Nach dem Studium ist vor dem Studium
Foto: H. Fest, Europa-Universität Viadrina
9. March 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Berufsstart
Berufsbegleitendes Studium Komplementäre Medizin

Nach dem Studium ist vor dem Studium

Nach dem Studium gibt es viele Möglichkeiten, sich fachlich auf dem Laufenden zu halten oder auch Neues zu lernen. Ein Weg dazu ist ein berufsbegleitender Aufbaustudiengang. In seinem Bericht erzählt Jan Reuter, Apotheker aus Walldürn im Odenwald, von „seinem“ berufsbegleitenden Masterstudiengang „Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaften, Heilkunde“, den er als einer der ersten Absolventen beendete.

„Geh’ nicht nur die glatten Straßen. Gehe Wege, die noch niemand ging, damit Du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub.“ (Antoine de Saint Exupery)

Von Anfang 2009 bis vor wenigen Monaten war ich wieder Student – und es war fantastisch! Nein, ich habe nicht meinen Beruf an den Nagel gehängt sondern bin 33 Jahre alt, habe Anfang letzten Jahres die väterliche Apotheke übernommen und liebe meinen Beruf als Apotheker.

Ich habe mit rund vierzig Ärzten, drei Apothekern und zwei Psychotherapeuten ein berufsbegleitendes Studium an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder absolviert.

Mein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München hatte, obwohl mich die Vorlesungen über die Arzneipflanzen in der Pharmazeutischen Biologie begeisterten, zunächst kein nachhaltiges Verlangen entfacht, mich nach dem Studium intensiver mit dem Thema komplementäre Therapierichtungen zu beschäftigen.

Kulturschock

Ich wusste, dass mein Vater sich ausgiebig mit der Homöopathie beschäftigt und dachte deshalb, ich sei auf alles vorbereitet, als ich meine Arbeit in der Apotheke aufnahm. Was folgte war ein Kulturschock: Kunden, die von weit her anreisten und lange Wartezeiten in Kauf nahmen, „nur“ um homöopathisch beraten zu werden. Ich begriff schnell, dass ich mich eingehender mit der Angelegenheit befassen musste.

Auf diesem Weg landete ich bei der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg bei der Weiterbildung in der Rubrik „Homöopathie und Naturheilkunde“ und schnupperte zum ersten Mal richtig an der Materie. Und siehe da – ich fing wider Erwarten sofort Feuer. Die Referenten der Internationalen Gesellschaft für Homöopathie und Homotoxikologie (IGHH) trafen genau meinen Nerv und indem ich im darauffolgenden Jahr unzählige Fortbildungen und Veranstaltungen besuchte erweiterte sich mein Spektrum nach und nach.

Als ich dann von dem Studiengang „ Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaften, Heilkunde“ erfuhr war ich anfangs etwas skeptisch. Wie sollen so weiche Themen wie Homöopathie und die Prinzipien der Homotoxikologie mit Kulturwissenschaften in Einklang gebracht und in ein universitäres Korsett gezwängt werden? Die Tatsache, dass ich auf einigen Fort- und Weiterbildungen bereits so manch einen Dozenten schätzen gelernt hatte, gab mir dann den nötigen Anstoß, das Verrückte zu wagen.

Foto: H. Fest, Europa-Universität Viadrina

So schrieb ich mich tatsächlich wieder als Student ein. Aber es wird noch besser: Mein Vater schrieb sich auch gleich mit ein!

Der Studiengang wird als Masterstudium in Frankfurt/Oder angeboten und umfasst die für mich entscheidenden Aspekte heilberuflicher Tätigkeit, die weder im klassischen Studium noch im Alltag Erwähnung finden: Die komplementären Methoden und die partizipative Kommunikation zwischen Apotheker und Kunde.

Grundstein für ein Netzwerk

Gleichzeitig führt das Studium Menschen zusammen, die diese Aspekte als für sich wichtig erkannt haben und den Austausch suchen. Der Studiengang legt den Grundstein für ein Netzwerk von Heilberuflern, zu denen wir als Apotheker gehören, auch wenn manch einer das vergessen zu haben scheint. Heilberuflern, denen ganzheitliches Denken und Handeln besonders wichtig ist.

So wie ich im klassischen Pharmaziestudium den Blick über den Tellerrand vermisst hatte, veränderten sich nun mein Selbstbild und mein Tun als Naturwissenschaftler. Denn die heilberufliche Tätigkeit ist letztlich viel mehr als nur eine Naturwissenschaft, sie ist ganz einfach menschlicher: Ich verstehe meinen Beruf als Heilkunst, die ich empathisch und kreativ erlebe. Das Masterstudium füllte so sowohl inhaltlich als auch gefühlsmäßig eine Lücke, die mein Pharmaziestudium hinterlassen hatte.

Inhalte

Doch zurück zu den Inhalt des Studiengangs „Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaften, Heilkunde“:

Das Studium erstreckt sich über vier Semester und ergänzt die pharmazeutische oder medizinische Ausbildung um den geisteswissenschaftlichen Aspekt. Es besteht die Möglichkeit zu promovieren und eine sektorale Heilpraktikererlaubnis zu erwerben. Das Masterstudium ist modular aufgebaut und besteht aus Anteilen, die selbständig erarbeitet werden (dazu gibt es online eine eigene Lernplattform) und Präsenzphasen (zwei verlängerte Wochenenden pro Semester). Hinzu kommen die Zeiten für die Wahlpflichtkurse (s. Abb. 1).

In den ersten drei Semestern wurden die zwei Pflichtmodule nach eigenem Interesse um zwei Wahlpflichtmodule ergänzt. Ab diesem Jahr werden drei Wahlpflichtmodule absolviert (s. Abb. 1). Im letzten Semester steht dann die selbst gewählte Masterarbeit im Vordergrund.

Die beiden Pflichtmodule sind zum einen „ Biologische Medizin“, das auf dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zertifizierten Curriculum der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin fußt, und zum anderen „Sprache-Kultur-Kommunikation“, das genau diese Aspekte der Medizin untersucht und vermittelt.

Abb. 1: Aufbau des Studienganges Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaften, Heilkunde
Pflichtbereich 1 Pflichtbereich 2 Wahlpflicht 1  Wahlpflicht 2  Masterphase
Kulturwissenschaften Biologische Medizin Kulturwissenschaften Biologische Medizin
Sprache – Kultur –
Kommunikation
Biologische Medizin Gesundheitswissenschaftliche Forschungstechnik,
Medizinethnologie,
Ethik – Recht –
Wissenschaft,
Primärprävention,
Krankheit als ordnendes Prinzip,
Ayurveda,
Focusing
Naturheilverfahren,
Homöopathie,
Biologische Schmerzmedizin,
Traditionelle Abendländische
Medizin,
Homotoxikologie,
Mitochondrien- und
Umweltmedizin,
Komplementäre Augenheilkunde,
Biophysikalische
Therapieformen
Masterarbeit
3 Module 3 Module 3 Module, frei wähl- und kombinierbar

 

Kosten

Die Kosten für den Studiengang belaufen sich auf 10.000 Euro, was bei einer Regelstudienzeit von vier Semestern 2.500 Euro pro Semester bedeutet.

Die Referenten sind neben internationalen Professoren aus verschiedenen Bereichen viele Praktiker, die sich ein bestimmtes Gebiet erschlossen haben.

Mit mir haben, wie eingangs erwähnt, Ärzte, Apotheker und Psychologen studiert, für die sich der Studiengang mit Sicherheit besonders eignet. Er steht aber auch anderen Berufsgruppen mit abgeschlossenem Hochschulstudium in den Gesundheitswissenschaften offen.

Die Studierenden in meinem Jahrgang waren zwischen 30 und 60 Jahre alt. Und auch das ist eine Besonderheit: So ist ein generationenübergreifendes, interdisziplinäres Lernen und ein Austausch zwischen den Heilberufen möglich.

Zusammenfassend bot mir dieser Studiengang die einmalige Gelegenheit, mich auf universitärem Niveau mit Themen zu beschäftigen, die ich persönlich in meiner Tätigkeit als Apotheker als essenziell betrachte. Dies ist sicher auch aus wirtschaftlicher Sicht zu Zeiten des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal.

„Flatrate-Fortbildung“

Als besonderes Schmankerl betrachte ich außerdem die sogenannte „Flatrate“: Durch den Abschluss  des Studiums kann ich an jedem Modul, das von der Europa-Universität und der IGHH angeboten wird, kostenfrei teilnehmen und somit die Themen vertiefen, die mir persönlich am meisten Spaß machen, ständig etwas neues dazulernen und die Kontakte zu meinen Freunden und Kommilitonen aufrecht erhalten.

Im Vordergrund steht für mich aber der Austausch mit den Kollegen in meinem persönlichen komplementären Netzwerk, von denen viele inzwischen gute Freunde sind.

Der Weg, den ich als einer der ersten gegangen bin, ist für mich heute ein Anker in meinem Berufsalltag und beweist mir, dass es sich wirklich lohnt über den Tellerrand hinauszuschauen und Neuem gegenüber aufgeschlossen zu sein.

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Weitere Infos:

Website des Studiengangs Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaften, Heilkunde mit Infos über das Studium, Zugangsvoraussetzungen, aktuellen Lerninhalten usw.

Website der Internationalen Gesellschaft für Homöopathie und Homotoxikologie und der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin

kurzer Video-Bericht über den Studiengang

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