9. October 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Allgemein
Alternatives 1. Staatsexamen

Erfahrungen und Perspektiven

An der Universität Tübingen, die seit diesem Sommer den Titel Elite-Uni trägt, präsentiert sich die sonst so traditionsreiche Pharmazie einmal von einer anderen Seite: Seit dem Sommersemester 2008 wird dort ein alternatives Prüfungsverfahren im 1. Staatsexamen angeboten.

Gesetz

Quelle: Fotolia

In Zeiten großer Bildungsreformen, wie G8 und Bologna, drängt sich immer häufiger die Frage auf, ob Neues wirklich besser ist oder nur eine unnötige Alternative darstellt, die man nicht vermisst hätte.

Zur Abwechslung soll hier einmal von einer Bildungsreform die Rede sein, die viele Studenten vermissen werden – sollte sie sich nicht durchsetzen.

Das Alternative Verfahren

An die Stelle der bundeseinheitlichen Multiple-Choice-Klausuren am Ende des 4. Semesters treten als Versuchsregelung in Tübingen, wie bei einem Bachelorstudiengang, das Grundstudium begleitende Prüfungen. Diese finden jeweils im Anschluss an eine Lehrveranstaltung statt und gehen nach unterschiedlicher Gewichtung in die Endnote ein.
Dabei handelt es sich vor allem um schriftliche Prüfungen, aber auch um eine abschließende mündliche Prüfung zur Fachnote Pharmazeutische Chemie und Analytik. Die Klausuren sind praktisch nie und wenn, dann nur teilweise in Multiple-Choice-Form gestellt. Auch gilt es regelmäßig Laborpraktika zu bestehen, um zu den jeweiligen Klausuren zugelassen zu werden.

Es lohnt sich die einzelnen Bewertungsfaktoren zu den Fachnoten in der Prüfungsordnung etwas genauer anzusehen. Entsprechendes Setzen von Prioritäten kann sich dabei durchaus positiv auf die Noten auswirken. Klausuren können maximal viermal geschrieben werden. Fällt man im zweiten Versuch durch, so muss die gesamte Lehrveranstaltung wiederholt werden und es gibt erneut zwei Versuche. Werden diese wiederum nicht bestanden kann das Studium an der Uni Tübingen nicht fortgeführt werden.

Alle Pharmaziestudenten nehmen seit dem Sommersemester 2008 in Tübingen automatisch am alternativen Prüfungsverfahren teil. Entsprechend der Approbationsordnung ist aber auch in Tübingen eine Teilnahme am zentralen Prüfungsverfahren möglich. Dieses soll im Folgenden noch einmal kurz vorgestellt werden, um später die Unterschiede beider Verfahren erläutern zu können.

Das IMPP

Pencil on test form

Quelle: Fotolia

Bei der Abkürzung handelt es sich um das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen. Das IMPP erstellt bundesweit die Prüfungsaufgaben für den Ersten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung. Es ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts, die die Landesprüfungsämter bei der Durchführung der bundeseinheitlichen schriftlichen Prüfungen nach Approbationsordnung unterstützt. Die vier Examina am Ende des 4. Semesters bestehen ausschließlich aus Multiple-Choice-Aufgaben. Für die Bearbeitung jeder Aufgabe stehen durchschnittlich 1 ½ Minuten Zeit zur Verfügung. Die Erfassung der Antworten erfolgt allein über extra dafür vorgesehene Antwortbelege, die rein maschinell ausgewertet werden, sodass beim Ausfüllen (nur mit Bleistift) penibel auf technische Richtlinien zu achten ist.

Für das IMPP arbeiten sowohl festangestellte Wissenschaftler(innen) aller prüfungsrelevanten Fachrichtungen, als auch sachverständige Hochschullehrer(innen) im Nebenamt. Zu ihren Aufgaben gehören die Konzeption von Prüfungsaufgaben, die Erstellung der Fragenauswahl, die Kontrolle der Examensergebnisse sowie die Erarbeitung der Gegenstandskataloge.

Zudem hat das IMPP auch den Auftrag, durch eigene Forschungsarbeiten zur Weiterentwicklung des Prüfungswesens (in Medizin, Pharmazie und Psychotherapie) beizutragen.

Probleme

Stressed Student

Quelle: Fotolia

Wie eng der Gestaltungsspielraum dieser Weiterentwicklung offenbar sein kann, konnte man als jüngstes Beispiel anhand des Alternativen Prüfungsverfahrens in der Pharmazeutischen Zeitung lesen. (Ausgabe 16 / 2011) »Wir bedauern sehr, dass das alternative Prüfungsverfahren zum Wintersemester 2013 auslaufen wird, da für eine dauerhafte Einführung eine Änderung der Approbationsordnung erforderlich wäre «, ließ dort Frau Dr. Ulrike Müller, Vorsitzende des Prüfungsausschusses an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg verlauten. Als erste Hochschule in Deutschland hat die Universität Heidelberg im Jahr 2001 ein alternatives Prüfungsverfahren eingeführt und damit das IMPP-Verfahren vorübergehend ersetzt.

Muss nun auch Tübingen, das sein alternatives Verfahren erst 2008 einführte um dessen Fortführung bangen? Noch gibt Herr Prof. Dr. Lutz Heide, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses in Tübingen,  Anlass zum Optimismus: »Wir hoffen nein. Wir bemühen uns mit Unterstützung der Landesapothekerkammer darum, beim Ministerium eine Verlängerung der Genehmigung für unser alternatives Prüfungsverfahren zu erhaltenDoch die Ähnlichkeit beider Verfahren spricht nicht unbedingt dafür, dass es Tübingen anders ergehen wird als Heidelberg: »Ja, wir haben uns an die Prüfungsordnung der Uni Heidelberg angelehnt«,  antwortet Heide auf die Frage, ob Heidelberg eine gewisse Vorbildfunktion hatte.

Die Approbationsordnung

»Natürlich kannten wir die rechtlichen Regelungen bereits zu Beginn der Einführung«, so Heide und so sahen die Professoren in Tübingen kein Problem in den Richtlinien der Approbationsordnung für Alternative Prüfungsverfahren.

Die Approbationsordnung regelt unter Paragraph acht die „Art der Prüfung“ und sieht dabei grundsätzlich die Möglichkeit alternativer Prüfungsverfahren vor: „Die […] zuständige Stelle kann abweichend […] zulassen, dass anstelle der schriftlichen Prüfung die im Ersten Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung geforderten Kenntnisse und Fähigkeiten auf andere Art nachgewiesen werden können (alternatives Prüfungsverfahren).“

Dennoch gibt es dabei einige zu erfüllende Voraussetzungen:

  • Beschreibung eines Reformziels, welches die zu erwartenden qualitativen Verbesserungen aufzeigt und eine Gewährleistung einer sachgerechten, begleitenden und abschließenden Evaluierung .
  • Aufstellung einer besonderen Studienordnung.
  • Sicherstellung, dass Kenntnisse und Fähigkeiten in einer gleichwertigen Weise geprüft werden.
  • Freie Wahlmöglichkeit zwischen dem IMPP-Verfahren und dem Alternativen Verfahren sowie der Übergang zu einem anderen Studiengang der Pharmazie muss geregelt sein.
  • Mindest- und Höchstdauer der Laufzeit dieses Prüfungsverfahrens müssen festgelegt sein und Verlängerungsanträge sind anhand von Evaluierungsergebnissen zu begründen.

Theorie und Praxis

Wie gestaltete sich letztlich die praktische Umsetzung? Unter besonderem Einsatz von Prof. Martin Wahl, dem aktuellen Leiter des Prüfungssekretariats in Tübingen, gelang es die wohl größte Hürde zu nehmen: die Erstellung der eigenen Prüfungsordnung.

Diese musste mehrere Stationen der Prüfung und Korrektur durchlaufen: Professorenschaft, Studienkommission, Rechtsabteilung der Universität Tübingen, Landesprüfungsamt und Ministerien der Landesregierung. »Dabei gab es mehrfach Rückläufe und Korrekturwünsche. Das Verfahren dauerte mehrere Jahre«, beschreibt Heide den langwierigen Prozess. Doch nicht jede Station erwies sich dabei als reine Hürde: »Der damalige Leiter des Landesprüfungsamts hat uns sehr geholfen!«, betont Prof. Wahl.

Zeitaufwendig, doch letztlich gut umsetzbar, so stellt sich das alternative Prüfungsverfahren dar, ist es einmal eingeführt. Aber wo liegt dann die Schwierigkeit bei der dauerhaften Einführung?

„Vor dem Gesetz“

Wie schon erwähnt muss die Höchstdauer der Laufzeit des Alternativen Prüfungsverfahrens festgelegt sein. Im Jahr 2009 bat Heidelberg, nach bereits einmaliger Verlängerung des Verfahrens von vier auf acht Jahre, um eine endgültige Genehmigung des Alternativen Prüfungsverfahrens. Das Ministerium für Arbeit und Soziales lehnte diesen Antrag der AAppO entsprechend ab und genehmigte das Verfahren nur noch ein letztes Mal für vier Jahre bis zum 30.9.2013. Eine Änderung der AAppO wird aktuell als einzige Option für das Weiterführen des Verfahrens (über die 12-jährige Erprobungsphase hinaus) genannt. Fraglich dabei bleibt, warum in der AAppO nichts von einer 12-jährigen Erprobungsphase zu lesen ist.

Prof. Heide bietet eine andere Lösung  als eine vorzeitige Änderung der Approbationsordnung an: »Als Höchstdauer kann z.B. auch der Zeitraum bis zum Inkrafttreten einer neuen Approbationsordnung festgelegt werden. « Bedauernd sieht dies der Studiendekan Prof. Dr. Gert Fricker in Heidelberg etwas anders: »Wir haben einen eindeutigen ministeriellen Bescheid bekommen, dass eine Verlängerung über 12 Jahre hinaus abgelehnt wird. Die Rechtsauffassung des Ministeriums ist offensichtlich eine andere als die der Kollegen in Tübingen. «
Obwohl Heidelberg mit einer Anregung zur Änderung der Approbationsordnung und einer Stellungnahme versuchte die Befristung bis 2013 abzuwenden, war der Bescheid des Ministeriums erneut negativ. Doch noch hat Heidelberg nicht aufgegeben: Zu Beginn des Wintersemesters wollen sie einen neuen Antrag stellen.

Lösungsansätze

Warum ist eine vorzeitige Änderung der Approbationsordnung überhaupt so problematisch? Wie schon bei der Prüfungsordnung müssen auch hier viele Stationen durchlaufen werden: Berufsverbände, Universitäten, Landesregierungen, Bundesgesundheitsministerium und Bundesrat. »Dieser Prozess dauert viele Jahre und ist für kleinere Änderungen des Textes viel zu aufwendig«, erklärt Heide und meint weiter:

»In der Landesregierung gibt es vielleicht einzelne Beamte, die Prüfungen grundsätzlich lieber landes- und bundeseinheitlich regeln wollen und alternativen Regelungen skeptisch gegenüberstehen. Wenn die betroffenen gesellschaftlichen Gruppen (Apothekerverbände, Verbände der Pharmaziestudenten, Universitäten) aber klar machen, dass eine langfristige Verlängerung des alternativen Prüfungsverfahrens aus guten Gründen inhaltlich gewünscht ist, steht dem juristisch meines Erachtens nichts Ernsthaftes im Wege. «

»Auch wir würden das alternative Verfahren gerne beibehalten und begrüßen jede Initiative in diese Richtung. Vielleicht lässt sich in einem konzertierten Vorgehen ja gemeinsam etwas erreichen. « hofft Fricker.

Ausblick

84% der Tübinger Studenten würden sich wünschen, dass das Alternative Verfahren in Zukunft an jeder Uni eingeführt wird,  während 100% dagegen sind, das Alternative Verfahren wieder ganz abzuschaffen. Ein eindeutiges Plädoyer für das Alternative Verfahren also.

Gleichzeitig gaben jedoch auch 84% der Tübinger Studenten an, dass das Alternative Verfahren sie nicht in ihrer Studienortwahl beeinflusst habe. Leider scheint es eine allgemeine Eigenschaft eines Großteils der Studenten zu sein, die Dinge so zu nehmen wie sie kommen und den Einfluss äußerer Umstände zu unterschätzen. »Demgegenüber ist es aber eine Tatsache, dass insbesondere eine eindeutige Stellungnahme der Pharmaziestudenten dazu beitragen könnte, dass das zuständige Ministerium eine Verlängerung des Alternativen Prüfungsverfahrens genehmigt«, mahnt Heide.

Trotz des geringen Entscheidungseinflusses gaben 90% der Studenten an, dass Sie sich wieder für Tübingen und somit auch für das Alternative Verfahren entscheiden würden. »Seit der Einführung des Alternativen Verfahrens gibt es bisher tatsächlich keinen (!) Fall, bei dem sich ein(e) Studierende(r) freiwillig für das IMPP-Verfahren entschieden hat«, betont Prof. Martin Wahl.

Pro und Kontra

»Das Verfahren macht den Lehrenden mehr Arbeit als die Teilnahme am IMPP-Verfahren«, erklärt Heide und kann auf Nachfrage dennoch keinen einzigen Gegner des Alternativen Verfahrens unter den Professoren benennen. Warum also all das Engagement auf Professorenseite für ein Verfahren, das offenbar nur einen größeren Arbeitsaufwand beschert?

Pro

Die Möglichkeit auf mehrere kleine Klausuren zu lernen, statt auf wenige große und das dadurch entstehende kontinuierliche Leistungsfeedback, empfinden viele Studenten als Vorteil. Auch rein praktische Argumente, wie weniger bürokratische Einschränkungen als beim IMPP-Verfahren, sprechen auf Studentenseite für das Alternative Verfahren. Dass die Prüfungen insgesamt dreimal statt zweimal wiederholt werden können ist mit Sicherheit ein weiterer Vorteil für die Studenten.

In einer Umfrage via E-Mail haben 51 Tübinger Pharmaziestudenten Fragen bezüglich des Alternativen Prüfungsverfahrens beantwortet: Nur 4% halten das Alternative Verfahren demnach für schwerer. 37% empfinden es als gleichschwer während 51% es als weniger schwer wahrnehmen. Heide erklärt sich dieses Ergebnis so: »Das Lernen für die IMPP-Prüfung besteht in der Realität leider oft im langweiligen Repetieren alter Prüfungsfragen. Das Lernen für die Prüfungen im alternativen Verfahren ist mehr auf Inhalte und Zusammenhänge bezogen und daher interessanter und motivierender […]. Im alternativen Prüfungsverfahren wird zudem die Prüfung von denjenigen Dozenten gestaltet, die auch die Unterrichtsveranstaltungen geleitet haben […]. Beim IMPP-Verfahren lässt es sich […] kaum vermeiden, dass es manchmal Unterschiede zwischen dem Lehr- und dem Prüfungsstoff gibt. Diese Unterschiede erschweren es auch bei guter Lernleistung, ein gutes Prüfungsergebnis zu erzielen. « Genauso glauben auch 86% der befragten Studenten, dass das Alternative Verfahren ihre Leistung und ihr Wissen besser wiederspiegelt als das IMPP-Verfahren. »Die Studenten mögen das Abfragen von Faktenwissen im Multiple Choice nicht. Die schriftliche und mündliche Darstellung von Wissen im Kontext ist weitaus besser«, meint der Tübinger Studiendekan der Pharmazie Prof. Dr. Peter Ruth und vertritt damit die Meinung vieler. Als weitere Vorteile nennt Heide eine stets aktuelle Lehre, die insgesamt bessere Studienleistung und die Verkürzung der Studienzeit.

Kontra

Es ist mit Sicherheit ein Pluspunkt, dass die Lehrenden im Alternativen Verfahren auch die Prüfenden sind, doch lässt sich ein dadurch entstehender Raum für subjektive Entscheidungen, im Vergleich zu einem zentral geregelten Verfahren, nicht leugnen. Dieser Punkt zeigt aber wohl weniger einen Nachteil des Alternativen Verfahrens auf als einen Vorteil des IMPP-Verfahrens. Es bleibt also die Frage, ob man menschlichen Entscheidungen im Alternativen Verfahren oder anonymen Entscheidungen im IMPP-Verfahren den Vorzug gibt – zweifelsohne sind beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, nicht fehlerfrei.

Schnell wird der Eindruck erweckt, dass bei selbst verfassten Texten auswendig gelernte Fakten in den Hintergrund und das Verständnis in den Vordergrund treten. Häufig wird dabei jedoch vergessen, dass man um einen solchen Verständnistext zu schreiben die Basis aller auswendig gelernten Fakten aktiv benötigt, während in Multiple-Choice-Aufgaben Faktenwissen oft nur passiv vorhanden sein muss, um das Verständnis von Zusammenhängen beweisen zu können. Dies erhöht zwar den Anspruch der Prüfungen im Alternativen Verfahren, fördert jedoch nicht zwangsläufig ein Mehr an Verständnis. Ob Faktenwissen oder Verständnis die Leistung und den Wissenstand der Studenten besser widerspiegeln, sind allgemeine Fragen über die sich trefflich streiten lässt. Ein Mittelweg ist hierbei sicher die gesuchte Lösung. Da das Alternative Verfahren den größeren Spielraum für die Findung eines solchen Mittelwegs bietet, ist ihm wohl auch in diesem Fall der Vorzug zu geben.

Von Diana Moll, Pharmaziestudentin aus Tübingen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>