„Der Gehaltsunterschied ist gewaltig“
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9. March 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
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Interview mit Prof. Dr. Andreas Kaapke

„Der Gehaltsunterschied ist gewaltig“

UniDAZ: Herr Prof. Kaapke, eine angestellte Apothekerin in der Offizin startet mit ca. 37.000 Euro im Jahr, in der pharmazeutischen Industrie erhalten Berufseinsteiger ca. 53.000 Euro. Wie beurteilen Sie dieses Gehaltsniveau, wenn man es zur Ausbildung und auch zur Verantwortung, die ein Apotheker trägt, ins Verhältnis setzt?

Kaapke: Der von Ihnen gezeigte Gehaltsunterschied ist gewaltig und zu Recht kommt die Frage auf, ob er gerechtfertigt ist. Der zentrale Unterschied zwischen einem Job in einer Offizin-Apotheke und in der Industrie sind die Arbeitszeiten und zwar weniger im Hinblick auf die Lage als vielmehr im Hinblick auf die Länge. In der Regel ist jede Art von Mehrarbeit in der Industrie mit dem Gehalt, dem Fixum abgegolten. Zwar kann für ein einmaliges monatliches Fixum nicht alles verlangt werden, aber es muss klar sein, dass in der Industrie ein anderer Takt vorgegeben ist. Ob dies nun einen Unterschied von 16.000 € rechtfertigt, ist eine Frage, die jeder selbst beantworten muss. Die Industrie zahlt in der Regel, was ihr der Job wert zu sein scheint, die Apotheke offensichtlich auch.

UniDAZ: Und wie sieht die Beurteilung aus, wenn man das Gehalt mit dem anderer Berufsgruppen, z.B. von Ärzten oder auch Chemikern, vergleicht?

Kaapke: Ärzte haben gerade zu Beginn ebenfalls nicht den besten finanziellen Einstieg, können später aber deutliche Gehaltssprünge erzielen, was als Anreiz zu verstehen ist. Bei Chemikern ist die Spreizung ebenfalls am Anfang groß, je nach Betrieb. Aber auch hier muss auf die zeitliche Beanspruchung geschaut werden. Ein Klinikarzt hat teilweise weit mehr als 12 Stunden am Stück zu arbeiten, bevor er wieder zur Ruhe kommt. Ich sträube mich etwas gegen diese Vergleiche, weil sie unterstellen, dass man für die gleiche Leistung unterschiedliche Entgelte erhalten kann. Ich denke, dass auch die abgerufenen Leistungen deutlich variieren, zudem entsprechen unterschiedliche Berufe unterschiedliche Neigungen, also neben den rein quantitativen Bewertungen kommen noch qualitative Erkenntnisse dazu, so dass am Ende ein Wert steht, der für den einzelnen eben gerecht und attraktiv erscheint oder eben nicht.

UniDAZ: Laut Gehaltstarifvertrag für Apothekenmitarbeiter erreichen Approbierte nach 10 Berufsjahren Ihr Maximalgehalt. Die meisten haben dann bis zur Rente noch 30 oder mehr Jahre zu arbeiten, ohne Aussicht auf signifikante Gehaltszuwächse. Halten Sie das für problematisch?

Kaapke: Dies ist problematisch, da aus monetärer Sicht jahrelang kein Anreiz gesetzt wird. Es erscheint mir wenig praktikabel und mit hoher Wahrscheinlichkeit weicht die Realität auch häufig von tariflichen Vorgaben ab. Dies wird noch weiter zunehmen, da die demographische Entwicklung den Einstieg von Nachwuchs weit weniger wahrscheinlich macht als bislang. Dann gilt es als Hauptaufgabe, bestehende Mitarbeiter nicht nur zu halten, sondern insbesondere ehemalige Mitarbeiter, die bspw. in Elternzeit waren, wieder einzugliedern und einzubinden. Von daher werden auch deutlich flexiblere Arbeitszeitmodelle vonnöten sein, um derlei Ansprüche abgelten zu können. Ich halte diese für einen abseits der reinen Vergütungsfrage enorm wichtigen immateriellen Anreiz, der allen Studien zufolge noch an Bedeutung gewinnen wird.

UniDAZ: Glauben Sie, dass es durch eine zunehmende Spezialisierung der Apotheken – Heimversorgung, Zytostatika-Herstellung, Spezialisierung auf bestimmte komplementäre Methoden wie TCM o.ä. – auch zu einer Spreizung der Gehälter innerhalb des Apothekenteams kommen wird?

Kaapke: Ich halte dies für unausweichlich, denn unterschiedliche Kompetenzen bedingen auch unterschiedliche Honorierungen. Ich habe den Begriff Honorierung an dieser Stelle bewusst gewählt, weil hier eine besondere Befähigung auch besonders honoriert werden sollte. Im Übrigen stärkt dies auch den internen Wettbewerb, der nicht überschäumen soll, aber auch nicht weggebügelt werden darf. Einziges Problem ist die Größe der Apotheke und die Anzahl denkbarer Spezialisierungen. Wenn sich ein Apothekenmitarbeiter eines bestimmten Themas annimmt, wird natürlich nicht nur spekuliert, in welcher Form sich dies für den Mitarbeiter rechnet, sondern auch Ausschau danach gehalten, in welchem spezifischen Feld man selbst tätig werden könnte. Bis hierhin gut, nur es setzt auch voraus, dass der Apothekenleiter hinreichend viele Felder zu vergeben und zu besetzen hat. Aus der Chance kann also auch schnell ein Risiko werden, darauf ist zu achten. Aber vom Grundprinzip her gesehen, sollte dies unbedingt forciert werden.

UniDAZ: In vielen Branchen, v.a. bei größeren Arbeitgebern, spielen zusätzliche zum Gehalt gewährte Leistungen – Monatsticket für den Arbeitsweg, Kongressteilnahmen usw. – eine immer größere Rolle. Beobachten Sie bei den Apotheken ähnliches?

Kaapke: Ja und nein. Es kommt vor, insbesondere die immens vielen Veranstaltungsangebote spielen hier eine Rolle. Gerade Kongressteilnahmen bringen in emotionaler (Wertschätzung) aber auch fachlicher Hinsicht für Mitarbeiter viel. Auch andere materielle und immaterielle Anreize sind willkommen, denn sie ermöglichen es der Apotheke, über die reine Vergütung hinaus, Anreize zu setzen. Es kommt auch ein psychologischer Effekt dazu. Deutsche reden nicht gerne über ihr Gehalt, warum auch immer, aber sie sprechen gerne über Sonderzuwendungen und hier sind derlei Anreize gut zu gebrauchen.

UniDAZ: Im Moment gibt es bei Apothekern praktisch keine Arbeitslosigkeit. Könnte sich das ändern, wenn in den nächsten Jahren tatsächlich vermehrt Apotheken schließen müssen oder zumindest Personal abbauen?

Kaapke: Ich bin kein Hellseher, aber Apothekenschließungen müssen nicht zwingend zu Arbeitslosigkeit führen. Die Anzahl der rezeptpflichtig abzugebenden Packungen bleibt ja davon unberührt. Von daher dürfte der Bedarf an Personal in anderen Apotheken in diesem Ausmaß steigen. Ansonsten müsste man ja annehmen, dass alle Apotheken erhebliche Überkapazitäten an Personal vorhalten. Dies wäre nicht nur betriebswirtschaftlich schlimm, sondern auch ein gefundenes Fressen für die Politik. Es wird daher eher zu Umschichtungen kommen, Arbeitslosigkeit sehe ich kurz- bis mittelfristig nicht, im Gegenteil junge Nachwuchskräfte werden gegenwärtig gesucht und auch an bestimmten Standorten besonders umworben. Es ist eine Frage der Lebensplanung, ob etwas abgelegene aber landschaftlich reizvolle Standorte unter langfristigen Gesichtspunkten nicht doch eine ganz gute Option darstellen.

 

Prof. Dr. Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Standort Stuttgart. Darüber hinaus leitet er ein privates Marktforschungs- und Beratungsunternehmen. Einer seiner thematischen Schwerpunkte ist der Apothekenmarkt und seine Akteure.

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Der große UniDAZ-Gehaltsreport

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