europäischen Arzneibuch nicht enthalten sind, weil die Regeln des Europäischen Arzneibuchs nationale Regeln ersetzen. So werden im Deutschen Arzneibuch zum Beispiel Monographien (beispielsweise im DAB 2011 drei neue Monographien über Drogen der Traditionellen Chinesischen Medizin) oder Analyseverfahren geregelt, die nicht im gesamten EU-Raum gängig sind.

Obwohl die Regeln des Deutschen Arzneibuchs als national gedacht sind, gelten sie auch in anderen EU-Staaten, wenn das Europäische Arzneibuch keine entsprechende Regelung enthält. Dadurch können Konflikte entstehen, wenn in mehreren EU-Ländern unterschiedliche Regeln zur selben Sache bestehen. Die Europäische Arzneibuch-Kommission hat aus diesem Grund ein Programm ins Leben gerufen, das dazu dienen soll, parallele nationale Regeln zu beseitigen (“zu harmonisieren”).

Da immer mehr Regelungen europaweit gelten und daher im Europäischen Arzneibuch gelistet sind, wird das Deutsche Arzneibuch zunehmend dünner und hat heute den Umfang eines halb gefüllten Ordners.

Das Homöopathische Arzneibuch

Mit der Verabschiedung des Arzneimittelgesetzes 1976 wurde vom Gesetzgeber anerkannt, dass in Deutschland mehrere Richtungen der Arzneimitteltherapie existieren, die von unterschiedlichen Methoden und Denkansätzen ausgehen. Dies machte eine Charakterisierung von Arzneimitteln besonderer Therapierichtungen notwendig. 1978 erschien deshalb das „Homöopathische Arzneibuch, 1. Ausgabe (HAB 1)“. Es erscheint heute als zweibändiges Loseblattwerk und wird jährlich mit Aktualisierungslieferungen auf den neuesten Stand gebracht.

Die Monographien im Homöopathischen Arzneibuch beschreiben die Qualität der Bestandteile homöopathischer, spagyrischer und anthroposophischer Arzneimittel. Außerdem enthält es Herstellungsverfahren, Analysemethoden und Allgemeine Vorschriften.

Genau wie das Deutsche Arzneibuch umfasst das Homöopathische Arzneibuch ausschließlich nationale Regeln. Allgemeine Vorschriften für homöopathische Arzneimittel, die von der Europäischen Arzneibuch-Kommission beschlossen wurden, sind Teil des Europäischen Arzneibuchs.

Doch auch hier gelten die Regeln des Homöopathischen Arzneibuches auch in anderen EU-Staaten, wenn das Europäische Arzneibuch keine entsprechende Regelung bietet. Die Europäische Arzneibuch-Kommission ist daher bemüht, den Inhalt der verschiedenen Homöopathischen Arzneibücher zu harmonisieren. Ziel der Harmonisierung ist es, dass nationale Regeln nur noch selten und als Ausnahme gelten und alle anderen Regeln im Europäischen Arzneibuch erfasst sind.

Die Kommissionen in Deutschland

Die Regeln des Deutschen und des Homöopatischen Arzneibuchs werden von der Deutschen bzw. von der Homöopatischen Arzneibuch-Kommission beschlossen.

Beide Kommissionen werden im BfArM gebildet und bestehen im zahlenmäßig gleichen Verhältnis aus Sachverständigen aus der medizinischen und pharmazeutischen Wissenschaft, der Heilberufe, der beteiligten Wirtschaftskreise und der Arzneimittelüberwachung.

Die Deutsche Arzneibuch-Kommission bildet außerdem Fachausschüsse, in denen einzelne Themen erarbeitet werden. Momentan gibt es fünf solcher Ausschüsse: Den Ausschuss für Pharmazeutische Chemie, für Pharmazeutische Technologie, für Pharmazeutische Biologie, für Mikrobiologie und für Pharmakologie. Die Homöopathische Arzneibuch-Kommission hat zwei Fachausschüsse einberufen: Den Ausschuss Analytik und den Ausschuss Herstellungsregeln.

Die Fachausschüsse bilden jeweils Arbeitsgruppen, in denen die Themen vertieft werden. Die Hauptaufgabe dieser nationalen Ausschüsse ist es, die Monographie-Entwürfe zu beurteilen und zu kommentieren. Außerdem erarbeiten sie, im Namen des BfArM, Einsprüche und nationale Stellungnahmen für das Europäische Arzneibuch.

Verbindlich werden die Arzneibücher in Deutschland dadurch, dass sie in Kraft gesetzt werden. Das Datum der jeweiligen Inkraftsetzung wird im Bundesanzeiger bekannt gegeben. Ende 2011 wurde das neue Grundwerk des Europäischen Arzneibuchs, das EuAB 7, in Kraft gesetzt. Beim Deutschen und beim Homöopathischen Arzneibuch sind das DAB 2011 und das HAB 2011 die aktuellen Ausgaben.

Von Johanna Rotta, Stuttgart

 

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