4. October 2011 Drucken FEEDBACK Empfehlen
Wissenschaft
Standpunkt

Wider die Globulisierung

Homöopathen regen mich auf.

Warum? Weil sie all das, was die Wissenschaft in den letzten 200 Jahren an Erkenntnissen errungen hat, auf den Kopf stellen und mit Füßen treten. Die Grundannahmen der Homöopathie sind ein Schlag ins Gesicht jedes wissenschaftlich-skeptisch denkenden Menschen. Und es werden Millionenumsätze damit erzielt, obwohl sie längst widerlegt sind.

Was die meisten Kügelchenschlucker nicht wissen: Die Homöopathie basiert auch heute noch auf dem Weltbild des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Damals waren weder das Periodensystem der Elemente noch Moleküle noch Zellen noch Mikroorganismen oder Viren als Krankheitserreger bekannt, geschweige denn verstanden.

Cartoon Homöopathen ohne Grenzen

comicpiero/toonpool.com

Und die Medizin als solche war auch noch nicht etabliert: Die damaligen „Ärzte“ wussten ihren Patienten nicht anders zu helfen, als sie mit Schröpfkuren, Aderlässen und giftigen Quecksilbercocktails zu traktieren, und die Desinfektion zur Verhinderung von Krankheiten setzte sich erst ein halbes Jahrhundert später durch. Im Kontext dieser Zeit war das Konzept des Homöopathie-Erfinders, Samuel Hahnemann, natürlich revolutionär, denn seine „sanften“ Methoden verhinderten zumindest, dass die Patienten an den Folgen der ärztlichen Therapie starben.

Heute sind wir aber doch eigentlich schlauer: Wir wissen, wie Krankheiten entstehen und wie sie durch Medikamente bekämpft werden können. Wir können Arzneistoffe gezielt und in höchster Reinheit im Labor herstellen. Wir kennen Rezeptor-Wechselwirkungen und wissen, wie Arzneimittel im Körper wirken. Und wir haben bewährte Methoden, wirksame Therapien von nicht wirksamen zu unterscheiden: Durch randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien.

Jetzt ist es allerdings so, dass die Anwender der Homöopathie regelmäßig von Wunderheilungen berichten, bei denen (oft nach einer endlosen Ärzteodyssee) erst die Globuli die erwünschte Heilung gebracht hätten. Nur: Waren es tatsächlich die Globuli, oder wäre die Krankheit nicht auch so, von alleine verschwunden? Eine Erkältung dauert ohne Behandlung 7 Tage, mit Behandlung eine Woche… Anecdote is not data, und wenn man eine große Zahl an Einzelfällen betrachtet, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Das nennt man dann Studie.

Jaja, ich weiß, es gibt tatsächlich einzelne Untersuchungen, die angeblich einen Wirksamkeitsnachweis erbracht haben, aber jede Metastudie, die die betrachteten Einzelstudien nach Sorgfältigkeitskriterien gewichtet und die Gesamtheit aller Daten betrachtet, hat zum Ergebnis: nichts drin, nichts dran. Das Heranziehen lediglich der positiven Einzelfälle und der positiven (und im Schnitt qualitativ schlechten) Einzelstudien ist nichts anderes als Rosinenpickerei, aber bestimmt keine Wissenschaft.

Wenn das Ganze tatsächlich funktionierte, hätte sich das in den letzten 200 Jahren schon längst zweifelsfrei beweisen lassen müssen, und so langsam sollte man sich auch mal damit zufrieden geben, dass alles ein riesiger, in die Jahre gekommener Irrtum ist – eigentlich ist nämlich alles schon längst gesagt.

Darüber hinaus fehlt bis heute eine auch nur annähernd plausible Theorie, warum diese Therapie überhaupt funktionieren sollte. Lassen wir uns das einmal auf der Zunge zergehen: Man verdünnt eine Substanz so oft und so stark, dass kein einziges Molekül mehr im Lösungsmittel vorhanden ist (Potenzierung). Und plötzlich hat dieses „Mittel“ nicht nur eine viel stärkere, sondern auch noch die entgegengesetzte Wirkung, denn es kann dann die Symptome heilen, die es beim Gesunden hervorruft (Simile-Regel). Zudem hat es keine Nebenwirkungen mehr. Unglaublich? In der Tat!

Nach Einnahme der Globuli können dann mehrere Dinge passieren: 1. nichts (dann ist das falsche Mittel gewählt worden), 2. die Beschwerden werden stärker (das ist die normale „Erstverschlimmerung“), oder 3. die Beschwerden bessern sich (spitze – es wirkt!). Prima, so kann man praktisch nicht verlieren – die Homöopathie hat einfach immer Recht.

Schon alleine logische Einwände lassen dieses antiquierte Weltbild in sich zusammenbrechen: Woher „weiß“ das Lösungsmittel, welche Eigenschaften der Urtinktur potenziert werden sollen? Warum nur die positiven? Warum werden Verunreinigungen und sonstige gelöste Stoffe nicht mitpotenziert? etc., etc.

Fazit: Die Homöopathie hat ein ernsthaftes Plausibilitätsproblem. Bis heute liegt kein eindeutiger Wirksamkeitsnachweis vor. Sie widerspricht allen Grundsätzen der Logik. Doch leider sind es genau diese Mysterien, die sie so erfolgreich machen. Sie mag manchen helfen, wirken aber tut sie nicht.

Von Dr. Tim Kersebohm, Ladenburg

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    Kommentare zu Wider die Globulisierung

  1. Lieber Herr Dr. Kersebohm,

    leider urteilen Sie über die Homöopathie, ohne sich über ihr theoretisches Konzept informiert zu haben. So argumentieren Sie gleich mit zwei Irrtümern, die allerdings weit verbreitet sind:
    1. Sie behaupten, die Homöopathen verdünnen die Wirksubstanzen, um sie zu potenzieren, oder sie potenzieren sie, indem sie sie verdünnen. Richtig ist: Die homöopathische Potenzierung einer in Wasser gelösten bzw. mit Milchzucker gemischten Wirksubstanz erfolgt durch Schütteln bzw. durch Verreiben, und zwar nach genau festgelegten Regeln. Ein solches Produkt wird verdünnt, wenn es in einem weiteren Produktionsschritt nochmals potenziert werden soll, und dieser Prozess wiederholt sich so lange, bis die gewünschte Potenz erreicht ist. Also: Potenzieren ist nicht Verdünnen, sondern Verdünnen ist eine Voraussetzung, um potenzieren zu können.
    2. Sie behaupten, Homöopathika haben keine Nebenwirkungen. Manche Anhänger der Homöopathie mögen dieser Ansicht sein, aber jeder homöopathische Arzt oder Heilpraktiker wird Ihnen sagen, dass dies gemäß der homöopathischen Lehre falsch ist. Also: Auch Homöopathika können (nach Meinung der Homöopathen) Nebenwirkungen haben.

    Fazit: Es gibt viele Gründe, die Homöopathie abzulehnen. Deshalb ist es überflüssig, Argumente vorzubringen, mit denen man sich vor Homöopathen und Kennern der Homöopathie nur blamieren kann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Wolfgang Caesar

    • Lieber Herr Dr. Cäsar,

      Kritiker der Homöopathie als dumm und ungebildet darzustellen, ist eine Masche, die so alt ist wie die Homöopathie selbst. So kann man sich jeden aufgedeckten Widerspruch zurechtbiegen, anstatt auf die kritisierten Ungereimtheiten einzugehen. Angeblich hat der Kritiker das Prinzip nur nicht verstanden, oder er ist auf die schwarzen Schafe der Szene hereingefallen, wogegen man selbst natürlich zur seriösen Fraktion gehört. (So ähnlich wie „Mit diesen Zeitungshoroskopen habe ich nichts zu tun! ICH betreibe die einzig wahre Astrologie.“).
      Das theoretische Grundkonzept der Homöopathie ist mir sehr wohl bekannt; eben dieses strotzt ja nur so vor Widersprüchen.
      Dass im Rahmen eines Artikels mit gerade einmal 600 Wörtern, der auch und gerade für Leser ohne Vorwissen geschrieben wurde, gewisse Sachverhalte der verkürzten (und vor allem zugespitzten) Darstellung zum Opfer fallen, ist klar. Doch dies bedeutet nicht zwangsläufig eine inhaltliche Verzerrung.

      ad 1.: Potenzieren IST Verdünnen, und den Beweis für einen Unterschied sind die Homöopathen bis heute schuldig geblieben. Treten Sie ihn doch an! Ich bin für jede Belehrung offen, schließlich würde der Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie die Naturgesetze widerlegen (oder doch zumindest in Frage stellen oder erweitern) und wäre somit ernsthaft nobelpreisverdächtig.
      Vorschlag: Wir besorgen uns Globuli, bei denen nur „verdünnt“ wurde, und welche, bei denen „potenziert“ wurde. Und Sie erklären mir dann, wie man sie voneinander unterscheiden kann.
      Für so einen Beweis ist seit 1964 (!) ein Preisgeld in Höhe von einer Million Dollar ausgeschrieben, die Sie sich dann gerne abholen können (www.randi.org).
      Die von Ihnen erwähnten, genau festgelegten dogmatischen „Regeln“ für das Potenzieren unterstreichen den rituellen Charakter dieser Methode. Die Vorgehensweise ist schon in sich dermaßen mit Widersprüchen und Ungereimtheiten durchsetzt, dass man unweigerlich ins Zweifeln kommen muss.

      ad 2.: Wenn es Homöopathika mit Nebenwirkungen gibt, frage ich mich, warum die Homöopathie weltweit von den produzierenden Firmen als nebenwirkungsfrei, ungefährlich und harmlos beworben wird. Bitte liefern Sie mir konkrete und nachprüfbare Beispiele mit nachweisbaren Effekten!
      Ihrer Meinung nach müsste es also auch homöopathische Gifte geben. Dann muss man sich doch fragen, warum solche potenziell gefährlichen Arzneien frei verkauft werden dürfen. Sprechen Sie sich etwa für eine Verschreibungspflicht von Globuli aus? Dann aber bitte in Zukunft auch Inverkehrbringen erst nach der Zulassung mit vollem Wirksamkeitsnachweis.

      Wie man mittlerweile weiß, hat der Placebo-Effekt noch einen bösen Antagonisten: Den NOCEBO-Effekt. Falls einzelne Kunden der Homöopathie also über negative Wirkungen berichten, dann mit Sicherheit deswegen.
      Hiermit biete ich Ihnen an, ein von Ihnen vorgeschlagenes Homöopathikum mit angeblich extremen Nebenwirkungen (gerne medienwirksam) zu mir zu nehmen. Auf meine Verantwortung, unter Einsatz meines Lebens… Sie werden sehen: NICHTS wird passieren.
      Nehmen Sie die Herausforderung an?

      Herzliche Grüße
      Tim Kersebohm

      • Lieber Herr Dr. Kersebohm,
        wenn Verdünnen und Potenzieren dasselbe wäre, wären die Vorschriften zur Potenzierung im Homöopathischen Arzneibuch überflüssig. Das Homöopathische Arzneibuch ist Bestandteil des Arzneibuchs, und dieses beruht auf anerkannten pharmazeutischen Regeln; der Begriff „Ritus“ für einen Herstellungsprozess ist hier fehl am Platz. Ich halte es für fatal, dass Sie auf einer Website, die sich insbesondere an Pharmaziestudierende richtet, implizit dazu aufzurufen, das Arzneibuch zu ignorieren. Der Apotheker hat Arzneien in der Qualität abzugeben, die der Arzt verordnet, sei dieser nun ein Homöopath oder nicht. Insbesondere steht es dem Apotheker nicht zu, eine Therapierichtung, die gesetzlich zugelassen ist, öffentlich zu diskreditieren.
        Gerne dürfen Sie die Wirksamkeit von Arzneimitteln im Selbstversuch testen. Seriös finde ich das jedoch nicht.
        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Wolfgang Caesar

  2. Lieber Herr Dr. Kersebohm,

    erstaunt hatte ich bereits die Vehemenz Ihres Standpunkts zur Kenntnis genommen und befremdet war ich später vom aggressiven Unterton Ihrer Antwort an Dr. Caesar. Dieser hatte sich sachlich und in moderatem Ton zu Ihren Sätzen geäußert.

    Ist es nicht so, dass die Apothekerschaft zunehmend am boomenden Homöopathiemarkt verdient? Dies vermutlich größtenteils Hilfe bringend, denn sonst ist die ständige Zunahme von Anhängern kaum zu erklären.

    Schulmedizin hat ihre Berechtigung und Alternativmedizin wie die Homöopathie hat ebenfalls ihre Berechtigung, auch wenn der Nachweis über die genaue Wirkweise mit unseren heutigen Methoden noch nicht nach Ihren Kriterien erbracht werden kann.

    Toleranz, der Willen zur Koexistenz und nicht zuletzt Sachlichkeit und ein freundlicher Ton beim Disput über unterschiedliche Standpunkte sollten meiner Meinung nach selbstverständlich sein.

    Menschen sind heute so individuell wie noch nie zuvor und so ist auch die große Bandbreite von heilenden Mitteln sowie die unterschiedliche Wirkung sogar gleicher Mittel wie in der Homöopathie kein Wunder, sondern sogar sinnvoll und verständlich.

    Bei der Homöopathie muss man sehr genau hinschauen, was der Einzelne braucht, denn betrachtet wird ganzheitlich – neben der körperlichen auch die seelisch-geistige Komponente. Das ist oft zeitaufwändig und mag manchem unverständlich und lästig erscheinen.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie für sich und Ihnen nahestehende Menschen immer die richtigen Mittel finden werden.

    Beste Grüße
    Sabine Wintersteiner

  3. Es ist doch ganz klar, die Homöopathie bedient sich beim Verdünnen einer schwarzen Macht. Wer sich dieser Macht hingibt, wird von dieser Macht ergriffen. So wie mit allen okkultistischen Verfahren, leiden die Anhänger zunehmend an Realitätsverlust und fangen an zu spinnen. Ab dem Zeitpunkt ist eine Diskussion nicht mehr möglich. Nur wer im Glaube rein ist und dem Okkultismus absagt, kann seine Psyche auf Dauer stabilisieren und der geistigen Verwirrung entrinnen. q.e.d.