Recherchieren, Bewerten, Beraten
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9. March 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Studium
Das Biologie-Staatsexamen in Frankfurt aus Studentensicht

Recherchieren, Bewerten, Beraten

Zur Vorbereitung des 2. Staatsexamens schmücken meist Berge von Lehrbüchern, Karteikarten, Mitschriften und Textmarkern den in der Regel zu klein geratenen Schreibtisch – ein Bild das wohl keinem Pharmazeuten fremd ist.

Hat man sich nun nach einiger Zeit, mit dem Anblick seiner neu erworbenen „Dekoration“ angefreundet, beginnt die Zeit des Auswendiglernens. Die wichtig erscheinenden Fakten werden, da unmittelbar nach Zuschlagen des Buches der Verlust der Erinnerung droht, akribisch auf Karteikarten notiert, in der Hoffnung sie bis zum Prüfungstermin im Schlaf aufsagen zu können. Dieses Prinzip ist bewährt und führt mit genügend Fleiß auch meist zum Erfolg. Mit einer Ausnahme, der Prüfung “Pharmazeutische Biologie“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Das Lehrbuch weicht dem Computer, das Faktenwissen der Fähigkeit auf die vorhandene Information im Internet zurückzugreifen zu können und mit Hilfe seines erworbenen Wissens zu bewerten.

„Was sagen Sie dazu?“

Mir persönlich wurde die Aufgabe gestellt Spirulina in der Anwendung als Nahrungsergänzungsmittel zu beurteilen. Zum Einstieg in die Thematik diente ein aktueller Presseartikel in dem der Nutzen einer additiven Ernährung mit Spirulina angepriesen wurde. Mit den Worten „Was sagen Sie dazu?“ wurde die Prüfung endgültig eingeläutet. Natürlich hat mir der Begriff Spirulina zunächst nur wenig gesagt und genau das entspricht exakt dem Prüfungskonzept. Es geht nicht darum erlerntes Wissen zu präsentieren, sondern anzuwenden.

Die erhaltene Information war grenzenlos

Um mir ein Bild von Spirulina in Bezug auf seine Anwendung als Nahrungsergänzungsmittel zu machen, musste ich mir nun Informationen beschaffen, aber nichts leichter als das – ein Notebook stand direkt vor mir. Den Internet Browser gestartet, mit dem Shortcut einige Tabs geöffnet, begann ich die einschlägigen Seiten wie z.B. clinicaltrials.gov, Google Scholar und PubMed zu durchsuchen. Die Menge der erhaltenen Information war grenzenlos, daher musste ich mich auf wenige Schlagwörter konzentrieren. Da eine Publikation von Watanabe et al. über die in Spirulina enthaltenen Vitamin B 12 Analoga mein Interesse weckte, diskutierte ich im weiteren Verlauf meiner Prüfung mit Prof. Dingermann über diesen Sachverhalt, die Funktion von Vitamin B12 im Allgemeinen, Krankheiten die den Vitamin B12 Haushalt beeinflussen und mögliche Konsequenzen eines B12 Substitutionsversuchs mit Spirulina. Nach 20 Minuten war das Fachgespräch und damit die Prüfung beendet.

Warum können Pharmaziestudenten von dieser Prüfungsart profitieren?

Die Prüfung zeigt, dass gerade im Zeitalter des Internets und der damit verbundenen unbegrenzten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung es nicht mehr notwendig ist, stur Detailwissen auswendig zu lernen. Ein Vorhaben das ohnehin dem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Leider wird dies nach wie vor an den meisten Pharmazie-Standorten ignoriert. Es geht vielmehr darum Informationen zu beschaffen, ihre Glaubwürdigkeit einschätzen zu können und sie in den Kontext der Fragestellung zu stellen. Ich freue mich sehr, dass die Goethe-Universität Frankfurt dieser Tatsache im Studiengang Pharmazie gerecht wird und Prof. Dingermann konsequent nach diesem Prinzip seine Staatsexamensprüfung und das Seminar „Biogene Arzneimittel“ durchführt. Der Anspruch an den Prüfling wird durch dieses „alternative“ Prüfungsverfahren keineswegs geschmälert, denn ein Verstecken hinter auswendig gelernten Phrasen ist nicht möglich. Ein gutes Verständnis für pharmazeutische Sachverhalte und die Fähigkeit benötigte Informationen zu erhalten, sind der Schlüssel zum Erfolg – nicht nur in der Ausbildung, sondern auch im Beruf. Die Anzahl der mündigen Patienten, die sich im Voraus über Medikation im Internet informieren oder sich nach neuen Therapiemöglichkeiten erkundigen, steigt im Apothekenalltag an. Gerade in solchen Situationen ist es schwer den Patienten eine adäquate Antwort zu geben und nichts ist für einen angehenden Apotheker im Praktikum peinlicher als seine eigene Unwissenheit vor dem Patienten eingestehen zu müssen.

Doch gerade hier hilft das Internet mit verschiedenen exzellenten Datenbanken. Recherchieren, Bewerten, Beraten – es war nie einfacher und braucht nur ein wenig Übung! Sowohl unser Stand als auch unsere Patienten werden durch die Weiterführung dieses Konzeptes profitieren.

 

Von Christian R. Grunwitz,

Pharmazeut im Praktikum an der University of Florida

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