9. October 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Allgemein
Arbeitsrecht (nicht nur) fürs PJ

Vom Hörsaal in den Apothekenalltag

Einen großen Berg an Fachwissen bringt der pharmazeutische Nachwuchs mit ins Praktische Jahr und das erste „richtige“ Arbeitsverhältnis – und ist dann oft zunächst mit gänzlich anderen Fragen konfrontiert: Worauf muss ich beim Arbeitsvertrag achten? Muss ich Notdienste übernehmen und wenn ja, wie oft und mit welcher Vergütung? Wie sieht es mit der Probezeit und Kündigungsfristen aus? Ein Interview mit ADEXA-Rechtsexpertin Minou Hansen:

Wie gut sind Pharmaziestudierende durch ihr Studium auf arbeitsrechtliche Knackpunkte im Praktischen Jahr und im nachfolgenden Apothekenalltag vorbereitet?

Das kann ganz unterschiedlich sein: Die Studierenden, die vor dem Pharmaziestudium entweder schon eine Ausbildung gemacht haben oder in anderen Berufen tätig waren, haben einen Einblick und eine Idee davon, welche arbeitsrechtlichen Fragestellungen auf sie zukommen könnten. Für alle Übrigen gilt, dass im Studium selber keine Vorbereitung auf die arbeitsrechtlichen Fragestellungen stattfinden kann, denn dafür ist schlichtweg keine Zeit. Im Rahmen der Begleitenden Unterrichtsveranstaltungen wiederum wird dies bei vielen Apothekerkammern nachgeholt und sowohl mit betriebswirtschaftlichen als auch arbeitsrechtlichen Unterrichtseinheiten ergänzt.

Minou Hansen

Minou Hansen

… und wie ist der Infostand bezüglich der Vergütung des PJ und der anderen tariflichen Ansprüche?

Zumindest in Bezug auf die Vergütung im PJ wissen die Pharmaziestudierenden in den höheren Semestern vielfach Bescheid. Zu der Frage, wie es dann später weiter geht, können wir den Studierenden Informationen geben und sie mit den aktuellen Tarifverträgen versorgen. Gerade bei der Frage der Vergütung gibt es ein paar Kniffe für die Formulierung im Arbeitsvertrag, mit denen man sich einigen zukünftigen Ärger ersparen kann. Die weiteren tariflichen Ansprüche und auch die späteren Pflichten, wie etwa die Pflicht, Notdienste zu leisten, sind den meisten im Detail eher unbekannt.

Viele Informationen sollte man am besten schon vor Unterschrift des Vertrags zum PJ kennen. Deshalb bieten wir in Zusammenarbeit mit der Deutschen Apotheker- und Ärztebank eine kostenlose Infoveranstaltung speziell für Pharmaziestudierende im 7. oder 8. Semester an.

Welche Fragen werden Ihnen von den Studierenden besonders häufig gestellt?

Wichtig ist den Studierenden die Frage nach der Wirksamkeit von mündlichen Arbeitsverträgen, die Berechnung von Teilzeitgehältern und auch die Verpflichtung zum Ableisten von Notdiensten. Auch Fragen zum richtigen Verhalten bei einer Kündigung und den Voraussetzungen des Kündigungsschutzgesetzes werden thematisiert.

Für einige Studierende mit Berufserfahrung stellt sich auch die Frage nach der Anrechnung bei den Berufsjahren. Eine Studentin hatte zum Beispiel schon eine abgeschlossene Ausbildung als PTA. Diese Ausbildung und auch eine mögliche Berufstätigkeit werden allerdings nicht automatisch auf die Berufsjahre angerechnet. Anders hingegen bei Doktoranden. Diese können zum Beispiel ihre an pharmazeutischen Instituten verbrachten Zeiten auf die Berufsjahre anrechnen und würden dann nicht mit dem Gehalt für das erste Berufsjahr, sondern schon in der zweiten Gehaltsstufe starten. Aber auch der Studentin mit der PTA-Ausbildung kann ich den Tipp geben, diese Vorkenntnisse als besonderen Pluspunkt in die Gehaltsverhandlungen einzubringen.

Ganz wichtig ist auch immer die Frage, wie man sich am besten verhält, wenn man tatsächlich einen Arbeitsvertrag vorgelegt bekommt. Das erste Stichwort ist für mich der schriftliche Arbeitsvertrag: Zwar ist auch ein mündlicher Arbeitsvertrag wirksam; ich empfehle aber immer, auf einem schriftlichen Vertrag zu bestehen, weil man nur auf diesem Weg Klarheit über alle vereinbarten Klauseln bekommt und diese im Zweifelsfall auch beweisen kann.

Meine zweite dringende Bitte an die angehenden Pharmazeuten ist dann, diesen Vertrag nicht vor Ort zu unterschreiben, sondern ihn mitzunehmen und zu Hause noch einmal in Ruhe durchzulesen. Alles, was man nicht gleich versteht oder womit man vielleicht nicht einverstanden ist, sollte man sich markieren und dann noch einmal mit dem zukünftigen Arbeitgeber besprechen. Damit präsentiere ich mich als verantwortungsbewusster Vertragspartner, der sich auch gegenüber einem Kunden souverän und informiert verhalten wird. Und ich stelle sicher, dass ich Klarheit über meine Rechte und Pflichten habe, um mich dann meinen eigentlichen Aufgaben im Apothekenbetrieb zu widmen.

Welche Beratungsmöglichkeiten und Hilfestellungen gibt es jenseits dieser Veranstaltungen?

Die Studierenden können sich mittlerweile viele und auch fundierte Informationen im Internet verschaffen. Aktuelle Gehaltstarifverträge sowie Interessantes rund um das Praktische Jahr findet man zum Beispiel auf der Homepage www.adexa-online.de. Aber auch die Landesapothekerkammern stehen den Pharmazeuten im Praktikum bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite.

Das Wissen um die eigenen Ansprüche ist die eine Sache, aber in der Praxis hapert es doch häufig daran, diese auch durchzusetzen. Was können Sie hier an Hilfestellung geben?

Da haben Sie Recht! Deshalb ist unsere Infoveranstaltung auch so aufgebaut, dass  es nicht nur einen rechtlichen Teil, sondern auch den Baustein „Kommunikation“ gibt. Da es in der Apotheke um ein „Miteinander“ und nicht um ein „Gegeneinander“ geht, muss man lernen, seine Wünsche und Bedürfnisse so zu formulieren, dass der Arbeitgeber sich auch darauf einlassen kann.

Für die Studierenden liegt der Schwerpunkt auf Tipps für das Bewerbungsgespräch, es gibt aber auch Hilfestellung für spätere Vertragsverhandlungen.

Welche abschließende Empfehlung haben Sie für die Pharmaziestudierenden?

Ich bin immer ganz beeindruckt, mit welcher Energie sich die Hörsäle auch nach einem langen Unitag zu unserer Infoveranstaltung füllen. Ich wünsche mir, dass die zukünftigen Apothekerinnen und Apotheker diese Energie und Begeisterung für ihren Beruf in den Arbeitsalltag hinüberretten können. Auch wenn dieser später durch Einiges an Bürokratie und politische Ärgernisse beeinträchtigt ist, haben sie einen wichtigen und erfüllenden Beruf gewählt.

Bei der Wahl gerade des ersten Arbeitsplatzes kann es auch sinnvoll sein, nicht nur auf die wirtschaftlichen Bedingungen zu achten, sondern auch darauf, wie viel zum Beispiel an Fortbildungen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter geboten wird.

Frau Hansen, vielen Dank für das Interview

Fragen: Dr. Sigrid Joachimsthaler

ADEXA – Die Apothekengewerkschaft im KurzporträtADEXA ist die Gewerkschaft für alle Berufsgruppen in der öffentlichen  Apotheke – auch für Auszubildende, Praktikant/-innen, Schüler/-innen, Pharmaziestudierende und PhiP. Sie ist die einzige Tarifvertretung auf Arbeitnehmerseite und verhandelt mit den Arbeitgeberorganisationen die Gehälter und Rahmenbedingungen der Arbeitsverhältnisse. Außerdem vertritt ADEXA die Interessen der rund 131.000 Apothekenangestellten in der Berufs- und Gesundheitspolitik und bietet ihren Mitgliedern beruflichen Rechtsschutz.Im ADEXA-Referat Schulen & Unis ist Rechtsanwältin Minou Hansen Ansprechpartnerin für die Fachschaften. Kontakt: m.hansen@adexa-online.deWeitere Infos unter www.adexa-online.de/ausbildung-studium/studierende-phip/

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