9. March 2012 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Hochschulpolitik
Standpunkt

„It’s the patient- stupid“…

…oder: was Winkelmesskästchen im 2. Staatsexamen mit der heilberuflichen Ausbildung angehender Apotheker zu tun haben.

Auf ihrer Homepage informiert die ABDA, als Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände quasi die höchste Berufsorganisation der Apotheker, angehende Pharmazie-Studenten über das Pharmazie-Studium mit folgendem Text:

Schwerpunkte sind Pharmakologie, Klinische Pharmazie, Technologie, Biologie und Chemie. In der Pharmakologie erfahren die Studenten, wie und warum Arzneimittel im Organismus wirken und warum welche Nebenwirkungen auftreten können. In enger Beziehung dazu steht die Klinische Pharmazie, die sich unter anderem mit speziellen Patientengruppen wie Kindern und der Beurteilung klinischer Studien beschäftigt. In der Pharmazeutischen Technologie befassen sich die Studenten intensiv mit den verschiedenen Arzneiformen und  Herstellungstechniken. Wesentlicher Inhalt der Pharmazeutischen Biologie sind Arzneipflanzen und molekularbiologische Themen.

Dieser Aussage könnte man eigentlich uneingeschränkt zustimmen. Nur: wie wir alle wissen, sieht die Realität an deutschen Hochschulen doch etwas anders aus.

Ich finde es – mit allem Respekt – sehr amüsant, dass die ABDA die Chemie an die letzte Stelle der Übersicht setzt. In der Praxis steht die Chemie doch an erster Stelle und die Pharmakologie sowie die Klinische Pharmazie sind das „Allerletzte“, obwohl diese Fächer doch für die Mehrzahl der Studenten der Hauptgrund sind, Pharmazie zu studieren.

Wie ich der Homepage ebenfalls entnehmen konnte, sieht die Apothekerschaft ihre Zukunft in der Stärkung der heilberuflichen Kompetenz des Apothekers. Aus diesem Grund hatte der Deutsche Apothekertag 2010 auf Antrag des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland „die an der Ausbildung beteiligten Organisationen“ aufgefordert, ein Konzept zu entwickeln, wie die Klinische Pharmazie so in Studium, Praktisches Jahr und den praktikumsbegleitenden Unterricht integriert werden kann, dass die theoretischen Kenntnisse auch in der Praxis umgesetzt werden können. Wie die Uni-DAZ im Oktober 2011 berichtete, wird dieser Antrag vom Apothekertag 2010 von der ABDA „zur Zeit noch bearbeitet“.

Selbstverständlich kann ich nachvollziehen, dass ein solch weitreichender Antrag eine sehr intensive Bearbeitung benötigt, aber warum so lange?

Bis es hier zu einem Ergebnis kommt, werden die Professoren an deutschen Hochschulen die Freiheit der Lehre weiterhin sehr individuell auslegen. Zur Prüfung der heilberuflichen Kompetenz unserer jungen Kollegen wird es dann auch weiterhin unbedingt erforderlich sein, solche für die pharmazeutische Betreuung von Patienten extrem wichtigen Themen wie die bei vielen Studenten zu Recht so beliebten Vollsynthesen von biogenen Arzneistoffen oder die praktisch täglich in der Patientenversorgung vorkommenden „Winkelmesskästchen“ parat zu haben.

So fachlich hoch qualifiziert in Naturwissenschaften die Apotheker in Deutschland jedoch auch sein mögen, in Tests zur Beratung in öffentlichen Apotheken fallen die öffentlichen Apotheker mit schöner Regelmäßigkeit durch. Da hilft es auch nicht, dass die Apotheker, wie die ABDA uns immer wissen lässt, bei der Bevölkerung sehr beliebt sind. Beliebtheit ist kein Zeichen von Qualität.

Eine der Hauptursachen für diese Misere ist die Ausbildung der Pharmaziestudenten. In Deutschland mangelt es zur Zeit an einer patientenorientierten Sichtweise, die Ausbildung der Pharmazeuten ist straff naturwissenschaftlich ausgerichtet und extrem einseitig arzneimittelorientiert.

So kommen in den ersten 6 Semestern des Studiums so exotische und für eine naturwissenschaftliche Sichtweise total unbedeutende Dinge wie Patienten sowie die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen (insbesondere der Ärzteschaft) so gut wie nie vor, dafür aber Ausbildungsinhalte, die ohne Probleme auch im Fach „Geschichte der Pharmazie“ behandelt werden könnten.

Dabei maße ich mir als jemand, der nur ein ganz einfacher öffentlicher Apotheker ohne deutschen Professoren-Titel ist, hier nicht an, eine fertige Lösung für die Neugestaltung des Pharmazie-Studiums anbieten zu können.

Ich möchte nur die ABDA bitten, das umzusetzen, was auf ihrer Homepage steht bzw. was auf dem Deutschen Apothekertag 2010 beschlossen wurde. Entwickeln Sie ein neues Konzept, um die Klinische Pharmazie und die patientenorientierte Sichtweise so in die Ausbildung zu integrieren, wie es andere Länder uns schon längst vorgemacht haben. Deutschland hinkt hier mal wieder weit hinterher.

Will der Berufsstand aber zukunftsfähig bleiben, sollte er sich tunlichst darüber Gedanken machen, wofür die Gesellschaft ihn eigentlich bezahlt. Um mit Prof. Derendorf von der University of Florida zu sprechen: „It’s the patient, stupid“ und das auch und gerade in der Ausbildung unser jungen Kolleginnen und Kollegen. Und liebe ABDA, bitte nicht erst in 10 oder 20 Jahren!

Von Apotheker Jochen Pfeifer, PharmD

Hinweis:

Der Autor ist Clinical Assistant Professor für Professional Education am College of Pharmacy der University of Minnesota und approbierter Apotheker in Deutschland, Großbritannien und in der Schweiz. An der University of Florida erwarb er 2006 seinen Doctor of Pharmacy (PharmD). Neben Lehraufträgen in den USA und Deutschland beschäftigt er sich wissenschaftlich insbesondere mit internationalem und vergleichenden Apotheken- und Gesundheitswesen. Jochen Pfeifer ist Fachapotheker für Allgemeinpharmazie und Inhaber der Adler Apotheke in Velbert.

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